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Der Universitätsprofessor Julio Denis und der Student Andrés Sánchez geraten ins Visier des franquistischen Geheimdienstes, sie werden verhaftet und verschwinden spurlos. Weder bei der Polizei noch beim Geheimdienst finden sich Unterlagen, kein Amt, kein Archiv kann Auskunft geben über das Schicksal der beiden. Was aber ist wirklich geschehen? Isaac Rosa bringt im Dialog mit dem Leser immer widersprüchlichere Tatsachen über den seltsamen Professor Denis ans Licht, einen an sich unbescholtenen Professor, der an der Madrider Universität spanische Barocklyrik lehrt und sich allem Anschein nach…mehr

Produktbeschreibung
Der Universitätsprofessor Julio Denis und der Student Andrés Sánchez geraten ins Visier des franquistischen Geheimdienstes, sie werden verhaftet und verschwinden spurlos. Weder bei der Polizei noch beim Geheimdienst finden sich Unterlagen, kein Amt, kein Archiv kann Auskunft geben über das Schicksal der beiden. Was aber ist wirklich geschehen? Isaac Rosa bringt im Dialog mit dem Leser immer widersprüchlichere Tatsachen über den seltsamen Professor Denis ans Licht, einen an sich unbescholtenen Professor, der an der Madrider Universität spanische Barocklyrik lehrt und sich allem Anschein nach nicht um Politisches kümmert. Doch ist er wirklich ein so weltferner Mensch, wie er es nach außen hin glaubhaft zu machen versucht? Die Geheimdienste verdächtigen Denis der Subversion. Denn warum sonst hätte er sich am Vortag des Studentenaufstands mit Andrés Sánchez getroffen, dem Rädelsführer und Mittelpunkt studentischer Agitation.
Autorenporträt
Isaac Rosa, 1974 in Sevilla geboren, gilt als eine der bemerkenswertesten neuen literarischen Stimmen Spaniens.
Rezensionen
Besprechung von 14.10.2008
Hinter der Folter gibt es keine Wahrheit mehr
Franco-Diktatur und Nationalsozialismus: Gut und Böse sind klar geschieden, die Kostüme für Schergen und Widerstandskämpfer liegen bereit. Isaac Rosas großer Roman „Das Leben in Rot” befreit sich aus den Formen moralischer Selbstverständlichkeit Von Ijoma Mangold
Der Haupteinwand gegen Isaac Rosas Roman „Das Leben in Rot” liegt auf der Hand. Sind das nicht in die Jahre gekommene postmoderne Spielchen, wenn ein Roman auf jeder Seite seine Künstlichkeit, sein Roman-Sein thematisiert? Wollen wir wirklich noch einen Roman lesen, in dem der Autor dem Leser auf jeder Seite verschiedene erzählerische Optionen anbietet – zum Beispiel den Protagonisten auf der zweigeteilten Seite in der linken Spalte als inneren Emigranten und in der rechten als franquistischen Spitzel darstellt?
Ja, man will – wenn der Autor so gut schreibt wie Isaac Rosa und dabei frei von jeder Leichtfertigkeit ist. Rosa, 1974 in Sevilla geboren, hat einen Roman über die Franco-Diktatur geschrieben. Im Zentrum des Romans, der höchst unvollständig die Geschichte eines Professors und eines Studenten erzählt, stehen die Folterkammern, in denen Francos Geheimpolizei ihren Gesinnungsgegnern die Geständnisse abgepresst hat. Eigentlich nicht der passende Gegenstand, um sich als Erzählvirtuose zu gerieren. Aber indem Rosa nicht durch Realismus-Illusion mit dem Schrecken gleichzuziehen versucht, gewinnt sein Schreiben Ernst.
Mit zwei Mitteln arbeitet der Autor: Mit der Parodie von Erzählformen und mit der Dekonstruktion des Romans. Und beide Verfahren führen interessanterweise nicht zu einer Relativierung seines Themas. Der Roman präsentiert sich von der ersten Seite an als Romanverweigerung, während er gleichzeitig alle historischen Erzählprogramme des Romans probeweise noch einmal durchspielt. Keine der beiden Erzählhaltungen wirkt dabei kokett, sondern sie folgen regelrecht einer Ethik des Erzählens, die ihren Stoff vor allzu eingefahrenen Realismus-Mustern schützen will. „Ich weiß”, sagt jede Seite, „es gibt erprobte und effiziente Formen, um vom Bösen der Franco-Zeit zu erzählen. Aber wenn ich mich dieser Formen bediene, wo bleibt dann die Unsicherheit, die doch Voraussetzung jeder moralischen Reflexion ist?” Isaac Rosa erzählt vom Leben in der Franco-Diktatur. Aber ihm ist bewusst, dass dieser Stoff längst nicht mehr aus erster Hand zu haben, längst seine eigene ,Narratologie‘ hervorgebracht hat. Was ursprünglich war, ist zum Genre geworden. Die Kostüme für Schergen und Widerstandskämpfer liegen bereit und müssen den Figuren nur noch übergeworfen werden.
