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Jakob Schaffner, dessen Bücher vor dem Krieg Millionenauflagen erreichten, geriet später seiner Nazi-Gesinnung wegen in Vergessenheit. Sein 1922 veröffentlichter, autobiographisch gefärbter Roman ist einer der faszinierendsten der Schweizer Literatur. Nun gibt Peter von Matt dieses beeindruckende Dokument einer Kindheit um 1900 neu heraus.…mehr

Produktbeschreibung
Jakob Schaffner, dessen Bücher vor dem Krieg Millionenauflagen erreichten, geriet später seiner Nazi-Gesinnung wegen in Vergessenheit. Sein 1922 veröffentlichter, autobiographisch gefärbter Roman ist einer der faszinierendsten der Schweizer Literatur. Nun gibt Peter von Matt dieses beeindruckende Dokument einer Kindheit um 1900 neu heraus.
  • Produktdetails
  • Kollektion Nagel & Kimche
  • Verlag: Nagel & Kimche
  • Artikelnr. des Verlages: 547/00355
  • Seitenzahl: 555
  • Erscheinungstermin: 31. Januar 2005
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm x 137mm x 43mm
  • Gewicht: 647g
  • ISBN-13: 9783312003556
  • ISBN-10: 3312003555
  • Artikelnr.: 13287920
Autorenporträt
Jakob Schaffner, am 14. November 1875 in Basel geboren, lernte Schuhmacher und schaffte als Autodidakt mit dem Roman Konrad Pilater (1910) den literarischen Durchbruch. Ein Jahr darauf zog er nach Deutschland. Seine Deutschlandliebe ließ ihn zum Anhänger der NS-Ideologie werden, seit den frühen 30er Jahren betrieb er Propagandaarbeit für die Nazis. Dieser Gesinnung blieb Jakob Schaffner bis zu seinem Tod am 25. September 1944 in Straßburg (Bombardement) treu. Schaffner, dessen Bücher in den 20er und 30er Jahren Millionenauflagen erreichten -besonders sein Hauptwerk, der autobiographisch gefärbte Roman Johannes, erlebte damals unzählige Auflagen und Sonderausgaben - geriet nach dem Krieg seiner nationalsozialistischen Gesinnung wegen in Vergessenheit. Die breite öffentliche Wahrnehmung blieb Schaffner bis heute verwehrt, obwohl er seine wichtigsten Bücher vor der Nazi-Zeit geschrieben hat.  
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 05.07.2005

Johannes unterm Rad
Jakob Schaffners berühmtester Roman in einer Neuausgabe

Eine Lichtgestalt ist dieser Johannes Schattenhold nicht. Geboren in Basel im November des Jahres 1875, dem "dunkelsten Monat des Jahres", wird er früh mit den düsteren Seiten des Lebens bekannt. Als er acht Jahre alt ist, stirbt sein Vater, die Mutter wandert mit einem neuen Ehemann nach Amerika aus, der Junge aber wird bald darauf in einem pietistischen Erziehungsheim auf der deutschen Seite des Rheins untergebracht, wo er qualvolle Jahre zwischen religiösem Drill, strengem Unterricht und der harten Arbeit in den Werkstätten der Bürstenbinder und Schuhmacher erlebt. Es sind die Leiden einer Kindheit, von denen dieser Roman erzählt.

Mit seinem sprechenden Namen nun ist dieser Johannes Schattenhold unverkennbar ein Alter ego seines gleichaltrigen Autors. Auch die Jugend des Schweizer Schriftstellers Jakob Schaffner war ins Dunkel getaucht, und sein Lebensweg gleicht dem seiner Romanfigur bis ins Detail. Schaffner, 1875 in Basel geboren, war Sohn einer katholischen deutschen Mutter und eines protestantischen Schweizer Vaters. Er verbrachte den größten Teil seiner Kindheit und Jugend in einer streng religiösen Anstalt; unter der Härte dieser Erziehung litt er noch als Erwachsener. 1922 schrieb er dann die Geschichte seiner entbehrungsvollen Jugend in dem Roman "Johannes" nieder, der keinen Zweifel an der Authentizität des Geschilderten läßt, zu zahlreich sind die Überschneidungen mit seiner eigenen Biographie. Drei weitere Bände über den Lebensweg des heranwachsenden Johannes folgten in den nächsten Jahren. Im Roman trägt die einem Gefängnis gleichende Anstalt den programmatischen Namen "Demutt", Schaffner selbst verbrachte seine Kindheit in einem Heim namens "Beuggen" - bis in die Einzelheiten der regelwidrigen Schreibung hinein spiegeln sich also traumatisch die Schikanen eines asketischen Erziehungsprogramms.

