Der Glaube an das Grosse in der Architektur der Moderne - Hnilica, Sonja
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Grossstrukturen sind ein markantes architektonisches Erbe der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und stets höchst umstritten. An Komplexen wie der Ruhruniversität Bochum, dem Klinikum Aachen oder dem Nordwestzentrum Frankfurt scheiden sich bis heute die Geister. Doch ist der Glaube an das Grosse ein konstituierendes Element in der Architektur moderner Gesellschaften. Grosswohnsiedlungen, Einkaufszentren, Hochschulen für Tausende von Studierenden, Konferenzzentren oder Krankenhäuser auf der ganzen Welt zeugen als typische Bauaufgaben davon. Die Bauten wurden gross wie ganze Städte und sollten…mehr

Produktbeschreibung
Grossstrukturen sind ein markantes architektonisches Erbe der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und stets höchst umstritten. An Komplexen wie der Ruhruniversität Bochum, dem Klinikum Aachen oder dem Nordwestzentrum Frankfurt scheiden sich bis heute die Geister. Doch ist der Glaube an das Grosse ein konstituierendes Element in der Architektur moderner Gesellschaften. Grosswohnsiedlungen, Einkaufszentren, Hochschulen für Tausende von Studierenden, Konferenzzentren oder Krankenhäuser auf der ganzen Welt zeugen als typische Bauaufgaben davon. Die Bauten wurden gross wie ganze Städte und sollten dabei so effizient wie Maschinen funktionieren. Es bildeten sich drei dominierende Konzepte für die Giganten heraus: Grossform, Bausystem und Megastruktur.
Dieses neue Buch stellt erstmals systematisch den Theoriediskurs um Grossstrukturen dar. Es eröffnet neue Perspektiven für den Umgang mit den viel geschmähten ererbten Riesen und zeigt eindrucksvoll auf, wie aktuell Debatten um das Bauen im grossen Massstab auch heute sind.
  • Produktdetails
  • Verlag: Park Books
  • Artikelnr. des Verlages: 03860093
  • Seitenzahl: 264
  • Erscheinungstermin: 22. März 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 277mm x 218mm x 30mm
  • Gewicht: 1260g
  • ISBN-13: 9783038600930
  • ISBN-10: 3038600938
  • Artikelnr.: 50323724
Autorenporträt
Sonja Hnilica forscht und lehrt zur Geschichte und Theorie der Architektur an der Technischen Universität Dortmund und hat umfangreich zur Rolle von Denkmodellen im Entwurfsprozess sowie zur Architektur der Nachkriegsmoderne publiziert.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 07.09.2018

Ozeanriese und Hirnfabrik
Gewaltig wie Städte, effizient wie Maschinen: Sonja Hnilica zeigt, was sich Modernisierungsfreunde
in den Sechzigern von architektonischen Großstrukturen erhofften
VON CARLOS SPOERHASE
Die FDP-Politikerin Hildegard Hamm-Brücher beschrieb die Ruhr-Universität Bochum 1965 in der Zeit mit großem Enthusiasmus. Das Baugelände sehe „wie eine Schiffswerft aus, in der drei supermoderne Ozeanriesen kurz vor dem Stapellauf auf dem Trockendock liegen.“ Das klang nach Aufbruch.
Von politischer Seite war in der BRD seit den frühen Sechzigerjahren die Neugründung einer Vielzahl von Universitäten und Gesamthochschulen intensiv betrieben worden; dies ging mit einer massiven Förderung des Hochschulbaus und einer Präferenz für die Errichtung von modernen Großstrukturen einher. Die größten Neubauten der BRD waren damals mit Abstand die neuen Universitäten. Die Ruhr-Universität Bochum oder die Universität Bielefeld wurden nicht wie bisherige Universitäten mit einer Vielzahl von kleineren Gebäuden in bestehende städtische Strukturen integriert, sondern als Megastrukturen auf der grünen Wiese gebaut. Die Monumentalität der überall in Deutschland entstehenden Universitätsneubauten wurde damals in den höchsten Tönen gelobt. Wie kam es zum weit verbreiteten Wohlgefallen an großdimensionierter Architektur?
