Die Macht der Schrift - Puchner, Martin
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Die Geschichte unserer Zivilisationen in den vergangenen vier Jahrtausenden ist eine Geschichte des geschriebenen Wortes. Die Verschriftlichung von Gründungsmythen, Erzählungen über Recht und Unrecht hat Weltreiche mehr verändert als Heerscharen von Soldaten. Martin Puchner zeigt in seinem beeindruckenden Werk, wie sechzehn Texte der Weltgeschichte, von Homers »Ilias« bis zu »Harry Potter«, unseren Blick auf die Welt und unser Handeln darin geprägt haben. Und dass wir auch heute noch mit Fug und Recht behaupten können, in einer geschriebenen Welt zu leben, die ohne die Errungenschaften eines…mehr

Produktbeschreibung
Die Geschichte unserer Zivilisationen in den vergangenen vier Jahrtausenden ist eine Geschichte des geschriebenen Wortes. Die Verschriftlichung von Gründungsmythen, Erzählungen über Recht und Unrecht hat Weltreiche mehr verändert als Heerscharen von Soldaten. Martin Puchner zeigt in seinem beeindruckenden Werk, wie sechzehn Texte der Weltgeschichte, von Homers »Ilias« bis zu »Harry Potter«, unseren Blick auf die Welt und unser Handeln darin geprägt haben. Und dass wir auch heute noch mit Fug und Recht behaupten können, in einer geschriebenen Welt zu leben, die ohne die Errungenschaften eines Alphabets, ohne die Kunstfertigkeit des Schreibens, ohne die Fantasie von Autoren, ohne das Wissen um den Papierdruck eine vollkommen andere wäre. Schließlich vollzieht Puchner auch die Umbruchsphase der Digitalisierung nach und fragt, was sie für unsere Gegenwart und Zukunft bedeutet.

  • Produktdetails
  • Verlag: Blessing
  • Originaltitel: The Written World
  • Seitenzahl: 445
  • Erscheinungstermin: 1. April 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 231mm x 162mm x 38mm
  • Gewicht: 768g
  • ISBN-13: 9783896675613
  • ISBN-10: 3896675613
  • Artikelnr.: 54464735
Autorenporträt
Puchner, Martin
Martin Puchner, geboren 1969 in Erlangen, ist Literaturwissenschaftler, er studierte an der Universität Konstanz, an der Universität Bologna und an der University of California - 1998 an der Harvard University promoviert, bis 2009 an der Columbia University beschäftigt. Seither lehrt er Englisch und Komparatistik in Harvard und leitet dort außerdem die Theaterausbildung. 2017 erhielt er ein Guggenheim Fellowship und 2018 den Berlin Prize. Puchner ist Herausgeber der renommierten »Norton Anthology of World Literature«.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 01.08.2019

Von Gutenbergs Presse zu Fords Fließband?
Kunstgriffe: Martin Puchner fragt nach der Bedeutung der Literatur für die Menschheitsgeschichte und unternimmt dabei abwegige Exkurse

Herrschaft und Literatur pflegen ein dunkles Verhältnis. Dem Auge der Gegenwart erscheint die literarische Kultur meist als ein genuin widerständiges, machtfernes Gefüge, das sich dem despotischen Zugriff widersetzt und zum Refugium der Unterdrückten und Exilierten avanciert. Der Vorstellung von Literatur als einem per se herrschaftskritischen, da ambivalenzbewussten Medium steht freilich der Befund gegenüber, dass Texte religiöse wie politische Macht nicht nur zersetzen, sondern ebensogut auch legitimieren und absichern können. Die formative Kraft von Literatur - die Begründung von Weltbildern, Epochen, Dynastien aus der Schrift - kann kaum überschätzt werden und erstreckt sich von den heiligen Texten der Weltreligionen über Kants Kritiken bis hin zu tatsächlich weltbewegenden Funkenschlägen wie dem "Kommunistischen Manifest".

