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Zwölf Kurzromane des albanischen Meistererzählers. Schillernd, bunt und prächtig, auf der Grenze zwischen Mythos und Wirklichkeit. Kadare erweist sich auch hier als Seismograph und Chronist der Lebenswelten von Völkern und Kulturen auf dem Balkan. »Ismail Kadare, verschiedentlich als »albanischer Homer« bezeichnet, ist ein grandioser Erzähler, der sich auf epische Tableaus ebenso wie auf poetische Feinarbeit versteht, der historische Recherche mit eigenen Erfahrungen und Erinnerungen verbindet.« Ilma Rakusa, Westdeutscher Rundfunk…mehr

Produktbeschreibung
Zwölf Kurzromane des albanischen Meistererzählers. Schillernd, bunt und prächtig, auf der Grenze zwischen Mythos und Wirklichkeit. Kadare erweist sich auch hier als Seismograph und Chronist der Lebenswelten von Völkern und Kulturen auf dem Balkan. »Ismail Kadare, verschiedentlich als »albanischer Homer« bezeichnet, ist ein grandioser Erzähler, der sich auf epische Tableaus ebenso wie auf poetische Feinarbeit versteht, der historische Recherche mit eigenen Erfahrungen und Erinnerungen verbindet.« Ilma Rakusa, Westdeutscher Rundfunk
  • Produktdetails
  • Fischer Taschenbücher Bd.18871
  • Verlag: FISCHER Taschenbuch
  • Originaltitel: Der Raub des königlichen Schlafs
  • Seitenzahl: 516
  • Erscheinungstermin: 9. Dezember 2010
  • Deutsch
  • Abmessung: 192mm x 125mm x 33mm
  • Gewicht: 394g
  • ISBN-13: 9783596188710
  • ISBN-10: 3596188717
  • Artikelnr.: 29908666
Autorenporträt
Kadare, Ismail
Ismail Kadare, Albaniens berühmtester Autor, wurde 1936 im südalbanischen Gjirokastra geboren. Er studierte Literaturwissenschaften in Tirana und Moskau. Seine Werke wurden in vierzig Sprachen übersetzt, er gilt seit Jahren als Anwärter auf den Literaturnobelpreis. 2005 erhielt Kadare den Man Booker International Prize. 2015 wurde er mit dem Jerusalem Prize ausgezeichnet. Er ist Mitglied der französischen Ehrenlegion und lebt heute in Tirana und Paris.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 20.07.2009

Blicke ins offene Hirn
Das Absurde regiert: Erzählungen von Ismail Kadare

Albanien unter Enver Hodscha war das Land der drei Millionen Menschen und der 600 000 Bunker, ein offiziell atheistischer Staat, in dessen Kirchen und Klöstern zum Beispiel Käse schön kühl gelagert wurde. Hier konnte es passieren, dass Frau und Kinder eines der Sabotage beschuldigten Funktionärs, der Selbstmord begangen hatte, singend auf den Balkon ihrer Wohnung traten, um ihrer Freude über den wohlverdienten Tod des Vaters und Gatten Ausdruck zu geben. Autoren verpflichteten sich mit Hurra auf "Einfachheit und Militanz" und fassten in vorauseilendem Gehorsam Beschlüsse zur "Zwangsverbringung der Schriftsteller zwecks Umerziehung durch körperliche Arbeit bei der Aushebung von Kanälen".

Das Absurde war in Albanien Richtschnur der Politik. Wenn Ismail Kadare, der einzige Autor von Weltrang, den das Land in den letzten fünfzig Jahren hervorgebracht hat, in seinen Werken die Albtraumlogik walten lässt, dann ist er bloß Realist. Phantastik und Naturwahrheit werden in seinen Romanen und Erzählungen deckungsgleich. Oft nährt sich die literarische Imagination dieses Autors auch aus den alten Epen und Balladen des Balkans; immer wieder hat er das Osmanische Reich zum Muster des übermächtigen, durchbürokratisierten Staatsapparats stilisiert - gerne auch mit historischen Anachronismen, damit die Spiegelfunktion deutlicher wird.

