Schwerkraft und Gnade - Weil, Simone
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Simone Weil, die große französische Philosophin, war in Frankreich fast vergessen und in Deutschland kaum bekannt, als sie 1943 starb. Ihr frühes Denken, das geprägt war durch ihr politisches Engagement als Gewerkschafterin, MarxKritikerin und Teilnehmerin am Spanischen Bürgerkrieg, machte später der Orientierung an christlicher Mystik und platonischer und buddhistischer Tradition Platz. Kurz vor ihrem Tod überreichte sie ihre Notizbücher und Briefe dem christlichen Philosophen Gustave Thibon, der daraus vier Jahre später den Band Schwerkraft und Gnade zusammenstellte. Zu Beginn des Zweiten…mehr

Produktbeschreibung
Simone Weil, die große französische Philosophin, war in Frankreich fast vergessen und in Deutschland kaum bekannt, als sie 1943 starb. Ihr frühes Denken, das geprägt war durch ihr politisches Engagement als Gewerkschafterin, MarxKritikerin und Teilnehmerin am Spanischen Bürgerkrieg, machte später der Orientierung an christlicher Mystik und platonischer und buddhistischer Tradition Platz. Kurz vor ihrem Tod überreichte sie ihre Notizbücher und Briefe dem christlichen Philosophen Gustave Thibon, der daraus vier Jahre später den Band Schwerkraft und Gnade zusammenstellte. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs geschrieben, als sich Simone Weils Gesundheitszustand verschlechterte und ihr sozialer Aktivismus einer spirituellen Selbstbeobachtung wich, wurden die hier erhaltenen Aphorismen und die philosophischen und mystischen Betrachtungen zu einer der einflussreichsten Quellen der späteren französischen Philosophie.Mit dieser von Charlotte Bohn neu herausgegebenen und von Frank Witzel mit einem Nachwort versehenen Ausgabe wird Simone Weils wichtigstes Werk nach vielen Jahren wieder zugänglich.
  • Produktdetails
  • Verlag: Matthes & Seitz Berlin
  • Originaltitel: La Pesanteur et la Grâce
  • Seitenzahl: 249
  • Erscheinungstermin: 12. November 2020
  • Deutsch
  • Abmessung: 206mm x 131mm x 29mm
  • Gewicht: 344g
  • ISBN-13: 9783957579348
  • ISBN-10: 3957579341
  • Artikelnr.: 59481927
Autorenporträt
Weil, Simone§Simone Weil, 1909 in Paris als Tochter einer jüdisch-bürgerlichen Familie geboren, schloss 1925 das Gymnasium mit dem baccalauréat de philosophie ab, besuchte dann das Lycée Henri IV und absolvierte ein Philosophiestudium an der École normale superieure, das sie 1931 mit einer Arbeit über Descartes bei Léon Brunschvicq abschloss. Das politische Engagement als Gewerkschafterin, Marx-Kritikerin und Teilnehmerin am Spanischen Bürgerkrieg machte später der Orientierung an christlicher Mystik und platonischem und buddhistischem Denken Platz. Sie starb im Exil 1943 im englischen Ashford.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Rezensent Thomas Steinfeld empfiehlt den neu herausgegebenen Band mit einer Auswahl von Texten Simone Weils allen, die Weils "moderne Mystik" kennenlernen möchten. Das dergleichen sich lohnt, kann Steinfeld bestätigen. Wie Schmerz und Denken zusammengehen etwa, vermittelt die Autorin laut Steinfeld zwar "in Sprüngen" und auf durchaus widersprüchliche Weise, doch eben auch originell. Frank Witzels Nachwort erschließt ihm nicht nur die Zusammenhänge von Weils Philosophie und Biografie, sondern bietet ihm auch eine Einführung in das Werk der französischen Philosophin.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 03.03.2021

