Senilia - Schopenhauer, Arthur
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Arthur Schopenhauers philosophisches Testament
150. Todestag am 21.09.2010
Unter den nachgelassenen Papieren Schopenhauers fand sich ein Band von 150 dicht beschriebenen Seiten. Er hat den Titel "Senilia" und enthält, neben anderem, eine "Kunst des Alterns". Dieses Manuskript, gleichsam Schopenhauers philosophisches Testament, wird hier erstmals vollständig transkribiert herausgegeben. In den letzten Jahren seines Lebens hat Schopenhauer Tag für Tag die Früchte seiner regelmäßigen Meditationen in dieses "Gedankenbuch" notiert: Zitate, Reflexionen, Erinnerungen, wissenschaftliche…mehr

Produktbeschreibung
Arthur Schopenhauers philosophisches Testament

150. Todestag am 21.09.2010

Unter den nachgelassenen Papieren Schopenhauers fand sich ein Band von 150 dicht beschriebenen Seiten. Er hat den Titel "Senilia" und enthält, neben anderem, eine "Kunst des Alterns". Dieses Manuskript, gleichsam Schopenhauers philosophisches Testament, wird hier erstmals vollständig transkribiert herausgegeben. In den letzten Jahren seines Lebens hat Schopenhauer Tag für Tag die Früchte seiner regelmäßigen Meditationen in dieses "Gedankenbuch" notiert: Zitate, Reflexionen, Erinnerungen, wissenschaftliche Überlegungen, psychologische Beobachtungen, Beschimpfungen und Tiraden, Entwürfe und Pläne, Benimmregeln und Lebensmaximen. Es sind die letzten Tropfen der Weisheit, die das Philosophieren ihm bietet: gleichsam eine geistige Arznei, die ihm das Alter erträglich und sogar angenehm macht. In den "Senilia" beobachten wir Schopenhauer, den Meister des Pessimismus, bei der Ausübung der "Kunst des Alterns".
  • Produktdetails
  • Verlag: Beck
  • 2., durchges. Aufl.
  • Seitenzahl: 373
  • Erscheinungstermin: Februar 2010
  • Deutsch
  • Abmessung: 223mm x 148mm x 33mm
  • Gewicht: 600g
  • ISBN-13: 9783406596452
  • ISBN-10: 3406596452
  • Artikelnr.: 26740279
Autorenporträt
Franco Volpi (1952-2009) war Professor für Philosophie an der Universität Padua. Er betreute für den Mailänder Verlag Adelphi die italienische Ausgabe des Nachlasses Schopenhauers und der Werke Heideggers.

Arthur Schopenhauer, 1788 in Danzig geboren, beschloß mit 17, Philosophie zu studieren, und veröffentlichte bereits in seinem 30. Lebensjahr, von der Öffentlichkeit völlig ignoriert, sein Hauptwerk "Die Welt als Wille und Vorstellung".Erst gegen Ende seines Lebens erntete er Ruhm mit dem Werk "Parerga und Paralipomena". Es bildete sich ein kleiner Kreis von Verehrern um den flötespielenden "ungeselligen Gesellen", der seine Pudel "Du Mensch" schimpfte, wenn sie unartig gewesen waren. Schopenhauer starb 1860 in Frankfurt am Main.
Inhaltsangabe
EINLEITUNG von Franco Volpi ARTHUR SCHOPENHAUER SENILIA