Man hat diese Problematik als deutscher Leser sogleich vor Augen, weil es mit der Verwandlung des „Dritten Reiches” in ein Genre ja nicht anders liegt: Wieviele mittelmäßige Autoren injizieren ihren Geschichten nicht eine Konfektions-Dringlichkeit, indem sie sich aus dem Schreckens-Arsenal der Nazizeit bedienen? Das Anrüchige und oft genug Widerwärtige dieser Geschichtsbewirtschaftung liegt darin, dass die schlimme Vergangenheit als Moralressource angezapft wird, die den Autor jeder subtilen Darstellungsweise überhebt, weil Gut und Böse hier klar geschieden sind. Das Problem: Gut und Böse sind tatsächlich klar geschieden. Aber wie lässt sich dann darüber schreiben, ohne in die Moritat abzugleiten? Wo wäre das Moment der Verunsicherung zu gewinnen, ohne das es keine moralische Reflexion gibt?
„Das Leben in Rot” erzählt von Julio Denis, einem Professor der Literaturwissenschaft, der sich sein ganzes Leben über bedeckt hielt und ein prononciert unpolitisches Leben führte. Er konzentrierte sich auf die Poesie des spanischen Goldenen Zeitalters, in der Hoffnung, dass die Stürme der Zeit über ihn hinweggehen. Im Bürgerkrieg blieb er neutral. Nur einmal, 1965, als die Studenten einen Generalstreik gegen das Franco-Regime planen, kommt er mit den „Tendenzen” der Zeit in Berührung – aber eher zufällig und wohl ohne jede politische Absicht. Der Student Andrés Sanchez, einer der führenden Köpfe des Widerstands, sucht ihn in seiner Sprechstunde auf; und Denis lernt eine hübsche Studentin kennen, die einmal in seiner Wohnung Zuflucht sucht vor der Polizei.
Die Geschichten beider Hauptfiguren enden nebelhaft, in gespenstischer Ungewissheit. Menschen sind plötzlich nicht mehr da – um dieses Strukturmoment eines Folterregimes kreist „Das Leben in Rot”. Sanchez wurde von der Geheimpolizei gefasst und vermutlich zu Tode gefoltert. Genaue Auskünfte gibt es nicht. Auch Julio Denis wurde von den Sicherheitsorganen abgeholt und später außer Landes verwiesen. Seine Spuren verlieren sich. War er möglicherweise ein Spitzel, der abgezogen wurde, und seine Weltfremdheit nur Tarnung? Oder wurde er Opfer eines falschen Verdachts?
Isaac Rosa spielt alle Möglichkeiten für seine Figuren durch. Und weil er handwerklich absolut brillant ist, kann er jeder erzählerischen Möglichkeit eine andere Form geben, die verschiedensten Genres durchprobieren und deren Parodien gleich mitliefern.
Und dabei kommentiert er die ganze Zeit den eigenen Mitteleinsatz: „Für den Erfolg eines Romans sollen unabdingbare Elemente verstärkt aufgegriffen werden, wie beispielsweise Humor, Sex oder erzählerische Kohärenz, die bisher deutlich zu kurz kamen.”Aber mit jeder Formentscheidung ändert sich unmittelbar die moralische Bewertung des Geschehens. Das macht die ethische Dimension von Isaac Rosas Romanprojekts aus.
Ein ums andere Mal erklärt der Erzähler, dass er sich hüten wolle, in ein vorgegebenes Erzählmuster zu verfallen. Schon der Plot sei die Konstruktion von Sinnstiftung, die unwahr bleiben müsse gegenüber den Schrecken der Folter. Aber irgendwie muss der Autor ja von dieser Wirklichkeit, deren Kontinutität in die Gegenwart ihn nicht zur Ruhe kommen lässt, erzählen. Und so sehr er auch die Form des Romans dekonstruiert, es kommt am Ende doch wieder ein Roman heraus. „Das Leben in Rot” ist auch ein Beweis der Unvermeidlichkeit des Romans, wenn wir versuchen, uns von der Wirklichkeit ein Bild zu machen. Einmal spielt Rosa den Bericht eines Folteropfers ein. Dieser Bericht ist in seiner Nüchternheit, die nur der Opferperspektive möglich ist, an Schmerzlichkeit kaum zu ertragen. Als der Mann seinen Bericht abschließt, sagt er: „So, das wars. Hier endet mein Bericht. Von mir aus kann der Autor jetzt Literatur daraus machen.”
Die Radikalität, mit der Rosa das Innere des Romans nach außen wendet, mit der er uns die Roman-Maschine ohne alle Verkleidung vor Augen stellt, sie ist nicht nur von großer Geschicklichkeit, sondern sorgt auch für einen exquisiten Lesegenuss. Einmal heißt es: „Auf den Bürgerkrieg kommen unsere Literaten und Filmemacher mit Vorliebe immer wieder zurück, er eignet sich als unerschöpfliche Quelle für individuelle Heldengedichte.”Isaac Rosa erzählt von den Schrecken, ohne in ein Klischee zu verfallen.
Isaac Rosa
Das Leben in Rot
Roman. Aus dem Spanischen von Ralph Amann. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2008.
347 Seiten, 22,90 Euro.
Menschen sind nicht mehr da, das ist das Zeichen der Diktatur
Wo ist die Unsicherheit, ohne die es kein Nachdenken gibt?
Die Wirklichkeit der Franco-Zeit ist längst zu einem eigenen Erzählgenre geworden: Der Caudillo bei einer Parade, und Studentenproteste gegen die Diktatur 1970. Fotos: Rapho/laif, RIA Novosti
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.sz-content.de
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Besprechung von 28.11.2008
Das Lied von der Folter ist ein Choral