Nicht ich, aber noch weniger wir
Mit existenziellem Ernst und Scharfsinn, aber nicht ohne Komik: Die Philosophin Simone Weil suchte nach einer Religion ohne
Gott – und fand sie am eigenen Leib. Nun ist eine Neuausgabe ihres Buches „Schwerkraft und Gnade“ erschienen
VON THOMAS STEINFELD
Der „wirkliche individuelle Mensch“, erklärte Karl Marx in einer Schrift aus dem Jahr 1843, werde erst dann hervortreten, wenn er den „abstrakten Staatsbürger“ in sich ausgelöscht habe und „Gattungswesen“ geworden sei. Erst, wenn der Einzelne die „gesellschaftliche Kraft“ nicht mehr von sich trenne, sondern sie zu seiner Kraft gemacht habe, sei „die menschliche Emanzipation vollbracht“. Der Satz zog eine Vielfalt von Verwirrungen nach sich. Denn ist es nicht der „abstrakte Staatsbürger“, der den „individuellen Menschen“ überhaupt erst hervorbringt: indem sich dieser Bürger darauf verpflichtet, sich als Einzelner unter unendlich vielen Gleichen behaupten zu wollen? Was bleibt von einem Menschen übrig, wenn er alle Entfremdung hinter sich gelassen hat und einfach nur Mensch sein soll? Ein „Gattungswesen“ oder etwas anderes? Und überhaupt: Ist das „Gattungswesen“ nicht eine Lebensform, mit der ein entwickeltes Individuum lieber nichts zu tun haben will?
Auf die Idee, man müsse den „abstrakten Staatsbürger“ in sich zum Verschwinden bringen, um zur wahren Individualität zu finden, käme schon lange keiner mehr. Landkommunen und esoterische Kollektive mögen ihre letzte Erscheinungsform gewesen sein, abgesehen vielleicht von einem Einfall des französischen Schriftstellers Michel Houellebecq, der in seinem Roman „Unterwerfung“ (2015) seinen Helden in die Benediktinerabtei von Ligugé schickt. Dort soll er erfahren, dass der Verzicht auf den eigenen Willen und Verstand, das „sacrificium intellectualis“, die höchste Bestimmung des Menschen ausmache, woran er erwartungsgemäß scheitert.
Die intellektuelle Auseinandersetzung mit der Frage, was denn ein „Ich“ sei, wenn es zu nichts mehr gezwungen wäre und sich also nicht mehr zu behaupten hätte, gehört demgegenüber in die mehr oder minder anarchistischen Theorien des frühen 20. Jahrhunderts. Sie findet sich zum Beispiel bei Gustav Landauer, dem Berliner Schriftsteller und Münchner Revolutionär, der das entfaltete Individuum in der „Einheit mit der Welt“ aufgehen ließ und darüber zum Mystiker wurde. Auch Gustav Landauer ist weitgehend vergessen.
Anders ist es mit der französischen Philosophin Simone Weil. Dass sie, nicht nur als Name, sondern auch als historische Figur, noch gegenwärtig ist, liegt vor allem an einem kurzen, abenteuerlichen Leben, das im August 1943 im Opfer an sich selbst endete: Ihr Weg aus einer wohlhabenden jüdischen Familie in Paris in den Spanischen Bürgerkrieg, in dem sie in einer anarchistischen Brigade kämpfte, von einer Examensarbeit über „Wissenschaft und Wahrnehmung bei Descartes“ (und mithin über die Möglichkeit von Gewissheit) zur Metallpresse einer Elektrofabrik, von christlichen Erweckungserlebnissen zu den „Forces françaises libres“, der von Charles de Gaulle angeführten französischen Befreiungsarmee im britischen Exil, ist oft wiedererzählt worden. Zuletzt schwand sie buchstäblich dahin, nach Monaten, in denen sie kaum gegessen und geschlafen hatte: Sie wollte sich nicht abgrenzen gegen andere, was zugleich bedeutete, dass sie für sich allein nicht bestehen konnte.
