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Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 02.05.2021

KEIN GELD FÜR FRAUEN

Gründerinnen tun sich schwer, Investoren von ihren Ideen zu überzeugen. Woran liegt das?

Von Maja Brankovic

Es war im November 2019, als Kati Ernst und Kristine Zeller mit ihrer Geschäftsidee bei "Die Höhle der Löwen" auftraten. Ihr Produkt, Periodenunterwäsche, war praktisch, nachhaltig, modern. Die Jury der Gründershow im Fernsehen aber reagierte verhalten. "Ein Frauenprodukt", meinte Investor und Show-Juror Carsten Maschmeyer. "Kein einfaches Thema", fand sein Jurykollege Ralf Dümmel. Und damit kein Deal.

Eineinhalb Jahre später pitchten Eugen Raimkulow und André Ritterswürden in derselben Show ihre Idee: Einweghandschuhe mit integriertem Klebestreifen in Pink, mit denen Tampons entfernt und anschließend entsorgt werden können - hygienisch, blickdicht und geruchsneutral. Sie bekamen den Zuschlag. Von Dümmel. Und einen veritablen Shitstorm in den sozialen Medien gratis ins Haus. Noch während die Sendung im Fernsehen lief, wuchs in den sozialen Netzwerken unter dem Hashtag #Pinkygate eine Flut der Entrüstung heran. Absolut überflüssige Idee, völlig am Bedarf der Zielgruppe vorbei, hieß es. Aber kein Wunder, dass Dümmel eingestiegen sei - Männer förderten halt immer noch lieber Männer. Tatsache?

Wie viel Wahrheit in diesem Vorwurf steckt, lässt sich nur sehr schwer beantworten. Die Motivationen der Investoren sind komplex, Gründerinnen und Gründer in vielerlei Hinsicht unterschiedlich. Wer vermag da, eine systematische Diskriminierung nachzuweisen? Besonders motivierend aus Gründerinnen-Perspektive wirken die Zahlen des Bundesverbandes Deutsche Startups aber nicht. In seinem Female Founders Monitor stellte dieser fest, dass Männer bei ähnlichen Geschäftsmodellen eine 60 Prozent höhere Chance auf Risikokapital haben als Frauen. Eine andere Zahl liefert eine mögliche Erklärung: 96 Prozent der Venture-Capital-Firmen werden demnach von Männern geführt. Und männliche Investoren entscheiden sich offenbar lieber für männliche Gründer, bewusst oder unbewusst. Dass die Geschäftsideen von Frauen als Investments durchaus etwas taugen, zeigt eine Studie der Boston Consulting Group. Sie rechnet vor, dass Gründerinnen pro investiertem Dollar 78 Cent erwirtschaften. Bei Männern sind es gerade mal 31 Cent.

Wissenschaftliche Studien zum Thema Diskriminierung beim Risikokapital gibt es zuhauf, auch hier lautet die Quintessenz in der Regel: Gründerinnen werden bei der Finanzierung benachteiligt. Für Aufsehen sorgte etwa die 2018 erschienene Studie eines Forscherteams um die Columbia-Ökonomin Dana Kanze, nach der es subtile Unterschiede im Umgang der Investoren mit Gründern gibt, die aber maßgeblich über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Dieser Unterschiede, sagt Kanze, seien wir uns in der Regel nicht bewusst. Forscher sprechen von einem "Unconscious Bias". Besonders deutlich werde dieser beim Pitch - der in der zitierten Gründershow ja auch im Mittelpunkt steht. Gründerinnen würden beispielsweise von Investoren hauptsächlich gefragt, was beim Geschäftsmodell schiefgehen könnte, ihre Ideen würden also durch das bedenkenorientierte Fragemuster grundlegend problematisiert. Männliche Gründer dagegen werden viel häufiger nach den Chancen des Start-ups gefragt. Ein gewaltiger Unterschied, meint Kanze, dem die Frauen allerdings entgegenwirken könnten, indem sie "die problemorientierten Fragen mit lösungsorientierten Antworten kontern". Also selbstbewusst an den Fragen der Investoren vorbeireden. Nur: Ob ein selbstsicheres Auftreten den Gründerinnen wirklich hilft, um die Lücke zu schließen?

Die Tübinger Juniorprofessorin Theresa Veer und ihre Kollegin Katja Bringmann von der belgischen Universität Gent sehen da eher schwarz. In ihrem neuesten Arbeitspapier kommen die Ökonominnen zum Schluss, dass Frauen besonders dann bei Investoren nicht durchkommen, wenn sie sich mit ihrer Geschäftsidee aktiv um Risikokapital bemühen - so wie Kati Ernst und Kristine Zeller bei "Die Höhle der Löwen". Um ihre Forschungsfragen zu beantworten, konnten die Forscherinnen auf die Daten eines der größten europäischen Unternehmen aus dem Bereich Kommunikation und IT aus dem Zeitraum von 2013 bis 2017 zurückgreifen. Das Unternehmen verfügt über eine Unternehmenseinheit, die nach jungen Start-ups sucht und dann als erster institutioneller Investor in das Unternehmen einsteigt. Nicht nur gaben diese Daten ausführliche Informationen zu den Gründern und Geschäftsführern preis. Sie enthielten auch Details zu den Unternehmensbewertungen und deren Entwicklung sowie zu allen Investoren, die sich noch an den Start-ups beteiligten.