EDITORISCHES NACHWORT von Ernst Ziegler

ANHANG

Anmerkungen zur Einleitung

Anmerkungen zum Text

Anmerkungen zum editorischen Nachwort

Personenregister

Inhaltsübersicht der Senilia
Rezensionen
Besprechung von 08.06.2010
Wider die Spaß-Philosophen
Starrsinn und Weisheit: Arthur Schopenhauers Altersschriften
Die Grenze zwischen Altersstarrsinn und Altersweisheit ist fließend. „Die Philosophie-Profeßoren behandeln mich mit kalter Verachtung, hinter der jedoch der glühendste Haß sich verbirgt, welchen auch ferner zu verdienen ich stets bemüht sein werde.“ Eine der letzten Notizen des greisen Arthur Schopenhauer bündelt noch einmal sein Verhältnis zur akademischen Philosophie. Schopenhauer, der es sich aufgrund seiner Vermögensverhältnisse leisten konnte, das Leben eines misanthropischen Privatgelehrten zu führen, wird nicht müde, gegen die akademischen „Schein- und Spaaß-Philosophen“ zu wettern.
Nicht nur, dass alle außer ihm die Bedeutung Immanuel Kants nicht richtig einschätzen können, auch die Naturwissenschaften seiner Zeit, die den Irrlehren Newtons anhängen, anstatt seiner oder wenigstens Goethes Farbenlehre zu folgen, werden mit Spott überzogen. Der vermeintliche Erfolg dieser Wissenschaften, der darin besteht, alles zu messen und zu quantifizieren, ist ihre Kapitulation vor den Problemen, denen sie sich angeblich stellt: „Wo das Rechnen anfängt, hört das Verstehen auf“. Und doch: Schopenhauer leidet zeitlebens darunter, dass ihm die akademische Anerkennung versagt bleibt.
Jung nie gewesen
Der alte Schopenhauer also. Jung war er nie gewesen. Als er als Knabe während einer ausgedehnten Europareise dem massenhaften Elend der frühindustriellen Gesellschaft begegnete, wusste er: Wir sind elend und wir sollen es sein. Die Grundüberzeugung, dass wir in der schlechtesten aller Welten leben, durchzieht auch sein frühes Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“. Lange ignoriert und angefeindet, stellten sich erst spät Erfolg und eine gewisse Popularität ein. Er weiß es und genießt es: „Das Abendroth meines Lebens wird das Morgenroth meines Ruhms.“ Nun erfreut er sich einer zunehmenden Wertschätzung, wenn auch nicht unbedingt von Seiten der etablierten Wissenschaft. Diese ignoriert ihn nach wie vor, aber immerhin: Ein gewisser Richard Wagner hatte ihm einen „Ring des Nibelungen“ gewidmet. Doch auch dies war wohl ein Missverständnis gewesen. Denn Schopenhauer hatte für die germanische Mythologie nur Spott und Hohn übrig: „Nun aber gar diese Nibelungen mit der Ilias zu vergleichen, ist eine rechte Blasphemie . . .“ 
Solches und anderes notiert Schopenhauer in einem Heft, dem er den Titel „Senilia“ gegeben hatte. Die Einträge beginnen im Jahr 1852, bis kurz vor seinem Tod am 21. September 1860 wird er dieses Heft mit Notizen aller Art füllen. Zitate, Gelesenes, Gedankensplitter, Verweise auf andere und eigene Werke, Einfälle für spätere Arbeiten, Vorreden zu den zunehmend häufig angefragten Neuauflagen seiner Schriften, Varianten eines Gedankens, Material und Belege für eine geplante Schrift über die „Verhunzung der deutschen Sprache“. Es handelt sich also bei diesem Konvolut weder um ein stimmiges Alterswerk noch um eine explizite Philosophie des Alters. Zwar kommt Schopenhauer immer wieder auf die Hinfälligkeit und Endlichkeit des Lebens zu sprechen – „Wenn man sich recht besinnt, wird man finden, das Alles, was vergeht, eigentlich nie wahrhaft gewesen ist“ –, aber das ist für ihn nicht Neues. Der Tod schreckt ihn nicht – wohl aber etwas anderes: „Daß in Kurzem die Würmer meinen Leib zernagen werden, ist ein Gedanke, den ich ertragen kann, – aber die Philosophie-Profeßoren meine Philosophie! – dabei schaudert’s mich.“