Aber auch ihr philosophisches Werk ist nicht vergessen. Es gab immer wieder Intellektuelle, die ihre Schriften lebendig erhielten, obwohl diese hauptsächlich aus losen Aufzeichnungen bestehen: Albert Camus, T. S. Eliot und Susan Sontag gehörten dazu, in jüngerer Vergangenheit auch der Philosoph Giorgio Agamben, die Sängerin Patti Smith, die Lyrikerin Anne Carson oder zuletzt Wolfram Eilenberger.
Man könne sich nicht vorstellen, schrieb Susan Sontag, dass auch nur ein Bruchteil der Leser, die zu Simone Weil finden, ihre Lehren tatsächlich anzunehmen bereit seien: ihre selbstquälerische Hinwendung zu einem grundsätzlich abwesenden katholischen Gott, ihre Bereitschaft zur Askese und ihr Vorhaben, das Erhabene im Nachbarn zu erkennen, dem ihr Hass auf das Jüdische entgegensteht. Allerdings, fügt Susan Sontag hinzu, müsse man einer Lehre nicht folgen, um darin Bedenkenswertes zu finden.
Im frühen 20. Jahrhundert häuften sich die Versuche, einer flüchtigen transzendentalen Gewissheit trotz allem habhaft zu werden, wider die technische, ökonomische und politische Moderne. Immer sind diese Versuche mit dem dringenden Wunsch verbunden, die „schlechteste aller möglichen Welten“ (Simone Weil) aufzuheben wie einen gigantischen Irrtum und zur Wahrheit vorzudringen. Es gibt diese Anstrengungen in der Kunst der Avantgarde, im „reinen Klang“ der atonalen Musik, in Walter Benjamins apokalyptischem Begriff der Geschichte sowie unter den vielen Anhängern, die Rabindranath Tagore zwischen den beiden Kriegen in der westlichen Welt fand.
Wie jene Wahrheit zu haben sei, darauf verwendet Simone Weil ein hohes Maß an Scharfsinn, ohne doch je (anders als etwa Walter Benjamin in seinen mystischen Versuchen) theoretisch zu werden. Aber hat sie nicht recht, wenn sie sagt, der Wille, ein Vorurteil zu bekämpfen, sei meist eine selbstgefällige Angelegenheit? „Das einzig Wirksame in dergleichen Dingen ist das Licht der Aufmerksamkeit, und dieses ist mit jeder polemischen Absicht unvereinbar.“ Und selbstverständlich will auch sie den „abstrakten Staatsbürger“ im Menschen zum Verschwinden bringen: „Man soll nicht ich sein, aber man soll noch weniger wir sein.“ Dass ihr Ich sich auflösen solle, eingehen in eine göttlich inspirierte Gesamtheit, darauf hofft Simone Weil, so wie alle Mystiker an eine „Energie“ glauben, die „keinem Beweggrund entspringt“: Jedes menschliche Wesen, schreibt sie, sei ein „Gefängnis“, in dem „ein Gefangener wohnt, mit dem ganzen All ringsum“. Zugleich aber ist das Ich die einzige Instanz, die eine solche Selbstauflösung ins Höhere nicht nur vollbringen, sondern auch wahrnehmen könnte. Deswegen gleichen die Mühen der Mystiker, sich von der Individualität zu befreien, den Anstrengungen der Akrobaten, die Schwerkraft außer Kraft zu setzen. Für eine Weile scheint es, als könnten sie fliegen. Am Ende aber geht es unweigerlich abwärts, der Erde entgegen.
