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New York 1932: Die Kleinwüchsigen Glauer und Ka treten in einer Freakshow auf. "Hereinspaziert, schaut und staunt", so lockt Glauer in Coney Island Zuschauer an. Neugierige Blicke und schlimmere Erniedrigungen sind er und Ka gewohnt. Aber ein normales Leben muss doch möglich sein? Sie nehmen den Dampfer nach Deutschland, Ziel ist das glitzernde Berlin mit seinen Varietés. Dort treffen sie auf Verner, den kleinsten Mann der Welt, und das einsame Blumenmädchen Nelly. Doch die Zeiten sind unsicher geworden, und als sie eingeladen werden, im Stockholmer Vergnügungspark mit dem idyllischen Namen…mehr

Produktbeschreibung
New York 1932: Die Kleinwüchsigen Glauer und Ka treten in einer Freakshow auf. "Hereinspaziert, schaut und staunt", so lockt Glauer in Coney Island Zuschauer an. Neugierige Blicke und schlimmere Erniedrigungen sind er und Ka gewohnt. Aber ein normales Leben muss doch möglich sein? Sie nehmen den Dampfer nach Deutschland, Ziel ist das glitzernde Berlin mit seinen Varietés. Dort treffen sie auf Verner, den kleinsten Mann der Welt, und das einsame Blumenmädchen Nelly. Doch die Zeiten sind unsicher geworden, und als sie eingeladen werden, im Stockholmer Vergnügungspark mit dem idyllischen Namen "Gröna Lund", grünes Wäldchen, aufzutreten, nehmen sie dankbar an.
Mitreißend und kraftvoll erzählt Lotta Lundberg über eine wundersame Reise und die Sehnsucht nach Liebe und Respekt in unbehaglichen Zeiten, die allzu vertraut scheinen.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hoffmann Und Campe
  • Seitenzahl: 395
  • 2016
  • Ausstattung/Bilder: 2016. 400 S. 205 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm x 133mm x 38mm
  • Gewicht: 550g
  • ISBN-13: 9783455405583
  • ISBN-10: 3455405584
  • Best.Nr.: 44980415
Autorenporträt
Lotta Lundberg, geboren 1961 in Uppsala, lebt seit 2004 in Berlin. Sie schreibt für das Feuilleton verschiedener schwedischer Tageszeitungen. Ihre Romane wurden von der Kritik hochgelobt.
Rezensionen
Besprechung von 26.04.2017
Die Schweden diskriminieren lächelnd
Hier gibt es keine Jahrmarkt-Romantik: Lotta Lundbergs Roman "Sternstunde" erzählt von Kleinwüchsigen in den dreißiger Jahren

Manche Postkartenhändler bieten noch Aufnahmen von Kleinwüchsigen feil, die mit dem Begriff "Liliputaner" verschlagwortet sind - ein stigmatisierender Ausdruck, der wie die Diskriminierung von Kleinwüchsigen keineswegs der Vergangenheit angehört, denkt man nur an eine Diskothek in Cuxhaven, die 2013 mit "Liliputaner-Action" für sich warb: "Wer den Liliputaner einsperrt, bekommt den Flatscreen."

Die Ansichtskarten stammen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie tragen Titel wie "Liliputaner-Revy" oder "Liliputaner-Stadt", und gelegentlich sind auch Bilder von "Glauers Truppe" oder "Glauers Royal Midgets" darunter, einer Schaustellertruppe um den 110 Zentimeter kleinen Heinrich Glauer, über dessen Leben wenig bekannt ist.

Die schwedische Schriftstellerin Lotta Lundberg griff auf einzelne Fragmente aus Glauers Leben zurück, um ihren Roman "Sternstunde" über das Seelenleben kleinwüchsiger Schausteller zu schreiben, der ein Jahrzehnt nach dem Erscheinen in Schweden nun in deutscher Übersetzung vorliegt. Inspiriert wurde die Autorin von der Begegnung mit einer Kleinwüchsigen in Uppsala, die einst in Zarah-Leander-Filmen mitspielte und auch in einem Vergnügungspark auftrat. Welche biographischen Details in "Sternstunde" wahr sind, ist schwer zu erkennen. "Ich wünschte, ich könnte sagen, dass ich alles nur erfunden habe", sagt die Autorin dazu nur im knappen Nachwort, "doch das kann ich nicht." Über ihre Quellen gibt sie keine Auskunft, was hilfreich gewesen wäre, bei einem Roman aber nicht unbedingt vonnöten ist.