Aus dem nachschriftlichen Nachlass Schopenhauers wurden diese Senilia nun in einer mustergültigen Edition vorgelegt. Natürlich: Erstveröffentlichung ist dies keine, der gesamte handschriftliche Nachlass liegt ja seit der Edition Arthur Hübschers aus den Jahren 1966-1975 vor, Teile daraus sind in anderen Zusammenhängen auch immer wieder veröffentlicht worden. Die neue, von dem zu früh verstorbenen italienischen Philosophen Franco Volpi und dem Historiker und Paläographen Ernst Ziegler besorgte Ausgabe greift allerdings nicht ordnend in die Texte ein, sondern belässt sie in ihrer ursprünglichen oft chaotischen und verwirrenden Form und Abfolge. Dies erleichtert zwar nicht gerade die Lektüre, ermöglicht es aber auch dem interessierten Laien, die Handschriften, die im Internet unter schopenhauersource.org als Faksimiles eingesehen werden können, zu dechiffrieren.
Wirklich Neues bieten diese Senilia also nicht. Aber es macht Freude, sich an Schopenhauers Starrsinn, seinen Eitelkeiten, seinen unverhohlenen Ressentiments ebenso zu reiben, wie an provokanten Einsichten zu erfreuen. Sein Plädoyer für die Polygamie gehört ebenso zu letzteren wie die treffliche Bemerkung, die auch über jedem Karikaturenstreit stehen könnte: „Was für ein schlechtes Gewißen die Religion haben muss, ist daran zu ermessen, dass es bei so schweren Strafen verboten ist, über sie zu spotten.“ Und mit diabolischem Vergnügen verfolgt man den Kampf des polyglotten Schopenhauer gegen die Zerstörung der deutschen Sprache. Seine Kritik der „Gallicismen“ gibt Hoffnung, dass so wie diese auch so manche Anglizismen wieder verschwinden werden, seine Empörung über die Dummheit, die glaubt, die Welt zu verändern, indem man eine Bezeichnung korrigiert, zeigt allerdings, dass sich nichts zum Besseren gewendet hat. Über die Bemühungen, das seinerzeit offenbar pejorativ verwendete Wort „Litterat“ durch „Schriftverfaßer“ zu ersetzen, notiert er grimmig: „Aber wenn eine an sich unverfängliche Benennung diskreditabel wird; so liegt es nicht an der Benennung, sondern am Benannten, und da wird die neue bald das Schicksal der alten haben.“ Solche Sätze schriebe man gerne jenen ins Stammbuch, die nicht genug politisch korrekte Sprachvorschriften haben können.
Einer ist des anderen Teufel
Die neue Edition der Senilia ist philologisch mustergültig. Der Anmerkungsapparat ist ausführlich und präzise, Schopenhauers komplexe und manchmal rätselhafte Verweise werden aufgelöst, fremdsprachliche Zitate, die er so liebte, übersetzt und so weit als möglich nachgewiesen, ein thematisches Register erleichtert die Orientierung. Dies ermöglicht nicht nur Einblick in die Fragen, mit denen sich Schopenhauer gegen Ende seines Lebens herumgeschlagen hat, sondern zeigt auch einen Menschen, der in immer neuen Varianten Einfälle oder Formulierungen umkreist. Eines der Lieblingsbilder Schopenhauers war das von der Welt als Hölle und den Menschen als Teufeln. Wie dies genau zu verstehen sei, darüber hinterließ uns der Pessimist drei Varianten: „Die Menschen sind die Teufel der Erde, und die Thiere die geplagten Seelen“, heißt es an einer Stelle; später variiert Schopenhauer diesen Gedanken: „Die Welt ist eben die Hölle, und die Menschen sind einerseits die gequälten Seelen und andererseits die Teufel darin.“ Und noch später schreibt er: „Diese Welt ist nicht nur eine Hölle; sondern sie übertrifft die des Dante dadurch, dass Einer der Teufel des Andern seyn muß.“ In sein publiziertes Werk haben alle drei Varianten Eingang gefunden. Wir können es uns also aussuchen. KONRAD PAUL LIESSMANN
ARTHUR SCHOPENHAUER: Senilia. Gedanken im Alter. Hrsg. von Franco Volpi und Ernst Ziegler. Verlag C. H. Beck, München 2010, 374 S., 29,95 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
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Besprechung von 15.09.2010
Das Sein ist das Nichts

