Marcel Proust - Warning, Rainer
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Rainer Warning bietet ebenso kundige wie konzise Navigationen durch die verlorene und nie so ganz wiedergefundene Zeit. Als einer der versiertesten Proust-Kenner Deutschlands versucht er nicht, eine umfassende Einführung in die Recherche du temps perdu zu liefern - ein ohnehin zum Scheitern verurteiltes Vorhaben. Vielmehr lädt dieses Buch dazu ein, die Beschäftigung mit Prousts epochalem Werk ohne Scheu zu wagen. Warnings Lektürevorschläge, obgleich mit allen Wassern der Literaturtheorie von Bachtin, über Barthes bis Foucault und Deleuze gewaschen, richten sich nicht nur an die…mehr

Produktbeschreibung
Rainer Warning bietet ebenso kundige wie konzise Navigationen durch die verlorene und nie so ganz wiedergefundene Zeit. Als einer der versiertesten Proust-Kenner Deutschlands versucht er nicht, eine umfassende Einführung in die Recherche du temps perdu zu liefern - ein ohnehin zum Scheitern verurteiltes Vorhaben. Vielmehr lädt dieses Buch dazu ein, die Beschäftigung mit Prousts epochalem Werk ohne Scheu zu wagen. Warnings Lektürevorschläge, obgleich mit allen Wassern der Literaturtheorie von Bachtin, über Barthes bis Foucault und Deleuze gewaschen, richten sich nicht nur an die wissenschaftliche Leserschaft, sondern auch an Literaturliebhaber und solche, die es werden wollen. Seinen Vorschlägen zu folgen, verspricht eine Fülle neuer Einsichten und Durchblicke, die dieses buchstäbliche Lebens-Werk auch denen erschließen, die bisher ehrfürchtig vor ihm zurückgeschreckt sind.
  • Produktdetails
  • Verlag: Fink (Wilhelm
  • Seitenzahl: 182
  • Erscheinungstermin: 7. März 2016
  • Deutsch
  • Abmessung: 220mm x 141mm x 22mm
  • Gewicht: 354g
  • ISBN-13: 9783770560431
  • ISBN-10: 3770560434
  • Artikelnr.: 44261014
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Mit Rainer Warnings Marcel-Proust-Studie hat Rezensent Patrick Bahners ein glänzendes Buch gelesen, dem er zahlreiche neue und erhellende Einblicke in die "Suche nach der verlorenen Zeit" verdankt. Allein wie der Romanist im zweiten Band des Zyklus' die Verbindung zwischen Erzähler, Albertine und ihren Freundinnen auf malerische Effekte untersucht, Unsichtbares und Flüchtiges offenlegt, um schließlich einen Bogen zum fünften Buch zu spannen, ringt dem Kritiker höchste Anerkennung ab. Überzeugend findet Bahners auch Warnings Ansatz, Proust als französischen Moralisten zu betrachten, der sich allerdings im Verlauf des Romans immer weiter von der idealistischen Romankonzeption entfernt. Dass der Autor dabei streng und diskret argumentiert und dem Leser die Möglichkeit lässt, die Befragung der Textstellen im Sinne der postidealistischen Hermeneutik von Deleuze oder Foucault selbst fortzusetzen, findet der Rezensent klug.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 09.04.2016

Lesen auf die helle Tour

Für eine Reise in den kristallinen Kosmos von Prousts "Suche nach der verlorenen Zeit" gibt es keinen kundigeren Führer als den Romanisten Rainer Warning.

Von den sieben Bänden von Marcel Prousts Romanzyklus "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" ist der zweite der zugänglichste. Die Schilderung des Phänomens der Verliebtheit, die sich zuerst auf eine "kleine Schar" möglicher Objekte bezieht, um aus ihr dann den einen Gegenstand der fatalen Bindung herauszulösen, verbindet sich in der Erinnerung des Proust-Liebhabers zwanglos mit der Entdeckung seiner Gefühle für Buch und Autor. Schon vom Titel geht eine unwiderstehliche Anziehung aus. "Im Schatten junger Mädchenblüte": Wer möchte sich dort nicht aufhalten? Es ist eine verblüffende Feststellung des Münchner Romanisten Rainer Warning, dass die Titelformulierung "nie näher befragt" worden ist: eine frappante Leerstelle in einem Jahrhundert der Proust-Kommentierung. Warning vermutet, wegen der Bedeutung der Malerei für die ästhetische Erziehung des Erzählers sei der Titel "wohl einfach im Sinne impressionistischer Licht- und Schattenspiele verstanden worden".

