Die Macht der Schrift - Puchner, Martin
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Die Geschichte unserer Zivilisationen in den vergangenen vier Jahrtausenden ist eine Geschichte des geschriebenen Wortes. Die Verschriftlichung von Gründungsmythen, Erzählungen über Recht und Unrecht hat Weltreiche mehr verändert als Heerscharen von Soldaten.
Martin Puchner zeigt in seinem beeindruckenden Werk, wie sechzehn Texte der Weltgeschichte, von Homers "Ilias" bis zu "Harry Potter", unseren Blick auf die Welt und unser Handeln darin geprägt haben. Und dass wir auch heute noch mit Fug und Recht behaupten können, in einer geschriebenen Welt zu leben, die ohne die Errungenschaften…mehr

Produktbeschreibung
Die Geschichte unserer Zivilisationen in den vergangenen vier Jahrtausenden ist eine Geschichte des geschriebenen Wortes. Die Verschriftlichung von Gründungsmythen, Erzählungen über Recht und Unrecht hat Weltreiche mehr verändert als Heerscharen von Soldaten.

Martin Puchner zeigt in seinem beeindruckenden Werk, wie sechzehn Texte der Weltgeschichte, von Homers "Ilias" bis zu "Harry Potter", unseren Blick auf die Welt und unser Handeln darin geprägt haben. Und dass wir auch heute noch mit Fug und Recht behaupten können, in einer geschriebenen Welt zu leben, die ohne die Errungenschaften eines Alphabets, ohne die Kunstfertigkeit des Schreibens, ohne die Fantasie von Autoren, ohne das Wissen um den Papierdruck eine vollkommen andere wäre. Schließlich vollzieht Puchner auch die Umbruchsphase der Digitalisierung nach und fragt, was sie für unsere Gegenwart und Zukunft bedeutet.
  • Produktdetails
  • Verlag: Blessing
  • Seitenzahl: 445
  • Erscheinungstermin: 1. April 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 231mm x 162mm x 38mm
  • Gewicht: 768g
  • ISBN-13: 9783896675613
  • ISBN-10: 3896675613
  • Artikelnr.: 54464735
Autorenporträt
Puchner, Martin
Martin Puchner, geboren 1969 in Erlangen, ist Literaturwissenschaftler, er studierte an der Universität Konstanz, an der Universität Bologna und an der University of California - 1998 an der Harvard University promoviert, bis 2009 an der Columbia University beschäftigt. Seither lehrt er Englisch und Komparatistik in Harvard und leitet dort außerdem die Theaterausbildung. 2017 erhielt er ein Guggenheim Fellowship und 2018 den Berlin Prize. Puchner ist Herausgeber der renommierten »Norton Anthology of World Literature«.
Rezensionen
"Weit gereist, scharfsinnig, gebildet: Puchner erklärt uns, wie stark wir über die Jahrtausende von den Geschichten geformt wurden, die wir erdacht und aufgezeichnet haben." Stephen Greenblatt
Besprechung von 11.04.2019
Nur wer aufschreibt, verändert die Welt
Literatur aus Jahrtausenden: Der Harvard-Forscher Martin Puchner in der American Academy in Berlin

Literaturstudenten der englischsprachigen Welt kennen seit Jahrzehnten die schweren, brikettgroßen Anthologien aus dem Verlag Norton. Die Wälzer haben bis zu zweieinhalbtausend Seiten, sind auf Bibelpapier gedruckt und decken vieles von dem ab, was man im Studium so braucht. Seit fünfzehn Jahren liegt die Herausgeberschaft der "Norton Anthologies" in den Händen von Martin Puchner, Professor für Englisch und Komparatistik an der Harvard University. Zu seiner dreibändigen Anthologie der Weltliteratur steht im Internet keine Seitenangabe, aber sie bringt sechs Pfund auf die Waage. Darüber hinaus vermittelt Puchner in seinem Online-Kurs in Harvard Zehntausenden Studenten - es heißt, in 160 Ländern - die Meisterwerke der Literatur.

Der Vortrag an der American Academy in Berlin, wo der Forscher in diesen Monaten als Fellow lebt, konzentrierte sich auf einige Ideen seines soeben auf Deutsch erschienenen Buches "Die Macht der Schrift: Wie Literatur die Geschichte der Menschheit formte" (Blessing Verlag). Puchner will Weltliteratur nicht nur als Abfolge fundamentaler literarischer Texte erzählen, sondern als Ineinandergreifen von technologischer Entwicklung, großem storytelling, das zur Verschriftlichung findet, und dem richtigen historischen Augenblick. Dass die drei amerikanischen Astronauten des Raumschiffs "Apollo 8" bei ihrer Annäherung an den Mond den ersten menschlichen Blick auf die Erde von weit draußen mit dem lauten Vorlesen der Schöpfungsgeschichte aus dem Buch Genesis zelebrierten, wäre ein solcher Kulminationspunkt: Hochtrainierte Kampfflieger werden zu Poeten und bündeln das Erhabene des Moments im ewigen Text der christlichen Überlieferung. Wichtig dabei: In der Raumkapsel stand der Text auf feuerfestem Papier.

