Es war einmal die Welt - Loetscher, Hugo

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Gedichte, Suchbilder, "in Grammatik gebrachte Gefühle", melancholisch, verspielt, entrückt und von hellsichtiger Präsenz, lyrische Notate aus "Allerwelt".

Produktbeschreibung
Gedichte, Suchbilder, "in Grammatik gebrachte Gefühle", melancholisch, verspielt, entrückt und von hellsichtiger Präsenz, lyrische Notate aus "Allerwelt".
  • Produktdetails
  • Verlag: Diogenes Verlag AG
  • Seitenzahl: 112
  • Erscheinungstermin: September 2004
  • Deutsch
  • Abmessung: 191mm x 123mm x 17mm
  • Gewicht: 200g
  • ISBN-13: 9783257064490
  • ISBN-10: 3257064497
  • Artikelnr.: 12728244
Autorenporträt
Hugo Loetscher, geboren 1929 in Zürich. Seit 1965 regelmäßige Aufenthalte in Lateinamerika und in den USA, an verschiedenen Schweizer Universitäten und in München. Seit 1969 freier Schriftsteller und Publizist.
Rezensionen
Besprechung von 18.07.2005
Dorthin, wo Ufer nicht mehr zählen
Hugo Loetschers poetische Rückschau: „Es war einmal die Welt”
„Da hat es ein Autor bis über siebzig gebracht. Und nun, nachdem er Romane und Erzählungen veröffentlichte, Essays und Poetik-Vorlesungen herausbrachte, Glossen und Reportagen sammelte, legt er auch noch Gedichte vor” - und bleibt vor allem ganz und gar er selber, wenn er die „Einleitung zu sich selbst” am Schluss seines kleinen und feinen Gedichtbandes mit einem solchen selbstironischen Satz beginnt. Als ob er sich dafür rechtfertigen müsste, Gedichte zu veröffentlichen, versichert er uns, dass er sich schon immer mit Poesie beschäftigt habe und erinnert sich an all die vielen einzelnen Verse, die ihm (und allen seinen Zeitgenossen mit einem Hauch von Gymnasialbildung) im Gedächtnis geblieben sind.
Das mobile Herz
Gerade weil sie tief sitzen, erinnert er sich nun öffentlich nur unter dem Schutz der Ironie daran: „Unabhängig von der Meteorologie lässt der Frühling Jahr für Jahr sein blaues Band flattern. Nicht dass der Frühling Mörike allein gehörte, aber er meldet sich bei dieser Gelegenheit zu Wort.” Und auch jenes gespannte Verhältnis, das oft sogar Dichter und Kenner zur Verslehre unterhalten, kommt in einer etwas frecheren Bemerkung zu Wort: „Erstaunlich, was ich einmal wusste, auch wenn ich nicht wusste, wozu.” Aber die vielen poetischen Stimmen, die sich in einem langen Leben angesammelt haben, bilden schließlich „eine Anthologie des mobilen Herzens und des vagabundierenden Nachdenkens, eine Endlos-Anthologie. Und vor dieser Anthologie der hohe Respekt und die verlegene Scheu angesichts dessen, was man selber während all der Jahre an Empfindung in Grammatik gerettet und in Verse gebracht hat.” Und nicht von ungefähr spricht der neue Dichter zum Schluss von sich selber in der dritten Person: „Wer durchhielt, war einer mit einem ,Ich‘, und mit diesem blieben Worte, unter denen er seine eigenen suchte.”
Ein halbes Hundert Gedichte zeugt von dieser Suche. Sie sind nicht datiert, tönen fast alle wie aus jüngerer Zeit, und wenn sie „während all der Jahre” entstanden sind, so merkt man ihnen das kaum an. Während der Romanautor souverän mit den Erzähler-Rollen und literarischen Posen jonglieren darf, muss der Lyriker sich bescheiden, sein Verhältnis zum „Ich” klären, sich selbst einbringen, doch nicht um seiner selbst willen, sondern für seine Leser - die ihn dafür nicht allein lassen sollen. Das allerletzte ganz kurze Gedicht des kleinen Zyklus, der das Büchlein beschließt und der ihm den schönen Titel „Es war einmal die Welt” geliehen hat, imaginiert die Welt danach: „Wo ein Satellit verglüht / zwei Sternbild weiter / und gleich links - / dies für den Fall / dass ihr mich / sucht.”
Die kurze Zukunft, die lange Ewigkeit, der elegische Blick zurück, sie fehlen in kaum einem dieser Gedichte. Sie sind darum extrem persönlich - und doch menschlich und allgemein. Sie nutzen oft sehr einfache und erprobte formale Mittel und erreichen manchmal eine klassische Stimmigkeit, die einigen von ihnen Eingang in Lesebücher sichern könnte: „Es war, es gab, es war einmal, / es war einmal die Welt.” Dem Leser der ganzen Sammlung werden andere Stellen vielleicht emotional näher treten, in deren „Ich” er sich ohne weiteres einfühlen kann: „Ich bin ein Einzelfall / mit mir stirbt einer aus // zur Unzeit zeitig // Nicht ich / es ist die Welt / die geht.”