Wenn Martin Puchners umfängliche Studie "Die Macht der Schrift" sich nun den Wirkungszusammenhängen zuwendet, welche die Kulturtechnik des Schreibens mit der globalen Kategorie der "Menschheitshistorie" verbinden, dann ließe sich ein solches Unternehmen grundsätzlich aus zwei Perspektiven beginnen: einer mediengeschichtlichen oder einer ideengeschichtlichen. So könnte man erstens danach fragen, wie die Produktion, Verwahrung und Distribution von Schrift zur Stabilität oder Instabilität politischer Herrschaft beitragen, den Grundstein solcher Betrachtungen fände man etwa in Harold Innis' immer noch unerreichter Arbeit zu "Empire and Communications" von 1950. Man könnte auch über das Beharrungsvermögen der Dichtung sprechen - den abgerissenen, doch singenden Kopf des Orpheus - oder sich um die ökonomische Realität des Schreibmaterials kümmern, wie Lothar Müllers "Weiße Magie" (2012) das getan hat.

Zweitens evoziert ein Buch, das den Untertitel "Wie Literatur die Geschichte der Menschheit formte" führt, natürlich auch den Gedanken, dass man es hier mit einer Abhandlung über die großen Texte zu tun hat. Ganz klassisch käme man dann bei einem Kanon an, der völlig unterschiedliche Genres in sich fasst, in dem Homer neben Darwin, die Bibel neben "Don Quijote" steht. Die Frage hinter einer solchen Tour de Force würde vermutlich lauten: Wie muss Literatur eigentlich gebaut sein, damit sie Menschheitsgeschichte zu formen, mit ihr zu interagieren vermag? Es wäre nicht verwegen, Martin Puchners Arbeit zu unterstellen, dass es ihr zentrales Anliegen gewesen sei, die Antwort auf diese Frage zu finden.

Inszeniert wird "Die Macht der Schrift" zunächst als ein weltliterarischer Aufriss. In insgesamt sechzehn Episoden führt Puchner - nach einem kurzem Abstecher an Bord der Apollo 8, wo man die Genesis liest - durch die humanoide Textgeschichte. Von der Ilias, die Alexander der Große als "Kopfkissenbuch" mit sich führte, und das erst 1845 bei Mossul geborgene Gilgamesch-Epos über Esra, "Die Geschichte vom Prinzen Genji" und Sheherazade bis hin zum "Popol Vuh", zur amerikanischen "Freiheitserklärung" und zu Derek Walcott: Puchner sucht die großen Episoden, die, jede für sich genommen, schon recht gut erforscht sind.

Die Innovation dieses Buches wäre also weniger in den Einzelbetrachtungen, sondern in der sie umfassenden und verknüpfenden Erzählung zu suchen. Genau hier aber hakt es nun - denn was ist das eigentlich für eine Erzählung, in welcher Einsicht gründet sie?

Aus der Zusammenschau der einzelnen Kapitel erwächst zunächst einmal der Eindruck, dass sich die Geschichte der Literatur (oder: die Literatur der Geschichte) vor allem über Techniken der Sicherung und Verbreitung von Texten entziffern ließe. Extensiv referiert Puchner Fachwissen über das assyrische Keilschriftsystem, die Steinbibliotheken der Kaiserlichen Akademie von Peking, die Entstehung der Kana-Schrift, die Gutenbergsche Drucktechnik, die Bücher der Maya und Benjamin Franklins Druckernetzwerk; ergreifend sind die Momente, in denen von Jahrhunderten verschüttetes Schriftgut wie das Diamant-Sutra wieder das Tageslicht erblickt. Bisweilen dringt man hier zu überraschenden Befunden vor, etwa zum Desinteresse der arabischen Welt am Druckverfahren bei gleichzeitiger Adaption der chinesischen Papiertechnik. Zu denken gibt überdies die fundamentale Ambivalenz, die im Zuge der Übersetzung von Technik in Geistesgeschichte immer wieder aufscheint. Als bestes Beispiel mag hierbei der Gutenbergsche Druck dienen, der zuerst den Ablasshandel befeuert, um sodann zur mächtigsten Waffe der Reformation zu avancieren. Aber auch eine Figur wie Diego de Landa, der das Wissen um die Mayaschriften einerseits aufspeichert und tradiert und andererseits den größten Bestand an Maya-Texten im Autodafé von 1562 vernichten lässt, mag als Exempel jener Überblendung von bewahrender und verheerender Kraft dienen, die den Korridor zwischen Literatur und Macht beherrscht.

