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Soll man lieber verreisen oder lesen? Martin Mosebach versteht von beidem etwas, und so schaffen seine Erkundungen die überraschendsten Konstellationen. Die Beschäftigung mit Orient und Okzident führt ihn nach Kairo und in das Kloster Shio Mghvime, lässt ihn aber auch Heimito von Doderers Kunst des Bogenschießens entdecken. Die große Geschichte in den kleinen Geschichten entdeckt er beim Romanlesen ebenso wie auf der Reise nach Havanna, Korea oder Sarajevo. Martin Mosebachs Kunst als Romancier und Essayist wurde oft gerühmt, schafft er es doch, das Vertrauteste so darzustellen, als habe man es…mehr

Produktbeschreibung
Soll man lieber verreisen oder lesen? Martin Mosebach versteht von beidem etwas, und so schaffen seine Erkundungen die überraschendsten Konstellationen. Die Beschäftigung mit Orient und Okzident führt ihn nach Kairo und in das Kloster Shio Mghvime, lässt ihn aber auch Heimito von Doderers Kunst des Bogenschießens entdecken. Die große Geschichte in den kleinen Geschichten entdeckt er beim Romanlesen ebenso wie auf der Reise nach Havanna, Korea oder Sarajevo. Martin Mosebachs Kunst als Romancier und Essayist wurde oft gerühmt, schafft er es doch, das Vertrauteste so darzustellen, als habe man es noch nie gesehen. Dieses große Buch ist die Summe seines Reisens und Lebens.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser
  • Artikelnr. des Verlages: 505/23752
  • Seitenzahl: 492
  • Erscheinungstermin: September 2011
  • Deutsch
  • Abmessung: 216mm x 136mm x 37mm
  • Gewicht: 602g
  • ISBN-13: 9783446237520
  • ISBN-10: 3446237526
  • Artikelnr.: 33334268
Autorenporträt
Mosebach, Martin
Martin Mosebach, 1951 geboren, lebt in Frankfurt am Main. Er wurde u.a. mit dem Heimito von Doderer-Preis, dem Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie, dem Kleist-Preis, mit dem Georg- Büchner-Preis sowie 2015 mit der Goetheplakette ausgezeichnet. Bei Hanser erschienen zuletzt Der Mond und das Mädchen (Roman, 2007), Stadt der wilden Hunde (Nachrichten aus dem alltäglichen Indien, 2008), Als das Reisen noch geholfen hat (Essays, 2011) und Das Blutbuchenfest (Roman, 2014).
Rezensionen
Besprechung von 08.10.2011
Gewitter am Himmel der Ikonen

Weltbürger und Lokalpatriot: Martin Mosebach nimmt uns mit zu seinen irdischen und literarischen Aufbrüchen. "Als das Reisen noch geholfen hat" erzählt von Büchern, Orten und Fluchten. Vor allem der Osten zieht den Autor an.

Von Sandra Kegel

Um über Frankfurt schreiben zu können, muss Martin Mosebach der Stadt erst einmal entkommen. Das zeigt nicht nur sein jüngster Roman "Was davor geschah", der im Großbürgertum seiner Geburtsstadt spielt und doch ganz woanders entstand, nämlich in einem Kloster in Georgien, einem Ort also, der dem Taunus-Milieu ferner nicht sein könnte. Auch andere Werke des Büchnerpreisträgers sind aus der Distanz zu ihrem Sujet verfasst. Auf Capri schrieb Mosebach "Westend", das in Indien spielende "Beben" entstand im Schweizer Wallis, unlängst reiste er für ein neues Buch nach Sri Lanka.

