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Der neuntägige Staatsbesuch des persischen Schahs Mohammed Reza Pahlavi und seiner Frau Farah im Mai/Juni 1967 wurde von bundesweiten Protesten begleitet, in deren Verlauf am 2.Juni der Polizist Karl-Heinz Kurras den Studenten Benno Ohnesorg in West-Berlin erschoss. Über die historische Bedeutung des 2. Juni 1967 als Ausgangspunkt von "68" und als Wendepunkt in der Geschichte der Bundesrepublik ist bereits viel geschrieben worden. Doch der ursprüngliche Anlass der Proteste, der Schahbesuch, findet in den meisten Darstellungen kaum Berücksichtigung. Eckard Michels rekonstruiert minutiös und auf…mehr

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Produktbeschreibung
Der neuntägige Staatsbesuch des persischen Schahs Mohammed Reza Pahlavi und seiner Frau Farah im Mai/Juni 1967 wurde von bundesweiten Protesten begleitet, in deren Verlauf am 2.Juni der Polizist Karl-Heinz Kurras den Studenten Benno Ohnesorg in West-Berlin erschoss. Über die historische Bedeutung des 2. Juni 1967 als Ausgangspunkt von "68" und als Wendepunkt in der Geschichte der Bundesrepublik ist bereits viel geschrieben worden. Doch der ursprüngliche Anlass der Proteste, der Schahbesuch, findet in den meisten Darstellungen kaum Berücksichtigung. Eckard Michels rekonstruiert minutiös und auf breiter Quellenbasis Vorgeschichte, Planungen, Verlauf und Nachspiel dieses Staatsbesuches und der gegen ihn gerichteten Proteste. Der Autor liefert so die erste umfassende Geschichte des 2. Juni 1967 als innen- wie außenpolitisches Ereignis.

Dieser Download kann aus rechtlichen Gründen nur mit Rechnungsadresse in BG, B, A, EW, DK, CZ, D, CY, H, GR, GB, F, FIN, E, LT, I, IRL, NL, M, L, LR, S, R, P, PL, SK, SLO ausgeliefert werden.

  • Produktdetails
  • Verlag: Ch. Links Verlag
  • Seitenzahl: 360
  • Erscheinungstermin: 22.02.2017
  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783862843787
  • Artikelnr.: 47608081
Autorenporträt
Jahrgang 1962, Studium der Geschichte in Hamburg, 1993 Promotion, 2007 Habilitation; nach Tätigkeiten an der Universität der Bundeswehr in Hamburg, am Bonner Haus der Geschichte und bei der OSZE-Mission in Bosnien-Herzegowina lehrt er seit 1997 deutsche Geschichte am Birkbeck College der University of London; zahlreiche Veröffentlichungen, zuletzt: "Der Held von Deutsch-Ostafrika: Paul von Lettow-Vorbeck – ein preußischer Kolonialoffizier", Paderborn 2008.
Rezensionen
Besprechung von 14.03.2017
Studenten-Tod als Notstands-Übung?
Der Schah-Besuch vom Mai/Juni 1967 in der Bundesrepublik und seine Deutungen

Neun Tage dauerte der Staatsbesuch des persischen Schahs Mohammed Reza Pahlavi und seiner Frau Farah im Mai/Juni 1967. Zur Zäsur in der Geschichte der Bundesrepublik wurde die kurze Berlin-Visite des Kaiserpaares, weil bei einer Demonstration der Polizist Karl-Heinz Kurras den Studenten Benno Ohnesorg erschoss. Mit den Ereignissen vom 2. Juni setzte eine Dekade ein, in der sich ein Teil der akademischen Jugend "politisch radikalisierte. Eine kleine Minderheit endete im Linksterrorismus, der die Bundesrepublik bis zum ,Deutschen Herbst' 1977 in Atem hielt, dem Höhe- und Wendepunkt in der Auseinandersetzung zwischen Staat und Rote-Armee-Fraktion (RAF)", schreibt der in London lehrende Historiker Eckard Michels. Er rekonstruiert exzellent und präzise auf breiter Quellenbasis Vorgeschichte, Verlauf und Folgen eines Staatsbesuches, der bisher oft einseitig dargestellt worden sei, weil sich die Perspektive der Berliner Demonstranten durchgesetzt habe. So würden die vor dem 2. Juni durch den Staatsbesuch ausgelösten bundesweiten Proteste und die überall zu verzeichnenden Sicherheitsmaßnahmen der Behörden ausgeblendet.

