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Raoul Schrott verfügt über "die wunderbare Kunst, sich in fremde Bilder- und Gedankenwelten einzufügen." (Jury Joseph-Breitbach-Preis 2004). Mit seinen Essays über Poetik und Literaturkritik, über das Verhältnis von Natur- und Geisteswissenschaften, über Religion und Sprache, Jazz und Kreativität führt er den Leser in das Handwerk des Dichters ein: Schreiben und Reisen, Lesen und Übersetzen. Zusammen mit dem Journal seiner Iran-Reise während des Afghanistankrieges zeigt sich der ganz reale Horizont des Weltreisenden Raoul Schrott.…mehr

Produktbeschreibung
Raoul Schrott verfügt über "die wunderbare Kunst, sich in fremde Bilder- und Gedankenwelten einzufügen." (Jury Joseph-Breitbach-Preis 2004).
Mit seinen Essays über Poetik und Literaturkritik, über das Verhältnis von Natur- und Geisteswissenschaften, über Religion und Sprache, Jazz und Kreativität führt er den Leser in das Handwerk des Dichters ein: Schreiben und Reisen, Lesen und Übersetzen. Zusammen mit dem Journal seiner Iran-Reise während des Afghanistankrieges zeigt sich der ganz reale Horizont des Weltreisenden Raoul Schrott.

  • Produktdetails
  • Verlag: HANSER
  • Artikelnr. des Verlages: 505/20576
  • Seitenzahl: 304
  • Erscheinungstermin: 28. Februar 2005
  • Deutsch
  • Abmessung: 218mm x 149mm x 32mm
  • Gewicht: 519g
  • ISBN-13: 9783446205765
  • ISBN-10: 3446205764
  • Artikelnr.: 13285630
Autorenporträt
Raoul Schrott, geboren 1964, erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den Peter-Huchel- und den Joseph-Breitbach-Preis. Bei Hanser erschienen zuletzt u.a. Homers Heimat (2008) und seine Übertragung der Ilias (2008), Gehirn und Gedicht (2011, gemeinsam mit dem Hirnforscher Arthur Jacobs), die Erzählung Das schweigende Kind (2012), die Übersetzung von Hesiods Theogonie (2014), der Gedichtband Die Kunst an nichts zu glauben (2015) sowie Erste Erde (Epos, 2016). Erste Erde wurde über mehrere Jahre hinweg von der Kulturstiftung des Bundes gefördert.
Rezensionen
Besprechung von 29.04.2005
Alle Bälle in der Luft
Parforceritt durch das Reich der Poesie: Raoul Schrotts Essays

Wenn Gedichte wie Wolken sind, sich jedem näheren Zugriff entziehende Vexierbilder, die stets aus den gleichen Elementen bestehen und sie doch zu je neuen Formen komponieren, dann ist der Dichter als Essayist ein Wolkenputzer, ein "Schornsteinfeger auf der Jakobsleiter", dem "nur das Handwerkszeug eines Kaminkehrers zur Verfügung steht". Bei diesem luftigen Drahtseilakt läßt sich Raoul Schrott in seinem jüngsten Band beobachten, der Essays und Reden der letzten Jahre zusammenstellt.

Wie es sich für ein "Handbuch" gehört, gewinnt Schrott seinem Thema die verschiedensten Facetten ab. Er "erdet" die Poesie, um darauf aufmerksam zu machen, daß der Schöpfer solch immaterieller Gebilde, wie Gedichte es sind, gleichwohl eine materielle Basis, den schnöden Mammon, benötigt, erstellt ein "Kompendium der Blitzableitungen", um den Unwettern der wechselhaften Kritik trotzen zu können, oder begibt sich in den "Luftraum der Wolken", um dort berühmten verstorbenen oder auch vergessenen Kollegen zu begegnen oder sich gleich zum Anwalt der Poesie schlechthin aufzuschwingen. Für den nötigen Sound sorgt die Rubrik "Schall & Rauch", die den Geheimnissen von Jazz und Klassik und dem Einfluß der Poesie auf das Komponieren nachspürt, und bei wolkenlosem, sternklarem Himmel läßt sich schließlich über die "Leere des Himmels" philosophieren, der Dichter-Denker seit je zu mythischen Erzählungen, Kosmogonien und Weltzeitentwürfen angeregt hat. Die Erkundung von "Wolkenkuckucksheimen" indes hinterläßt einen verregneten Eindruck: Kulturkritik gehört nicht zu Schrotts besonderen Stärken.

Wie in allen seinen Werken macht der Dichter der "Erfindung der Poesie" Ernst mit Goethes Maxime: "Wer nicht von dreitausend Jahren / Sich weiß Rechenschaft zu geben, / Bleib im Dunkeln unerfahren, / Mag von Tag zu Tage leben." Und so nimmt er den Leser mit zu einem Parforceritt durch das Reich der Poesie und des Wissens, der jegliche zeitliche, kulturelle, sprachliche oder disziplinäre Barrieren souverän überwindet.