An der Spitze der abgeschlossenen Anstaltswelt steht der tyrannische Heimleiter, der sich von allen Zöglingen respektvoll "Herr Vater" nennen läßt. Seine eigene Gebrechlichkeit - er ist gelähmt und bedarf ständig fremder Hilfe - führt keineswegs zu Milde und Nachsicht. Im Gegenteil: Sehr unväterlich legt dieser Patriarch es darauf an, den Willen seiner Schützlinge zu brechen, wie es der pietistischen Pädagogik seit ihren Anfängen eigen war. Zu diesem Zweck hat der "Herr Vater" in seiner Anstalt ein ausgefeiltes Überwachungssystem und ein enges Netz von Strafen etabliert; die Reduktion des ohnehin kargen Essens und das demütigende Stehen an der Wand bilden die wichtigsten disziplinarischen Maßnahmen. Eine Reihe von farblosen "Kandidaten", junge, mittellose Männer mit religiösem Eifer, aber ohne jedes pädagogische Geschick, selbst durch den "Herrn Vater" in allen Lebensäußerungen unablässig kontrolliert, sind seine Handlanger und geben den Druck an die Schüler des Instituts weiter.

Aus der Sicht des Ich-Erzählers Johannes erleben die Leser, wie der Knabe allmählich lernt, sich in dieser rauhen Umgebung kleine Freiheiten zu erobern. Freundschaften spielen dabei eine wichtige Rolle, ein Geheimbund mit komplizierten Ritualen lenkt die Schüler eine Zeitlang von ihrem Alltag ab. Am wichtigsten aber wird für den sensiblen Jungen die Musik. In den jubelnden Aufschwüngen der Choräle Johann Sebastians Bachs entdeckt der Zögling Johannes eine heitere Gegenwelt, die ihn für einige glückliche Momente die Qual seiner Umgebung vergessen läßt. Selten hat die erhebende Wirkung der protestantischen Kirchenmusik ein so leidenschaftliches Plädoyer gefunden.

Die beklemmenden Innenansichten aus dem Alltag eines rigiden Erziehungssystems erinnern zu Recht an andere Internatsschilderungen des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, an Hesses Jugendgeschichte "Unterm Rad", die ebenfalls in dem strengen Milieu des süddeutschen Pietismus angesiedelt ist, und vor allem an Musils "Verwirrungen des Zöglings Törleß". Schaffner hat die Schul-Erzählung des fünf Jahre jüngeren Musil als Rezensent allerdings scharf kritisiert, zu sehr fürchtete er offenbar die Konkurrenz auf einem Feld, das er als seine eigenste Domäne verstand. Musil wiederum antwortete gereizt auf Schaffners Kritik und bezeichnete den Schweizer Kollegen wenig freundlich als "verspäteten Literaturgeologen", der von "tintenfrischer Gesundheit und Kraft" strotze.

Diese süffisante Replik galt damals keinem Unbekannten; denn Jakob Schaffner hatte einen respektablen Platz in der deutschen Kulturszene des frühen zwanzigsten Jahrhunderts inne. Seit 1905 veröffentlichte er mehrere Romane, zumeist mit autobiographischen Zügen, er schrieb Kritiken für die "Neue Rundschau" des S.-Fischer-Verlags; 1913 erkannte er dem Dichter Oskar Loerke den renommierten Kleist-Preis zu. Als Schaffners Meisterstück wurde von seinen Zeitgenossen einhellig der 1922 erschienene und jetzt neuaufgelegte "Johannes"-Roman angesehen, der eine große Leserschaft fand und fast in den Rang eines schweizerischen Volksbuchs erhoben wurde.

Daß Jakob Schaffner allerdings in der Schweiz ebenso wie hierzulande seit langem so gut wie vergessen ist, hat andere als literarische Gründe. Als germanophiler Schweizer sympathisierte er stark mit den deutschen Nationalsozialisten; seit den dreißiger Jahren warb er in seinem Heimatland für die Nationale Front und die NSDAP. Seine Landsleute haben ihm diese Parteinahme über Jahrzehnte hinweg nicht verziehen und erklärten ihn rundweg zur Unperson. Nachdem Schaffner 1944 bei einem Bombenangriff in Straßburg ums Leben gekommen war, durfte sein Leichnam später zwar in die Schweiz überführt werden; seine Bücher wurden jedoch über lange Zeit nicht mehr aufgelegt. Dieses Verdikt traf auch den "Johannes"-Roman, in dem von der Verherrlichung des deutschen Wesens freilich noch nichts zu spüren ist.