Zur iranischen Opposition in der Bonner Republik zählten Mitte der sechziger Jahre zwischen vier- und sechstausend Studenten; in Heidelberg formierte sich der Dachverband iranischer Studentengruppen in den Ländern Europas und in den Vereinigten Staaten CISNU. Dieser trat ab 1963 für den Sturz des autokratischen Regimes in Teheran ein. Ebenfalls befand sich das Europa-Hauptquartier des iranischen Geheimdienstes SAVAK in der Bundesrepublik. Von Köln aus wurden Auslandsstudenten überwacht und Kontakte zum Bundesamt für Verfassungsschutz unterhalten. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) habe sich bis zum Schah-Besuch 1967 relativ wenig für Iran interessiert, betont Michels. Das änderte sich durch ein im Februar 1967 erschienenes Taschenbuch "Persien, Modell eines Entwicklungslandes oder Die Diktatur der Freien Welt" von Bahman Nirumand. Bis zum Schah-Besuch waren davon 25 000 Exemplare verkauft. Laut Michels habe es sich um ein "in statistischer Hinsicht erstaunlich überholtes Werk" gehandelt; es schien Krisendiagnosen und Lösungen anzubieten, "um die Unterentwicklung des Iran wie der Dritten Welt insgesamt verstehen und beheben zu können", samt flammendem Appell an die studentische Avantgarde des Westens, die "Manipulation des Bewusstseins" zu durchbrechen "zum Wohle der Ersten wie der Dritten Welt".

Der Staatsbesuch bot der CISNU Gelegenheit, Verbündete im Kampf gegen das Schah-Regime zu gewinnen. In verschiedenen Städten wurden Demonstrationen geplant; die "Kommune I" leistete ihren Beitrag zum Protest an der Spree in Form von "Flugblättern, der Herstellung von Farbeiern und Rauchbomben sowie dem Entwurf und kommerziellen Vertrieb der berühmten Papiertüten mit den aufgedruckten stilisierten Konterfeis von Mohammed Reza und Farah Pahlavi. Diese sollten sich Demonstranten über den Kopf stülpen, um das Kaiserpaar als hohle und austauschbare ,Charaktermasken' zu karikieren und sich zugleich vor Verfassungsschutz und SAVAK zu tarnen."

Vor der Ankunft des Schahs erlebte die Bundesrepublik - angestachelt durch Warnungen und fingierte Bombenattentate der Teheraner Regierung - "die bislang größte Überprüfung einer ausgewählten Personengruppe, in diesem Fall der oppositionellen Iraner, und schränkte deren Bewegungs- und Meinungsfreiheit teilweise ein. Ferner kam es zu einem bisher nie dagewesenen Aufmarsch von Polizeikräften." Dies alles "schien für kritisch eingestellte Zeitgenossen anzudeuten, wie es um die Freiheit der Bürger bestellt wäre, sollten die von der Bundesregierung geplanten Notstandsregelungen im Grundgesetz Wirklichkeit werden". Diese hatte das Bundeskabinett am 10. März 1967 verabschiedet und an Bundestag und Bundesrat zur Beratung überwiesen.