In diesen mediengeschichtlichen Referaten erscheint Literatur vorrangig in den Parametern von Widerständigkeit und Eroberung, Rückzug und Ausdehnung. "Global" ist die Schrift, weil sie in der Welt bestehen und diese zu durchmessen vermag. Das könnte man so hinnehmen, wäre da nicht dieser seltsam hypostasierte Begriff von "Schrift", den man in dieser dezidierten Ausprägung eigentlich nur von Friedrich Kittler kennt, der ihm freilich eine ganz andere definitorische Schärfe verliehen hat. Diese Trennschärfe fehlt Puchner. An ihre Stelle tritt eine eigentümliche Substantialisierung von Texten (so heißt es etwa, das Diamant-Sutra habe "wie ein sich selbst replizierender Organismus immer weitere Versionen seiner selbst" reproduziert oder der Maya-Gefangene Jerónimo de Aguilar sei allein durch den Besitz eines Breviers davon abgehalten worden, "sich den einheimischen Sitten zu unterwerfen".

Im Verlauf der Lektüre erweist es sich immer mehr als Problem, dass die Lücke zwischen dem überladenen Schriftbegriff und der Geschichte stets nur durch Kunstgriffe geschlossen werden kann. Dazu zählt neben der rhetorischen Substantialisierung auch die Spekulation, die etwa bemüht wird, wenn Querverbindungen zwischen der Auflagenstärke des Kommunistischen Manifests an bestimmten Orten und den dort sich häufenden "Anzeichen für eine bevorstehende Revolution" gezogen werden oder in Gutenbergs Druckwerkstatt "Henry Fords Fließbandproduktion" vorweggenommen wird. Vor allem aber sind es die jedem Kapitel eingefügten Reiseberichte des Autors, die zweifellos die empirische Spur der Schrift bezeugen sollen, jedoch - das gilt beispielhaft etwa für die Schilderung von Puchners Besuch in Istanbul bei Orhan Pamuk - ein ums andere Mal die Argumentation durch abwegige Privatexkurse und Selbstbespiegelungen zersetzen. Nichts gegen den spielerischen Umgang mit Philologie, aber spätestens bei jenem extensiven "Tagtraum", den Puchner "Schahrasad eingegeben haben könnte", ist dann die Grenze des Schicklichen erreicht, und es stellt sich die Frage nach dem Adressatenkreis dieses Buches.

In der Tat: An wen richten sich Aussagen wie "Die Literaturgeschichte ist voll von Geschichtensammlern"? Wer soll dem Befund zustimmen, dass "das Geniale an Don Quijote" sei, dass dieser als "ein hilfloser Narr" umherirre, "der stinksauer ist auf die Welt und damit unsere eigene kollektive Erfahrung in einer mechanisierten modernen Kultur widerspiegelt"? Und vor allem: Wie kommt man heute noch zum Analogieschluss zwischen Buchdruck und Digitalisierung und fragt, ob "auch unsere Schreibrevolution zu fundamentalistischen Auslegungen heiliger Schriften animieren" wird?

Am Grunde dieses Buchs liegt dann immer noch jener Begriff, auf dem das Gesamtprojekt aufruht und der im letzten Drittel des Werks, das sich unter anderem durch Westafrika, die Karibik und Indien bewegt, immer drängender wird: der Begriff der Weltliteratur. Natürlich hat man es hier mit einem "weltliterarischen" Projekt zu tun, der Blick auf die Erde aus dem Weltraum, mit dem der Text einsetzt, ist entsprechend programmatisch zu lesen. Gewünscht hätte man sich freilich, dass die Tragfähigkeit des Begriffs allerdings überhaupt erst einmal diskutiert würde, bevor man lesen darf, dass "Goethes Vorstellung von Weltliteratur als einer Ware, die auf der Existenz eines internationalen Literaturmarkts beruht und dank Übersetzern vertrieben werden kann, bis heute ihre Gültigkeit nicht verloren" habe.

Dass gerade der "internationale Literaturmarkt" eher auf einer angloamerikanischen Übersetzungshegemonie, das Konzept der "World Literature" somit auf Voraussetzungen ruht, die die literarische Erfahrung afrikanischer oder asiatischer Welten eher verstellen als zugänglich machen, gehört mittlerweile - frühestens seit den Einlassungen von Gayatri Chakravorty Spivak, allerspätestens seit Emily Apters "Against World Literature" von 2014 - zu den Grundeinsichten der Debatte. Man muss die Skepsis an der Funktionalität des Begriffes sicher nicht uneingeschränkt teilen. Sie aber schlichtweg zu übergehen, steht einem Text mit solchem Anspruch nicht gut an. Und so bleibt man am Ende eher ratlos vor einer zwar in Teilen informativen, aber doch stilistisch zerklüfteten und in den entscheidenden Momenten spekulativen Schrift.