Der Poet ist dabei einerseits kundiger Führer und Wissender, "Welt-weiser", könnte man im doppelten Sinn des Wortes sagen, das im achtzehnten Jahrhundert synonym für Philosoph gebraucht wurde, andererseits aber auch ein sich nicht umsonst auf H. C. Artmann berufender Spieler und Taschenkünstler, dem, insbesondere wenn er von sich selbst spricht, nicht unbedingt zu trauen ist, erhebt er doch den "Jongleur" zum "Sinnbild all unserer scheinbaren Wahrheiten: Seine Gewißheit besteht allein darin, die Bälle in der Luft stehen zu sehen und die anderen vergessen zu machen, daß er sie wirft".

So ist es nicht zuletzt Schrotts sprachliche Virtuosität und sein scheinbar unerschöpflicher Fundus an Metaphern, der der Erdenschwere des Bandes entgegenwirkt und das ausgebreitete Bildungsgut kommensurabel macht, ist es der augenzwinkernde Bänkelsänger und artistische Spielmann, der dem poeta doctus bei allzuviel Gelehrsamkeit in die Parade fährt. Wenn es die Aufgabe der Kunst ist, "gegen eine kosmische Leere und ihrer vollkommenen Indifferenz eine humane Differenz zu behaupten", wenn die Literatur "Polemik der Existenz gegen das Sinnlose ist", die um ihre Vergeblichkeit und Scheinhaftigkeit schon immer weiß, dann ist Dichten jedenfalls nicht nur Wolkenputzerei, sondern auch Narretei, und sind Gedichte nicht nur Wolken, sondern "Narrengold".