Mit ihm ist schwer ins Gespräch zu kommen: 150 Jahre nach seinem Tod macht man aus Schopenhauer einen Steinbruch, der für alles und jedes etwas hergibt. Hat er uns denn gar nichts Zusammenhängendes mehr zu sagen?

Hat er das verdient? Einhundertfünfzig Jahre nach seinem Tod ist Schopenhauer auf Ratgeber-Niveau angekommen. "Die Kunst, glücklich zu sein", "Die Kunst, recht zu behalten", "Die Kunst, zu beleidigen", "Die Kunst, alt zu werden", "Die Kunst, mit Frauen umzugehen" - so lauten jüngere Titel, Textsammlungen zumeist, die ihm Auskunft in zweitrangigen Fragen abpressen oder, wie im Falle des Glücklichseins, gar Unmögliches verlangen. "Die Welt", dieses Resümee zog der Philosoph selbst, "hat einiges von mir gelernt, was sie nie wieder vergessen wird." Aber so, im Sinne von Klugheitsregeln, die ohne Rückbindung an seine metaphysischen Grundannahmen auskommen und die man zur Not ja auch anderswo beziehen kann, war das vermutlich nicht gemeint.

Wenig ist in der Befassung mit ihm geblieben von der Erschütterung, aber auch von der Befriedigung, die frühere Leser durch seinen abgrundtiefen Pessimismus erfahren haben und der Guy de Maupassant wohl den gültigsten Ausdruck verliehen hat: "Schopenhauer hat die Menschheit mit dem Kainsmal seiner Verachtung gezeichnet, er hat das Ungeheuerlichste an Skeptizismus vollbracht, das jemals unternommen wurde. Er hat mit seinem Hohn alles durchpflügt und alles ausgehöhlt. Und heute noch leben im Geist selbst derer, die ihn schmähen, seine Gedanken fort."

Außer Feministinnen, die sich über seinen Frauenhass aufregen und diesen zur Nagelprobe auf sein ganzes Denken machen, wie neulich eine Autorin in der "Süddeutschen Zeitung", hält es heute aber niemand mehr für nötig, ihn zu schmähen. Lieber macht man, unbekümmert um denkerische Zusammenhänge, aus ihm einen Stichwortgeber, dessen scharfkantiges Profil eingebettet wird in die Watte der Lebenshilfe.

Alles nicht mehr von Interesse?

Welche Zumutung er, der den Menschen zur "Fabrikwaare der Natur" abwertet, gerade in Zeiten darstellt, in denen ans politische wie philosophische Denken immer mehr Korrektheitsansprüche gestellt werden; welche Schlüsse aus seiner so heil- wie hoffnungslosen Zustandsbeschreibung zu ziehen wären; wie er, als Lehrer des Willensprimats, der Dominanz also von Trieben und Affekten über die Vernunft, für die moderne Psychologie, deren Stammvater er ist, fruchtbar zu machen wäre; was er als mit schlagender Logik operierender Leugner der Willensfreiheit zu entsprechenden hirnwissenschaftlichen Überlegungen beisteuern könnte; inwiefern sein strikt ahistorischer Sinn zu befragen wäre, der gesellschaftlichen Fortschritt nicht nur nicht kennt, sondern auch für überflüssig erklärt, weil ja doch zu allen Zeiten dasselbe passiert; was man auch von ihm als Stilisten und Literaturkritiker lernen kann; was wir mit seiner um jede Mode unbekümmerten Unzeitgemäßheit, wie er sie praktisch in jeder Hinsicht vorlebte, heute noch oder wieder anfangen könnten und ob wir, nach so vielen Katastrophen im vergangenen und jetzigen Jahrhundert, nicht schließlich auch Ohren haben sollten für das Klagelied, das er mit nicht erlahmendem Elan anstimmt über das Leiden von Mensch und Tier und das wenig genug Anlass gibt, ihn als "Schwarzseher" zu verharmlosen; wo also, kurz gesagt, seine Humanität liegt (jedenfalls nicht immer auf der Hand) - das ist alles kaum noch von Interesse.