Dagegen setzt Simone Weil nicht nur ihr Denken, sondern auch ihr Leben: Am eigenen Leib soll die Auflösung des Ichs vollzogen werden, in aller Radikalität. Deswegen spielt der Schmerz in ihren Aphorismen und Maximen eine große Rolle: Denn in keiner anderen Erfahrung zieht sich das Ich so zusammen wie im Schmerz, und in keiner anderen Situation ist das Ich in der eigenen Wahrnehmung so scharf umrissen. Den Schmerz überwinden wie eine Prüfung, das will diese sonderbare Heilige der jüngsten Tage: „Danach aber lindert er sich.“
Wer Simone Weils Denken studieren will, liest ihre „Cahiers“, die Notizhefte, die seit den Neunzigern in vier Bänden in einer deutschen Übersetzung von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz vorliegen. Wer ihre moderne Mystik nur kennenlernen möchte, dem ist mit dem Band „Schwerkraft und Gnade“ geholfen, der in der Übersetzung von Friedhelm Kemp zuerst im Jahr 1953 erschien und nun neu herauskommt. Dabei handelt es sich zwar um eine Auswahl, deren Redaktion auf den katholischen Schriftsteller Gustave Thibon zurückgeht. Doch denkt Simone Weil oft in heftigen Sprüngen, und das Widersprüchliche lässt sie stehen, wogegen auch ein Redigat wenig ausrichten kann. Sie bleibt also erkennbar, wozu der Verlag ein Übriges tat, indem er den in der ursprünglichen deutschen Ausgabe fortgelassenen Abschnitt „Israel“ in das Buch aufnahm.
„Kapitalismus und Totalitarismus“, behaupt Simone Weil darin, seien Teil einer „fortschreitenden Entwurzelung“, die auf die Juden zurückgehe: Sie, „diese Handvoll Entwurzelter, verursachten die Entwurzelung des gesamten Erdballs“. Simone Weil sucht, wie viele Intellektuelle des frühen 20. Jahrhunderts, nach dem Schuldigen für einen Nihilismus, der offenbar die ganze Welt ergriffen hat. Und sie meint diese Schuldigen unter Menschen gefunden zu haben, die das Prinzip der universalen Konkurrenz – „alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht“ (Karl Marx) – in sich selbst zu verkörpern scheinen.
Besondere Aufmerksamkeit verdient das Nachwort der neuen Ausgabe von „Schwerkraft und Gnade“. Der Offenbacher Schriftsteller Frank Witzel hat es verfasst, eine Fachkraft für das Ineinander von populärer Kultur, sonderbaren Zufällen und zeitgenössischer Philosophie. Dieser Essay liefert nicht nur eine ebenso präzise wie weitgespannte Einführung in das Werk Simone Weils. Er verweist zudem darauf, dass es die innige Verbindung zwischen philosophischem Werk und Biographie in der Rezeption Simone Weils vermutlich nicht gäbe, würde man diesem Denken nicht letztlich misstrauen. Und er erinnert an einen Satz des dänischen Philosophen Søren Kierkegaard aus dem Jahr 1843: „Es würde unzweifelhaft die tiefste Komik enthalten, wenn man ein zufälliges Individuum auf die Idee kommen ließe, der Befreier der ganzen Welt zu sein.“
Gewiss liegt im Denken Simone Weils, und nicht nur in ihrem Denken, sondern auch in den Ansprüchen, die sie, als eine einzig Rechtschaffene, gegenüber sich selbst erhob, etwas in diesem Sinne durchaus Vermessenes. Komik und existenzieller Ernst schließen sich indessen nicht aus. Sie tun es umso weniger, als das eigentliche Ansinnen Simone Weils, nämlich zu einer Religion ohne Gott zu finden, längst Gemeingut geworden ist, zu wie auch immer ermäßigten Bedingungen.
Im Spanischen Bürgerkrieg
kämpfte sie in einer
anarchistischen Brigade
Den Schmerz
überwinden wie
eine Prüfung
Auf der Suche nach
den Schuldigen
für den Nihilismus
Simone Weil: Schwerkraft und Gnade. Aus dem Französischen von Friedhelm Kemp. Neu herausgegeben von Charlotte Bohn und mit einem Essay von Frank Witzel. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2021.
252 Seiten, 24 Euro.
Jeder Mensch ist ein Gefängnis, in dem „ein Gefangener wohnt, mit dem ganzen All ringsum“: Simone Weil.
Foto: imago images/Everett Collection
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