Das sogleich verbotene Meisterwerk "Der Palast der Träume" (1981) handelt in diesem Sinn von einem Überwachungsstaat, der sämtliche Träume der Bevölkerung in einer Großbehörde systematisch auswerten lässt. Es ist der Zugriff auf das Unbewusste des Volkes, kein Seelenwinkel soll einen unerlaubten Gedanken bergen. "Der Palast der Träume" gehört zu den großen Kafka-Nachfolgedichtungen, und die Titelgeschichte des neuen Bandes mit zwölf Erzählungen und kleinen Romanen liest sich wie ein Outtake daraus. "Der Raub des königlichen Schlafs" erzählt vom Sultan Cem, der eines Tages merkt, dass das Traum-Dossier seines Großvaters gestohlen wurde, und darüber die Ruhe verliert. Denn ein "geraubter Schlaf" ist wie ein "offenes Dach" - "als ob ein Gehirn offenstünde, so dass man hineinblicken kann". Auf der Suche nach den verlorenen Träumen wird das ganze Land von der Geheimpolizei durchkämmt - die Fassade der Macht hat einen Riss bekommen, durch den der Luftzug der Paranoia eisig hereinweht.

Auch China, zu Zeiten der Kulturrevolution Albanien sehr verbunden, ist eine von Kadares Spiegelwelten. Die imperiale Phantasie "Die große Mauer" wird im Wechsel erzählt von einem Aufseher der chinesischen Mauer und einem jener Nomaden, vor denen das Bollwerk schützen soll. An der Grenze des Großreichs wuchern die wechselseitigen Projektionen: "China fürchtet die rohe Zerstörungskraft der Barbaren, diese hingegen den dekadenten Einfluss von Chinas stolzen Palästen, schönen Damen, glänzender Seide . . ." Die Angst vor der Macht ist ebenso ein Leitmotiv im Werk Kadares wie die Angst der Macht selbst. Kaum ein anderer fühlt den Diktatoren und Herrschern so den Puls wie dieser Autor, der selbst bis heute im Verdacht steht, mit Enver Hodscha vielleicht auf allzu vertraulichem Fuß gestanden zu haben.

Kadares Welt ist ein ungemütliches Universum. Trotzdem gehört zu seinem Stil nicht nur der schwarze Humor, sondern auch die Heiterkeit des Epikers, die in den bewährten Übersetzungen von Joachim Röhm nicht auf der Strecke bleibt. So erzählt eine der Geschichten von einem "Wettprangen" unter Männern - einem volkstümlichen Schönheitswettbewerb im albanischen Hochland. Weil bei solcher Gelegenheit schon mal ein ausgesprochen pockennarbiger und krummnasiger Mann die Palme davontrug, vermuten die Behörden, es könnte sich in Wahrheit um eine subversive Veranstaltung handeln, bei welcher der Anführer des Untergrunds erkoren wird. Bald wimmelt es von Spionen, die den prangenden Männern dicht auf den Fersen bleiben.

Die beste Erzählung des Bandes ist "Der Blendferman". Ein Ferman ist ein Dekret des Sultans, und in diesem Fall geht es darum, gewisse staatsgefährliche Personen zu blenden: alle diejenigen nämlich, die über die Gabe des "bösen Blicks" verfügen. Eine aufwendige Kampagne macht mit den absolut praktikablen Maßnahmen vertraut. An die Staatsbürger ergeht die Aufforderung, verdächtige "Bösäugler" sofort anzuzeigen. Niemand, der Augen hat, soll sich sicher fühlen. Wer etwa den Arbeitern beim Errichten einer neuen Brücke zusieht, hat sich womöglich schon verdächtig gemacht, auch wenn das Bauwerk erst einmal nicht einstürzt. Denunziation wird zum Volkssport. "Gelegentlich wurde das festliche Treiben durch Menschentrauben gestört, die schnaubend und keuchend aus einer Gasse quollen, irgendeinen auf frischer Tat ertappten Böseblicker mit sich schleppend . . ."

