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Barbara Vinken analysiert den Mythos der deutschen Mutter von seinen Anfängen in der Reformation über Rousseau bis zu den Entwicklungen in der Bundesrepublik und der DDR. Sie schält die politischen Hintergründe heraus und zeigt, wie die Emanzipation der Frauen an der Vorstellung der Mutter, die sich ganz dem Kind widmet, ihre Grenze findet.…mehr

Produktbeschreibung
Barbara Vinken analysiert den Mythos der deutschen Mutter von seinen Anfängen in der Reformation über Rousseau bis zu den Entwicklungen in der Bundesrepublik und der DDR. Sie schält die politischen Hintergründe heraus und zeigt, wie die Emanzipation der Frauen an der Vorstellung der Mutter, die sich ganz dem Kind widmet, ihre Grenze findet.
  • Produktdetails
  • Fischer Taschenbücher Bd.17619
  • Verlag: Fischer Taschenbuch
  • 2., überarb. Aufl.
  • Seitenzahl: 272
  • Erscheinungstermin: 1. Mai 2007
  • Deutsch
  • Abmessung: 190mm x 125mm x 20mm
  • Gewicht: 303g
  • ISBN-13: 9783596176199
  • ISBN-10: 3596176190
  • Artikelnr.: 21477780
Autorenporträt
Vinken, Barbara
Barbara Vinken ist Professorin für Allgemeine Literaturwissenschaft und Romanische Philologie an der Universität München. 1989 in Konstanz und 1991 in Yale promoviert, habilitierte sie sich 1996 in Jena und folgte im Wechsel mit Gastprofessuren an der New York University, der EHESS Paris und der Humboldt-Universität in Berlin Rufen auf die romanistischen Lehrstühle in Hamburg und Zürich.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 20.03.2001

Mütter, wollt ihr ewig stillen?
Ganz Deutschland ist ein Oberammen-Gau: Nur Barbara Vinken weiß, wo der Schnuller hängt / Von Wiebke Hüster

Wie Kindererziehung und Berufstätigkeit zu vereinbaren sind, ist die Sorge vieler Paare. In Deutschland entscheidet die Mehrheit, daß zunächst einer zu Hause bleiben soll; der eine ist in 98,5 von hundert Fällen die Frau. Die Erwerbstätigkeit verheirateter Frauen kennt zumeist drei Phasen: Auf die Erwerbsphase folgt eine Familienphase, in der die Frauen nicht arbeiten, und schließlich der Wiedereinstieg in den Beruf. Nur knapp die Hälfte aller Mütter von Kindern im Vorschulalter arbeitet, neunzig Prozent davon in Teilzeitberufen. Dieses Schema ist, um es vorsichtig auszudrücken, weiblichen Karrieren nicht förderlich. So weichen auch immer mehr Frauen dem Problem der Vereinbarkeit aus, indem sie sich für den Beruf und gegen Kinder entscheiden. Immerhin jede dritte Frau des Jahrgangs 1965 wird kinderlos bleiben.

Es liegt nahe, zwischen der im europäischen Vergleich abfallenden deutschen Geburtenrate, der niedrigen Quote erwerbstätiger Mütter und der Familienpolitik einen Zusammenhang zu vermuten. Wenn demnächst die EU-Staaten über europäische Familienpolitik beraten, will Schweden einen europäischen Standard der Kinderbetreuung durchsetzen. Sollte es dazu kommen, wird Deutschland aufholen müssen. Hierzulande existiert nur für drei Prozent der Kinder unter drei Jahren ein staatliches Betreuungsangebot, in Dänemark sind es achtundvierzig. In Frankreich sind Ganztagsschulen die Regel, in Deutschland gibt es nicht einmal im Grundschulalter eine Kernzeit, innerhalb derer die Schule zur Betreuung der Kinder verpflichtet ist. Weshalb haben es Mütter in anderen europäischen Ländern leichter, Beruf und Familie zu vereinbaren? Da man das Betreuungsangebot in Frankreich so gestaltet, daß Mütter früh in volle Berufstätigkeit zurückkehren können, warum ist dies in Deutschland bislang unterblieben?

