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Die elfjährige Ellen lebt in einer hellen Familie. So betont es die Mutter, eine erfolgreiche, lebenslustige Schauspielerin. Wenn sie zu Hause ihren Unterricht hält, müssen die Türen geschlossen sein, und sie genießt ihre eigene Welt am Theater. Auch der große Bruder verbarrikadiert sich in seinem Zimmer, hört laute Musik und hat eine erste Freundin. Die Zeit ausgelassener Eishockeyspiele in der Diele der großen Wohnung ist vorbei, erst recht, als der Vater stirbt. Nach der Trennung der Eltern war er aggressiv geworden, und Ellen hat seinen Tod so sehr herbeigewünscht, dass sie nun aus Angst…mehr

Produktbeschreibung
Die elfjährige Ellen lebt in einer hellen Familie. So betont es die Mutter, eine erfolgreiche, lebenslustige Schauspielerin. Wenn sie zu Hause ihren Unterricht hält, müssen die Türen geschlossen sein, und sie genießt ihre eigene Welt am Theater. Auch der große Bruder verbarrikadiert sich in seinem Zimmer, hört laute Musik und hat eine erste Freundin. Die Zeit ausgelassener Eishockeyspiele in der Diele der großen Wohnung ist vorbei, erst recht, als der Vater stirbt. Nach der Trennung der Eltern war er aggressiv geworden, und Ellen hat seinen Tod so sehr herbeigewünscht, dass sie nun aus Angst über die Macht ihrer Gedanken verstummt. Mit ihrem Schweigen schützt sie die dunkle Wahrheit ihres Ichs und fordert die Mutter zu einem Kräftemessen heraus.

Mit "Willkommen in Amerika" ist Linda Boström Knausgård ein dichtes, poetisches Kammerspiel gelungen, ein Roman über Kunst und Macht aus der magischen Perspektive eines Kindes, der einen unwiderstehlichen Sog entwickelt.
  • Produktdetails
  • Verlag: Schöffling
  • 2., Neuausg.
  • Seitenzahl: 140
  • Erscheinungstermin: August 2017
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm x 134mm x 17mm
  • Gewicht: 260g
  • ISBN-13: 9783895611230
  • ISBN-10: 3895611239
  • Artikelnr.: 48134097
Autorenporträt
Linda Boström Knausgård, geboren 1972 als Tochter einer Schauspielerin, ist Autorin von Gedichten, Erzählungen und Romanen und lebt in Schweden. Mit dem norwegischen Autor Karl Ove Knausgård hat sie vier Kinder. Für ihr Werk, das in mehrere Sprachen übersetzt ist, erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen. WILLKOMMEN IN AMERIKA wurde von der schwedischen Kritik begeistert aufgenommen und war u. a. für den renommierten Augustpriset nominiert.