Gerade den Schriftstellern muss es dabei viel eher noch als den alle Sprachgrenzen überwindenden Musikern oder Malern schwerfallen, sich künstlerisch zu entwurzeln. Der Autor nimmt ja nicht nur den Geschmack und die Sehweisen seiner Heimat im Gepäck mit, sondern vor allem sein ureigenes künstlerisches Ausdrucksmittel. Wer dagegen behauptet, nicht ein Land, sondern die Sprache sei Heimat, und zwar überall, der kann bei Mosebach nachlesen, wie diese dem Autor in der Fremde zum bedrohlichen Gefängnis werden kann: In den meisten Schriftstellerbiographien, so beschreibt Mosebach den "Dichter ohne Heimat", spitze sich der "Kampf um die angeborene und doch ganz neu zu erfindende Sprache im Ausland zu". Nicht immer muss er tragisch verlaufen, wie die Einzelfälle belegen, die Mosebach von Ovid über Dante bis zu Victor Hugo und Nabokov aufführt.

Hinter all den Dichter-Emigranten, den Verbannten, Flüchtlingen und Weltbürgern erkennt er das Urbild aller Dichter, Homer, "von dem die Alten sagen, er sei heimatlos im Elend herumgetrieben gewesen, weil die neidischen Götter ihn für seinen Ruhm strafen wollten". Und hier nun findet sich schließlich so etwas wie eine Verortung des flüchtigen Romanciers: Der Schriftsteller, der seine Heimat verliert, "kommt seiner Bestimmung näher" - er verlässt seine Welt, um zu dem Ort zu gelangen, von dem aus er sie betrachten kann.

Martin Mosebach verlässt seine Welt, wie man in seiner Textsammlung mit dem schönen, Handke variierenden Titel "Als das Reisen noch geholfen hat" nachlesen kann, schon immer ohne Vorbereitung. Bereits in seiner "Wallfahrt nach Vierzehnheiligen", die er als Student gemeinsam mit einem Kommilitonen unternahm, bekennt der Autor, dass auch damals sein Gepäck unzureichend war: "Keine Landkarte, planlos zusammengepackte Kleidungsstücke, kein Regenzeug, schlechte Schuhe." Bis zum heutigen Tag bereitet er, wie er neulich im Gespräch bestätigte, seine Reisen nicht vor: "Ich raffe ein paar Sachen zusammen und weiß auch meistens nicht so genau, wohin es geht."

An welche Ecken und Enden der Welt es den vom Zufall geleiteten Dichter, Jahrgang 1951, in den vergangenen Jahren verschlagen hat, davon geben die Schriften auf fast fünfhundert Seiten sprachmächtig Auskunft. Wir folgen Mosebach auf Spaziergängen durch das muslimische und koptische Kairo, das 2004 nichts von den Vorgängen auf dem Tahrirplatz ahnt, dafür den Reisenden mit seinen verfallenen Häusern und Kaffeehäusern auf dem Friedhof befremdet. Im Frühling 2009 marschiert er durch die Revolutionsstadt Havanna; staunend, "wie prachtvoll die Stadt einmal gewesen sein muss", und begeistert von der verzauberten Entrücktheit des Ortes fast ohne Straßenlaternen, Fernsehantennen, Verkehr. Auch wenn Mosebach das Vergangene bisweilen verklärt, bewahrt ihn seine ansteckende Neugier für Alltagsphänomene der Gegenwart vor restaurativem Kitsch. Er beschreibt die Dinge und Menschen mit einer merkwürdigen und für Reaktionäre, die meist Misanthropen sind, ganz untypischen Sympathie. Aber er macht sich keine Illusion über die Opfer. Der angedrehten Fröhlichkeit der havanesischen Salsa-Musiker misstraut er.

Wir reisen mit Mosebach zurück ins belagerte Sarajevo des Herbstes 1994, dessen Pflaster von Granateinschlägen gesprenkelt ist. Wir bekommen eine Ahnung davon, wie für einen Jungen im armselig grauen Nachkriegsdeutschland der friedliche Rheingau zur Verheißung wird, dass man als Deutscher glücklich sein kann. Im Butzenscheibenwesen von Rüdesheim erforschen wir abgetane Moden und überlebte Sehnsüchte. Mit zweitausend Passagieren und einem Odysseus gehen wir auf Kreuzfahrt und lesen eine unvollendete Liebeserklärung an Frankfurt, das sich vor dem Main wie "ein bunt strahlendes Tivoli, eine verzauberte Ölraffinerie, ein im Filmatelier ersonnenes Gotham City erhebt".