Stattdessen die immer gleiche Beteuerung seiner Ausnahme- oder Außenseiterstellung. Deutlich herrscht im Blick auf den, der immer aufs Ganze ging, Anekdotisches vor, das schon seit Jahrzehnten wiedergekäut wird. Wenn man die Einleitungen zu den neueren Schopenhauer-Brevieren liest, dann kann man den Eindruck bekommen, dass es im Wesentlichen nur noch darum geht, ob einem dieser Denker nicht doch irgendwie sympathisch sein könnte. Deswegen hat die Lektüre auch vor allem eines zu sein: vergnüglich.

So trägt der Umgang mit ihm betulich-verharmlosende Züge. Statt des konsequentesten, scharfsinnigsten, dabei aber, anders als Nietzsche, sich im Ton mäßigenden Denkers wird uns, wie im Kuriositätenkabinett, ein Kauz vorgeführt, dessen Patent auf die Begriffe "Wille" und "Vorstellung" allmählich erlischt. Er, der die Selbstdenker so lobte (in seiner eigenen Nähe freilich auch lieber ergebene Jünger haben wollte), wird fast nur noch paraphrasiert.

Selten aber gab es einen Philosophen, der, bei allem persönlichen Egoismus, seine eigene Existenz, seinen Leib und sein Leben nur als Gefäß für eine höhere Wahrheit betrachtet hat, die zu verkünden er von Anfang an überzeugt und getrieben war. Man könnte ihn in dieser Hinsicht fast selbstlos nennen. Das kommt in seiner späten Korrespondenz zum Ausdruck, die so manisch um Fragen der lange vermissten Anerkennung kreist und in der er fast durchweg nicht von sich, sondern von "meiner Philosophie" spricht, die sich endlich durchzusetzen beginne. Umso erstaunlicher ist es, dass er selbst zu seinem Ehrentag dorthin zurückgeholt wird, wo er sich nur notgedrungen aufhielt: in die Immanenz, ja, den Alltag.

Der unermüdliche Ludger Lütkehaus, verdienter Herausgeber, macht mit einer thematisch vage geordneten Zitatensammlung aus ihm nun sogar einen "glücklichen Pessimisten". Der Band "Ich bin ein Mann, der Spaß versteht: Einsichten eines glücklichen Pessimisten" ist eine Blütenlese, die zwar Reizvolles enthält, dieses aber so kontextlos und ohne nähere Erläuterung aneinanderreiht, dass das Ganze unmotiviert und beliebig wirkt. Den reklamierten Humor hatte Schopenhauer ja, aber er ist meistens unbeabsichtigt - das macht ihn so wertvoll. Thomas Mann nannte das "kaustisch": die grimmige Zuspitzung von Sachverhalten, deren düsterer Charakter gerade durch die Treffsicherheit der Formulierungen erträglich, ja, genießbar wird.

Es versteht sich, dass der derart Zugerichtete in einer Zeit der Ratgeberliteratur und des sich allenthalben artikulierenden Bedürfnisses nach Lebensoptimierung oder auch nur -orientierung neuerlich Konjunktur hat, freilich zu dem Preis, dass seine Negativität, die schon Jean Paul in seiner berühmten Rezension der "Welt als Wille und Vorstellung" so hoffnungslos stimmte, zur Randerscheinung verkommt, mit der man sich am Ende doch versöhnen könne.

