Humbug - Arctic Monkeys
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Produktdetails
  • Anzahl: 1 Vinyl
  • Erscheinungstermin: 8. Januar 2010
  • Hersteller: GOODTOGO / DOMINO RECORDS,
  • EAN: 5034202022015
  • Artikelnr.: 26609578
Rezensionen
Besprechung von 16.08.2009
Für den Badesee
Die Arctic Monkeys machen einfach nur Rock

Vor vier, fünf Jahren ungefähr, da lief in der Disko auf einmal Musik, die wir dort noch nicht gehört hatten, Musik, die weder House war noch Techno, Musik mit viel Gitarre, unperfekten Stimmen, die Geschichten für Melancholiker erzählten, Geschichten, die davon handelten, dass wir nicht in eine Kleinstadt wollten, sondern in die Großstadt, und von der Schwierigkeit, sich als Teil dieser Stadt zu fühlen.

Natürlich waren nicht alle traurig in diesen Diskos, speziell für die Hedonisten und generell für die Höhepunkte des Abends gab es auch noch Bands wie die Arctic Monkeys, die zu sehr schrammligen Gitarren und einem Punk-Bass sprechsangen: "I bet that you look good on the dancefloor." Das Ganze hieß Indie-Disko und lockte Leute an, die zuvor nie in der Disko gewesen waren, aber das machte nichts, im Gegenteil, die einfache Musik konnte alle Leerstellen zwischen Lebensentwürfen kitten, außerdem waren viele ja wegen ehrwürdiger Ideale, zumindest aus Disko-Perspektive, gekommen: der Musik zuliebe.

Heute ist Indie-Disko das Allerletzte, und überhaupt wäre die Bezeichnung Indie-Ballermann oft treffender. So ist das eben mit den Trends. Jetzt geht man eben nicht mehr in die Indie-Disko, sondern wieder in House-Clubs, am liebsten in solche, die draußen und am Fluss liegen und durchgängig geöffnet haben, damit wir auch am Sonntagnachmittag ausgehen können, zwar gemeinsam mit der Drei-Tage-wach-Fraktion, aber immerhin müssen wir uns dann nicht so langweilig fühlen, weil wir es im "Berghain" schon wieder nicht bis in der Früh um halb neun Uhr ausgehalten haben.

Nachmittags läuft auch andere Musik. Zum Beispiel Grizzly Bear aus dem Genre New Weird American und Major Lazer, die Dancehall und Weltmusik verknüpfen, oder Fever Ray mit ihrem Meditations-Funk. Dieser verschwurbelte Pop ist gerade dabei, mitten im Mainstream zu landen; die Klangbastler von Grizzly Bear zum Beispiel haben es bis auf Platz acht der amerikanischen Charts geschafft. Und ausgerechnet jetzt bringen die Arctic Monkeys, die Durchstarter der Indie-Disko, ein Album unter dem Namen "Humbug" heraus. Kann das denn überhaupt noch zeitgemäß sein?

Wir erinnern uns: Die Arctic Monkeys waren die erste Band, die das Internet berühmt gemacht hat, damals, vor vier Jahren, über Nacht, mit dem oben zitierten Gassenhauer. Sie hatten ihre Musik erst als Gratis-Downloads auf ihre Homepage und auf Myspace gestellt und erzielten später, vor dreieinhalb Jahren, als der Song auf ihrem Debüt-Album erschien, dennoch Rekorde: "Whatever People Say I Am, That's What I'm Not" ist mit fast vierhunderttausend Exemplaren in einer Woche das schnellstverkaufte Album in der britischen Musikgeschichte - und das in einer Zeit, in der Gratis-Downloads schon als der Sargnagel der Musikindustrie galten.

Die Arctic Monkeys sind also eine Band, die sich auf Unwahrscheinlichkeiten spezialisiert hat, auch musikalisch, selbst wenn das im ersten Moment unplausibel klingen mag. Während der Pop gerade immer abseitiger wird, veröffentlichen sie ein völlig geradliniges Rock-Album. Einfach nur Rock, ohne die Nobilitierung Art davor. Mit Liedern wie "Secret Door", das ganz sanft und säuselig beginnt, wie sich das für eine Ballade gehört. Auf Alex Turners Stimme liegt ein Effekt, der sie belegt und weit weg klingen lässt, das Schlagzeug treibt ungeduldig nach vorn. Nach einigen Tempowechseln endet "Secret Door" dann ganz träumerisch, mit einem schwärmerischem Chor im Hintergrund. Das Ganze klingt genauso kraftvoll wie ihr erster Hit, aber im Gegensatz zu den Anfängen der Arctic Monkeys eleganter und vor allem konsequent strukturiert.

Das dürfte auch an den beiden Produzenten liegen, an Josh Homme von den Rockern der Queens of the Stone Age und James Ford von Simian Mobile Disco, deren exzellent gastbesetztes Electropop-Vergnügen gerade erschienen ist. "Crying Lightning" heißt die erste Single-Auskopplung des dritten Albums der Arctic Monkeys. Das Stück verdichtet sich immer mehr, ehe es plötzlich ganz licht wird. Und dann kommt es, das ungeheure Stilmittel, das sich fast durchs ganze Album zieht: das Gitarrensolo.

Das ist erstaunlich und mutig, denn wenn etwas verpönt ist, dann eine mit Nachdruck geschrubbte Gitarre, die allein mitten in der Klanglandschaft steht. Gitarrensoli hatten gemeinhin etwas von öffentlicher Masturbation, von einer Überdosis Testosteron: Wer bricht den nächsten Hochgeschwindigkeitsrekord? Wessen Gitarre ist größer? Welches Solo dauert am längsten? Und jetzt spielen Gitarrensoli eine tragende Rolle auf "Humbug", sind eingängiger als die Melodien und hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Vermutlich treffen die Arctic Monkeys mit der singenden Gitarre einen Nerv in der zunehmenden Virtualisierung der Musikwelt: Auf der einen Seite wird der Computer zum immer häufiger benutzten Musikinstrument, auf der anderen Seite wächst aber auch im Pop das Interesse an Kunstfertigkeit, die Sehnsucht nach Musikern, die wirklich gut spielen - und das können die Arctic Monkeys mittlerweile, ohne dass sie den Übermut und Jungs-Charme vom Anfang verloren hätten.

Die Arctic Monkeys brechen ein ungeschriebenes Gesetz - und stehen damit der Freiheit und Freigeistigkeit des New Weird American trotz aller offensichtlichen Unterschiede ganz schön nah. "Humbug" ist vor allem eins: Rock, der über sich selbst hinausweist. Und so etwas ist ja bekanntlich zeitlos. Zwar wird das neue Album der Arctic Monkeys vermutlich laufen, wenn man ausgeht. Das macht aber gar nichts; dafür werden wir sie am Nachmittag, auf dem Weg zum Badesee, hören.

CHRISTINA HOFFMANN

Arctic Monkeys: "Humbug" (Domino). Erscheint am 21. August

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