Mit den Augen des Dichters sehen wir das absurde Kriegstheater an der Grenze zwischen Nord- und Südkorea, im erwähnten georgischen Kloster Shio Mghvime erleben wir den Katholiken, der einen kalten Winter lang mit sich und den Mönchen hadert, ob er als Nicht-Orthodoxer an einer Zeremonie teilnehmen kann. "Schweinsteiger" ist das erste deutsche Wort, das ihm hier unterkommt. Martin Mosebach beteuert gern, dass er nicht etwa auf Reisen gehe, um etwas zu entdecken, Menschen oder Landschaften, sondern um in der Fremde selbst weiterzukommen in der Frage, wie ein neues Buch aussehen könnte. Es sei eine Entscheidung, die von Zufällen getragen ist. Und doch fällt auf, dass es ihn eher in östliche als in westliche Länder zieht; ja selbst Havanna nimmt eine leicht orientalische Miene an.

Mit Kapitelüberschriften wie "Hände weg vom Status quo!", "Pax in bello" oder "Abschied von der Persönlichkeit" ordnet Mosebach die Texte, die in Zeitschriften und Magazinen meist schon erschienen sind, manche davon in dieser Zeitung. Als Autor, schreibt Mosebach, habe er es sich abgewöhnt, sich "über die Zustände, von denen ich erzähle, zu beklagen". Diesen Vorsatz bricht er gleichwohl ein ums andere Mal. Manchmal leise bedauernd, manchmal in sehr streitbaren Artikeln. Angriffslustig wettert er gegen die "Arme neue Stadt" und die Architektur der Moderne nach 1920: "Was ist es nur gewesen, das uns die Wertlosigkeit als höchsten Wert, die Formlosigkeit als höchste Form, die Unbrauchbarkeit als Funktionstüchtigkeit, die Lumpigkeit als Kostbarkeit verkauft hat?"

Auch wenn nicht jedermann seine Ansichten teilt, beispielsweise, dass heute "niemand eine andere als eine Gründerzeitwohnung haben" will - viele seiner Beobachtungen sind unbedingt triftig. Etwa jene, dass die Matratzenlager der studentischen Wohngemeinschaften sich ebenso gut in die Gründerzeitinterieurs einfügen wie die Ahnenporträts der Aristokraten, die Bücherwände asketischer Intellektueller oder die schwarzen Ledersofas von Cy-Twombly-Sammlern.

Der Probierstein des architektonischen Werts eines Gebäudes ist nach Mosebach überraschend einfach: "Wenn es in vollkommen gewandelten ästhetischen und politischen Verhältnissen nicht nur standhält, sondern ihnen sogar noch entgegenkommt." Der Autor lässt kaum Zweifel daran, dass er die Moderne als kulturellen Abstieg betrachtet. Seine Anmerkungen sind aber nie verächtlich, sondern milde ironisch und sehr oft, wie im Abgesang auf den Bundespräsidenten als machtlosen Ordensverleiher und Kranzniederleger, hochkomisch: "Wie im epischen Theater Bert Brechts ist der Bundespräsident ein Staatsschauspieler, dessen Amt darin besteht zu spielen, was er nicht ist."

Reisen fordert zum Schreiben heraus, weil man den Zuhausegebliebenen mitteilen will, was man gesehen hat. Doch nicht nur Neckermann schickt uns auf Reisen, das tut auch die Literatur, die ihre Leser in Parallelwelten zu entführen vermag - auch davon handelt dieses Buch, dessen Untertitel treffend "Von Büchern und Orten" lautet. Da passt es, dass mehrere der versammelten Schriften Fragen zur Literatur verhandeln und Autoren würdigen, Kempowski, Gernhardt sowie, natürlich, einen Stern erster Größe in Mosebachs Kanon: Heimito von Doderer. Aber die Bandbreite seiner Texte ist noch weiter gefasst; nämlich bis hin zu seiner Beschäftigung mit Kirche, Ritus und Religion.