PHILIPP THEISOHN

Martin Puchner:

"Die Macht der Schrift". Wie Literatur die Geschichte der Menschheit formte.

Blessing Verlag, München 2019. 448 S., geb, 26,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur Dlf Kultur-Rezension

"In atemberaubenden Schwüngen" durchquert Autor Martin Puchner die Literaturgeschichte, schwärmt Rezensentin Sarah Elsing: vom Gilgamesch-Epos bis zu Harry Potter. Und wunderbar erzählen kann er, wenn er nach neuen Querverbindungen sucht, und gute Zitate für den Small Talk findet man auch, versichert sie. Dann lernt sie wieder "geradezu Augenöffnendes" über die Zensur und den Buchdruck. Mag sein, dass das Buch nicht so gelehrt ist, wie die Schriften der Assmanns oder Benedict Andersons - Elsing macht das nichts aus. Schließlich seien ja auch viele Autoren keine Gelehrten gewesen oder professionelle Schriftsteller.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 27.07.2019

Wir sind,
wie wir lesen
Der Komparatist Martin Puchner und die
Kognitionswissenschaftlerin Maryanne Wolf
verteidigen die analoge Schrift
VON STEFFEN MARTUS
Irgendwann erkannte ich mich nicht mehr wieder. Meiner Hand fehlte beim Schreiben der selbstverständliche Schwung. Insbesondere die Signatur, mit der ich mich auswies und Dokumente beglaubigte, war mir fremd geworden. Die Buchstaben fielen ungelenk aus und verschliffen, meine Körper vollzog nicht mehr jene jahrzehntelang gewohnten Bewegungen, die mich als Individuum ausweisen und von allen anderen unterscheiden sollten. Ich fühlte mich wie Gregor Samsa, der eines morgens überrascht als Ungeziefer aufwacht. Der permanente Umgang mit der Tastatur digitaler Medien hatte etwas mit mir angestellt. Ich erzählte Freunden von der unheimlichen Verwandlung. Sie berichteten mir Ähnliches. Ich war also nicht allein. Was aber geschah gerade mit uns?
So ungefähr würde meine Rezension beginnen, wenn die Literaturagenten der Kognitionswissenschaftlerin Maryanne Wolf oder des Komparatisten Martin Puchner den Ton vorgegeben hätten, deren Studien über die Bedeutung der guten alten analogen Schrift nun übersetzt vorliegen. Populäres Sachbuch goes TV-History-Doku.
Nach dem dramatischen Aufschlag würde ich dann erzählen, welche Erlebnisse mich auf die Idee zu meinem Text gebracht haben, dass ich Unmengen von Forschungsbeiträgen durchgearbeitet und auf der ganzen Welt mit Experten gesprochen habe. Schließlich würde ich auch Maryanne Wolf an ihrer Universität in Massachusetts besuchen und so fortfahren: Massachusetts – ich mochte den gleichnamigen Song (natürlich nicht die Bee Gees-Schnulze, sondern den Klassiker in der Version von Maxine Sullivan).
Wolf, die „selbsternannte Kriegerin des Lesens“, eine leidenschaftliche Wissenschaftlerin mit einer Vorliebe für große, bunte Brillengestelle, untersuchte seit Langem die Effekte der Digitalisierung auf unser Gehirn. Sie machte mir klar, dass die Entfremdung von meiner Handschrift nur ein kleines Symptom dafür war, wie sich unsere Motorik ebenso wie unser gesamter kognitiver Apparat gerade in atemberaubender Geschwindigkeit umorganisiert: „Gemeinsam stehen wir am Beginn galaktischer Veränderungen, die sich im Verlauf der nächsten paar Generationen Bahn brechen werden.“ Die selbstgemachten Katastrophen des Anthropozäns betrafen nicht länger nur die Umwelt, sondern auch unsere essenziellen Eigenschaften als denkende Lebewesen. Die digitale Welt machte Jagd auf uns. Das Schicksal der Menschheit stand auf dem Spiel.
