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Darf ein Staat Söldner verpflichten, um Kriege zu führen? Ist es moralisch vertretbar, Leute dafür zu bezahlen, dass sie Organe spenden? Dürfen Unternehmen gegen Geld das Recht erwerben, die Luft zu verpesten? Fast alles scheint heute käuflich zu sein. Wollten wir das so? Und was können wir dagegen tun? Mit Verve und anhand prägnanter Beispiele widmet sich Michael J. Sandel dieser wichtigen ethischen Frage.…mehr

Produktbeschreibung
Darf ein Staat Söldner verpflichten, um Kriege zu führen? Ist es moralisch vertretbar, Leute dafür zu bezahlen, dass sie Organe spenden? Dürfen Unternehmen gegen Geld das Recht erwerben, die Luft zu verpesten?
Fast alles scheint heute käuflich zu sein. Wollten wir das so? Und was können wir dagegen tun? Mit Verve und anhand prägnanter Beispiele widmet sich Michael J. Sandel dieser wichtigen ethischen Frage.
  • Produktdetails
  • Ullstein Sachbuch
  • Verlag: Ullstein Tb
  • Originaltitel: What Money Can't Buy
  • Seitenzahl: 299
  • Erscheinungstermin: 12. September 2014
  • Deutsch
  • Abmessung: 187mm x 119mm x 28mm
  • Gewicht: 288g
  • ISBN-13: 9783548375267
  • ISBN-10: 354837526X
  • Artikelnr.: 38057176
Autorenporträt
Sandel, Michael J.
Michael J. Sandel, geboren 1953, ist politischer Philosoph. Er studierte in Oxford und lehrt seit 1980 in Harvard. Seine Vorlesungsreihe über Gerechtigkeit machte ihn zum weltweit populärsten Moralphilosophen. Was man für Geld nicht kaufen kann ist ein internationaler Bestseller, ebenso wie sein Buch Gerechtigkeit.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 21.04.2013

Werte mal!
Michael Sandel will die Moral vor den Moralisten retten

Man braucht zurzeit nicht viel Mut, um sich über die Macht der Märkte zu beschweren, die Gier der Banker oder die Schwäche der Politik - und einen Doktor in Philosophie braucht man schon gar nicht. Und wenn dann einer kommt, der auf die Ideen großer Denker zurückgreift, um vor den Gefahren eines ausufernden Kapitalismus zu warnen, dann sollte man schon mehr erwarten dürfen als die handelsübliche Predigt gegen die Dominanz ökonomischer Prinzipien und den Verfall der Werte. Wer aber die Bücher des amerikanischen Philosophieprofessors Michael Sandel liest, dem kann es leicht passieren, dass er sie nach ein paar Seiten wieder zuschlägt, allein schon, um sich zu vergewissern, ob er nicht aus Versehen einen Erbauungstext von Paolo Coelho vor sich hat.

Vor allem Sandels Buch "Was man für Geld nicht kaufen kann" verdankt seinen Erfolg der akademischen Ratifizierung virulenter Klagen: Dass sich die Marktwirtschaft zu einer Marktgesellschaft entwickelt, in der man längst mehr als Waren kaufen kann, Zeit, Privilegien, Gesundheit, Bildung. Dass Kommerzialisierung die Gemeinschaft zersetzt. Dass es der Politik "an moralischer und spiritueller Substanz" fehlt. Aha, denkt man, das bringt man also heute den jungen Studenten in Harvard bei: wie schlecht die Welt ist und dass es besser wäre, wenn sie besser wäre.

Dass solche Kirchentagstöne erfolgreich sind, im Buchhandel, bei den Erstsemester-Studenten, die es in Sandels überfüllten Vorlesungen schaffen, bei dreißig Millionen Youtube-Schülern in China oder, im vergangenen Jahr, bei 14 000 Zuhörern in einem Fußballstadion in Südkorea, das mag in erster Linie ihrer seelsorgerischen Wirkung zu verdanken sein. Als "Rockstar der Moral" wird Sandel manchmal bezeichnet: Philosophie zum Mitgrölen. Und trotzdem verbirgt sich hinter all der Harmlosigkeit seiner Anti-Kapitalismus-Slogans ein politischer Appell, der schärfer und kämpferischer gemeint ist, als es die besinnlichen Begriffe (Werte, Tugenden, Moral) vermitteln können, ohne die seine Disziplin nun einmal nicht auskommt. Moral, könnte man sagen, ist Sandel zu wichtig, um sie den Moralisten zu überlassen.

