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Jahrzehntelang haben allwissende Westdeutsche ihren Landsleuten aus dem Osten mit mehr oder weniger Nachsicht das Leben in der Diktatur erklärt. Jetzt lässt der Satiriker Peter Ensikat endlich auch den Wessis Gerechtigkeit erfahren und veranschaulicht ihnen mit der gleichen Sachkenntnis und Gründlichkeit ihr Leben in der Demokratie. Nach 60 Jahren Bundesrepublik findet sich vieles, wofür man sich schämen könnte: der deutsche Tourist, die deutsche Sozialdemokratie, die deutschen Langzeitkanzler ... - aber keine Sorge: Wir können ja alle nichts dafür!…mehr

Produktbeschreibung
Jahrzehntelang haben allwissende Westdeutsche ihren Landsleuten aus dem Osten mit mehr oder weniger Nachsicht das Leben in der Diktatur erklärt. Jetzt lässt der Satiriker Peter Ensikat endlich auch den Wessis Gerechtigkeit erfahren und veranschaulicht ihnen mit der gleichen Sachkenntnis und Gründlichkeit ihr Leben in der Demokratie. Nach 60 Jahren Bundesrepublik findet sich vieles, wofür man sich schämen könnte: der deutsche Tourist, die deutsche Sozialdemokratie, die deutschen Langzeitkanzler ... - aber keine Sorge: Wir können ja alle nichts dafür!
  • Produktdetails
  • Verlag: edition q
  • Seitenzahl: 236
  • Erscheinungstermin: September 2010
  • Deutsch
  • Abmessung: 220mm
  • Gewicht: 410g
  • ISBN-13: 9783861246480
  • ISBN-10: 3861246481
  • Artikelnr.: 29900922
Autorenporträt
Peter Ensikat, geboren 1941 in Finsterwalde, ist Schriftsteller und Kabarettist. Bis 1974 arbeitete er als Schauspieler in Dresden und Ostberlin, später avancierte er zu einem der meistgespielten Kabarettautoren in der DDR. Auf zahlreichen Auslandsreisen konnte er sich schon vor der Wende mit eigenen Augen ein Bild vom "goldenen Westen" machen. Von 1999 bis 2004 war er künstlerischer Leiter des Kabaretts "Die Distel". Er schrieb u. a. die Bücher: "Hat es die DDR überhaupt gegeben?" (1998), "Das Schönste am Gedächtnis sind die Lücken" (2005) und im be.bra verlag "Populäre DDR-Irrtümer" (2008).
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 13.12.2010