Zum Auftakt des Schah-Besuchs fanden sich für das obligatorische Bad in der Menge am 28. Mai vor dem Hotel Petersberg bei Bonn Claqueure ein, die von der iranischen Botschaft und den Konsulaten ausgewählt worden waren, bei organisierter Anreise und Tagegeld. "Unter den Versammelten befand sich eine etwa 80-köpfige Delegation aus West-Berlin. Sie war weitgehend identisch mit jener Gruppe, die am 2. Juni als ,Jubelperser' vor dem Schöneberger Rathaus auftreten sollte", erwähnt Michels. Die Vorbereitungen in West-Berlin seien weniger rigide als im Rheinland und in München gewesen, "weil die Behörden die Situation in der geteilten Stadt wegen der Schwäche der dortigen iranischen Opposition als weniger gefährlich einschätzten". Am 2. Juni traf das Kaiserpaar gegen 11 Uhr auf dem Flughafen Tempelhof ein. Erste Missfallenskundgebungen mit Buhrufen und Sprechchören gab es vor dem Schöneberger Rathaus, auch Prügeleien zwischen "Jubelpersern" und Demonstranten. Am Abend fuhren gegen 19.45 Uhr die Limousinen mit dem Regierenden Bürgermeister Albertz und dem Schah vor der Deutschen Oper in der Bismarckstraße vor, wo um 20 Uhr die Vorstellung der "Zauberflöte" beginnen sollte. Ihnen tönte Geschrei entgegen, Eier, Farbbeutel und ein paar Steine wurden geworfen. Im Foyer der Oper befahl Albertz dem Polizeipräsidenten Erich Duensing: "Wenn ich rauskomme, ist alles sauber." Dies fasste Duensing "als Blankoscheck auf, um nach Beginn der ,Zauberflöte' den südlichen Bürgersteig räumen zu lassen". Kurz nach 20 Uhr begann die eskalierende Aktion mit dem Kommando "Knüppel frei".

Auf dem Grundstück Krumme Straße 66/67 gab es gegen 20.30 Uhr "ein großes Durcheinander" mit Schlägereien und Abdrängungen, dazwischen der mit einem roten Hemd bekleidete Ohnesorg. Drei Beamte sollen ihn mit ihren Knüppeln traktiert haben: "Plötzlich war ein Knall zu hören. Ohnesorg sackte in sich zusammen, während die Polizisten noch einen Moment weiter auf den nun am Boden Liegenden einschlugen und -traten." Einige gingen davon aus, dass es sich um einen Knallkörper gehandelt habe. Der Schutzpolizist Horst Geier, der den prügelnden Kollegen zuschaute, "deutete hingegen das Geräusch richtigerweise als Schuss aus einer Waffe und drehte sich in die Richtung um, aus der der Knall gekommen war. Er sah Kurras, den er flüchtig kannte, mit seiner Dienstwaffe etwa zwei Meter entfernt stehen und schrie ihn mit den Worten an, ,bist du wahnsinnig, hier zu schießen!' Daraufhin habe dieser laut Geier in einer Art geistesabwesendem Zustand stotternd geantwortet, ,die ist mir losgegangen'." Geier meldete den Vorfall einem Vorgesetzten, ohne angeblich zu wissen, dass Kurras Ohnesorg getroffen habe. Gegen 21.25 Uhr wurde der Student in das Krankenhaus Moabit eingeliefert. Der behandelnde Arzt, zufälligerweise ein Iraner, erhielt von den "Einliefernden" keine Information über Ursache und Art der Verletzung: "Der Arzt ging von einer Schädelverletzung durch stumpfe Gewalt aus und vernähte die Wunde am Hinterkopf oberhalb des rechten Ohres, um die Blutung zu stoppen."

Um 22.55 Uhr verstarb Ohnesorg. Laut Obduktion "war die Verletzung durch die Kugel, die hinter dem rechten Ohr von unten nach oben verlaufend tief ins Hirn eingedrungen war, so schwer, dass Ohnesorg höchstwahrscheinlich auch bei einer richtigen Diagnose und einer sofortigen Notoperation zur Entfernung des Projektils gestorben wäre." Lau Michels handelte es sich nicht um ein Vertuschungsmanöver der Ärzte, "um den Todesschuss eines Polizisten auf Ohnesorg zu verdecken, der de facto ein Mord gewesen sei. Dieser Verdacht wurde schon im Juni 1967 von der Studentenbewegung und ihrem Anwalt Horst Mahler geäußert. Im Jahre 2012 wurde diese Deutung vom ,Spiegel' in einer Reihe von Artikeln aufgegriffen und zu einer Art systematischer Verschleierungsaktion der Polizei ausgebaut." Auch die im Zusammenhang mit der Entdeckung der IM-Akte von Kurras im Mai 2009 vorschnell geäußerten Mutmaßungen über einen Auftragsmord der Stasi weist Michels zurück, weil die abermaligen staatsanwaltlichen Ermittlungen gegen Kurras wegen Mordverdachts 2011 ergebnislos eingestellt worden seien.

