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In Westeuropa gibt es drei Typen von Wohlfahrtsstaaten: den nordisch universalen und generösen, den eher residualen und liberalen in den angelsächsischen Ländern und den fragmentierten Sozialversicherungsstaat in Kontinentaleuropa. Legt man die historischen Wurzeln die- ser Systeme frei, wird die Bedeutung konfessioneller Konfliktlinien für die sozialstaatliche Typenbildung offensichtlich. So lässt sich der tief greifende Konflikt zwischen Kirche und Staat nur in Kontinentaleuropa finden, nicht aber in Skandinavien. Diese Konflikte waren jedoch entscheidend für die Herausbildung der…mehr

Produktbeschreibung
In Westeuropa gibt es drei Typen von Wohlfahrtsstaaten: den nordisch universalen und generösen, den eher residualen und liberalen in den angelsächsischen Ländern und den fragmentierten Sozialversicherungsstaat in Kontinentaleuropa. Legt man die historischen Wurzeln die- ser Systeme frei, wird die Bedeutung konfessioneller Konfliktlinien für die sozialstaatliche Typenbildung offensichtlich. So lässt sich der tief greifende Konflikt zwischen Kirche und Staat nur in Kontinentaleuropa finden, nicht aber in Skandinavien. Diese Konflikte waren jedoch entscheidend für die Herausbildung der Parteisysteme Westeuropas und damit auch für die sozialstaatliche Politikentwicklung vom Ende des 19. Jahrhunderts bis heute.
  • Produktdetails
  • Theorie und Gesellschaft Bd.68
  • Verlag: Campus Verlag
  • Seitenzahl: 197
  • Erscheinungstermin: November 2008
  • Deutsch
  • Abmessung: 215mm x 144mm x 15mm
  • Gewicht: 260g
  • ISBN-13: 9783593387529
  • ISBN-10: 3593387522
  • Artikelnr.: 23864529
Autorenporträt
Philip Manow ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Konstanz.
Inhaltsangabe
Inhalt

Vorwort

Danksagung

Einleitung

Eine konfessionelle Landkarte europäischer Sozialstaatsmodelle

Wahlregeln, gesellschaftliche Spaltungslinien und der Klassenkompromiss - oder wie man Esping-Andersen mit Stein Rokkan erklären kann

Deutschland: Die Soziale Marktwirtschaft als interkonfessioneller Kompromiss

Frankreich: Ein christdemokratischer Wohlfahrtsstaat ohne Christdemokratie? Der französische État-providence, 1880-1960