Die Romanistin Barbara Vinken hat sich angesichts dieser Lage etwas weit Bedeutenderes vorgenommen, als einen Klagegesang über die Öffnungszeiten deutscher Kindertagesstätten anzustimmen. Zwar tut sie auch dies. Ihr Protestlied aber besteht aus drei kulturgeschichtlichen Strophen. Die erste erklärt, an der Fortsetzung des deutschen Sonderwegs in der Familienpolitik seien auch die Opfer selbst schuld. Nach wie vor sähen sie in der Ehe eine Versorgungsinstanz. Die deutschen Mütter würden indoktriniert vom Gedanken, Mutterschaft sei eine Berufung, während es in Wahrheit der Wirtschaftspolitik darum gehe, den Arbeitsmarkt zu entlasten. Befriedigung zögen sie aus der "symbiotischen Beziehung" zum Kind nur, weil sie narzißtisch seien. Vinken meint, diese Mütter inszenierten Familie als heiligen Ort, der das Kind vor "kalter, egoistischer, männlicher Karrierewelt" beschütze. Ihre Ausführungen stellen die nicht berufstätige Mutter als ideologisches Schlachtschiff dar, auf dessen Bordwand "Weltverbesserung" und "Entsagung" stehen. Dieser Kahn soll mit Salven wie dieser versenkt werden: "Unseren Kindern sollten wir deutsche Mütter ersparen."

Voraussetzung dafür sei eine neue Definition der Ehe: als freiwillige Lebensgemeinschaft wirtschaftlich voneinander unabhängiger Individuen. Doch auch, wer sich dem anschließt, macht es Frau Vinken noch nicht recht. Die Berufstätigkeit verheirateter Frauen aus den Mittelschichten wird als Statussymbol verdächtigt, ähnlich dem früheren Müßiggang von Gattinnen. Die heutige weibliche Berufstätigkeit, von der Vinken argwöhnt, die Frauen machten sie sich nicht zum Lebenszentrum, diene der "Festschreibung der Geschlechterrollen". Nur ein einziges, in Deutschland eben kaum mögliches Verhalten kommt gut weg: das Kind wenige Wochen nach der Geburt in einer Ganztagskrippe abzuliefern und wieder vollzeitberufstätig zu werden.

Im zweiten Teil, "Historische Epochen der Mutter", findet Vinken die Gründe für das deprimierende Wesen der deutschen Mutter in der spezifisch deutschen Religions- und Bildungsgeschichte. Kurz gesagt, ist Luther an allem schuld: "Verallgemeinernd gesprochen, stand bis zur Reformation die geistige über der physischen Mutterschaft, Jungfräulichkeit und Unverheiratetsein über Heirat und Fortpflanzung." Warum das protestantische Dänemark dann heute Müttern ein so sonniges Leben bieten kann, darüber schweigt das Buch. Statt dessen erzählt es eine Verschwörung gegen die selbstbewußte Frau, die über Pestalozzi und die Preußenkönigin Luise bis in die Gegenwart führt. Konservative Ärzte machen sich darin umstandslos gemein mit dem "ethischen Mütterfeminismus", wenn sie das Stillen befürworten. An der Komplettverammung der Frau beteiligt sich auch Rousseau: "Liebemachen und Stillen schließen sich aus", so faßt Vinken seinen Beitrag zur deutschen Mentalität zusammen. Das Ergebnis des Intellektuellenkomplotts ist niederschmetternd. In Deutschland ändere sich das Leben einer Frau, weil die Frau in dem Moment "wo sie Mutter wird, ihre Lebenswelt, ihre Tätigkeit, ihre Kollegen, ihre finanzielle Autonomie, kurz, fast alles, was der Rede wert ist, aufgibt und mit Haut und Haaren zur reinen Mutter wird".

Die Kulturwissenschaftlerin zieht an den Haaren lieber eine eigene Theorie herbei. Texte wie die genannten liest sie als unmittelbaren Ausdruck sozialer Wirklichkeit. Dem Erfolg von Hera Linds "Superweib" zu entnehmen, sämtliche deutschen Leserinnen identifizierten sich mit der Protagonistin, ist aber ebenso haarsträubend wie der Schluß, Rousseaus Werke hätten aus "Femmes du monde", vergnügungssüchtigen, leichtlebigen Weibern, durch das Stillen ans Haus gefesselte, unterwerfungsbereite Wesen gemacht. Im ideengeschichtlichen Verhaftungsfuror verliert sich jeder Unterschied zwischen Literatur und Sozialstruktur. Wie aus Traktaten Mentalitäten werden, wird erst gar nicht gefragt.