THOMAS MEISSNER

Raoul Schrott: "Handbuch der Wolkenputzerei". Gesammelte Essays. Hanser Verlag, München 2005. 302 S., geb., 19,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Schuster, bleib bei deinen Leisten, raunt Christoph Haas Raoul Schrott warnend zu. Nach Meinung des Rezensenten ist Schrott auf seinem angestammten Terrain der Lyrik und der Übersetzung immer noch am stärksten, den Rest sollte er anderen überlassen. Nacheinander und in Bezug auf diverse Reden und Essays spricht er Schrott Witz, satirischen Biss und die Befähigung zur Polemik ab. Beim Bericht über seine Iranreise komme Schrott über "globetrotterische Allerweltsimpressionen" nicht hinaus, im schwächsten Text des Bandes, einer Rede an saarländische Studenten, entdeckt Haas nur "kulturkritische Gemeinplätze". Wenn Schrott dagegen seine Praxis der Nachdichtung historischer Texte "beredt" verteidigt, folgt der Rezensent ihm gerne bis zur letzten Zeile. Meist aber wirkt der Autor in diesem Band "so wenig überzeugend wie Bruce Willis als Zettel in einer Aufführung des 'Sommernachtstraums'", behauptet der Rezensent.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 26.07.2005
Das Klingeln der Schreibmaschine
Raoul Schrott und sein „Handbuch der Wolkenputzerei”
Ein Schriftsteller, dessen Erfolg sich in Grenzen hält - ist er wirklich zu bedauern? Sein Selbstbewusstsein mag nicht unangefochten sein, materielle Not ihn drücken. Ein Privileg besitzt er aber, um das ihn mancher Kollege insgeheim beneiden dürfte: Er kann sich völlig auf seine Arbeit konzentrieren. Anders der Schriftsteller, den sein Ruhm zur öffentlichen Person gemacht hat. Ihm rückt die Welt unablässig auf den Hals. Stellungnahmen werden erwartet, Kritiken, Reden und Essays, will er seinen Status als literarischer Star wahren.
In Raoul Schrotts „Handbuch der Wolkenputzerei” lässt sich exemplarisch verfolgen, wozu dieser Zwang einen Autor führen kann. Der Band schließt mit dem Reisebericht „Zur afghanischen Grenze”, in dem der Autor von einem Aufenthalt im Iran unmittelbar nach den Anschlägen vom 11. September erzählt. Die zahlreichen Gespräche mit Intellektuellen und Geistlichen seien sehr interessant gewesen, teilt er mit, verrät aber kaum mehr, als dass es in ihnen um den Konflikt zwischen Tradition und Moderne gegangen ist. Statt einer Reportage über ein ebenso spannendes wie nach wie vor aktuelles Thema bleibt es bei globetrotterischen Allerweltsimpressionen, verziert mit sentimentaler Schwärmerei über die schönen, dunklen Augen einer weiblichen Zufallsbekanntschaft.
Schwer tut sich Schrott auch, wenn der Anlass, zu dem er gebeten worden ist, Witz erfordert. Hilft ihm bei der Rede zum Antritt des Mainzer Stadtschreiberamtes noch die Flucht ins Zitat, so überschreiten die angestrengten Kalauer, die er in seine Eloge zum 75. Geburtstag H. C. Artmanns einstreut, mühelos die Grenze zur Peinlichkeit. Auch zur Polemik ist Schrott nicht begabt. Die Österreichbeschimpfung „Kontrafaktur”, anlässlich einer Frankfurter Buchmesse verfasst, gibt sich schon im Titel als Nachahmung der Invektiven Thomas Bernhards zu erkennen, besitzt aber nicht annähernd deren satirischen Biss und manische Verve. Der schwächste Text des Bandes ist „Der wölfische Hunger”: eine Rede an saarländische Abiturienten des letzten Jahres, die in gereizt vorgetragenen kulturkritischen Gemeinplätzen versandet.
Alkäischer HipHop
Zu einer Kritik der Literaturkritik ist Schrott durch die Kontroverse um sein Buch „Die Entstehung der Poesie” angeregt worden. Wenn der Autor vom Kritiker den Verzicht auf normative, scheinbar objektive Kriterien und stattdessen „eine Empathie für die Eigenarten und die Eigengesetzlichkeiten jedes einzelnen Werkes” fordert, ist ihm grundsätzlich beizupflichten. Das gilt auch für seinen Wunsch, dass eine Kritik nicht nur etwas behaupten, sondern „die Linie eines Arguments” erkennen lassen möge. Dass es freilich, wenn überhaupt, nur im Ansatz möglich ist, sich im Feuilleton„an einem Text abzuarbeiten”, ist aber, anders als Schrott insinuiert, nicht zwangsläufig der Faulheit oder Kapriziösität des Kritikers geschuldet, sondern dem eng begrenzten Raum, der ihm zur Verfügung steht: Jede Kritik ist ein Versuch, dem Diktat der Kürze ein wenig Würze abzupressen. Und warum ein Verriss immer auf „die Reduktion von Differenzierungen angelegt” sein soll - das leuchtet nicht ein; hier spricht allzu deutlich der in seinem Stolz gekränkte Autor.
Am überzeugendsten ist Schrott auf seinem angestammten Terrain. Mit Verweis auf eine Traditionslinie, die von Martin Luther über Wieland und Goethe bis zu Paul Celan reicht, verteidigt er beredt seinen Ansatz der „offen ausgewiesenen Nachdichtung” gegen die von den Philologen favorisierte „historisierende Übersetzung”. Um die Poesie des Altertums den Heutigen verständlich zu machen, lässt ihn sein lyrisches Talent zudem zu einprägsamen, originellen Bildern greifen. „Der Unterschied zwischen dem alkäischen und dem sapphischen Strophenmaß”, heißt es in „Fünfeinhalb Gemeinplätze die Übersetzung betreffend”, „hat etwa eine Wertigkeit wie zwischen HipHop oder Reggae: wie diese boten sie über ihren ,beat’ soziale Identifikationsmöglichkeiten, waren Beleg einer kulturell eigenständigen Ausdrucksform in diesem Zusammenschluss einzelner Regionen, der Griechenland einmal war.” Im selben Essay kommentiert er den Versuch, mit dem modernen Versmaß das antike nachzubilden, mit der drastischen Formulierung: „Es kommt dem Versuch gleich, Beethovens Heroica auf einer mechanischen Schreibmaschine nachzuhacken, die Klingel am Zeilenende als Tschinelle.”
Die Passagen über die Unterschiede zwischen oraler und schriftlich fixierter Dichtung, über die Zusammenhänge von Geld und Literatur im Zweistromland, über die Ähnlichkeit zwischen der Sprache des Korans und der modernen europäischen Poesie - all dies und noch einiges mehr entschädigt im „Handbuch der Wolkenputzerei” für diejenigen Texte, die den Autor in Rollen zeigen, in denen er so wenig überzeugend wirkt wie Bruce Willis als Zettel in einer Aufführung des „Sommernachtstraums”. Was Raoul Schrott an dem Poeta doctus Friedrich Rückert imponiert, das entspricht wohl auch seinem eigenen Selbstverständnis: „Wissen war für ihn kein akademisches Exerzitium, sondern Ausdruck eines überparteilichen Humanismus, den er für ein breites Publikum zu verkörpern suchte.”
CHRISTOPH HAAS
RAOUL SCHROTT: Handbuch der Wolkenputzerei. Gesammelte Essays. Hanser Verlag, München 2005. 302 Seiten, 19,90 Euro.
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