Er redete Offenbarungen

Das 1818 in erster Auflage erschienene Hauptwerk war, das vergisst man leicht, das Produkt einer jugendlichen, vergrübelt-genialischen Konzeption, eines einzigen Gedankens: "Die Welt ist die Selbsterkenntnis des Willens." Schopenhauer schrieb später über jene Zeit: Ganz egal, auf welchen Gegenstand er geblickt habe - "er redete Offenbarungen zu mir". Zum Erweckungserlebnis wurde er dann auch selbst; man denke an seine Leser Wagner, Tolstoi, Nietzsche oder Thomas Mann. Seine Wirkung auf die Kunst, die herauszufinden die Schopenhauer-Forschung weit in ästhetische Bereiche gedrängt hat, ist nur noch ein fernes Echo. Wo wäre heute der Schriftsteller, der die bisweilen geradezu erschütternde Begegnung mit ihm noch zu feiern wüsste? Statt der unerhörten Musikalität des Systems Rechnung zu tragen und die "Welt als Wille und Vorstellung" als Sinfonie mit gewaltigsten Akkorden als Ganzes auf sich wirken zu lassen, betrachtet man Schopenhauer heute überwiegend als Steinbruch, der zu allem etwas hergibt. Ernst Ziegler nimmt sein Diktum, die Philosophie sei Einübung in den Tod, beim Wort und versammelt, nach einer instruktiven Einleitung, "Gedanken und Einsichten über letzte Dinge". Eine eigene Deutung legt Otto A. Böhmer in einem schmalen Band vor: "Schopenhauer oder Die Erfindung der Altersweisheit" bietet anderthalb Dutzend launig-pointierte, lesenswerte Essays zu wichtigen, dies- und jenseitigen Fragen. Dabei bringt Böhmer eine Leseerfahrung auf den Punkt, die wörtlich schon André Gide geäußert hat: "Schopenhauers Philosophie leuchtet unmittelbar ein; es ist, als ob man, nach langer Suchfahrt durch die Gänge eines übervollen Erkenntnismarktes, auf einmal vor dem richtigen Regal steht und weiß: Das ist es." Tatsächlich erklärt sich das System weitgehend durch sich selbst, was vielleicht mit ein Grund dafür ist, dass Schopenhauer in der von ihm so verachteten Universitätsphilosophie bis heute keine nennenswerte Rolle spielt.

So ist denn auch im Jubiläumsjahr eine gewisse publizistische Verlegenheit nicht zu verkennen. Was soll man auch groß über ihn sagen? Als hätte Schopenhauer seine Inanspruchnahme vorausgeahnt, hat er in der Einleitung seiner 1851 den "Parerga und Paralipomena" beigelegten "Aphorismen zur Lebensweisheit" ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Kategorie eines glücklichen Lebens bei ihm nur sinnvoll ist, wenn man von seiner eigentlichen, anti-weltlichen Tendenz absieht: "Ob nun das menschliche Leben dem Begriff eines solchen Daseins entspreche, oder auch nur entsprechen könne, ist eine Frage, welche bekanntlich meine Philosophie verneint. Folglich beruht die ganze hier zu gebende Auseinandersetzung gewissermaßen auf einer Akkommodation, sofern sie nämlich auf dem gewöhnlichen, empirischen Standpunkte bleibt und dessen Irrtum festhält. Demnach kann auch ihr Wert nur ein bedingter sein, da selbst das Wort Eudämonologie nur ein Euphemismus ist."

Gut leben, darunter verstand er: mit so wenig Reibungsverlusten wie möglich. Dies war das Thema des alten Schopenhauer, den dieses Jahr der frühverstorbene Franco Volpi und Ernst Ziegler in den sorgfältig herausgegebenen, aber vom Textcorpus her nicht neuen Nachlassnotizen "Senilia" weiter in den Blick gerückt haben. Ihn fasst nun auch Robert Zimmer in seiner Biographie "Arthur Schopenhauer. Ein philosophischer Weltbürger" ins Auge. Es ist das wichtigste Buch zum Todestag.