Die Neuauflage des Romans bietet nun eine willkommene Gelegenheit, den Schriftsteller Jakob Schaffner vor seiner nationalistischen Verirrung kennenzulernen. In einem klugen und sensiblen Nachwort plädiert Peter Hamm dafür, das Buch als das literarische Zeugnis einer bedrängten Jugend zu lesen, dessen Verfasser erst allmählich zu einer eigenen Sprache fand. Bedenkenswert ist vor allem Hamms psychologische Deutung von Schaffners Entwicklung: Das strenge religiöse Regiment seiner Kinder- und Jugendjahre bleute dem Heranwachsenden ein, daß eine Rettung aus aller irdischer Not allein auf dem Weg metaphysischer Erlösung zu erhoffen sei. Zu einer Zeit, als er sich längst von seinen religiösen Führern gelöst hatte, setzte der Schriftsteller dann nur eben bedauerlicherweise seine schlichten Hoffnungen auf den Deutschen aus Österreich, der sich mit religiösem Eifer vor einem ganzen Volk als Heilsbringer erklärte. So wird Schaffners Biographie zu einem bedrückenden Exempel für die Verführbarkeit jener Gemüter, die nur zu gerne dem Versprechen glauben, daß das Himmelreich auf Erden nahe sei. In dieser Perspektive erscheint die Geschichte des Unglücksknaben Johannes geradezu als Lehrstück über die Herausbildung eines autoritären Charakters. Zugleich aber ist ein sprachgewaltiger Roman neu zu entdecken, der eindringlich den Wahnsinn eines totalitären Erziehungssystems schildert.

SABINE DOERING

Jakob Schaffner: "Johannes". Roman einer Jugend. Mit einem Nachwort von Peter Hamm. Nagel & Kimche im Hanser Verlag, München und Wien 2005. 560 S., geb., 25,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Der Schweizer Schriftsteller Jakob Schaffer ist ein besonderer Fall, klärt uns Martin Zingg auf: in der Schweiz seien seine Bücher nach 1945 in den Giftschrank gesperrt worden, weil der Schriftsteller offen für die Nationalsozialisten Propaganda gemacht hatte. Kein Grund, ärgert sich Zingg, deshalb alle Bücher des 1944 verstorbenen Autors mit dem Bannstrahl zu belegen. Der nun neu herausgegebene Roman "Johannes", der in einer offen autobiografischen Weise von Schaffers harter Jugend in einer protestantischen Erziehungsanstalt berichtet, datiert bereits aus dem Jahr 1922; es ist ein großartiges Buch, schwärmt Zingg, das, an der klassischen Erzählweise des 19. Jahrhunderts orientiert, diese repressive "Spielart des Protestantismus, exekutiert an bedürftigen Kindern", auf überraschend distanzierte Weise vorführt. Schaffer schreibe ganz unaufgeregt, meint der Rezensent, Schaffer beschönige und unterschlage nichts, da gäbe es keine dramatisch ausgemalten "Leidenstableaus". Den Lesern empfiehlt Zingg unbedingt das exzellente Nachwort von Peter Hamm, das den Roman im Gesamtschaffen des Schweizer Autors verortet.

© Perlentaucher Medien GmbH
"Was es zu entdecken gibt, ist ganz einfach ein grossartiges Buch, das man nun aus dem Giftschrank der Schweizer Literaturgeschichte nehmen sollte. Es ist ein wunderbares Angebot." Martin Zingg, Neue Zürcher Zeitung, 24.05.05 "Jakob Schaffners Vermögen, eine Situation durch ein grell beleuchtetes Detail blitzhaft herauszuheben und dem Leser unverlierbar einzuprägen, ist zurzeit in Deutschland wohl einzig." Hermann Hesse "Der autobiografische Roman Johannes gehört zu den grossen Jugend- und Internatsromanen der Epoche." Manfred Papst, NZZ am Sonntag, 20.02.05 "Ein sprachgewaltiger Roman ist neu zu entdecken, der eindringlich den Wahnsinn eines totalitären Erziehungssystems schildert." Sabine Doering, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.07.05 "Geboten wird uns schlicht eine ergreifende Lektüre: Die einfühlsam, indes ohne Larmoyanz aufgezeichneten Leiden eines Jungen." Gieri Cavelty, Aargauer Zeitung, 25.06.05