Man kann es im populären Sachbuch mit der Ranschmeiße an die Leser wirklich übertreiben. Spannungsfragen, pädagogische Vergleiche und ermogelter Authentizitätsgewinn durch permanenten Ich-Bezug lenken dann von der eigentliche Sache eher ab, als dass sie diese erhellen. Die Themen von Martin Puchner und Maryanne Wolf aber sind so wichtig, dass sie auf diese rhetorischen Tricks leicht hätten verzichten können. Aufschlussreich nämlich werden ihre Gedanken zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der „alten Medien“ immer dann, wenn sie die Leser nicht wie Helikopter-Autoren betüdeln.
Wolfs Plädoyer für die besondere Qualität der Buchlektüre setzt an der „Plastizität“ unserer kognitiven Fähigkeit an. Sprechen ist genetisch vorgesehen, Lesen nicht. Weil wir nicht als Leser geboren werden und zum Lesen Gehirnareale benutzen, die für andere Zwecke entstanden sind, müssen Bereiche umfunktioniert und neu verschaltet werden. Lesen prägt damit „unsere Art zu denken“: Wie wir schlussfolgern, Informationen einsortieren oder unser Vorwissen zur Unterscheidung von Facts und Fakes nutzen.
Wenn wir nicht mehr analog, sondern digital lesen, verändern sich diese intellektuellen Gewohnheiten. Uns kommt die „kognitive Geduld“ abhanden, bei der Lektüre längerer Texten andere Perspektiven einzunehmen, diese Gelegenheit zur Überprüfung von Vorurteilen zu nutzen und die Assoziationsfähigkeiten auf einer soliden gedanklichen Grundlage zu erweitern.
Maryanne Wolf gehört zu den Mitunterzeichnern der „Stavanger-Erklärung“, in der in diesem Frühjahr mehr als hundert Leseforscher aus ganz unterschiedlichen Disziplinen die Vor- und Nachteile der Lektüre von Papierdokumenten und digitalen Angeboten abgewogen haben und zu einem klaren Ergebnis gekommen sind: Der Bildschirm ist dem Papier unterlegen, wenn es um das Verständnis umfangreicher Texte geht, insbesondere wenn der Zeitdruck steigt; in der Schule sollte der Umgang mit Büchern gezielt eingeübt werden.
Wolf will die intellektuellen Chancen der digitalen Kommunikation nicht verpassen, aber die Fähigkeiten zum „tiefen“ Lesen bewahren. Die entscheidende Frage ist daher, ob „ein einzelner Leser sich bewusst verschiedene Schaltkreise aneignen“ kann. Wolf plädiert nach dem Muster zweisprachiger Erziehung für die Ausbildung „medialer Zweisprachigkeit“ und macht konkrete Vorschläge für die Ausbildung „eines wahrhaft zweigleisig arbeitenden Gehirns“. Die Bildungspolitik müsste dafür die Erkenntnisse der Leseforschung allerdings nicht nur finanzieren, sondern auch zur Kenntnis nehmen. Wirft man einfach einen Sack mit Tablets und PCs über einem Kindergarten oder einer Schule ab, ist die Wahrscheinlichkeit von Kollateralschäden sehr hoch.
Wolf hat ein Manifest in Form von Briefen verfasst. Martin Puchner unterstützt dieses Plädoyer auf ganz andere Weise, indem er mit globalgeschichtlichem Weitblick von der „Macht der Schrift“ erzählt. Er beginnt seine Recherche, die einen Zeitraum von 4000 Jahren umfasst, mit der Aufforderung der Bodenkontrolle an die Besatzung der Apollo 8, die Mondoberfläche genau zu erfassen – und zwar mündlich, weil die Kameratechnik nicht genug hergab: „Wenn möglich“, so wünschte man sich in Houston, „hätten wir das alles gerne so detailliert geschildert, wie ihr Poeten es nur könnt.“
Die Kampfpiloten im Cockpit des Raumschiffs, die denkbar weit entfernt von Creative-Writing-Seminaren ausgebildet worden waren, machten ihre Sache gut: Der erste besang den Mond „in der großen poetischen Tradition des amerikanischen Imagismus“, der zweite griff auf das Reservoir der Poesie des Erhabenen zurück, und der Kommandant selbst gab sich als existenzialistischer „Weltraumpoet“ und schwärmte von der „Expansion des Nichts“.
Dann ging es auf die dunkle Seite des Mondes. Der Funkkontakt brach ab. Als die Kapsel wieder auftauchte, hatte die Crew von Apollo 8 „eine Botschaft für alle Menschen auf Erden“: Sie rezitierte in der bis dahin populärsten Live-Übertragung der Geschichte vor rund 500 Millionen Zuhörern den biblischen Schöpfungsbericht.