Jetzt wird zurückbelehrt!
Unausgewogen, sarkastisch, souverän und pointiert:
Peter Ensikat verzeiht den Westdeutschen
Für meine Kinder ist die DDR Geschichte, für mich lebt sie als Erinnerung an furchterregende Schwimmerinnen, eine menschenfeindliche Grenze mit grausigen Volkspolizisten und eine mumifizierte Führungsriege weiter.
Diesen Staat als Sympathieträger darzustellen, hätte garantiert jeden Image-Designer zur Verzweiflung gebracht. Die Überlegenheit des Westens und Unterlegenheit der armen Verwandtschaft spiegelte sich schon in banalsten Dingen wider. Der Westen roch, der Osten stank. Hier Mercedes und KdW, dort Braunkohle, Plaste und Elaste und Zwei-Takter, hier ein James Bond und BND, dort die Mielke-Stasi.
Nachdem das Gutriechende gesiegt hatte, erklärten sich sofort liebe Wessis bereit, den Dädärä-Brüdern, die ja für ihre Ahnungslosigkeit nichts konnten, beste Ratschläge zu geben. Jeder noch so brunzgescheite westliche Bild -Leser fühlte sich jedem Professor aus der DDR haushoch überlegen, der arme sächselnde Ossi mutierte zur naiven Witzfigur im Comedy-Stadel. Peter Ensikat, einer der klügsten Köpfe des DDR-Kabaretts, hat nun ein Buch geschrieben, in welchem er uns unter dem tröstlichen Titel „Ihr könnt ja nichts dafür!“ als Besserwisser-Ossi gnadenlos zurückbelehrt.
„Nachdem den Ostdeutschen nun schon zwei Jahrzehnte lang mit mehr oder weniger Nachsicht ihr Leben in der Diktatur von so vielen Westdeutschen ausführlich und mit großer Sachkenntnis erklärt wurde, ist es nun an der Zeit, auch den westdeutschen Landsleuten endlich Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und ihnen mit gleicher Sachkenntnis ... ihr Leben in der Demokratie zu veranschaulichen.“ So beginnt Peter Ensikat seine ironische Retourkutsche.
„Es war ja auch nicht alles schlecht in der BRD“, tröstet er seine westlichen Landsleute, die über das Leben der Anderen besser Bescheid wussten als diese über sich selbst. Titelgebend war wohl Ensikats schon 1946 gen Westen entschwundener Onkel Günther aus Mannheim . Dieser Onkel, der trotz späterer Arbeitslosigkeit Sozenhasser und Kohl- Wähler blieb (Wer will, findet Arbeit!) und im geliehenen Mercedes zum Angeben in die DDR fuhr, hatte den Neffen schon im Kindesalter bezüglich der „DDR“ indoktriniert – immer mit dem nachsichtigen Trost: „Aber ihr könnt ja nichts dafür!“
Tante Anneliese aus Wilmersdorf, die ihrer Familie nie verzieh, dass sie „den Russen“ nicht einfach hinausgeworfen hatte, wollte mit so einem Volk ohnehin nichts mehr zu tun haben. Nach dem Mauerfall kam es dann, wie’s kommen musste: Tante Anneliese war enttäuscht, weil die bucklige Verwandtschaft vor der Tür stand; Onkel Günther war enttäuscht, weil er im Mercedes mit Trabis in demselben Stau stehen musste; Peter Ensikat war enttäuscht über seine ostdeutschen Genossen, die einen Kohl, der sich für Bismarck hielt, als D-Mark-Kanzler wählten.
Doch sogar zu Trennungszeiten gab’s Gemeinsamkeiten: die Meinung über Polen, die Integration ehemaliger Nazis in Stasi, BND und beide Armeen, das Erziehungsmotto: Gehorsam und Ertüchtigung durch Züchtigung. So wie das Wahlvolk erzogen war, wussten Politiker beider Seiten, dass sie sich darauf verlassen können. Der gesamtdeutsche Wähler wiederum verlässt sich darauf, dass alle Politiker lügen und er die Wahl zwischen besseren und schlechteren Lügnern hat. In ihrer Enttäuschung über die Lügen der neuen demokratischen Parteien begannen die Ostdeutschen sich dann wieder der Partei zuzuwenden, an deren Lügen sie sich 40 Jahre lang gewöhnt hatten.
Manchen Wessi-Leser wird überraschen, dass es in der DDR ein vergleichsweise vorbildliches Familien- und Arbeitsrecht gab und der Homosexuellen- und der Abtreibungsparagraph dort längst abgeschafft waren, als bayrische Mädchen noch nach Holland fuhren. Im Hinblick auf das politische Strafrecht freilich war die DDR für Ensikat vom ersten bis zum letzten Tag ein Unrechtsstaat, weder Demokratie noch sozialistisch. Dass die DDR ein Überwachungsstaat war, bestreitet er nicht. Dass die BRD das nicht ist, wagt er zu bezweifeln.
Mit kabarettistischem Humor blickt Peter Ensikat auf BRD und DDR in Geschichte und Gegenwart, unausgewogen und provokant, souverän sarkastisch und pointiert. Er kann das unerschütterliche Selbstbewusstsein der Westdeutschen, dass es die eigene Entscheidung und ihr Verdienst gewesen seien, nach dem Krieg auf der richtigen Seite zu stehen, kaum fassen. Ensikat ist sich nämlich angesichts langjähriger bayrischer Wahlergebnisse keineswegs sicher, ob die Wiedervereinigung schon vollzogen wäre, wenn Bayern sowjetische Besatzungszone geworden wäre.
Da ein Vorwort wie eine lästige Vorgruppe wirken würde, für die man nicht bezahlt hat, ein Nachwort aber so überflüssig wäre wie die Erklärung einer guten Pointe, kontert Wessi Dieter Hildebrandt lieber mit einem fulminanten „Mittelwort“, in welchem er versichert, er könne ja auch nichts dafür! Er jedenfalls habe Wurzen nicht gewollt! Und er könne ja auch nichts dafür, dass die DDR meinte, sie habe ihre Bürger, die auf dem Weg in eine bessere Gesellschaft waren, „vor den Verlockungen der unkontrollierten Freiheit, den Gefahren der Meinungs- und Pressefreiheit in Sicherheit gebracht“. Aber es gab in Deutschland eine wunderbare Revolution. Als Wessi muss man leider sagen: Wir konnten nichts dafür! HANS WELL
PETER ENSIKAT: Ihr könnt ja nichts dafür! Ein Ostdeutscher verzeiht den Wessis. edition q, Berlin 2010. 236 Seiten, 19, 95 Euro.
Hans Well gehört zur Biermösl Blosn. Er spielt Gitarre, Steirisches Akkordeon, Saxophon, Trompete, Bratsche, Sopran-Jagdhorn und Tenor-Alphorn.
Dieter Hildebrandt versichert:
Er könne auch nichts dafür!
Obenstehendes Bild würde ein Strafrechtler so beschreiben: „Die Insichnahme ist die intensivste Form der Ansichnahme.“ Vielen DDR-Bürgern erschien es nach 1990, als sei ihr kleines Land vom Westen einfach geschluckt worden. Der ostdeutsche Satiriker Peter Ensikat hat sich jetzt den Westdeutschen gewidmet. Und er hat Trost parat: „Es war ja auch nicht alles schlecht in der BRD.“ Im DuMont Verlag hat Ensikat neulich übrigens auch seine Erinnerungen publiziert: „Meine ganzen Halbwahrheiten“. Ensikat räumt mit Vorurteilen auf, das ist sein Beruf. Dasselbe tut auch der Diplomat Avi Primor in seinem Erinnerungsbuch. (augf) Zeichnung: Hurzlmeier
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Hans Well hat sich bei der Lektüre von Peter Ensikats Buch "Ihr könnt ja nichts dafür!" bestens amüsiert. Vergnügt berichtet er, wie der Autor in seiner Abrechnung den Spieß umdreht, um als "Besserwisser-Ossi" den sich überlegenden wähnenden Wessis ihr Leben in der BRD zu erklären und sie auch mal zu trösten ("es war ja auch nicht alles schlecht in der BRD"). Er würdigt Ensikat als einen der "klügsten Köpfe" des DDR-Kabaretts. Das bissig-belehrende Buch über Geschichte und Gegenwart von BRD und DDR ist für den Rezensenten ein echtes satirisches Glanzstück: "unausgewogen und provokant, souverän sarkastisch und pointiert."

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