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Von Geburt an prägt die Beziehung zwischen Mutter und Säugling die seelische Entwicklung des Kindes. Dauerhaft misslingende Mutter-Kind-Interaktionen oder traumatische Erlebnisse produzieren negative Anteile in der Psyche des Kindes. Daraus bildet sich nach Volkan ein infantiles psychotisches Selbst, das verschiedene Entwicklungen nehmen kann, etwa in Form einer Schizophrenie in der Kindheit, im Erwachsenenalter oder anderer psychotischer Persönlichkeitsorganisationen.Volkan untersucht die aus dem infantilen psychotischen Selbst hervorgehenden psychischen Störungen unter Einbeziehung…mehr

Produktbeschreibung
Von Geburt an prägt die Beziehung zwischen Mutter und Säugling die seelische Entwicklung des Kindes. Dauerhaft misslingende Mutter-Kind-Interaktionen oder traumatische Erlebnisse produzieren negative Anteile in der Psyche des Kindes. Daraus bildet sich nach Volkan ein infantiles psychotisches Selbst, das verschiedene Entwicklungen nehmen kann, etwa in Form einer Schizophrenie in der Kindheit, im Erwachsenenalter oder anderer psychotischer Persönlichkeitsorganisationen.Volkan untersucht die aus dem infantilen psychotischen Selbst hervorgehenden psychischen Störungen unter Einbeziehung biologischer, physiologischer, entwicklungspsychologischer und psychoanalytischer Erkenntnisse. Daraus gewinnt er ein differenziertes Verständnis von psychotischen Erkrankungen. Fallbeispiele zeigen auf, wie die durch diese Erkrankungen schwer beeinträchtigten Menschen behandelt werden können. Originalausgabe: The Infantile Psychotic Self and Its Fates. Unterstanding and Treating Schizophrenics and Other Difficult Patients (Northvale 1995).
  • Produktdetails
  • Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht
  • Seitenzahl: 333
  • Deutsch
  • Abmessung: 205mm
  • Gewicht: 345g
  • ISBN-13: 9783525462027
  • ISBN-10: 3525462026
  • Artikelnr.: 12108972
Autorenporträt
Vamik D. Volkan ist Professor emer. für Psychiatrie, Begründer des Center for the Study of Mind and Human Interaction an der University Virginia und Senior Erik Erikson Scholar am Austen Riggs Center in Stockbridge, Massachusetts. Er hält Vorträge auf der ganzen Welt; seine zahlreichen Veröffentlichungen wurden bereits in mehr als zwölf Sprachen übersetzt.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 15.10.2004

Neurosen sind out
Vamik Volkan klärt über die Schizophrenie auf

Er ist das, was man eine charismatische Persönlichkeit nennt. Heute ist Vamik Volkan es fast allzusehr - oder anders gesagt: Sein Charisma wird durch viele öffentliche Auftritte unvermeidlicherweise instrumentalisiert. Er ist so etwas wie ein "Psycho-Diplomat", vermittelt auf politischer Ebene - glänzend übrigens - in verschiedenen Ländern Konflikte zwischen ethnischen Gruppen. Diese so segensreiche wie notwendige Tätigkeit verträgt sich jedoch nicht unmittelbar mit seiner "früheren", der psychoanalytischen, einer asketischen stillen Geduldsaufgabe. So ist Volkans Charisma im wesentlichen das eines Vereinbarungskünstlers von eigentlich ganz verschiedenen Arbeitsstilen.

Wir haben jetzt die deutsche Übersetzung eines seiner Bücher vorliegen, in dem er über die Arbeit seines "früheren" Lebens Auskunft gibt. Er hat es 1995 verfaßt, rollt darin aber auch lange zurückliegende Fallgeschichten auf und informiert uns in einem theoretischen Teil über die amerikanische und seine eigene Schizophrenietheorie. Er gehört zu den wenigen Psychoanalytikern, die Schizophrene behandelt haben und darüber schriftlich Auskunft geben. Man sollte meinen, Schizophrene kann man nicht anders als mit Charisma behandeln. Dieses kann natürlich eine ganz unterschiedliche Temperatur haben: Es meint zunächst einfach nur im ganz technischen Sinn angesichts von psychotischen Identitätskonfusionen, sich so weit involvieren zu können, daß das eigene Ich sozusagen einen Hof hat, weiter reicht als die Grenzen des eigenen Körpers, oder, weniger mystisch ausgedrückt: angemessen auf Fremdreize zu reagieren.

In den siebziger Jahren vertrat Klaus Dörner in seinem Buch "Bürger und Irre" die These, die Bürger seien neurotisch, die Proletarier aller Länder psychotisch. Eine solche Behauptung wirkt heute wie ein Holzhammer, und doch ist sie nicht so grotesk, wie sie scheint. Sie ist eine Variation der Marxschen These von der Selbstentfremdung des Proletariers. Der Proletarier verkauft sich und ist somit zwei Personen: der freie Verkäufer und der Sklave als Gekaufter. Dadurch ist die Psychose vorgegeben, und Selbständigkeit kann sich nur noch an der Theke entfalten oder wenn diese selbstentfremdeten Proletarier in eine Tuchwebervilla einbrechen. Der laut Dörner "neurotische" Bürger kann hingegen etwas, was der Proletarier nicht kann: erkennen.