Dem titelgebenden Zyklus gehen zwei größere Abteilungen voraus, in der Mitte steht „Allerwelt” mit vielen gemischten Themen, besonders über Orte, von denen der weit herumgekommene Autor seine Skizzen mitgebracht hat. Immer enthüllen sie einen eigenen Gedanken, oft Kritik oder gar eine Mahnung (über ein neues parteikonformes Gogol-Denkmal in Moskau: „wo führte das hin, / nachdenkliche Dichter” oder im Gedicht „Korea”: „sei unbelehrbar wie der Reis”).
Eines der meistgeschätzten poetischen Mittel ist die Allegorie, die nun nicht mehr dogmatische Wahrheiten, sondern die moderne Aussichtslosigkeit zu fassen versucht. Das schöne Gedicht „Fledermaus” („Der Vogel meiner Liebe / ist die Fledermaus”) arbeitet den allegorischen Vergleich fast pedantisch aus: „Hab nicht auch ich, / flügellos,/ Arme ausgebreitet / zum Flug - / ein Säuger / mit Zähnen und Haar . . .?” Das letzte lange Gedicht geht am weitesten und wird am deutlichsten mit der Thematik des Abschieds vom Leben. Darüber ist mit Betulichkeit und Betroffenheit nichts Akzeptables zu dichten, und der Autor beginnt sein „Der eigenen Asche nachgestreut” wohl deshalb mit der schnoddrigen Strophe: „Als ob’s nicht reicht, / sterblich zu sein - / zum Abschluss noch / einen Leichnam aufgehalst.”
Es ist deutlich, dass diese Gedichte nur bedeutend werden können, wenn sie ihr Thema ernst nehmen, die alte menschliche Erfahrung durch die persönliche Perspektive erneuern und mitteilbar machen. Dabei kann es geschehen, dass ein übermächtiges Ausdrucksbedürfnis, wie in dem genannten Gedicht „Der eigenen Asche nachgestreut”, größer wird als das Aufnahmebedürfnis des einen oder des anderen Lesers, der sich stärker betroffen fühlen würde, wenn er das Gedicht hier und da kürzen könnte. Auch leidet die Thematik „Alter”, so zwingend-unausweichlich und ergreifend sie sein mag, an leichter Abnutzbarkeit. Das Gedicht „Der Befund” versprachlicht auf sehr drastische Weise einen Arztbesuch, nutzt nach Benns frühem Vorbild die medizinisch-technische Terminologie und gibt der mit Distanz erlebten Altersresignation einen knirschend-authentischen Ausdruck.
Der Kuss wird Brot
Aber Gedichte wie Robert Gernhardts „Herz in Not” (und ebenso dessen 2004 erschienenen K-Gedichte) oder Günter Grass’ Seniorengedichte drängeln sich vor und nehmen dem „Befund” ein wenig von seinem eigentlich wohlverdienten spontanen Effekt. Hugo Loetscher wundert sich selber darüber, dass er nun Gedichte veröffentlicht. Die „eigenen Worte” sind die Bedingung des Gelingens, aber in einigen wenigen Fällen stehen sie vielleicht auch dem Gelingen im Wege. Vielleicht nur einmal im ganzen Bändchen hat die poetisch-moralische Begeisterung den Dichter verführt, sich mit seiner Botschaft zu überfordern: Er beklagt, dass Krieg und Tod anderswo nicht aufhören, während es ihm vergönnt ist, eine „Umarmung” zu genießen, und schließt: „ach würd mein Kuss in deinem Mund / für andere Brot.” Es gibt in der letzten Abteilung für den Kuss eine andere glaubhafte und tröstliche Aufgabe, die auch verständlich macht, warum es sich lohnt, über das vergehende Leben elegisch zu dichten: „Auf uns gestellt / die wir uns / binden / wird unser Kuss / die Welt erneut / doch dieses Mal / aus eignem Nichts / erfinden.”
HANS-HERBERT RÄKEL
HUGO LOETSCHER: Es war einmal die Welt. Gedichte. Diogenes Verlag, Zürich 2004. 128 Seiten, 16,90 Euro.
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Wirklich überraschend konnte Hugo Loetschers lyrische Premiere den Rezensent Roman Bucheli nicht, waren doch auch in Loetschers Prosa schon "lyrische Nebenstimmen" vernehmbar. Und was für diese gelte, nämlich dass Loetscher sich schreibend einen Boden erschaffe, "wo ein Fuß aufsetzen kann" (Loetscher), gelte auf noch radikalere Weise für Loetschers Lyrik, in der der "kalte Hauch des Todes" signalisiere, dass es "ums Ganze" geht. Zwar wechselt sich "Aufbruchspathos"ab mit der "Melancholie des Imperfekts", doch fehlt es für den Rezensenten ein wenig an gedanklicher Fülle und an der "imaginativen Kraft der Poesie". Einiges wirkt ihm auch bemüht und von "tranig guten Absichten" getragen. Sehr gut gefallen haben dem Rezensenten jedoch "einzelne Bildfindungen" sowie die "zu kurzen Bildkompositionen gefügten Texte", die den Dichter als "geduldigen und hellwachen Beobachter" ausweisen und daran erinnern, dass Poesie auf der "Liebe zur kleinsten Anschauung" beruht.

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