Im Kapitel "Heißer Sommer?" befasst sich Michels mit Interpretationen des 2. Juni. Ebenso empörend wie das brutale Verhalten der Polizei seien "die Versuche des Senats und der ihm assistierenden Springer-Presse in den folgenden Tagen" gewesen, "die Schuld an den Vorgängen einseitig auf die Demonstranten abzuwälzen, das tatsächliche Vorgehen der Polizei und der Umstände von Ohnesorgs Tod dagegen zu verharmlosen". Das wirkungsmächtigste Motiv für spätere Deutungen war die unter Studenten verbreitete Auffassung, in der Bundesrepublik vollziehe sich eine schleichende Demontage von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit durch die Ergänzungen des Grundgesetzes um Regelungen für den Fall eines Notstandes: "Der Besuch des iranischen Kaiserpaares galt daher in Teilen des akademischen Milieus angesichts der seit Anfang Mai 1967 einsetzenden großen Sicherheitsvorkehrungen als ,Notstandsübung'." Angesichts der Quellenlage sei eine solche Behauptung aber unhaltbar.

Michels resümiert: "Der Reiz, den Staatsbesuch als größeres Protestevent zu nutzen, erschloss sich der studentischen Linken an der FU erst unter dem Eindruck der aus dem Bundesgebiet nach West-Berlin dringenden Nachrichten über die Vorgänge auf den ersten Reisestationen der Staatsgäste, gegenüber denen man als bundesweit wahrgenommener universitärer Hauptunruheherd nicht nachstehen wollte." Der Berliner Polizeipräsident habe sich bei der Bundesregierung im Wort geglaubt, "gegen etwaige Proteste besonders scharf vorgehen zu müssen". Und von iranischer Seite sei man bereit gewesen, die "Jubelperser" nicht nur als Claqueure, sondern in West-Berlin auch als Prügelknaben einzusetzen, was wiederum die Protestbereitschaft am Abend des 2. Juni vor der Deutschen Oper bei den West-Berliner Studenten angefacht habe.