Die bemerkenswerte Studie „Der Glaube an das Große“ von Sonja Hnilica gibt eine Antwort auf diese Frage. Ihre Diskursgeschichte der Leitmodelle, Theorieansätze und Wertvorstellungen, die für das Reden über Großstrukturen vor allem in den Sechziger- und Siebzigerjahren entscheidend waren, kann mit einer ungeheuren Bei-spielfülle aufwarten. Wie die reichhaltig illustrierte Rekonstruktion belegt, war der feste „Glaube an das Große“ „ein konstituierendes Element“ des damaligen Architekturdiskurses. Auch wenn einige der meistdiskutierten Großstrukturen nicht realisiert werden konnten. Die erdachten und teilweise in Kompromissversionen errichteten Megastrukturen müssen als „Schlüsselphänomen“ der bundesdeutschen Nachkriegsmoderne verstanden werden.
Megastrukturen gibt es seit der Antike. Hnilica zeigt, dass architektonische Größe sehr lange Herrschafts- und Sakralbauten vorbehalten war: Grabstätten, Tempel, Kathedralen, Klöster, Schlösser. Auch die Muster frühneuzeitlicher Großstrukturen sind politische und religiöse Megabauten wie der Escorial, Versailles und der Petersdom. Im 19. Jahrhundert kommen überdimensionierte Gebäude aus eher ökonomischen Bereichen hinzu: Bahnhöfe, Warenhäuser und Stahlwerke. Die heute überall auf der Welt zu findenden kolossalen Flughäfen, Mega-Shoppingmalls und Montagehallen stehen in dieser Tradition. Gleichwohl sind die beiden größten Gebäude des 19. Jahrhunderts noch repräsentative Bauten des bürgerlichen Zeitalters: der Brüsseler Justizpalast und das Wiener Rathaus.
Das staatliche Bauen von großen Strukturen ist im 20. Jahrhundert aber nicht nur ein Zeichen von hierarchischem Repräsentationsgebaren. Auch demokratische Gesellschaften haben sich von Großstrukturen viel versprochen. Nicht selten sollten riesige Wohnsiedlungen und kolossale Universitätsgebäude dazu dienen, progressive politische Projekte, etwa eine egalitäre Gesellschaft zu fördern. Wie Hnilica zeigt, wurde der Bau von großen Gebäuden als Signum eines von Fortschrittsoptimismus getragenen gesamtgesellschaftlichen Projekts verstanden. Für den Hochschulbau der Bundesrepublik war die Größe geradezu das Hauptcharakteristikum.
Hnilica erkennt zwei grundlegende Leitmodelle für Großstrukturen: Einerseits das Modell „Stadt im Haus“, das eine ganze Stadt samt ihrer Infrastrukturen in einer übergreifenden Gebäudestruktur unterzubringen versucht; andererseits das Modell „Riesenmaschine“, das die Großstruktur als einen technischen Funktionszusammenhang mit einem klaren Leistungsprofil zu verstehen erlaubt.
Den Diskurs prägten damals die Gestalttheorie, die Systemtheorie und (in einem geringeren Maße) der Strukturalismus – wobei diese Theorien von den Beteiligten nicht selten assoziativ-metaphorisch verstanden wurden.
Hnilica untersucht deshalb auch die Bildsprache, die innerhalb des Diskurses über Großstrukturen verwendet wurde. Wenn Hamm-Brücher die Universität Bochum als Schiffswerft charakterisierte, an die Ozeandampfer angedockt seien, so bewegte sie sich in relativ konventionellen Bahnen. Große Überseeschiffe waren bereits für Le Corbusier das Vorbild für architektonische Großstrukturen, die in der Folge dann auch immer wieder als „Supertanker“ oder „Ozeandampfer“ aufgefasst wurden: Je nachdem, ob man sie mochte oder nicht, als auf Volldampf fahrende Schiffe auf hoher See oder als gestrandete und verrostende Schiffswracks.
Man kann, wie Hnilica hervorhebt, diese Metaphern durchaus auch als Problemanzeigen verstehen. Wie die Schiffsmetaphern nahelegen, zielten viele Großstrukturen, die selbst eine kleine autonome Stadt für sich sein wollten, tatsächlich auf ein vollständiges Losleinen von dem sie umgebenden Stadtraum. Die in Beton gegossenen „Riesenmaschinen“ galten in erster Linie der Optimierung innerer Organisationsabläufe – und koppelten diese von der restlichen Stadtöffentlichkeit ab. Im Ergebnis gewährleisteten die Großstrukturen dann einen gut funktionierenden akademischen Betrieb, dem in der räumlichen Umgebung aber kein tragfähiges städtisches Hochschulmilieu mehr entsprach.