Man könnte Puchners Ansatz kulturmaterialistisch nennen, wäre er nicht seinerseits so verführerisch erzählversessen. Ohne fixierte Geschichten wären wir nichts, so eine der Thesen. Ohne Geschichten auf Ton oder Papier hätten wir keine Spuren hinterlassen, nichts erreicht, erobert, bewahrt und dauerhaft gemacht. Der Blick Puchners durchschneidet dabei Zeiten und Räume: Bormans Genesis-Lesung in "Apollo 8" beruhte auf der griechischen Erfindung des Alphabets, das zum Zeichencode eines Großteils der Welt wurde, gedruckt auf einem Stoff, den die Chinesen entwickelt hatten und der über den arabischen Raum nach Amerika und Europa gelangt war. Abgeschrieben hatte Borman die Passage aus der Bibel, die im Format der römischen Erfindung des Kodex gebunden war. Im Prinzip hat die ganze Welt an diesen Sekunden des Jahres 1968 mitgearbeitet.

So durchwandert Puchner die Jahrhunderte und Jahrtausende, vom Gilgamesch-Epos bis zu Homer, vom "Don Quijote" bis zum "Kommunistischen Manifest" und dem neuen großen Gesang des karibischen Dichters Derek Walcott. Bücher steuern Geschichte, nicht nur in Gestalt des Breviers im Oktav-Format, das der Conquistador Francisco Pizarro dem Inka-Herrscher Atahualpa unter die Nase halten ließ, um ihn zur Anerkennung der Kolonialmacht zu zwingen. Bücher und die darin aufbewahrten Gründungsmythen sind auch noch da, wenn die Reiche selbst schon untergegangen sind. So sicherten die Maya aus Guatemala im "Popol Vuh" (Buch des Rates) ein Stück ihrer Überlieferung, indem sie es teils in der Sprache des Feindes schrieben.

Der Blick in die Zukunft ist für Puchner von technologiegeschichtlichen Ironien geprägt: Noch niemals seit dem Anbruch der Gutenberg-Ära war die Menschheit dem Dasein des Schreibers und Sekretärs so nahe wie heute. Früher ließ, wer es sich leisten konnte, andere für sich schreiben; heute macht man das Allermeiste selbst. Die ehemalige Kluft zwischen dem Autor und seinen Lesern - der eine mit seiner Herrschaft über Verleger, Publikationsbedingungen und Druckmedium, alle anderen als hungrig wartende Empfänger des fertigen Buches - ist weitgehend zugeschüttet. Textproduzenten sind stolz darauf, mit ihren digitalen Endgeräten verwachsen zu sein, von der Formatierung des Geschriebenen bis zur Online-Publikation, während die sozialen Medien ihrerseits alle Leser zu potentiellen Verfassern erheben. Der reine Leser, der passive Konsument dürfte Vergangenheit sein.

Martin Puchner erweckte auf dem Podium der American Academy nicht den Eindruck, als bedrückte ihn der technologische Wandel. Ganz so ungewöhnlich, sagte er gut gelaunt, seien wir auch wieder nicht. Schon bei den alten Ägyptern hätten sich Lehrer über ihre faulen Schüler beklagt und diese über deren öde, eisenharte Pädagogik. Die schriftlichen Quellen lügen nicht: immer dieselbe Litanei.

Puchner erwähnte noch eine weitere ironische Volte, nämlich dass die Lektüre am Computer oder auf dem Tablet wieder in Zeiten vor Gutenberg zurückspringt, denn das Scrollen im Text erinnert an die alte Schriftrolle (englisch "scroll"), die durch das Buch überwunden worden war. Alles kommt wieder, auch die Lese- und Schreibtechnologie, ob als Reprise, kulturhistorisches Zitat oder Karikatur. Dass die digitalen Medien durch Emojis auch wieder die Flucht in Bilder ermöglichen, also ein Zeichensystem, in welchem jeweils ein Symbol für eine Sache steht, heißt wohl nur, dass wir nie ganz erwachsen werden.

PAUL INGENDAAY

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur Dlf Kultur-Rezension

"In atemberaubenden Schwüngen" durchquert Autor Martin Puchner die Literaturgeschichte, schwärmt Rezensentin Sarah Elsing: vom Gilgamesch-Epos bis zu Harry Potter. Und wunderbar erzählen kann er, wenn er nach neuen Querverbindungen sucht, und gute Zitate für den Small Talk findet man auch, versichert sie. Dann lernt sie wieder "geradezu Augenöffnendes" über die Zensur und den Buchdruck. Mag sein, dass das Buch nicht so gelehrt ist, wie die Schriften der Assmanns oder Benedict Andersons - Elsing macht das nichts aus. Schließlich seien ja auch viele Autoren keine Gelehrten gewesen oder professionelle Schriftsteller.

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