RAINER BLASIUS

Eckard Michels: Schahbesuch 1967. Fanal für die Studentenbewegung. Ch. Links Verlag, Berlin 2017. 355 S., 25,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 27.03.2017
Abseits der ausgetretenen Veteranenpfade
Eckard Michels rekonstruiert minutiös die dramatischen Ereignisse während des Schahbesuchs 1967 – und ermöglicht einen neuen Blick auf das folgenreiche Jahr
Anlässlich des 40. Jubiläums der Jugendrevolte der Jahre 1967/68 beklagte der Zeithistoriker Norbert Frei ein Missverhältnis. Und zwar das zwischen der Flut der nicht zuletzt von ehemaligen Aktivisten zu jedem runden Jahrestag publizierten Urteile und Meinungen auf der einen Seite und den wenigen Versuchen, das Geschehen selbst wissenschaftlich zu rekonstruieren, auf der anderen. Zum 50. Jubiläum steht höchstwahrscheinlich eine neue Welle einschlägiger Veröffentlichungen bevor, aber sind auch neue Befunde zu erwarten? Einen ersten, durchaus erfreulichen Vorgeschmack bietet Eckard Michels, der am Birkbeck College der University of London deutsche Geschichte lehrt.
Vor der Versuchung, eine weitere Kostprobe der sattsam bekannten Veteranenliteratur abzuliefern, bewahrt ihn schon sein Alter. Michels ist 1962 geboren, zu den Achtundsechzigern kann man ihn also sicher nicht zählen. Aber auch konzeptionell beschreitet er ungewohnte Wege: Anders als bisherige, auf Westberlin und den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) fokussierte Darstellungen möchte Michels Vorgeschichte, Verlauf und Folgen des 2. Juni 1967 in einen größeren Kontext stellen. Er nimmt deshalb innen- und außenpolitische Aspekte, staatliche Stellen und Protestbewegung, deutsche und iranische Akteure und deren jeweilige Interessen gleichermaßen in den Blick. Deutsche, Iraner, Vertreter der Regierungen, der Medien und der Studentenorganisationen reagierten nämlich, so Michels, „wie in einem System kommunizierender Röhren“ aufeinander, was nicht zuletzt zur Eskalation während des Staatsbesuchs und zur anschließenden lang anhaltenden „Entfremdung“ zwischen Staat und Teilen der Studentenschaft geführt habe.
Zunächst beschreibt Michels die Rolle Persiens, wie das Land damals meist genannt wurde, in den internationalen Beziehungen des 20. Jahrhunderts, mit besonderem Augenmerk auf das Verhältnis zu Deutschland. Er lässt keinen Zweifel am autokratisch-diktatorischen Charakter der Pahlavi-Dynastie und attestiert Mohammed Reza Pahlavi, der seinen Vater 1941 mit Unterstützung der in der Region damals dominanten Briten als Schah ablöste, spätestens in den 1970er-Jahren „Züge des Größenwahns“. Gleichwohl kann er dem forcierten Modernisierungsprogramm des Schahs auch positive Seiten abgewinnen. Mitte der 1960er-Jahre sei das Land – nach heutiger Begrifflichkeit – eher ein „Tigerstaat“ als ein „Entwicklungsland“ gewesen. Die Bundesregierung würdigte den persischen Herrscher denn auch als „antikommunistischen Reformer“, der bei seinem Besuch 1967 mit einer „sehr zuvorkommenden Behandlung“ rechnen konnte. Die Gastgeber wollten unbedingt vermeiden, dass sich der Schah, der seit 1965 eine geschickte „ost-westliche Pendeldiplomatie“ betrieb, dem Ostblock weiter annäherte. Zum positiven Image Irans trug überdies die große Aufmerksamkeit bei, mit der die Ehefrauen des Schahs in der bundesrepublikanischen Regenbogenpresse bedacht wurden.
Im zweiten Kapitel stehen die Vorbereitungen des Staatsbesuchs im Mittelpunkt. Ausführlich schildert Michels die Formierung einer iranischen Opposition gegen das Schahregime in der Bundesrepublik. Immerhin 4000 bis 6000 Iraner studierten Mitte der 1960er-Jahre an westdeutschen Universitäten. Sie stellten damit die größte Gruppe unter den ausländischen Studenten. Etwa 1800 studierten Human- oder Zahnmedizin, nur etwa 30 Geisteswissenschaften. Bereits 1960 konstituierte sich in Heidelberg ein Dachverband der iranischen Studentenverbände in Europa, die Conföderation Iranischer Studenten (CIS), die 1962 ihren Namen in CISNU – NU stand für National-Union – änderte. Sie erhob den Anspruch, auch für die „unterdrückten Kommilitonen in Iran“ zu sprechen. Aus einer Organisation, die sich anfangs vor allem um die „Förderung des kulturellen Zusammenhalts“ kümmerte, wurde nach und nach, nicht zuletzt unter dem Eindruck des brutalen Vorgehens der iranischen Behörden gegen die dortige Opposition, das wichtigste „Forum der Schah-Gegner“ im westlichen Ausland. Auf diese Kreise und die