Die USA hatten den Sputnik-Schock überwunden und legten nun ideologisch gegen jenen Gegner nach, dessen „Grundlagentext“ das Kommunistische Manifest war. Im Weltraum tobte eine Bücherschlacht.
In dieser großartigen Anfangsszene laufen vielen Fäden von Puchners Geschichte zusammen: Das Alphabet der Bibel, die die Apollo-Besatzung mit sich führte, wurde in Griechenland erfunden, das Buchformat in Rom, das Papier in China, woher es über die arabischen Länder nach Europa gekommen war. Die Astronauten nutzten also sehr alte Techniken für ihre Botschaft an die Menschheit. Bis zur Umlaufbahn des Mondes hatten sie es allerdings nur mithilfe von Computern geschafft, die für die „jüngste schreibtechnische Revolution“ verantwortlich sind. Von der „Kunst des Erzählens“, so zeigt diese Episode, lässt sich nicht ohne Rücksicht auf die Evolution von Codierungen, Medien und Verbreitungstechniken berichten.
Martin Puchner erzählt meisterlich – solange er seine eigenen Erlebnisse nicht so wichtig nimmt, wie dies laut Danksagung seine Literaturagentin fordert. So aber kommt es zu Passagen mit extremer Fallhöhe, etwa beim Vergleich mit Alexander dem Großen, der sich auf seinen Feldzügen in die Welt Homers fantasierte: „Wie ich hatte auch er von dem Epos geträumt, seit er als Kind zum ersten Mal von der homerischen Welt erfahren hatte.“
Nun ja, zwischen den Träumen von Alexander und Puchner liegen dann doch Welten. Dass Alexander ein Held aus dem Geist der „Ilias“ zu sein versuchte, ist dennoch eine grandiose Geschichte, um die Wirkkraft der Poesie zu illustrieren. Durch die konsequente Verbreitung der griechischen Sprache und des Alphabets führte Alexander immer auch einen „linguistischen Eroberungszug“ und installierte die kulturelle, bürokratische und wirtschaftliche Infrastruktur, durch die Homers Epos als Grundlagentext überlebte. Die Bibliothek von Alexandria war das grandiose Zeugnis dieser Schriftpolitik.
Puchner hebt beim Gilgamesch-Epos ab und landet in der Harry-Potter-Welt. Dazwischen geht es kreuz und quer über den Globus: „Lehrmeisterliteratur“ (Buddha, Konfuzius, Sokrates, Jesus), der erste chinesische Roman, der verzweifelte Kulturkampf der Maya gegen die spanischen Konquistadoren, das „Kommunistische Manifest“ und das westafrikanische Epos von Soundjata – er erzählt keine lineare Geschichte, sondern interessiert sich für Verzweigungen, Wiederholungen und Rückschritte.
Weltliteratur lebt in komplexen Medienverbünden. Puchner und Wolf schärfen das Bewusstsein für die Gleichzeitigkeit und die je eigene Bedeutung von mündlicher, hand- und druckschriftlicher sowie digitaler Kommunikation. Mit literaturhistorischer Tiefenschärfe und den empirischen Befunden der Kognitionswissenschaften zeigen sie, dass wir sind, was und wie wir lesen.
Wir brauchen „mediale
Zweisprachigkeit“, ein wirklich
zweigleisig arbeitendes Gehirn
Alexander wollte ein Held aus
dem Geist der „Ilias“ sein
und sicherte deren Bedeutung
Martin Puchner:
Die Macht der Schrift. Wie Literatur die
Geschichte der Menschheit formte. Aus
dem Amerikanischen
von Yvonne Badal.
Blessing Verlag,
München 2019.
448 Seiten, 26 Euro.
Keiner wird als Leser
geboren, der Umgang
mit Büchern muss gelernt werden.
Foto: imago
Maryanne Wolf:
Schnelles Lesen,
langsames Lesen.
Warum wir das Bücher-
lesen nicht verlernen dürfen. Aus dem Englischen von Susanne
Kuhlmann–Krieg. Penguin Verlag, München 2019. 304 Seiten, 22 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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»Weit gereist, scharfsinnig, gebildet: Puchner erklärt uns, wie stark wir über die Jahrtausende von den Geschichten geformt wurden, die wir erdacht und aufgezeichnet haben.« Stephen Greenblatt