Mädchenmörder Brunke - Brasch, Thomas
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Das Andere, das Unbenennbare, das all dies zeigt, aber gleichzeitig verbirgt, und doch ein drittes Anderes sein muß, aber verschollen scheint wie in dem Märchen vom dritten Wunsch oder dem verschlossenen Zimmer, und das alles aus mir herauszerrt, herausfragt, heraustrinkt, was an mir tauglich ist, also alles, was in mir wünscht, ein etwas, das mich niemals verläßt, ganz in sich verschlossen ist, aber doch offen ist für meine Wünsche und mich vor Tag und Schlaf versteckt ins manchmal braunrote Haar, dort in ihren Flammen die Liebeskrankheit vollständig verbrennend.…mehr

Produktbeschreibung
Das Andere, das Unbenennbare, das all dies zeigt, aber gleichzeitig verbirgt, und doch ein drittes Anderes sein muß, aber verschollen scheint wie in dem Märchen vom dritten Wunsch oder dem verschlossenen Zimmer, und das alles aus mir herauszerrt, herausfragt, heraustrinkt, was an mir tauglich ist, also alles, was in mir wünscht, ein etwas, das mich niemals verläßt, ganz in sich verschlossen ist, aber doch offen ist für meine Wünsche und mich vor Tag und Schlaf versteckt ins manchmal braunrote Haar, dort in ihren Flammen die Liebeskrankheit vollständig verbrennend.
  • Produktdetails
  • Verlag: Suhrkamp
  • Artikelnr. des Verlages: 41033
  • 1999.
  • Seitenzahl: 80
  • Erscheinungstermin: 28. März 1999
  • Deutsch
  • Abmessung: 205mm x 128mm x 17mm
  • Gewicht: 218g
  • ISBN-13: 9783518410332
  • ISBN-10: 3518410334
  • Artikelnr.: 23132723
Autorenporträt
Brasch, Thomas
Thomas Brasch, Dichter, Dramatiker, Filmschaffender und Übersetzer, eine der markantesten Figuren der neuen deutschen Literatur, wurde 1945 in Westow/Yorkshire (England) als Sohn jüdischer Emigranten geboren. Bis zu dem Jahr, in dem er die DDR verließ (1976), lebte er in Ostberlin. 1977 erschien sein bekanntestes Buch, der Erzählband Vor den Vätern sterben die Söhne. 2001 ist er in Berlin gestorben.
Rezensionen
Besprechung von 25.05.1999
Wort und Totschlag
Schuldspruch: Thomas Braschs Moritat vom Mädchenmörder

Zum Thema Liebesmaschine, die elektrisch ist und auf einem Berg steht, hat der Kindermund das Entscheidende gesagt. Wer möchte mit ihm konkurrieren? Thomas Brasch tut es in seinem "Mädchenmörder Brunke" und bietet dazu auf knapp hundert Seiten allerlei Einfälle auf, um Qual und Lust, Mord und Mechanik novellistisch zusammenzuzwingen und auch eine Moral loszuwerden. Nämlich: "wie nah die Gefahr bei der Lust wohnt, wenn man sich auf der Suche nach dem Schönsten in das Schlimmste verrennt".

Der sich verrennt, und zwar gründlich, ist der Architekt D. H., dem nach dem Mauerfall das Laubengrundstück seiner verstorbenen Großmutter zufällt. Von seiner Verlobten im Streit getrennt, vernachlässigt er seine Arbeit völlig, um sich den Nachforschungen über einen gewissen Karl Brunke zu widmen, der anno 1905 in Braunschweig zwei Schwestern auf ihren Wunsch erschoß. Die dritte, die überlebende Schwester - so mutmaßt er - war seine Großmutter, die ihm ein Kistchen mit den alter Prozeßberichten hinterließ.

Was Braschs Architekten, der sich nicht ohne Anlaß über das "Elend zwischen den Geschlechtern" erregt, an diesem Fall fasziniert und zur Identifikation mit dem Mädchenmörder führt, ist die von Brunke erfundende Liebesmaschine, die den Menschen Liebesschmerz und -trennung ersparen sollte. Eine Erfindung, deren Bedeutung der Architekt den Entdeckungen Freuds und Einsteins gleichsetzt. Über solche Exzentrik verwundern wir uns nicht weiter, denn wir kennen bereits sein Ende. D. H. ist jener in einem Waldstück aufgefundene Tote auf einem Holzgestell, das als "Exekutions- oder Erektionsstuhl" bezeichnet wird. Und das zwischen seinen Beinen deponierte, von Regen und Sperma gezeichnete Manuskript ist ebendas, was wir lesen: die Geschichte Brunkes, nachgefühlt und nachgeschrieben von seinem Imitator, der die Liebesmaschine noch einmal erfinden wollte.

Soweit die Moritat. Brasch hat sich mit ihr nicht begnügen, sondern sie zur Novelle erheben wollen. Da wird die Liebesmaschine zum Anlaß tiefsinniger Reflexionen über die Vertreibung aus dem Paradies. Da schwärmt der Architekt vom anderen, vom Unnennbaren, "das all dies zeigt, aber gleichzeitig verbirgt, und doch ein drittes anderes sein muß, aber gleichzeitig verbirgt, und doch ein drittes anderes sein muß, aber verschollen scheint wie in dem Märchen vom dritten Wunsch oder dem verschlossenen Zimmer". Da sieht der Autor den einen seiner Helden als "in den Gynäkologenstuhl gekreuzigten" Architekten und den anderen, dem die Irrenärzte aus Königslutter nachstellen, offenbar als einen neuen Lenz oder Woyzeck. Und zur politischen Aktualisierung der Sache raunt Brasch vom dunklen deutschen Wald, vom "Gefängnis unseres ängstlichen und traurigen Volkes" und von der Zelle, "in der seine Verbesserer hausen".

Zu solchen angestrengten Bedeutsamkeiten paßt die krude Liebesmaschine denn doch nicht so recht. Also wird sie im Schlußkapitel "Wort und Totschlag" zur "Zeit- und Ortsmaschine" erhoben, und endlich wird uns reiner Wein eingegossen, rein wie Meßwein, nämlich die Botschaft: "Denn es gibt keine Liebesmaschine, außer man ist selbst eine andere, eine aus Fleisch, Lust und Hoffnung."

Ganz zuletzt wird noch eine Erklärung nachgeschoben. In einer, freilich durchgestrichenen, Verfügung überläßt der Architekt sein beflecktes 2000-Seiten-Manuskript einem Schriftsteller zur Restaurierung, "der eine Pause braucht beim Herstellen künstlicher Charaktere". Der pausenbedürftige Restaurator, der uns nur knappe hundert Seiten mitteilt, erscheint dafür auf dem Titel. Ein schönes Paradox: Thomas Brasch, von dem wir lange nichts lesen konnten, ist der Füller seiner Pausen. Des Architekten Verfügung, wonach der Restaurator die entstehende Veröffentlichung zwar "der erbarmungslosen Kritik des Lesers aussetzen", nicht aber in das "Gefängnis der Buchdeckel" spannen dürfe, hat der Verlag freilich ignoriert. HARALD HARTUNG

Thomas Brasch: "Mädchenmörder Brunke". Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1999. 99 S., geb. 28,- DM.

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