Meisterhaft seziert Isaac Rosa im Roman "Das Leben in Rot" Francos Polizeistaat.

Von Paul Ingendaay

Madrid in den sechziger Jahren. Studenten rebellieren gegen die Franco-Diktatur. Illegale linke Gruppierungen rekrutieren auf dem Campus Gefolgsleute. Es kommt zu Straßenschlachten, Polizeiverhören und Folter. Aus dieser Zeit pickt sich der Roman "Das Leben in Rot" (El vano ayer) zwei Figuren heraus, die kaum etwas miteinander zu tun zu haben scheinen außer einem einzigen zweistündigen Treffen, von dem niemand weiß, worum es sich drehte. Julio Denis, ein ältlicher Literaturprofessor, wird nach den Chaostagen hastig außer Landes gebracht. Und André Sánchez, studentischer Verbindungsmann zu einer kommunistischen Zelle, verschwindet nach einer Welle von Festnahmen spurlos von der Szene. Hat der harmlos scheinende Experte für Barocklyrik ihn verraten? Wurde Sánchez von Francos Geheimdienst ermordet? Was die beiden ungleichen Männer miteinander zu tun gehabt haben könnten, das erzählt der Spanier Isaac Rosa in einer sich immer tiefer bohrenden fiktionalen Untersuchung. Manchmal sagen die Fragen mehr als die Antworten. Das ist in diesem fulminanten Roman der Fall. Seit Rafael Chirbes' "Der lange Marsch" (Deutsch 1998) hat es kein besseres Buch über die Franco-Diktatur mehr gegeben.

Man muss das so deutlich sagen, weil die Schwächen unübersehbar sind und sich außerdem schon auf den ersten zehn Seiten zeigen. Jedem Leser kann nur empfohlen werden, den kurzen Streifzug durchs Theoriegestrüpp durchzuhalten, danach kommen fette Weiden. Wie so viele ambitionierte Literaten will Isaac Rosa erst einmal das Erzählen neu erfinden, bevor er sich traut, das Wort zu ergreifen. Der Erzähler führt also eine Debatte mit sich selbst, in welchem Ton er schreiben, welches Genre er wählen und welche literarischen Finten er anwenden könnte, um seinen eigenen hohen Ansprüchen zu genügen. Gähn. Leider ist er kein Calvino und sagt es in so geschwollenen Sätzen, dass man sich erst gegängelt, dann genervt fühlt. Ralph Amanns Übersetzung verstärkt den mehligen Eindruck durch Hispanismen und grammatikalische Patzer, die das Lektorat nicht hätte durchwinken dürfen. Später schwingt sich die Übersetzung, genau wie der Roman, zu schöner Höhe auf; ein kleines Rätsel.