insgesamt etwa 17 000 Personen zählende iranische Kolonie in der Bundesrepublik konzentrierten die westdeutschen Sicherheitsbehörden folglich ihre Gegenmaßnahmen, während die heimische Studentenbewegung in ihren Überlegungen anfangs keine große Rolle spielte. Ohnehin war letztere gerade erst dabei, die „Dritte Welt“ jenseits des Vietnamkonflikts zu „entdecken“. Entscheidenden Anteil daran hatte Bahman Nirumands „rororo aktuell“-Bestseller „Persien, Modell eines Entwicklungslandes oder die Diktatur der Freien Welt“, der Ende Februar 1967 erschienen war. Kritisch merkt Michels an, dass Nirumands Bild „anhaltender Armut“ und „ökonomischer Stagnation“ in Iran wegen der von ihm herangezogenen veralteten Statistiken nicht mit den „enormen, international mit Erstaunen registrierten Wachstumsraten“ und dem rapiden, „auf verbesserte medizinische Versorgung“ verweisenden Bevölkerungswachstum zusammenpasste.
Das Herzstück des Buches bildet die minutiöse Rekonstruktion des Schahbesuchs mit den einzelnen Stationen im Rheinland, in München, schließlich am 2. Juni in Westberlin, das der Schah nur auf ausdrücklichen Wunsch der Bundesregierung in sein Besuchsprogramm aufgenommen hatte, und dem Ausklang in Hamburg und Lübeck. Dieses Kapitel vermittelt nicht nur einen mitreißenden Eindruck von der Dramatik der Ereignisse vor und nach dem tödlichen Schuss auf Benno Ohnesorg. Michels räumt hier und im folgenden Kapitel über die konkurrierenden Deutungen des 2. Juni zugleich mit einigen damals verbreiteten Fehlinterpretationen auf. So weist er zum Beispiel mit überzeugenden Belegen die im studentischen Milieu gängige Interpretation von der „Notstandsübung“ zurück, ebenso die schrillen Anklagen insbesondere durch den SDS, die Bundesrepublik habe sich von einem „postfaschistischen“ in ein „präfaschistisches“ Staatswesen verwandelt und die Berliner Polizei habe ein „Massaker“ veranstaltet. Geschadet hat diese Tonlage dem SDS übrigens nicht: Er konnte seine Mitgliederzahl vorübergehend auf etwa 2500 verdoppeln. Die von Michels keineswegs verteidigten Reaktionen der Westberliner Polizei und des Senats spiegelten seiner Ansicht nach „eher die Kopflosigkeit und Überforderung der Autoritäten und einen unterschiedlichen Wissensstand vor allem zwischen Senat und Polizeiführung über die Vorfälle während des Schahbesuchs“ wider, als dass sie einer systematischen Desinformationskampagne entsprungen seien. Auch die nach der Enttarnung des Todesschützen als Stasi-Spitzel gelegentlich zu lesende Behauptung, Karl-Heinz Kurras habe seine Tat im Auftrag der Staatssicherheit der DDR begangen, entlarvt Michels im Einklang mit der seriösen Forschung als Legende.
Das auf breiter, zum großen Teil auf archivarischer Quellenbasis fußende, spannende und materialreiche Buch erlaubt einen neuen Blick auf die Entstehungsgeschichte der Studentenbewegung und das für die innenpolitische Entwicklung der Bundesrepublik so folgenreiche Jahr. Es sucht und findet Erklärungen für die Motive und Absichten der Akteure jenseits der ausgetretenen Pfade. In diesem Stil kann es mit der „Jubiläumsliteratur“ gerne weitergehen.
WERNER BÜHRER
Werner Bührer ist Zeithistoriker und lebt in München.
Die Polizei hatte die deutsche
Studentenbewegung zunächst
gar nicht auf der Rechnung
Der tragische Höhepunkt
war der Tod von
Benno Ohnesorg
Staat gegen Studenten: Beim Besuch des Schah in Berlin griffen die Polizisten hart durch – manche Legenden entstanden an diesem Tag.
Foto: dpa
Eckard Michels:
Schahbesuch 1967. Fanal für die Studentenbewegung.
Ch. Links Verlag, Berlin 2017. 360 Seiten, 25 Euro.
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DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Eckhard Michels rekonstruiert exzellent und präzise auf breiter Quellenbasis Vorgeschichte, Verlauf und Folgen eines Staatsbesuchs, der bisher oft einseitig dargestellt worden ist. Rainer Blasius, F.A.Z. Das auf breiter Quellenbasis fußende, spannende und materialreiche Buch erlaubt einen neuen Blick auf die Entstehungsgeschichte der Studentenbewegung und das für die innenpolitische Entwicklung der Bundesrepublik so folgenreiche Jahr. Werner Bührer, Süddeutsche Zeitung Eckard Michels gelingt es in seinem Buch, die Chronologie des Schahbesuchs aufzuschlüsseln und zu zeigen, warum sich der 2. Juni 1967 tief ins kollektive Gedächtnis eingeprägt hat. Sascha Hilpert, rbb stilbruch
Abseits der ausgetretenen Veteranenpfade