Unbestritten ist, dass es 1935 eine von Glauer angeführte Künstlertruppe gab, die in Stockholm auftrat. Auf diesen Besuch im sozialdemokratisch regierten Musterland Schweden, in Per Albin Hanssons modernisierungswütigem "Volksheim", läuft der Roman hinaus. Die Vorgeschichte aber setzt 1932 in einem Vergnügungspark auf "Coney Island" an, und zwar mit den Brutkästen, in denen der Kinderarzt Martin Arthur Couney Frühgeborene zeigte. Ganz ähnlich hatte es Couney 1896 auf der Weltausstellung in Berlin gemacht, um für die neue Technik zu werben. In "Luna Park" sollten die Einnahmen der Zurschaustellung die Pflegekosten der Babys decken. Zumindest betonte man das.

"Die kleinsten Babys der Welt!" Der Anreißer, der diese Worte ausstößt, ist ein vergrübelter Mensch. Er sinniert darüber, dass sich die Missbildungen jener Babys "mit der Zeit geben" würden, seine eigenen hingegen nicht. Es ist Glauer, und Lundberg beschreibt ihn seltsamerweise ohne viel Sympathie, eher voll Mitleid. Aber er ist eben ein schwieriger, von seiner Umgebung angewiderter Mann. So etwas wie Liebe erfährt er nur bei einer Prostituierten. Glauer ist Vorsteher einer nach Nürnbergs Vorbild modellierten Zwergwüchsigen-Stadt, in der es schamlos drunter und drüber gehen soll. Die zusätzlichen Einnahmen als Rekommandeur nimmt er gern mit, und der Nebenjob ist weniger erniedrigend als das, was Glauer im Park sonst so zum Schenkelklopfen der Gäste zu vollbringen hat.

Erniedrigend ist die Begegnung mit Couney derweil für Glauers Kollegin Ka, die ebenfalls kleinwüchsig ist, aber noch dazu einen ungewöhnlichen Unterleib besitzt. Couney bestellt sie zu fragwürdigsten Untersuchungen ein. Ka ist die zweite Hauptfigur. Sie hofft wie Glauer, den amerikanischen Vergnügungspark schnellstmöglich verlassen zu können, Aber ob es ausgerechnet in Berlin besser ist oder Wien? Zum Jahreswechsel 1932/33 brechen die beiden jedenfalls dorthin auf - als wären Deutschland und Österreich gerade bessere Orte für Menschen, deren Körper von dem abweicht, was die Gesellschaft als Norm empfindet oder gar als Norm definiert. Ka und Glauer wollen eine eigene Schaustellertruppe aufbauen, eine mit Niveau, halten nach Talenten Ausschau, sprechen Außenseiter an wie die kleinwüchsige Nelly, ein Berliner Blumenmädchen mit Buckel, das überdies, hier kommt es ein bisschen dicke, dunkle Haut hat.

Nelly ist die dritte Figur, in die sich die Autorin hineinzuversetzen versucht, die vierte ist die "lebende Spielzeugpuppe" Werner, mit dem es ein verstörendes Ende nehmen wird. Sie werden zum Team, während sich das politische Klima rasant verschärft und das rassenhygienische Denken wie ein Fieber grassiert. In Berlin geben Braunhemden den Ton an. In Wien erlebt Glauer, wie auch normalwüchsige Männer und Frauen, Juden offenbar, in aller Öffentlichkeit beschimpft und verhöhnt werden. Um wie viel verlockender klingt da die Möglichkeit, als Künstlertruppe im lieblichen Schweden arbeiten zu dürfen! Doch selbst hier werden Glauer und seine Leute 1935 als Kuriosum behandelt, wenn auch auf perfide lächelnde, das Ganze eher als Akt der Volksbildung stilisierende Art. Der Besitzer von "Gröna Lund", eines bis heute existenten Parks in Stockholm, zu dessen Attraktionen damals neben Achterbahnen auch Afrikanerinnen zählten, empfängt sie zwar äußerst gastlich, ermuntert Glauer zur Weiterarbeit an einem Theaterprogramm.