Tief im Inneren des Buchs tickt eine rundheraus erstaunliche literarische Intelligenz. Es hat ja schon eine Flut von spanischen Bürgerkriegs- und Diktaturromanen gegeben, und längst ist das Thema bei den Kitschproduzenten angekommen. Isaac Rosa, gebürtig aus Sevilla, ist von ganz anderem Kaliber. Er weiß um den billigen Trost durch Heldengeschichten und kennt alle Tricks der Doku-Fiction. Er erzählt die Story also in verschiedenen Entwürfen, die allesamt eine gewisse Plausibilität besitzen, aber nicht alle zugleich wahr sein können. Das Bild zittert, und es kommt bis zum Ende nicht zur Ruhe. Wie im Cantus Planus alter Kirchenchoräle fluten einzelne Stimmen durch den Raum, oft anonym, und liefern ihre Version der Ereignisse. Ein Student, der sich retten kann; ein berittener Polizist, der durch einen Sturz zum Invaliden wird; ein Anarchist, der brutale Foltern erleidet. Selbst ein Apologet der Unterdrückung kommt ausführlich zu Wort und darf dem Erzähler manipulativen Umgang mit den Fakten vorwerfen. Das "Wir" dieses Buches ist immer stärker als der Einzelne, denn Geschichte wird von Gruppen gemacht.

Isaac Rosa hat sich bewusst an Randfiguren gehalten. Mit ihnen lässt sich die Geschichte viel besser erzählen, denn es geht um den Wert, der dem Individuum in Zeiten der Repression noch zugesprochen wird. Man braucht einen starken Magen, um die langen Folterszenen zu lesen, doch sie haben ihren präzisen Sinn. Sie berauschen sich nicht an der Gewalt, sondern nehmen das Wesen der Folter selbst ins Visier. Inmitten dieses Polizeistaat-Ambientes wächst der einsame, etwas schusselige Professor Julio Denis zum Helden von tragikomischer Größe. Die Einfühlung in diesen Eigenbrötler voller verdrängter Sehnsüchte ist bemerkenswert, sein Abstieg im Pariser Exil ein Schauerstück mit Bartleby-Qualitäten. Vielleicht ist es nur eine dumme Verwechslung mit dem Namen eines Helden aus Schundromanen, die den armen Professor in den Strudel reißt; es wäre der tumben Polizei würdig und ein abgrundtief böser Kommentar über das Verhältnis von Geschichte und Fiktion. Dass es dem Autor gelingt, die Handlung in einen Nebel aus Spekulationen zu tauchen, zugleich aber ein spannendes Buch über den franquistischen Überwachungsstaat zu schreiben, ist eine Meisterleistung.

Isaac Rosa, Jahrgang 1974, hat die hier geschilderten Ereignisse nicht selbst erlebt und bewahrt nicht einmal eine ferne Erinnerung an den greisen Diktator. Ein weiterer Beleg dafür, dass das Kapital der Literatur nicht Zeitgenossenschaft, sondern künstlerisches Reflexionsvermögen ist. In Rosas Radiographie des Franco-Regimes erfährt man alles über die nachwirkenden Deformierungen, die die Diktatur in der spanischen Gesellschaft hinterlassen hat, von Denkfaulheit und Angstreflexen bis zur vorauseilenden Demut. "Das Leben in Rot" stellt aber auch eine Warnung an die Adresse der Optimisten und Träumer dar: Nur weil spätere Generationen es "Vergangenheitsbewältigung" nennen, sollten sie noch lange nicht sicher sein, das Wesen der Barbarei begriffen zu haben.

Isaac Rosa: "Das Leben in Rot". Roman. Aus dem Spanischen übersetzt von Ralph Amann. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2008. 347 S., geb., 22,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Paul Ingendaay kann's nicht fassen. Was Isaac Rosas "Radiografie des Franco-Regimes" nach einem schnarchlangweiligen Anfang mit Erzählernabelschau und anderen theoretischen Sperenzien zu bieten hat, hält er für das beste zum Thema seit Chirbes' "Der lange Marsch". Immer tiefer folgt er dem Autor bei seiner "bohrenden fiktionalen Untersuchung" und stößt dabei nicht nur auf literarische Intelligenz vom Feinsten. Die vielen, "oft anonymen" Stimmen und Entwürfe, mittels deren Rosa erzählt, geben laut Ingendaay auch ein adäquates Bild von den Verhältnissen und dem Wert des Individuums zu Zeiten der Repression sowie von den nachwirkenden Deformierungen. Dem Leser empfiehlt Ingendaay Durchhaltevermögen fürderhin nur noch bezüglich der langen Folterszenen. Ein "spannendes" Buch über den franquistischen Folterstaat, das dem Rezensenten als Beweis gilt, dass meisterhaftes Erzählen historischer Ereignisse nicht unbedingt die Zeitgenossenschaft des Autors verlangt, sehr wohl aber künstlerisches Reflexionsvermögen.

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