Eckard Michels rekonstruiert minutiös die dramatischen Ereignisse während des Schahbesuchs 1967 – und ermöglicht einen neuen Blick auf das folgenreiche Jahr

Anlässlich des 40. Jubiläums der Jugendrevolte der Jahre 1967/68 beklagte der Zeithistoriker Norbert Frei ein Missverhältnis. Und zwar das zwischen der Flut der nicht zuletzt von ehemaligen Aktivisten zu jedem runden Jahrestag publizierten Urteile und Meinungen auf der einen Seite und den wenigen Versuchen, das Geschehen selbst wissenschaftlich zu rekonstruieren, auf der anderen. Zum 50. Jubiläum steht höchstwahrscheinlich eine neue Welle einschlägiger Veröffentlichungen bevor, aber sind auch neue Befunde zu erwarten? Einen ersten, durchaus erfreulichen Vorgeschmack bietet Eckard Michels, der am Birkbeck College der University of London deutsche Geschichte lehrt.

Vor der Versuchung, eine weitere Kostprobe der sattsam bekannten Veteranenliteratur abzuliefern, bewahrt ihn schon sein Alter. Michels ist 1962 geboren, zu den Achtundsechzigern kann man ihn also sicher nicht zählen. Aber auch konzeptionell beschreitet er ungewohnte Wege: Anders als bisherige, auf Westberlin und den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) fokussierte Darstellungen möchte Michels Vorgeschichte, Verlauf und Folgen des 2. Juni 1967 in einen größeren Kontext stellen. Er nimmt deshalb innen- und außenpolitische Aspekte, staatliche Stellen und Protestbewegung, deutsche und iranische Akteure und deren jeweilige Interessen gleichermaßen in den Blick. Deutsche, Iraner, Vertreter der Regierungen, der Medien und der Studentenorganisationen reagierten nämlich, so Michels, „wie in einem System kommunizierender Röhren“ aufeinander, was nicht zuletzt zur Eskalation während des Staatsbesuchs und zur anschließenden lang anhaltenden „Entfremdung“ zwischen Staat und Teilen der Studentenschaft geführt habe.

Zunächst beschreibt Michels die Rolle Persiens, wie das Land damals meist genannt wurde, in den internationalen Beziehungen des 20. Jahrhunderts, mit besonderem Augenmerk auf das Verhältnis zu Deutschland. Er lässt keinen Zweifel am autokratisch-diktatorischen Charakter der Pahlavi-Dynastie und attestiert Mohammed Reza Pahlavi, der seinen Vater 1941 mit Unterstützung der in der Region damals dominanten Briten als Schah ablöste, spätestens in den 1970er-Jahren „Züge des Größenwahns“. Gleichwohl kann er dem forcierten Modernisierungsprogramm des Schahs auch positive Seiten abgewinnen. Mitte der 1960er-Jahre sei das Land – nach heutiger Begrifflichkeit – eher ein „Tigerstaat“ als ein „Entwicklungsland“ gewesen. Die Bundesregierung würdigte den persischen Herrscher denn auch als „antikommunistischen Reformer“, der bei seinem Besuch 1967 mit einer „sehr zuvorkommenden Behandlung“ rechnen konnte. Die Gastgeber wollten unbedingt vermeiden, dass sich der Schah, der seit 1965 eine geschickte „ost-westliche Pendeldiplomatie“ betrieb, dem Ostblock weiter annäherte. Zum positiven Image Irans trug überdies die große Aufmerksamkeit bei, mit der die Ehefrauen des Schahs in der bundesrepublikanischen Regenbogenpresse bedacht wurden.

Im zweiten Kapitel stehen die Vorbereitungen des Staatsbesuchs im Mittelpunkt. Ausführlich schildert Michels die Formierung einer iranischen Opposition gegen das Schahregime in der Bundesrepublik. Immerhin 4000 bis 6000 Iraner studierten Mitte der 1960er-Jahre an westdeutschen Universitäten. Sie stellten damit die größte Gruppe unter den ausländischen Studenten. Etwa 1800 studierten Human- oder Zahnmedizin, nur etwa 30 Geisteswissenschaften. Bereits 1960 konstituierte sich in Heidelberg ein Dachverband der iranischen Studentenverbände in Europa, die Conföderation Iranischer Studenten (CIS), die 1962 ihren Namen in CISNU – NU stand für National-Union – änderte. Sie erhob den Anspruch, auch für die „unterdrückten Kommilitonen in Iran“ zu sprechen. Aus einer Organisation, die sich anfangs vor allem um die „Förderung des kulturellen Zusammenhalts“ kümmerte, wurde nach und nach, nicht zuletzt unter dem Eindruck des brutalen Vorgehens der iranischen Behörden gegen die dortige Opposition, das wichtigste „Forum der Schah-Gegner“ im westlichen Ausland. Auf diese Kreise und die insgesamt etwa 17 000 Personen zählende iranische Kolonie in der Bundesrepublik konzentrierten die westdeutschen Sicherheitsbehörden folglich ihre Gegenmaßnahmen, während die heimische Studentenbewegung in ihren Überlegungen anfangs keine große Rolle spielte. Ohnehin war letztere gerade erst dabei, die „Dritte Welt“ jenseits des Vietnamkonflikts zu „entdecken“. Entscheidenden Anteil daran hatte Bahman Nirumands „rororo aktuell“-Bestseller „Persien, Modell eines Entwicklungslandes oder die Diktatur der Freien Welt“, der Ende Februar 1967 erschienen war. Kritisch merkt Michels an, dass Nirumands Bild „anhaltender Armut“ und „ökonomischer Stagnation“ in Iran wegen der von ihm herangezogenen veralteten Statistiken nicht mit den „enormen, international mit Erstaunen registrierten Wachstumsraten“ und dem rapiden, „auf verbesserte medizinische Versorgung“ verweisenden Bevölkerungswachstum zusammenpasste.