Im Alltag muss sich Glauers Truppe aber vor allem in einer Miniaturstadt mit Bahnhof und "Villa Puppenheim" aufhalten - mitleidig bestaunt von Parkbesuchern, die auf diesem Wege das Denken in Norm und Abweichung eingetrichtert bekommen, schwärmerisch begrüßt von Wissenschaftlern des "Rassenbiologischen Instituts" in Uppsala, die sich beim Parkbesuch über die Vorzüge des 1934 verabschiedeten schwedischen Sterilisierungsgesetzes unterhalten.

So reiht Lotta Lundberg eine schwermütige Szene an die andere, wobei sie den zeitgeschichtlichen Hintergrund oftmals nur antippt, ins Impressionistische ausweicht. Für eine Zeitreise in die Ära der Menschenverachtung ist das manchmal zu wenig, und als literarische Freakshow, die sich über Freakshows empört, ist es manchmal zu viel.

Trotzdem wird man nach diesem Roman, dem nichts fremder ist als Jahrmarkt-Romantik, was ihn zugleich aber auch zu einer niederschmetternden Lektüre macht, noch nachdenklicher als ohnehin schon auf die alten Jahrmarkt-Postkarten schauen. Und nach Schweden natürlich auch.

MATTHIAS HANNEMANN

Lotta Lundberg:

"Sternstunde". Roman.

Aus dem Schwedischen von Nina Hoyer. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2016. 396 S., geb., 23,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Die Schweden diskriminieren lächelnd
Hier gibt es keine Jahrmarkt-Romantik: Lotta Lundbergs Roman "Sternstunde" erzählt von Kleinwüchsigen in den dreißiger Jahren

Manche Postkartenhändler bieten noch Aufnahmen von Kleinwüchsigen feil, die mit dem Begriff "Liliputaner" verschlagwortet sind - ein stigmatisierender Ausdruck, der wie die Diskriminierung von Kleinwüchsigen keineswegs der Vergangenheit angehört, denkt man nur an eine Diskothek in Cuxhaven, die 2013 mit "Liliputaner-Action" für sich warb: "Wer den Liliputaner einsperrt, bekommt den Flatscreen."

Die Ansichtskarten stammen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie tragen Titel wie "Liliputaner-Revy" oder "Liliputaner-Stadt", und gelegentlich sind auch Bilder von "Glauers Truppe" oder "Glauers Royal Midgets" darunter, einer Schaustellertruppe um den 110 Zentimeter kleinen Heinrich Glauer, über dessen Leben wenig bekannt ist.

Die schwedische Schriftstellerin Lotta Lundberg griff auf einzelne Fragmente aus Glauers Leben zurück, um ihren Roman "Sternstunde" über das Seelenleben kleinwüchsiger Schausteller zu schreiben, der ein Jahrzehnt nach dem Erscheinen in Schweden nun in deutscher Übersetzung vorliegt. Inspiriert wurde die Autorin von der Begegnung mit einer Kleinwüchsigen in Uppsala, die einst in Zarah-Leander-Filmen mitspielte und auch in einem Vergnügungspark auftrat. Welche biographischen Details in "Sternstunde" wahr sind, ist schwer zu erkennen. "Ich wünschte, ich könnte sagen, dass ich alles nur erfunden habe", sagt die Autorin dazu nur im knappen Nachwort, "doch das kann ich nicht." Über ihre Quellen gibt sie keine Auskunft, was hilfreich gewesen wäre, bei einem Roman aber nicht unbedingt vonnöten ist.

Unbestritten ist, dass es 1935 eine von Glauer angeführte Künstlertruppe gab, die in Stockholm auftrat. Auf diesen Besuch im sozialdemokratisch regierten Musterland Schweden, in Per Albin Hanssons modernisierungswütigem "Volksheim", läuft der Roman hinaus. Die Vorgeschichte aber setzt 1932 in einem Vergnügungspark auf "Coney Island" an, und zwar mit den Brutkästen, in denen der Kinderarzt Martin Arthur Couney Frühgeborene zeigte. Ganz ähnlich hatte es Couney 1896 auf der Weltausstellung in Berlin gemacht, um für die neue Technik zu werben. In "Luna Park" sollten die Einnahmen der Zurschaustellung die Pflegekosten der Babys decken. Zumindest betonte man das.