Verena Reichel ist zweisprachig in Stockholm und Süddeutschland aufgewachsen und lebt in München. Sie hat Romane, Lyrik und Theaterstücke übersetzt, u. a. von Ingmar Bergman, Katarina Frostenson, Lars Gustafsson und Henning Mankell. Für ihre Übersetzungen erhielt sie zahlreiche Preise, darunter den Helmut-M.-Braem-Übersetzerpreis, den Johann-Heinrich-Voß-Preis und den Preis der Schwedischen Akademie.
Rezensionen
Besprechung von 18.12.2017
Wir waren eine helle Familie
Linda Boström Knausgård erzählt von Befreiungssehnsüchten und Ablösungsängsten
Schweigen kann eine Waffe sein, und die elfjährige Ellen handhabt sie wie einen Zufallsfund. Mit schroffer Verzückung bestaunt sie die Wirkmacht des nur scheinbar bescheidenen Instruments. Während sie nach außen nichts mehr von sich preisgibt, wächst sie zu erstaunlicher innerer Größe heran. „Willkommen in Amerika“ ist ein schmales Buch, dessen existenzielle Wucht sofort durchschlägt. Es zieht den Leser in den Bann und führt ihn auf engstem Pfad durch das Labyrinth einer Askese.
Ein Mädchen, das in jeder Hinsicht auf der Kippe steht, ist die Heldin, deren innerer Stimme wir lauschen. Es ist eine Stimme wie aus dem Bilderbuch gefährlicher Grenzerfahrungen. Sie will wissen, wie weit sie gehen kann. Sie schottet sich ab. Sie will sich spüren. Sie fordert ihre Umwelt heraus. Und sie hat einen ziemlich direkten Draht zu Gott. Gemeinsam mit ihm hat sie ihren Vater getötet. Das glaubt sie zumindest. „Es war unsere erste Zusammenarbeit“, bekundet sie stolz.
Wortkarg, aber glasklar, von einem unerbittlichen Willen getrieben, geht die Erzählerin zu Werke. Der Vater musste verschwinden. Er hat das Familienleben gestört. Er hat getrunken und geschlagen und er wollte weiter zur Familie gehören, als sich seine Frau von ihm scheiden ließ. Einmal tauchte er nachts wie ein Rächer auf und erschreckte seine Tochter beinahe zu Tode. Sie lag auf der Terrasse unterm Sternenhimmel, da zog er sich am Fallrohr hoch und blickte in ihre Augen. Er war das schlechthin Dunkle in dieser Familie, während die Mutter, eine Schauspielerin, das Helle und die Heiterkeit verkörpert. Sie bleibt auch jetzt noch gelassen, wo sich die Tochter vor ihr verschließt, und bittet die Schule um Geduld. Es sei nur eine Phase, die von alleine vorübergeht. Der Tochter legt sie ein Tagebuch hin, nur zur Sicherheit, falls sie sich doch einmal mitteilen möchte. Und in der Tat schreibt Ellen eines Tages hinein, die Schule habe gebrannt. Doch ihre Abschottung gibt sie deswegen noch lange nicht auf. Denn die Verweigerung des Austauschs ist verblüffend einfach. Und sie wird immer stärker dadurch. Womöglich kann sie ihre Mutter eines Tages sogar an Stärke überbieten. Wer wird früher nachgeben und ins Bett der anderen kriechen, fragt sie sich einmal.
Obwohl der Leser die Bedrängnis der Erzählerin spürt, raubt sie ihm nicht den Atem. Immer wieder geht es um männliche Gewalt, aber die Gewalterfahrung selbst wird nur angedeutet. Kaum ist der Vater aus dem Weg geräumt, tritt der Bruder in seine Fußstapfen. Es genügt schon, dass er älter und sein Körperbau männlicher wird, um Bedrohlichkeit auszustrahlen. Als er endlich eine Freundin hat, scheint sich die Lage zu entspannen. Doch für Ellen wird die Anwesenheit einer weiteren Lichtgestalt neben der Mutter zur logistischen Herausforderung. Sie will ihr lieber nicht begegnen, um sie nicht abzuschrecken.
Die Geschichte balanciert auf der Grenze zwischen Normalität und Krankheit. Was Ellen erlebt, hat einerseits Ähnlichkeit mit einem pubertären Ablösungsprozess. Sie kündigt die Symbiose mit der Mutter auf, obwohl sie sich sehnsüchtig daran erinnert, wie sie ihr früher von ihren Stimmungsschwankungen erzählen konnte. Andererseits gerät sie immer stärker in den Sog der Dunkelheit. Und die ist beides zugleich: die Bedrohung einer Depression, aber auch eine Art Pakt mit dem Vater, mit dem sie sich in ihrem Inneren verbündet, obwohl sie froh ist über seinen Tod. Mit großer Anstrengung versucht sie, das Gleichgewicht zu halten, zwischen den Eltern, den Interessen, den Gemütszuständen. Und sie erinnert sich, wie schön es früher war, als sie mit dem Kopf im Schoß der Mutter einschlafen durfte: „auf nichts aufpassen (...), einfach loslassen und davonsegeln“.
Ebenso kunstfertig wie aussagekräftig geht die 1972 geborene Schriftstellerin, deren Stilmittel die Lyrikerin und Erzählerin erkennen lassen, mit Räumen um. Die Größe der Stockholmer Altbauwohnung wird mehrmals betont und in ihrer Weitläufigkeit beschrieben – die Kinder können dort Rollschuhlaufen, die Mutter empfängt Schüler zum Schauspielunterricht. Doch die Wände scheinen nicht fest zu sein. Sie überschneiden sich mit dem labilen Innenraum der Erzählerin, dessen Expansion und Kompression den Sog der Depression nachahmen.
Bis vor einem Jahr war die schwedische Schriftstellerin die Ehefrau des norwegischen Kult-Autors Karl Ove Knausgård. Ihre bipolare Störung kommt in seinem Werk ebenso vor wie all die anderen Intimitäten des Familienalltags mit vier gemeinsamen Kindern. Man muss das nicht unbedingt wissen, um zu erkennen, dass „Välkommen till Amerika“, wie das Buch im 2016 erschienenen Original heißt, von einem dramatischen Ablösungsprozess erzählt. Ebenso triumphal wie wortkarg, ebenso angstgepeinigt wie willensstark gleicht es einem Exerzitium, dessen somnambule Verschlossenheit an Marguerite Duras erinnert und dessen intime Erzählstimme mit ihrem verschwörerischen Klang an Lautréamonts „Maldoror“ denken lässt.
„Willkommen in Amerika“ – der Titel bezieht sich auf eine Theaterrolle der Mutter, in der sie die zerbrochene Freiheitsstatue spielt –, ist ein kleines Meisterstück über Befreiungssehnsüchte und Ablösungsängste. Dem ausschweifenden Erzählduktus ihres Ex-Mannes setzt die Schriftstellerin die kühne Reduktion eines Endspiels entgegen, das bis zum Schluss behauptet: „Wir waren eine helle Familie.“ Es ist ein eigenständiges Werk über die Licht- und Schattenseiten des Familienlebens. Linda Boström Knausgård lässt das Dunkle und das Helle im Glanz ihrer kargen Sprache leuchten.
MEIKE FESSMANN
Diese Geschichte balanciert
auf der Grenze zwischen
Normalität und Krankheit
Linda Boström Knausgård: Willkommen in Amerika. Aus dem
Schwedischen von Verena Reichel. Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2017. 142 Seiten, 18 Euro. E-Book 14,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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"Ein magisches Buch, traumwandlerisch und hochpoetisch. Linda Boström Knausgård erzählt voller Leidenschaft und in einem eleganten, glasklaren Stil."
Aftonbladet