Enthusiasmus ist selbstverständlich. Und weil die Verdachtsfälle ins Unendliche tendieren, entwickelt sich ein gewaltiger bürokratischer Apparat, zuständig für Verhaftungen, Prozesse und die "Entfunktionalisierung der Sehorgane". Es gibt verschiedene traditionsreiche Verfahren, Menschen zu Blinden zu machen - vom ungeschützten Starren in die südliche Sonne (die milde Drei-Minuten-Variante für "Freiwillige und Angehörige höherer Kasten") über das monatelange Einsperren in lichtlosen Verliesen bis zur "byzantinischen" Methode, die Augen mit einem zweizackigen Eisen herauszureißen. Über all diese osmanisch-stalinistischen Vorgänge in einem komplett der Logik des Wahns verfallenen Gemeinwesen berichtet der Erzähler im Fabulierton von tausendundeiner Albtraumnacht. Und amalgamiert das Ganze noch mit einer anrührenden Liebesgeschichte unter erschwerten Bedingungen. Der realsozialistische Horror des "Sabotage"-Vorwurfs, dem zahllose Menschen zum Opfer fielen, erfährt in dieser grandiosen Erzählung eine beklemmende literarische Ausformung.

Zwischen Realismus, historischer Einkleidung, Legende, Parabel und Phantastik wechselt Kadare die Erzählweisen, dass man nur staunen kann über so viel Können und Ideenreichtum; auch wenn nicht alle Ausführungen restlos überzeugen. Leider schweigt sich der Band über die Daten der einzelnen Erzählungen aus - wo es doch gerade bei literarischen Werken, die sich mit dem Innenleben von Diktaturen beschäftigen, nicht unwichtig ist, ob sie unter dem Regime oder erst nach dessen Ende entstanden sind.

So wurde der Kurzroman "Agamemnons Tochter" wohl erst nach der Wende von 1990 verfasst. Ein Journalist erzählt hier davon, wie er auf dem Weg zur Ehrentribüne der staatlichen Maikundgebung im Gedränge auf alte Freunde und Bekannte stößt - und sich mit jeder dieser Begegnungen düstere Erinnerungen an Opportunismus, Denunziation und Verrat einstellen. Kadare formuliert in diesem Text ein Resümee: "Wir merkten, dass wir täglich mehr in ein Räderwerk hineingezogen wurden . . . Wir verfielen in eine Art morbiden Rausch, das Delirium des Zugrunderichtens, des In-den-Dreck-Ziehens. Verkauf mich ruhig, Bruder, das ist egal, ich habe dich schon zehnmal verkauft. Schuld fesselte uns aneinander."

WOLFGANG SCHNEIDER

Ismail Kadare: "Der Raub des königlichen Schlafs". Kleine Romane und Erzählungen. Aus dem Albanischen von Joachim Röhm. Ammann Verlag, Zürich 2008. 480 S., geb., 24,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Andreas Breitenstein preist Ismail Kadares literarisches Werk als eines der wenigen Mittel, die dem Albanien vor 1989 in seiner abgeschnürten Isolation "Atemluft" gespendet haben. Dieser Band mit zwölf Prosatexten begeistert ihn durch seinen "stupenden Bilder- und Ideenreichtum". Wie in einem Musterkatalog führt der Autor darin seine beeindruckende poetische Kraft, seinen schier unerschöpflichen Stoff- und Geschichtenvorrat und seinen genauen Blick auf die "böse Realität des Realsozialismus" vor, rühmt der Rezensent. Dass Kadare bei seinen oftmals von Brutalität, Einsamkeit und Gemeinheit geprägten Schilderungen auch ein Gespür für tragikomische und absurde Zusammenhänge zeigt, macht für Breitenstein fast jeden einzelnen Text dieses Bandes zu einem Meisterstück. Kadare bedient sich mal parabelhafter, mal "realistisch verdichteter" Formen und Erzählweisen, und führt darin die Realität des "albanischen Alptraums" in höchst berührender Weise vor, so der Rezensent. Die Übersetzung ins Deutsche hebt Breitenstein abschließend lobend hervor, hier hat ihm besonders der Sinn des Übersetzers Joachim Röhm für den Sprachwitz des Autors eingenommen.

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