"Wenn das Wesentliche eingetreten ist, die Deplatzierung, und ich die erste Seite geschrieben habe", sagt Mosebach, dann sei ihm ein Ort so lieb wie der andere. Aber eine Stadt oder eine Gegend, in der er lange und intensiv gearbeitet hat, betritt er nur ungern wieder. Zum Glück hält die Welt noch manches Neuland für ihn bereit.

Martin Mosebach: "Als das Reisen noch geholfen hat". Von Büchern und Orten.

Hanser Verlag, München 2011. 496 S., geb., 21,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 06.12.2011
Der Vorzug hohler Häuser
Auf Kreuzfahrt zwischen Georgien und Marokko: In seinem Essayband „Als das Reisen noch geholfen hat“
erkundet Martin Mosebach das Innenleben der Formen Von Thomas Steinfeld
Vor ein paar Jahren war der Schriftsteller Martin Mosebach in Georgien, in einem Kloster in den Bergen oberhalb der alten Königsstadt Mzcheta im Osten des Landes. Es war Winter, er blieb mehrere Wochen, und als er nach Frankfurt zurückkehrte, war er deutlich schlanker geworden. Womit er dort die Zeit verbracht hatte, meist frierend, lässt sich in seinem Essay „Ein Winter in Shio Mghivme“ lesen: mit der Lektüre von Dante zum Beispiel (weil seine Ausgabe der „Divina Commedia“ einem orthodoxen Gebetbuch ähnlich sah), mit nächtlichen Stundengebeten, mit dem Verzehr von ganzen Knoblauchzehen, mit dem Betrachten von heiligen Bildern, die aus Fotografien bestanden, die auf Wellpappe geklebt worden waren. Ob er gern in diesem georgischen Kloster war, lässt sich dem Artikel nicht entnehmen. Doch hat ihn das, was er dort erlebte, offenbar sehr interessiert. Denn er berichtet davon mit einer Aufmerksamkeit und auch mit einer Anschaulichkeit, die den Leser bedauern lässt, nicht neben ihm auf der hölzernen Pritsche gesessen zu haben.
Warum fährt er dorthin? Das ist die erste Frage, die sich nach der Lektüre einstellt. Wie ist er dorthin gekommen? So lautet die zweite. Wer sind die Mäzene, die ihn nicht nur in einem georgischen Kloster unterbringen, sondern auch in einer indischen Höhle und in den Ruinen Havannas? Und was treibt Martin Mosebach von einem Ort zum anderen? Tatsächlich gibt der Schriftsteller in der Sammlung von Essays, die nun unter dem koketten (und auf Peter Handke anspielenden) Titel „Als das Reisen noch geholfen hat“ erschienen sind, an einer, eher verborgenen, Stelle eine Antwort zumindest auf die erste Frage – im Zusammenhang eines Kaffeehausgesprächs über Mozarts „Die Hochzeit des Figaro“. Diese Antwort ist einerseits ein wenig abstrakt: „Die unablässig neuen Konstellationen“, schreibt Marin Mosebach, „bringen keine Entwicklung und keinen Fortschritt hervor, nur ein beglückendes Herzklopfen und das Erlebnis, lebendig zu sein.“
Andererseits erklärt die Antwort doch, zu einem Teil wenigstens, warum dem Schriftsteller angesichts der Höhlen in einem georgischen Kloster ausgerechnet der Berliner Ingenieur und Schriftsteller Heinrich Seidel einfällt: „. . . o, wie ist der Mann zu loben, der solch fürchterliches Toben / schon im Voraus hat bedacht / und die Häuser hohl gemacht.“ Denn in diesen Versen steckt ja nicht nur der Scherz, sondern auch die Freude an der (sprachlichen) Digression, die pure Spielerei.