Im dritten Teil, "Politiken der Mütterlichkeit", widmet sich Vinken der nationalsozialistischen Fortpflanzungspolitik. Denn diese wirke noch heute im Verhalten bundesdeutscher Eltern nach: in Form eines tiefen Mißtrauens gegenüber staatlicher Kinderbetreuung. In der Deutung von Ina Seidels "Das Wunschkind" von 1930 erreicht die Untersuchung einen Höhepunkt: "Im ganzen Roman ist kein Mann so stark wie die Mutter." Und bei Vinken keine These so geschwollen wie die, daß die deutsche Mutter es war, die für den totalen Krieg mobilisierte. "Das Opfer des Sohnes im Krieg entschädigt gewissermaßen das Opfer der Mutter während der Geburt. Der tote Sohn geht inzestuös in die Muttererde ein und lebt dort ewig fort." Aber auch wer nicht in der Muttererde wühlt, findet manch sprachliche Eigenzüchtung. Sätze wie "Indem sie ganz Mutter wurde, war sie weniger Frau", oder "In stumpfer Buchstäblichkeit konnten Jungfrauen nicht mehr geistige Mütter sein" zeigen, daß wer im Gestrüpp der Ideologien wütet, leicht mit Stilblüten im Haar zurückkehrt.

Zum Abschluß ihres Schlages gegen die deutsche Mutter als perfidestem Ergebnis des Geschlechterkampfes lautet der Ausblick Vinkens, vielleicht stünden Frauen "eines Tages nicht mehr vor der Alternative, nur Frau oder nicht ganz Frau zu sein". Bescheidenere könnten es schon für einen historischen Fortschritt halten, wenn die Diskussion sachlich geführt würde. Vinken hingegen scheint zu glauben, mit ihren auf Krawall ausgehenden Thesen und dem verbissenen Willen, die "deutsche Mutter" durch die Ideengeschichte zu jagen, etwas zu bewegen. Wie aber soll die durch Inquisition intellektueller Altertümer erpreßte Einsicht, der Protestantismus habe die Frauen übel zugerichtet, eigentlich zur begründeten Einrichtung von Ganztagsschulen führen? Ideologiekritik, die meint, sich ob der vermuteten Übermacht des Feindes selbst aufblasen zu müssen, erzeugt Überdruß. Man wird den Eindruck nicht los, hier behaupte eine, die Wurzeln der deutschen Mutter-Misere lägen ganz tief - um vor allem mitzuteilen, wie groß ihre eigene Schaufel ist. Was im Unterschied dazu nottäte, wären Vorschläge, wie sich die sozialpolitischen Voraussetzungen dafür schaffen lassen, daß auch in Deutschland jede nach ihrer Façon selig werden kann.

Barbara Vinken: "Die deutsche Mutter". Der lange Schatten eines Mythos. Piper Verlag, München 2001. 329 S., geb., 44,- DM.

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

"Kühl seziert Wiebke Hüster die Thesen der Romanistin Barbara Vinken zum Selbst- und Fremdverständnis der deutschen Mutter, nicht ohne erst mal klarzustellen, dass auch sie keine Retro-Tante ist: In 98,5% der Fälle bleibt in Deutschland für die Kinder die Frau zu Hause, nur für 3% der Kinder unter drei Jahren existiert ein staatliches Betreuungsangebot, betont Hüster. Vinken geht das Thema in einem sozio-ideengeschichtlichen Dreischritt an: Im ersten Teil erklärt sie, warum am "deutschen Sonderweg in der Familienpolitik" die Mütter selbst schuld seien, resümiert Hüster: Die Mütter wollten die Kinder gegen die böse Männerwelt abschirmen, anstatt sie gleich in der Ganztageskrippe abzuliefern. Im zweiten Teil entwickelt Vinken das deutsche Bild von der Mutter aus der Religions- und Bildungsgeschichte. Luther ist schuld, konservative Ärzte und Rousseau: Deren Texte, so Hüster, lese Vinken als "unmittelbaren Ausdruck sozialer Wirklichkeit … Wie aus Traktaten Mentalitäten werden", fragt die Autorin nicht. Im dritten Teil geht es um die nationalsozialistische Fortpflanzungspolitik und ihre vermeintlichen Folgewirkungen. Fazit: Vinken, so Hüster, verortet die Wurzeln der deutschen Muttermisere so tief, um zu demonstrieren, "wie groß die eigene Schaufel ist".

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