Verzeichnis der Tabellen

Verzeichnis der Abbildungen

Appendix

Literatur
Rezensionen
Besprechung von 21.08.2009
Nun sag, wie hast du’s mit dem lutherischen Staatskirchentum?
Der deutsche Ordoliberalismus als religionsökonomisches Phänomen: Der Politikwissenschaftler Philip Manow stellt dem Sozialstaat die Gretchenfrage
An der Schwelle jeder wissenschaftlichen Betrachtung der Welt stehe die Verwunderung. Darin ist sich Wilhelm Röpke mit der griechischen Philosophie einig. Röpke, der Professor für internationale Wirtschaftsfragen in Genf war, zählt zu den geistigen Gründerfiguren des Neoliberalismus für die noch junge Bundesrepublik Deutschland. Es ist kaum vorstellbar, dass ein Lehrbuch der Ökonomie heute noch so beginnen könnte wie sein Werk „Die Lehre von der Wirtschaft”. Dabei hätten wir doch Anlass genug, uns darüber zu wundern, wie rätselhaft selbst die Welt der Wirtschaft ist. Doch die Ökonomie ist keine humanistische Disziplin mehr. Und eine Sache wie die scheinbar numinose Verwandlung von billig Produziertem in teuer Verkauftes besitzt dann doch nur eine ganz profane Ursache, nämlich im Marketing.
Was einen Menschen nun tatsächlich in Verwunderung versetzt, kann sehr unterschiedlich sein. Der Konstanzer Politologe Philip Manow etwa bekennt im ersten Satz seines neuen Buches, dass er die angeblich illiberale Programmatik des deutschen Ordoliberalismus der Freiburger Schule erstaunlich findet. Er nahm die Sache zum Anlass für eine wissenschaftliche Betrachtung und dabei kommt heraus, dass nicht allein hinter dem bundesdeutschen Sozialstaat und der Lehre von der Sozialen Marktwirtschaft in ihrer Gründungphase eine ausgeprägt protestantische Auffassung von Mensch, Gesellschaft und autoritärem Staat stand, sondern religiöse Überzeugungen auch in anderen Ländern die Ausbildung verschiedener Typen des Wohlfahrtsstaats beeinflusst haben. Religion und konfessionelle Unterschiede seien ein vernachlässigter Faktor in der vergleichenden Wohlfahrtstaatsforschung.
Zur Wiederkehr der Religion in einer sich postsäkular verstehenden Gesellschaft gehört es offenbar auch, den Erklärungswert religiöser Ideen und Lebensformen für die Gesellschaft, wie sie ist, dort wiederzuentdecken, wo der Konflikt zwischen Kapital und Arbeit oder die Unterschiede von Wahlsystemen zur Erklärung wohlfahrtsstaatlicher Differenzen allein nicht ausreichen. So erlebt der deutsche Ordoliberalismus nicht nur durch die Finanzmarktkrise als Folge kolossalen Ordnungsversagens eine Renaissance, sondern wird auch als religionsökonomisches Phänomen wiederentdeckt. Man braucht nur daran zu erinnern, dass Alfred Müller-Armack, der der Sozialen Marktwirtschaft ihren stets großgeschriebenen Namen gab, Professor für Nationalökonomie und für Religionssoziologie war, ehe er in das Ministerium Ludwig Erhards wechselte.
Die Soziallehre der katholischen Kirche, vermittelt über die Bedeutung starker christdemokratischer Parteien, galt schon lange als wichtiger Einflussfaktor der Sozialstaatsentwicklung. In der weithin anerkannten Typologie der zum modernen Klassiker avancierten „Drei Welten des Wohlfahrtskapitalismus” des dänischen Politologen Gösta Esping-Andersen wird der Katholizismus als prägend für die korporatistischen Züge des sogenannten „konservativ-kontinentalen Typus” angesehen. Für den rheinischen Kapitalismus steht die Bedeutung katholischer Sozialideen ohnedies außer Frage.
Elegante Studien
Darüber hinaus kann Philip Manow jetzt in eleganten Studien empirisch auf überzeugende Weise belegen, welche Bedeutung verschiedene Protestantismen, lutherisches Staatskirchentum einerseits, reformierte und freikirchliche Strömungen andererseits, für die Varianten des westlichen Wohlfahrtsstaates haben. Mit Blick auf die Bundesrepublik Deutschland zeigt sich, dass ihre soziale und wirtschaftliche Ordnung nach dem Krieg als ein „interkonfessioneller Kompromiss verstanden werden muss”.
Bleibt jedoch zu klären, wie es eigentlich zu jener anfänglichen Verwunderung gekommen ist und was es mit der vermeintlich illiberalen Programmatik des deutschen Ordoliberalismus auf sich hat. Schnell zeigt es sich, dass dem ein vereinfachtes Liberalismusverständnis zugrunde liegt, das einem historisch vielgestaltigen Phänomen nicht angemessen sein kann. Der Autor setzt den „heute geläufigen Sinn von liberal” als ein „Programm, das die Markinterventionen des Staates auf ein notwendiges Minimum beschränkt und ansonsten den freien Kräften des Marktes das Feld überlässt” unbefragt als maßgebliche Bestimmung voraus. Daran gemessen erscheint der Ordoliberalismus dann als „alles andere als liberal”, sogar als „Antiliberalismus”.
Dem Buch, das im Hinblick auf die Differenzen innerhalb des Protestantismus durchaus feinnervig deren jeweilige Folgen für den Wohlfahrtsstaat ermittelt, fehlt eine entsprechende historische Sensibilität für den Variantenreichtum des Liberalismus. Mal führe der „klassisch liberale Weg über die Postulierung unveräußerlicher und ‚sakrosankter- individuell-subjektiver Freiheitsrechte”. Ein andermal wird zum „klassisch liberalen Argument” das größte Glück der größten Zahl. Aber weder der prinzipielle Widerstreit zwischen beidem, hier einem utilitaristischen Liberalismus und dort einem auf unveräußerlichen Rechten basierenden, wird vermerkt noch die Unterschiede zwischen diesen beiden und dem „heute geläufigen Sinn von liberal”.
Es bleibt dabei, der Ordoliberalismus ist in einem bestimmten Sinne liberal. Noch seine Kritik des Liberalismus ist eine liberale. Denn auch wenn er einen starken Staat fordert, so dient dieser doch dem Wettbewerb, der keine elementare Gegebenheit ist, sondern eine Rahmenordnung voraussetzt. „Freie Wirtschaft, starker Staat” war der Titel einer berühmten Rede Alexander Rüstows. Sie stellt die freie Wirtschaft an den Anfang. Für die Akzeptanz einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung im konservativ-bürgerlichen Milieu der Nachkriegszeit ebnete die spezifische Verknüpfung wettbewerbsliberaler Vorstellungen mit kulturkritischem protestantischen Gedankengut den Weg. Wenn es dabei im Vorwort der 1948 gegründeten programmatischen Zeitschrift Ordo heißt, der Wettbewerb dulde keine Konservierung gesellschaftlicher Schichtungen, so ist gerade darin die Abgrenzung auch zur katholischen Soziallehre zu sehen. Der Wettbewerb ist die liberale idée directrice dieses Denkens; er ist das Programm ökonomischer Rationalität. Wer mag, kann darüber verwundert den Kopf schütteln.DIRK LÜDDECKE
PHILIP MANOW: Religion und Sozialstaat: Die konfessionellen Grundlagen europäischer Wohlfahrtsstaatsregime. Campus Verlag, Frankfurt a.M. 2009. 197 Seiten, 27,90 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.sz-content.de
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Rezensent Dirk Lüddecke schätzt diese Arbeit von Philip Manow über die "konfessionellen Grundlagen europäischer Wohlfahrtsstaatsregime". Er bescheinigt dem Autor, die religiösen beziehungsweise konfessionellen Wurzeln verschiedener Typen von Wohlfahrtsstaaten freizulegen. Überzeugend scheint ihm vor allem, wie Manow in "eleganten Studien" die Bedeutung diverser Richtungen des Protestantismus für die Varianten des westlichen Wohlfahrtsstaates aufzeigt. Hinsichtlich der Bundesrepublik Deutschland wird für ihn etwa deutlich, das ihr System als ein "interkonfessioneller Kompromiss" verstanden werden müsse. Allerdings moniert Lüddecke einen Mangel an "historischer Sensibilität für den Variantenreichtum des Liberalismus".

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