"Die kleinsten Babys der Welt!" Der Anreißer, der diese Worte ausstößt, ist ein vergrübelter Mensch. Er sinniert darüber, dass sich die Missbildungen jener Babys "mit der Zeit geben" würden, seine eigenen hingegen nicht. Es ist Glauer, und Lundberg beschreibt ihn seltsamerweise ohne viel Sympathie, eher voll Mitleid. Aber er ist eben ein schwieriger, von seiner Umgebung angewiderter Mann. So etwas wie Liebe erfährt er nur bei einer Prostituierten. Glauer ist Vorsteher einer nach Nürnbergs Vorbild modellierten Zwergwüchsigen-Stadt, in der es schamlos drunter und drüber gehen soll. Die zusätzlichen Einnahmen als Rekommandeur nimmt er gern mit, und der Nebenjob ist weniger erniedrigend als das, was Glauer im Park sonst so zum Schenkelklopfen der Gäste zu vollbringen hat.

Erniedrigend ist die Begegnung mit Couney derweil für Glauers Kollegin Ka, die ebenfalls kleinwüchsig ist, aber noch dazu einen ungewöhnlichen Unterleib besitzt. Couney bestellt sie zu fragwürdigsten Untersuchungen ein. Ka ist die zweite Hauptfigur. Sie hofft wie Glauer, den amerikanischen Vergnügungspark schnellstmöglich verlassen zu können, Aber ob es ausgerechnet in Berlin besser ist oder Wien? Zum Jahreswechsel 1932/33 brechen die beiden jedenfalls dorthin auf - als wären Deutschland und Österreich gerade bessere Orte für Menschen, deren Körper von dem abweicht, was die Gesellschaft als Norm empfindet oder gar als Norm definiert. Ka und Glauer wollen eine eigene Schaustellertruppe aufbauen, eine mit Niveau, halten nach Talenten Ausschau, sprechen Außenseiter an wie die kleinwüchsige Nelly, ein Berliner Blumenmädchen mit Buckel, das überdies, hier kommt es ein bisschen dicke, dunkle Haut hat.

Nelly ist die dritte Figur, in die sich die Autorin hineinzuversetzen versucht, die vierte ist die "lebende Spielzeugpuppe" Werner, mit dem es ein verstörendes Ende nehmen wird. Sie werden zum Team, während sich das politische Klima rasant verschärft und das rassenhygienische Denken wie ein Fieber grassiert. In Berlin geben Braunhemden den Ton an. In Wien erlebt Glauer, wie auch normalwüchsige Männer und Frauen, Juden offenbar, in aller Öffentlichkeit beschimpft und verhöhnt werden. Um wie viel verlockender klingt da die Möglichkeit, als Künstlertruppe im lieblichen Schweden arbeiten zu dürfen! Doch selbst hier werden Glauer und seine Leute 1935 als Kuriosum behandelt, wenn auch auf perfide lächelnde, das Ganze eher als Akt der Volksbildung stilisierende Art. Der Besitzer von "Gröna Lund", eines bis heute existenten Parks in Stockholm, zu dessen Attraktionen damals neben Achterbahnen auch Afrikanerinnen zählten, empfängt sie zwar äußerst gastlich, ermuntert Glauer zur Weiterarbeit an einem Theaterprogramm.

Im Alltag muss sich Glauers Truppe aber vor allem in einer Miniaturstadt mit Bahnhof und "Villa Puppenheim" aufhalten - mitleidig bestaunt von Parkbesuchern, die auf diesem Wege das Denken in Norm und Abweichung eingetrichtert bekommen, schwärmerisch begrüßt von Wissenschaftlern des "Rassenbiologischen Instituts" in Uppsala, die sich beim Parkbesuch über die Vorzüge des 1934 verabschiedeten schwedischen Sterilisierungsgesetzes unterhalten.

So reiht Lotta Lundberg eine schwermütige Szene an die andere, wobei sie den zeitgeschichtlichen Hintergrund oftmals nur antippt, ins Impressionistische ausweicht. Für eine Zeitreise in die Ära der Menschenverachtung ist das manchmal zu wenig, und als literarische Freakshow, die sich über Freakshows empört, ist es manchmal zu viel.

Trotzdem wird man nach diesem Roman, dem nichts fremder ist als Jahrmarkt-Romantik, was ihn zugleich aber auch zu einer niederschmetternden Lektüre macht, noch nachdenklicher als ohnehin schon auf die alten Jahrmarkt-Postkarten schauen. Und nach Schweden natürlich auch.

MATTHIAS HANNEMANN

Lotta Lundberg:

"Sternstunde". Roman.

Aus dem Schwedischen von Nina Hoyer. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2016. 396 S., geb., 23,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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