Allein um Lebendigkeit zu erleben, fährt man allerdings nicht im Winter in ein georgisches Kloster und bleibt dort sieben Wochen lang. Es geschah der Choräle wegen, behauptet denn auch Martin Mosebach. Selbst der Gesang wird nicht die ganze Antwort sein. Auch wenn es, im ganzen Buch, unverkennbar ist, wie viel ihm an Ritualen, an möglichst weit in die Vergangenheit zurückgreifenden Traditionen liegt: In ihnen, in der unablässigen, über Jahrhunderte, ja Jahrtausende sich erstreckenden Wiederholung ist nicht nur etwas Metaphysisches zu erfahren, nämlich Endlosigkeit, sondern es liegt darin auch eine elementare Erfahrung von Kultur – weil der Ritus die erste Form ist, in der sich der Mensch von der unmittelbaren Gewalt seiner Umgebung löst. Und je mehr sich der Ritus verfeinert, bis hin zur „Brotlosigkeit“ des frühen Sports (die der eher unsportliche Martin Mosebach durchaus zu schätzen scheint), desto mehr Kultur ist in ihm aufbewahrt. Allein schon, weil auch der Sport so sehr mit Warten verbunden ist. Und Warten verbindet.
Es ist nicht nur die schiere Kraft der Beschreibungen, sondern auch die Aufmerksamkeit für das Ritual in all seinen Gestalten, der Martin Mosebachs Essays ihren literarischen Zauber verdanken: „Den ersten Eindruck von Luxus empfängt der Mensch schon früh, wenn er in einem Kinderwagen umhergefahren wird“, schreibt er aus Anlass einer Kreuzfahrt durch das Mittelmeer. „Einen vergleichbaren Luxus erlebt er erst wieder, nachdem er viel Geld verdient hat und sich von vielen hundert Kindermädchen bewacht im Mittelmeer spazieren fahren lassen kann.“ Es ist der Vergleich des sehr Verschiedenen, aber formal Verwandten, der ihn hier beflügelt – begleitet von allerhand Verständnis für die Wonne, sich bedienen zu lassen, aber auch vom Bewusstsein der moralischen Zweideutigkeit, der Frivolität, auf die sich diese Herrschaften auf Zeit während ihrer Kreuzfahrt eingelassen haben.
Es ist nicht einfach, für diese Erzählhaltung einen guten Ausdruck zu finden – „liebende Distanz“ ist zu fade, „Höflichkeit“ zu konventionell. „Aufmerksam“ ist ein gutes Wort für eine Beschreibung wie diese: „Der Treidelpfad zwischen Niederwalluf und Eltville geht am Rand schon in die Flusskiesel über, die von dem in den letzten Jahren jedenfalls immer klarer werdenden Wasser überspült werden; sogar große weiße Flussmuschelschalen sind hier manchmal zu finden. Weidenwurzelwerk befestigt den schmalen Weg.“ Und „Achtung“ ist auch ein gutes Wort, das selbst dann gilt, wenn Martin Mosebach davon erzählt, wie dem früheren Bundespräsidenten Köhler und dessen Frau einmal bei einem Bankett für Walter Kempowski die Gäste schon vor dem Dessert davonliefen. Einem König und trainierten Staatsschauspieler (das ist der Anlass dieser Geschichte) wäre, weil das Gesetz der Form, der Ritus, hier gegriffen hätte, diese Schmach nicht angetan worden – aber es ist offenbar, dass der gedemütigte Präsident den Schriftsteller auch dauert.
Das theoretisch anspruchsvollste, gedanklich überraschendste Stück in dieser Sammlung ist ein erfundenes Gespräch zwischen einem Kunstliebhaber, der durch das Musée d’Orsay in Paris geht, und Giovanni Boldinis Gemälde des Grafen Robert von Montesquiou-Fezensay (dem Vorbild des Monsieur de Charlus bei Marcel Proust): „Der hellgraue Anzug umgibt seine schlanken Glieder hier viel lässiger und fließender als auf den Fotos der Epoche, auf denen er in Ofenrohren zu stecken scheint. Den Spazierstock hält er wie eine Flöte. Der Kopf mit dem messerscharfen Profil ist geneigt, als sei der Rahmen wirklich zu eng.“ In diesem Gespräch geht es darum, dass die Zukunft der politischen Herrschaft den Königen gehört, wider das Bürgertum, wider die Demokratie, wider den Adel sowieso, in der engsten Allianz mit der populären Kultur und ihren Helden. Die Monarchie, das ist zuallererst eine Veranstaltung für die und durch die Massen. Dem „Unverdienten“ ist in dieser Gesellschaft die steilste Karriere zugewiesen. Was ein scharfes Bewusstsein für die Form und die ihr innewohnenden Produktivkräfte tatsächlich leisten kann, das offenbart dieses Bravourstück von Essay.