Vergangene Woche war Sandel in Berlin, um ein paar Interviews zu geben, und dass einem die Unaufgeregtheit, die in seinen Büchern immer eher als Unverbindlichkeit erscheint, im persönlichen Gespräch natürlich sehr angenehm ist, das trägt womöglich auch dazu bei, den inhaltlichen Kern seiner Thesen genauer zu erkennen. Die laufen nämlich dann doch auf eine Kritik am Neoliberalismus hinaus, die radikaler ist als der wütende Protest einiger Occupy-Aktivisten. Nämlich gerade nicht auf friedliches Händchenhalten; sondern auf eine Wiederbelebung sozialer Fähigkeiten wie Streit und Konflikt.

Vor Sandels Plädoyer für mehr Moraldebatten steht dabei, wie man in seinem Buch "Gerechtigkeit" nachlesen kann, eine Analyse, wie sich die Moral überhaupt aus dem politischen Diskurs verabschiedet hat. Für Sandel liegt das vor allem an dem Erfolg des Liberalismusmodells von John Rawls. Dessen Konzept vom "Schleier des Nichtwissens" verbannte den Streit um moralische Fragen aus der Politik, um eine pluralistische Gesellschaft vor zermürbenden Konflikten zu bewahren. Vor allem linke Liberale gaben auf, um ihre Überzeugungen zu streiten, weil sie Neutralität mit Toleranz verwechselten. "Sie waren geradezu allergisch gegen den Begriff der Werte", sagt Sandel. "Das hat zu einem moralischen Vakuum geführt, das leicht mit intoleranten moralistischen Stimmen gefüllt werden kann."

Moralische Überzeugungen, darauf deutet auch der Erfolg von Sandel hin, sind eine Kraft, die nicht einfach verschwindet, wenn man sie ignoriert. Das Scheitern der gegenseitigen Abrüstung hat allenfalls zur Stärkung konservativer Spielarten geführt. "Die Öffentlichkeit ist anfällig geworden für Fundamentalisten verschiedener Arten, die ihren Moralismus mit aller Gewalt geltend machen wollen; und weil es ein moralisches Vakuum gibt, haben sie eine enorme Resonanz, die sie nicht hätten, wenn es eine breite pluralistische Auseinandersetzung über Gerechtigkeit, Ethik oder das Gemeinwohl gäbe", sagt Sandel. Gegen Moral, könnte man sagen, hilft nur Moral.

Radikal ist Sandels Kritik aber auch, weil er sich mit den Freiheitsidealen des politischen Liberalismus anlegt, auf die sich eben auch der Neoliberalismus beruft, wenn er mit utilitaristischen Argumenten nicht mehr weiterkommt. Was nach moralischer Neutralität klingt, verschweigt aber, dass auch Freiheit und Toleranz Werte sind, die gegen andere verhandelt werden müssen. In Europa, wo immerhin noch Reste des Sozialen in der Marktwirtschaft überlebt haben, muss man das vielleicht nicht so stark betonen wie in den Vereinigten Staaten, wo es selbst die Finanzkrise nicht geschafft hat, eine grundlegende Debatte über ökonomische Regulierung auszulösen. Aber auch hier könnte es nicht schaden, wenn inmitten all der Haushaltsdebatten auch einmal eine politische Vision erkennbar wäre.

Moral, das ist die Pointe von Sandels Thesen, ist nicht das stumpfe Schwert der Zukurzgekommenen, sondern eine Kraft, die die Politik nicht verschenken sollte. "Die Menschen wollen, dass es im öffentlichen Leben um größere Dinge geht, um Werte und Überzeugungen. Wer so tut, als könnte man neutral sein, erzeugt Ressentiments, weil die Leute merken, dass ihre Ansichten unter den Teppich gekehrt werden", sagt Sandel. Dass er die "moralische Sehnsucht" der Menschen verstanden hatte, glaubt Sandel, darauf gründet auch der Erfolg von Barack Obama. Sie gegen die mächtige Realität der Märkte in Stellung zu bringen hat deshalb am Ende nicht zwangsläufig etwas mit Naivität zu tun, sondern womöglich auch mit politischem Instinkt.

HARALD STAUN

Michael Sandel: "Gerechtigkeit", Ullstein, 416 Seiten, 21,99 Euro. "Was man für Geld nicht kaufen kann", Ullstein, 304 Seiten, 19,99 Euro

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