Das Herzstück des Buches bildet die minutiöse Rekonstruktion des Schahbesuchs mit den einzelnen Stationen im Rheinland, in München, schließlich am 2. Juni in Westberlin, das der Schah nur auf ausdrücklichen Wunsch der Bundesregierung in sein Besuchsprogramm aufgenommen hatte, und dem Ausklang in Hamburg und Lübeck. Dieses Kapitel vermittelt nicht nur einen mitreißenden Eindruck von der Dramatik der Ereignisse vor und nach dem tödlichen Schuss auf Benno Ohnesorg. Michels räumt hier und im folgenden Kapitel über die konkurrierenden Deutungen des 2. Juni zugleich mit einigen damals verbreiteten Fehlinterpretationen auf. So weist er zum Beispiel mit überzeugenden Belegen die im studentischen Milieu gängige Interpretation von der „Notstandsübung“ zurück, ebenso die schrillen Anklagen insbesondere durch den SDS, die Bundesrepublik habe sich von einem „postfaschistischen“ in ein „präfaschistisches“ Staatswesen verwandelt und die Berliner Polizei habe ein „Massaker“ veranstaltet. Geschadet hat diese Tonlage dem SDS übrigens nicht: Er konnte seine Mitgliederzahl vorübergehend auf etwa 2500 verdoppeln. Die von Michels keineswegs verteidigten Reaktionen der Westberliner Polizei und des Senats spiegelten seiner Ansicht nach „eher die Kopflosigkeit und Überforderung der Autoritäten und einen unterschiedlichen Wissensstand vor allem zwischen Senat und Polizeiführung über die Vorfälle während des Schahbesuchs“ wider, als dass sie einer systematischen Desinformationskampagne entsprungen seien. Auch die nach der Enttarnung des Todesschützen als Stasi-Spitzel gelegentlich zu lesende Behauptung, Karl-Heinz Kurras habe seine Tat im Auftrag der Staatssicherheit der DDR begangen, entlarvt Michels im Einklang mit der seriösen Forschung als Legende.

Das auf breiter, zum großen Teil auf archivarischer Quellenbasis fußende, spannende und materialreiche Buch erlaubt einen neuen Blick auf die Entstehungsgeschichte der Studentenbewegung und das für die innenpolitische Entwicklung der Bundesrepublik so folgenreiche Jahr. Es sucht und findet Erklärungen für die Motive und Absichten der Akteure jenseits der ausgetretenen Pfade. In diesem Stil kann es mit der „Jubiläumsliteratur“ gerne weitergehen.

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Werner Bührer ist Zeithistoriker und lebt in München.

Die Polizei hatte die deutsche
Studentenbewegung zunächst
gar nicht auf der Rechnung

Der tragische Höhepunkt
war der Tod von
Benno Ohnesorg

Staat gegen Studenten: Beim Besuch des Schah in Berlin griffen die Polizisten hart durch – manche Legenden entstanden an diesem Tag.

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Eckard Michels:
Schahbesuch 1967. Fanal für die Studentenbewegung.
Ch. Links Verlag, Berlin 2017. 360 Seiten, 25 Euro.
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