Die Frage liegt nahe, wie sich der Metapherngebrauch der Architektenprosa zur Lebensrealität der späteren Gebäudenutzung verhielt. So wurde etwa unter Verwendung eines politisch-moralischen Vokabulars beansprucht, dass die „nicht-hierarchischen“ Formen und „flache Hierarchien“ von Megastrukturen einer demokratischen, egalitären und progressiven Arbeits- und Lebenspraxis förderlich seien. Waren diese vagen Ansprüche nicht von Anfang an dazu verdammt, bloße Modernisierungsmetaphorik zu bleiben?
Ähnlich verhält es sich mit dem Funktionalismus, der im Bereich der Großstrukturen zu einer einflussreichen Formensprache wurde, deren gestalterischer Gebrauch aber keineswegs dazu führen musste, dass die Gebäude für die Benutzer tatsächlich funktional waren. Eine an Hnilica anschließende historische Ethnografie der praktischen Nutzung der Mega-Bauten könnte aufzeigen, welche der großen Versprechen der Großstrukturen sich in der Gebäudenutzung tatsächlich realisierten.
Vom Glauben an die großen Strukturen fielen nicht wenige schon in den Siebzigerjahren wieder ab. Im Spätsommer 1974 disqualifizierte der spätere SPD-Kulturstaatsminister Michael Naumann das Gebäude der Ruhr-Universität Bochum in der Zeit als bloße „Hirnfabrik“. Für ihn „steht diese Universität von nun und in alle Ewigkeit als geisteswiderwärtiges Monument von Großmannssucht, bildungspolitischer Protzerei, architektonischem Brutalismus in der Welt“. Nicht einmal zehn Jahre nach den enthusiasmierten Worten von Hamm-Brücher waren aus den universitären Bildungsutopien ungeliebte Betonburgen geworden. Der monumentalistische Modernisierungsstolz wich in dieser Zeit der Wiederentdeckung der Altstädte und der Sehnsucht nach beschaulichen Gründerzeitbauten.
Auch heute lösen Großstrukturen bei vielen Beobachtern hauptsächlich Skepsis aus. Große Hochschulbauten wie in den Sechzigerjahren werden heute nicht mehr geplant. Großbaustellen wie Stuttgart 21 oder der Berliner Flughafen gelten als fast unvermeidliche Fehlplanungen. Dabei sind die Vorbehalte nicht nur ökonomischer Art. Die Abwehr der Großstrukturen wird heute häufig mit einem anthropologischen Vokabular begründet. Das menschliche Maß gehe uns verloren. Der Diskurs über Großprojekte ist moralisch durchsetzt. Die Megastruktur, die in der emphatischen Moderne noch mit Heroismus, sozialem Wagemut und utopischem Gestaltungswillen verbunden wurde, gilt heute als Symptom von Größenwahn und Großmannssucht. Wer groß baut, macht sich gestalterischer Hybris schuldig.
Nicht zufällig stehen in W. G. Sebalds letztem, kulturkritischen Roman „Austerlitz“ große Bauten wie der Brüsseler Justizpalast oder die als „Ozeanriese“ charakterisierte neue „Bibliothèque nationale de France“ grundsätzlich im Verdacht, vollends inhuman zu sein. Was soll man dann erst über den 800 Meter hohen Burj Khalifa in Dubai oder über die 1,6 Kilometer umfassende kreisrunde Konzernzentrale von Apple in Kalifornien sagen?
Sonja Hnilica mahnt, eine differenzierte Perspektive einzunehmen und die heute häufig übersehenen Potenziale von bestehenden Großstrukturen angemessen zu würdigen. Hier bietet ihre Studie sogar produktives Irritationspotential. Sie lässt uns fragen, weshalb wir heute ausgerechnet im Hochschulbau so verdammt bescheiden geworden sind.
Sonja Hnilica: Der Glaube an das Große in der Architektur der Moderne. Grossstrukturen der 1960er und 1970er Jahre. Park Books, Zürich 2018. 264 Seiten, 48 Euro.
Sie waren Zeichen des
Fortschrittsoptimismus, standen
für progressive Projekte
Von den Bildungsutopien
blieben die bald schon
verabscheuten Betonburgen
Hinter dem Fahrradparkplatz die Gebäude der Geisteswissenschaften: Ruhr-Universität Bochum, 1971.
Foto: SZ-Foto, Brigitte Hellgoth
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