Von den 123 Unternehmen in dem Datensatz hatte knapp jedes fünfte eine Frau an der Spitze. Diese Start-ups bekamen nicht nur grundsätzlich weniger Risikokapital als solche mit Männern an der Spitze. Besonders erfolglos waren ausgerechnet die Frauen, die nicht darauf warteten, dass sie von Kapitalgebern gefunden wurden, sondern sich selbst um Investoren bemühten. Im Schnitt bekamen Frauen, die keine aktive Kapitalakquise betrieben, eine um 143 Prozent höhere Bewertung für ihr Unternehmen als ihre forscheren Mitstreiterinnen. Ein selbstbewusster Umgang mit der eigenen Geschäftsidee wurde also finanziell eher bestraft. Bei männlichen CEOs hingegen machte es keinen Unterschied in der Bewertung, ob sie auf Suche gingen oder nicht - was unterm Strich dazu führte, dass aktiv um Kapital werbende Unternehmen im Schnitt um 242 Prozent höher bewertet wurden, wenn ihre CEOs Männer waren.

Was also könnte die Lösung für die Ungleichbehandlung sein? Ein konkreter Vorschlag kommt von Iris Bohnet. In ihrem Buch "What works" aus dem Jahr 2017 schreibt die Schweizer Harvard-Professorin, man müsse nicht die Frauen ändern, sondern die Spielregeln anpassen. Wie das geht? Zum Beispiel so: Seit ihre Bewerberinnen und Bewerber hinter einem Vorhang vorspielen, stellen renommierte amerikanische Orchester signifikant mehr Frauen ein. Ein simples Stück Stoff hat den Talentpool verdoppelt. Gründerinnen und Gründer können zwar kaum hinter einem Vorhang vorsprechen, aber mit einem geeigneten Verhaltensdesign, zum Beispiel standardisierten Fragebogen oder Auswertungen mit Hilfe von Algorithmen, ließen sich die Vorurteile umgehen, sagt Bohnet. Die ersten VC-Klitschen zeigten sich auch schon experimentierfreudig, etwa das Londoner Unternehmen Fuel Ventures, als es über einen Zeitraum von vier Monaten die Gründerinnen und Gründer bewertete. Es sind kleine Schritte. Doch langsam kommt Bewegung in die Sache.

Kanze, D., Huang, L., Conley, M. A., Higgins, E. T.: We Ask Men to Win and Women Not to Lose: Closing the Gender Gap in Startup Funding, Academy of Management Journal 2018, Vol. 61, No. 2, 586-614.

Veer, T., Bringmann, K.: Everything is (Not) Negotiable: The Gender Startup Valuation Gap, Working Paper 2021.

Bohnet, I.: What works: Wie Verhaltensdesign die Gleichstellung revolutionieren kann, C. H. Beck 2017.

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"Greift die aktuelle Forschung in den Wirtschaftswissenschaften auf und entwickelt daraus konkrete Handlungsempfehlungen."
Wirtschaftswoche online, Nicola Fuchs-Schündeln

"Ein großer Wurf."
Frank Ufen, Lesart, Frühjahr 2018

"Verhaltensdesign ist ein überzeugender Ansatz zur Gestaltung von Gesellschaft - weit über das Thema Gleichberechtigung hinaus."
changeX, 19. Februar 2018

"Iris Bohnets nüchterner Ansatz auf der Basis eines großen Datenpools hat viele Vorzüge, allen voran den Vorzug verbaler Abrüstung in Hinsicht auf den Geschlechterkonflikt."
Meike Feßmann, Tagesspiegel, 27. November 2017

"Sollen Frauen sich verstellen, um beruflich erfolgreich zu sein? Die Verhaltensökonomin Iris Bohnet zeigt einen besseren Weg."
Julia Bähr, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25. November 2017

"Ein famoser Ratgeber für Frauen und Männer, die mehr über ihr Verhalten erfahren möchten."
Thorsten Giersch, Handelsblatt online, 11. Oktober 2017

"Dieses Buch hat das Potenzial, selbst eingefleischte Chauvinisten davon zu überzeugen, mehr Frauen einzustellen und zu fördern (...) Ein lesenswertes und überzeugendes Buch."
Felix Ter-Nedden, General-Anzeiger, 30. September 2017

"Ein Buch, das für Vorgesetzte Pflichtlektüre sein sollte."
Peer Teuwsen, Neue Zürcher Zeitung am Sonntag, 27. August 2017