Das Schöne, das literarisch Reizvolle ist dabei, dass in diesem kleinen Stück auch der Graf Montesquiou noch einmal sehr lebendig wird – und ganz anders, als er seiner Schilderung durch Marcel Proust zufolge gewesen sein sollte. Gewiss, es lebt hier vor allem Giovanni Boldinis Bild, aber es tut dies in höchst individueller Schärfe und Genauigkeit, und zwar dadurch, dass der Betrachter (und der Autor) sich von dieser Gestalt bezaubern lässt. Überhaupt ist es wohl so, das das Einzelne, das Individuelle, dem Martin Mosebach mit so viel Achtung und Aufmerksamkeit (nein, nicht mit Hingabe, überhaupt nicht) gegenübertritt , seine Klarheit und Schärfe überhaupt erst gewinnt, indem es von der Form gebrochen wird – sie ist das eigentlich Gegebene, und wie man damit umgeht, welches Verhältnis man dazu findet, wie man sich ihr beugt und sie überwindet, daran, und nur daran, entsteht so etwas wie Einzigartigkeit.
Deswegen, um dieser Erfahrung willen, gibt es die Expeditionen, die Martin Mosebach um die Welt führen. Gegen Ende des Buchs, ein wenig indiskreter, als er ansonsten ist, findet Martin Mosebach ein Bild für diese Dialektik zwischen der Allgemeinheit der Form und dem Individuellen, das aus ihr, und nur aus ihr, hervorgehen kann. Es sind die Mauern der marokkanischen Stadt Fes: „In ihrer Gewölbtheit wurde gleichsam der Druck sichtbar, den ein pralles Innenleben füllte.“ Und wieder möchte man sich danebenstellen, Blick und Gedanken mit dem Erzähler teilen und ihm dann die letzte Frage stellen: „Wer hat Sie hierher gebracht? Wer ist Ihr Mäzen?“ Doch auf diese Frage bekommt der Leser keine Antwort.
Martin Mosebach
Als das Reisen noch geholfen h at
Von Büchern und Orten. Carl Hanser Verlag, München 2011. 496 Seiten, 21,90 Euro.
„Den ersten Eindruck von Luxus
empfängt der Mensch, wenn er
im Kinderwagen gefahren wird“
Die Monarchie, das ist
zuallererst eine Veranstaltung
für die und durch die Massen
„Der hellgraue Anzug umgibt seine schlanken Glieder hier viel lässiger und fließender als auf den Fotos der Epoche, auf denen er in Ofenrohren zu stecken scheint.“ Giovanni Boldinis Robert de Montesquiou-Porträt Foto: Interfoto
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Rezensent Thomas Steinfeld hatte ein paar Fragen an diesen Autor, der sich wochenlang in ein georgisches Kloster zurückzieht, um Dante zu lesen und billige Heiligenbildchen zu betrachten. Wieso machen Sie das? Und wer zahlt das? Solche Fragen. Dann aber wird Steinfeld von Martin Mosebachs Aufmerksamkeit für die Dinge und von der Anschaulichkeit seines Schreibens mitgenommen, sodass er sich einfach nur wünscht, ganz still neben dem Autor zu sitzen und zu sehen, was er sieht, zu hören, was er hört usw. Geht leider nicht. Und so schaut Steinfeld, dass er für uns doch herausbekommt, was Mosebach umtreibt. Die Rituale sind's und die Kultur, die sich darin zeigt, entdeckt er. Und die Form (die die Welt fasst) ist's, die Lust daran. Das wäre gleich eine Art Poetik des Autors Mosebach, aber so weit geht Steinfeld nicht. Die Essays jedoch findet er einzigartig.

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