Schärfer als bisher, schärfer auch als in Rüdiger Safranskis großer Biographie "Schopenhauer und die wilden Jahre der Philosophie" wird hier der Ost-West-Denker konturiert, der als der erste wirklich globale Kopf überhaupt erscheint, der sich von Platon und Kant nicht weniger hat inspirieren lassen als vom Buddhismus und den Upanischaden, dieser Schriftensammlung des Hinduismus. Entschieden stellt Zimmer den Moralisten in eine Reihe mit Montaigne, Gracián und Chamfort und sieht, in dieser Hinsicht, in ihm eher einen Schriftsteller, der dem deutschen Idealismus freilich eine naturwissenschaftliche Wappnung vorausgehabt habe, die sein Denken weniger spekulativ gemacht habe. In dieser Perspektive werden die "Aphorismen zur Lebensweisheit" zum heimlichen Hauptwerk, das aus der bildungsbürgerlichen Bücherecke herausgeholt und als sprachliches wie gedankliches Meisterwerk ausgewiesen wird. Auch was die Metaphysik betrifft, sieht Ziegler ihn als Rationalisten: als Diagnostiker, nicht als Propagator des Willens.

Wieso ist es so schwer (geworden), mit Schopenhauer ins Gespräch zu kommen? Wie ein schwarzes Loch saugt seine Negativität alles an und verschluckt am Ende sogar die Sprache. Im berühmten Schlussakkord der "Welt als Wille und Vorstellung" sieht er ungerührten, eisigen Blickes ins Nichts: "Wir bekennen es vielmehr frei: Was nach gänzlicher Aufhebung des Willens übrig bleibt, ist für alle die, welche noch des Willens voll sind, allerdings Nichts. Aber auch umgekehrt ist denen, in welchen der Wille sich gewendet und verneint hat, diese unsere so sehr reale Welt mit allen ihren Sonnen und Milchstraßen - Nichts."

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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Wirklich "mustergültig" findet Rezensent Konrad Paul Liessmann Franco Volpis und Ernst Zieglers Edition der Altersschriften Arthur Schopenhauers. Der Philosoph, der Zeit seines Lebens unter mangelnder akademischer Anerkennung litt, trat Kritikern und anderen Zeitgenossen häufig mit spöttisch-grummelnden Bemerkungen entgegen und hielt diese in einem "Senilia" betitelten Heft fest. Aber auch Zitate, Gelesenes, Gedankensplitter, Einfälle für spätere Arbeiten etc. finden sich in dem häufig "provokanten" Band wieder, so Liessmann und zitiert einen Spruch, der seiner Ansicht nach auch über den Karikaturenstreit passen würde: "Was für ein schlechtes Gewißen die Religion haben muss, ist daran zu ermessen, das es bei so schweren Strafen verboten ist, über sie zu spotten.". Es handele sich bei diesen Texten aus den Jahren 1852-1860 nicht um eine Philosophie des Alters, und es sei auch keine Erstveröffentlichung. Aber im Gegensatz zur Edition Artur Hübschers aus den Jahren 1966-1975 griffen die beiden Herausgeber nicht ordnend in die Texte ein und bewahrten so die oft chaotische und verwirrende Form und Abfolge. Das habe den Vorteil, dass auch "interessierte Laien" versuchen könnten, Schopenhauers Handschrift zu dechiffrieren. Ein vorbildlicher Anmerkunsapparat erleichtere den Weg durch die bisweilen recht starrsinnigen und eitlen Gedanken des Philosophen, erkläre seine rätselhaften Verweise und liefere Übersetzungen der so beliebten fremdsprachlichen Zitate, lobt überdies der Kritiker.

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