Wir entfernen uns heute gesellschaftlich von der "bürgerlichen Gesellschaft" und somit auch vom kollektiven Neurosenschema. Die sogenannte Borderline-Mentalität - eine Zwischenbefindlichkeit, noch nicht voll psychotisch, sondern eben "an der Grenze" - wird als Ideal normalisiert. Borderliner sind immer noch "realistisch", sie überwinden oder unterlaufen den alltäglichen Wahnsinn - im Idealschema. Da diese psychische Befindlichkeit heute dominant ist, wäre es um so interessanter, mehr über das endgültige Aussteigen in den Wahn zu erfahren. Darüber erfährt man in der Literatur bisher aber wenig. So weiß der Leser beispielsweise des Buchs "Das Rätsel Schizophrenie. Eine Krankheit wird entschlüsselt" von dem Psychiater Heinz Häfner am Ende nicht viel mehr als dies: daß es - darin mit Volkan einig - Schizophrenie immer und in allen Kulturen gegeben hat. Immerhin hatte schon Häfner deutlich gemacht, daß die Lage der Schizophrenen durch die sehr verbesserten Psychopharmaka erträglicher geworden ist. Psychiater können heute viel spezifischer sedieren und auf die narkotisierenden "Klopper" verzichten, bleiben im Prinzip jedoch weiter auf Sedativa angewiesen. Ihre Fortschritte sind an die Erforschung des Hirnstoffwechsels gekoppelt.

Bis jedoch Klarheit über die Defizite im Hirnstoffwechsel von Schizophrenen herrscht, muß und kann die Psychoanalyse solchen Defiziten auf psychischer Ebene entgegenwirken und nichtaktive, verkümmerte Hirnpartien anregen. Das dauert allerdings seine unter Umständen sehr lange Zeit. Aber es ist doch ein Lichtblick gegenüber dem massiven Vorurteil, Schizophrenie sei nur mit Medikamenten beizukommen. Im Unterschied zur "erfolgreichen" Psychiatrie, die das Verständnis des Wahns blockiert, arbeitet Volkan im Prinzip ohne Medikamente und versucht die Sprache des Wahns zu verstehen. Nach seiner Theorie gibt es ein infantiles psychotisches und ein erwachsenes psychotisches Selbst. Wird das infantile nur eingekapselt, nicht aufgelöst, dann kann das Ergebnis eine relative Stabilisierung, niemals aber eine wirkliche Heilung sein.

Volkan kann sich mit relativen Heilungserfolgen abfinden. Es wird den Leser merkwürdig berühren, daß man gegenüber schizophrenen Patienten geradezu redselig entspannt sein kann. Ein Nachteil für die Fachleute erscheint mir, daß Volkan zu wenig technisch begründet, was er macht. Die erste Schule der Schizophrenie-Behandlung, die Schule Melanie Kleins, offenbart sich viel stärker. Der Fachmann kann deren einzelne Schritte genau nachvollziehen. Das muß nicht heißen, daß Volkan mit seinen "amerikanischen" Mitteln, einem Verschnitt von Ich-Psychologie, Sichabsetzen von der Objektbeziehungstheorie und eigener Melange, nicht genauso tiefe psychische Schichten erreicht. Wir nehmen bei ihm aber immer nur an der Diagnostik teil, kaum an der Therapie.

Für Nichtfachleute allerdings ist die Lektüre spannend, weil der Autor gut erzählen kann. Das Bild vom Kleinianismus ist bei ihm freilich so konfus wie bei den meisten Klein-Gegnern. Sie haben eine Baukastenanalyse im Kopf, als befänden sich im Inneren des Patienten etwa zwölf Objekte - sieben gute, fünf böse -, ohne zur Kenntnis zu nehmen, wie die Objektbeziehungen mit der individuellen Entwicklung von mentalen Funktionen zusammenhängen. Mit einem Wort: Theoretisch scheint Volkan ein bißchen hinter dem Mond zu sein. Wie Monsieur Jourdain nicht wußte, daß er Prosa redet, so scheint Volkan nicht zu wissen oder nicht wissen zu wollen, daß seine ganze Tätigkeit letztlich auf "Objektbeziehungstheorie" beruht. Er ist nichts anderes als Leiter von Expeditionen ins Land der versteinerten, pervertierten, destruktiv agierenden inneren Objekte.

CAROLINE NEUBAUR

Vamik D. Volkan: "Das infantile psychotische Selbst und seine weitere Entwicklung". Verständnis und Behandlung schizophrener und anderer schwieriger Patienten. Aus dem amerikanischen Englisch von Ute Boldt. Vandenhoeck & Ruprecht Verlag, Göttingen 2004. 333 S., br., 32,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Einen zwiespältigen Eindruck hat Vamik Volkans Buch über Schizophrenie bei Rezensentin Caroline Neubaur hinterlassen. Wie sie berichtet, gehört der Autor zu den wenigen Psychoanalytikern, die Schizophrene behandelt haben und darüber schriftlich Auskunft geben. Hier rolle der Autor Fallgeschichten auf und informiere in einem theoretischen Teil über die amerikanische und seine eigene Schizophrenietheorie. Neubaur hebt hervor, dass Volkan im Prinzip ohne Medikamente arbeite und versuche, die Sprache des Wahns zu verstehen. Als Nachteil für die Fachleute erachtet die Rezensentin, dass Volkan zu wenig technisch begründet, was er macht. Zwar stellt sie nicht in Frage, dass er mit seinen "amerikanischen" Mitteln, einem Verschnitt von Ich-Psychologie, Sichabsetzen von der Objektbeziehungstheorie und eigener Melange, nicht genauso tiefe psychische Schichten erreicht wie die Schule Melanie Kleins. Aber Volkan lasse den Leser nur an der Diagnostik teilhaben, kaum an der Therapie. Nichtfachleute allerdings werden das Buch nach Ansicht Neubaurs "spannend" finden, weil der Autor gut erzählen könne. Was für sie nicht ohne weiteres das Theoriedefizit des Buches ausgleicht. "Theoretisch", meint die Rezensentin, "scheint Volkan ein bisschen hinter dem Mond zu sein".

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