Mit einem solchen malerischen Effekt vergleicht der Erzähler die Freundschaft von Albertine und ihren Gefährtinnen: Zwischen ihnen bestand eine "liaison invisible, mais harmonieuse comme une ombre chaude", eine "unsichtbare Verbindung, jedoch harmonisch wie ein warmer Schatten" beziehungsweise, in der ausdeutenden Übersetzung von Luzius Keller, "wie eine gleichförmige, warmgetönte Schattenzone". Für das Unsichtbare, das Geheimnis der Personen, tritt ein Sichtbares ein, allerdings etwas Flüchtiges. Auch der wärmste Schatten geht im Laufe des Tages vorüber. Diesem Sichtbaren ist laut Warning wiederum etwas Unsichtbares beigemischt, dessen der Leser wohl erst bei der zweiten Lektüre gewahr werden wird. Freilich mag er sich merken, dass schon beim ersten Blickkontakt Marcels mit Albertine der schwarze Strahl ihrer Augen den Gedanken an schwarze Schatten in ihren Gedanken in ihm erzeugt. Aus den Folgen dieses schwarzen Blitzschlags wird der Verdacht erwachsen, dass die Verbindung zwischen den Mädchen lesbischer Natur sei. Die Hitze der Schattenzone wird als erotisch entschlüsselt, die Schattenwelt ist die Sphäre verbotener Liebe. Um das Bild zu variieren: In Prousts Gebrauch des Motivs legt sich über die impressionistische Lichtwirkung einer zunächst evidenten Metapher ein semantischer Schatten.

Warning schlägt den Bogen zum fünften Band, "Die Gefangene", in dem der eifersüchtige Erzähler seine zu verführerisch aufgeblühte Geliebte zu einer Existenz als Zimmerpflanze verdammt. Begleiteter Ausgang unterbricht die Gefangenschaft. An einem Nachmittag im Bois de Boulogne erfreut sich der Erzähler an der Verdopplung der Doppelfigur der Spaziergänger auf dem Boden: "Zu unseren Füßen bildeten unsere parallel verlaufenden, dann sich einander annähernden und zusammenfließenden Schatten eine reizende Zeichnung." Das Schattenspiel bildet die Geschichte des Paares ab, den Wechsel und Zusammenhang von Trennung und Wiedervereinigung. Parallelen, die sich treffen: mathematisch ein Bild der Unmöglichkeit. Warning überträgt den spieltheoretischen Begriff des Gefangenendilemmas auf die Liebesversuchsanordnung des fünften Bandes: Der Wärter ist selbst ein Gefangener.

Man mag bedauern, dass Warning das Bild der reizenden Zeichnung ("dessin ravissant") im impliziten Kontrast zur Malerei nicht näher befragt. Nach der klassischen Kunsttheorie bringt die Zeichnung die Idee eines Werkes zur Anschauung; mit der Zeichnung ist die künstlerische Leistung vollbracht, gegenüber der die Ausführung sekundär ist. In der Parkszene erlebt der Erzähler die Zeichnung vor seinem geistigen Auge als ebenso hinreißend ("ravissant") wie eine schöne Frau; er erliegt der Idee seiner Liebe.

Die Warnung vor der Überschätzung von Prousts idealistischer Romankonzeption ist der Grundgedanke von Warnings Auslegung der "Recherche". Oder soll man sagen: die Grundidee? Vom Ideal der Restitution der verlorenen Zeit, wie es im Konzept der unwillkürlichen Erinnerung entworfen ist, habe sich Proust im Zuge der Arbeit nicht abgewandt, aber entfernt. Wie in früheren Studien stellt Warning Proust als Schüler der französischen Moralisten vor, deren naturalistische Psychologie des Rollenverhaltens in Gesellschaft die auf die Erlösung der Seele ausgerichtete christliche Lehre stillschweigend preisgegeben habe. Glücklicherweise steht Warning selbst in der Nachfolge der Moralisten als Meister des bündigen Ausdrucks. Sein Buch, ein exemplarischer Durchgang durch die sieben Bände, beglaubigt die Strenge der Argumentation durch schlanken Umfang. Diskret überlässt es der Autor dem Leser, die Befragung der von ihm unter Beiziehung von Großinquisitoren postidealistischer Hermeneutik wie Foucault und Deleuze suggestiv gedeuteten Textstellen fortzusetzen.

Warning versagt es sich sogar, die offenkundigste Bedeutung der Schattenzone zu erwähnen: Das Schattenreich ist die Totenwelt, in die Orpheus vergeblich hinabsteigt, um Eurydike zurückzugewinnen. Auf "Die Gefangene" folgt "Die Flüchtige", und in der Erörterung des Venedig-Aufenthalts im Schlussteil des sechsten Bandes erreicht Warnings Interpretation ihre größte Dichte, die mit äußerster Klarheit einhergeht. Albertine, die Tote, weicht in Warnings Nacherzählung dem Erzähler nicht von der Seite, "die unsichtbare Dritte" zwischen ihm und der Mutter. Der Erzähler unternimmt eine nächtliche Gondelfahrt durch das nichttouristische, abseitige Venedig, das er anderentags nicht wiederfindet. War es ein Traum? Bescherte ihm der Schlaf ein "trübes Stück venezianischer Kristallisation"? Im Glaskunstwerk, dem typischen Venedig-Souvenir, spiegelt sich die Liebestheorie Stendhals, wonach die Phantasie die geliebte Person anreichert, wie sich in den Salzburger Minen ein schlichter Reisigzweig in ein Ding von bizarrer Schönheit verwandelt.

Warning beschreibt Kristall als "eine Materie besonderer Art" mit der man "zugleich Transparenz und Opazität, Hitze und Kälte, Licht und Schatten" verbindet. Den düsteren Brocken Helles ("sombre marceau de cristallisation") bestimmt der Bildmineraloge als "Metapher für die Materialität der Schrift, in der das erinnerte Venedig wider zutage treten wird", aber ohne die vom Emblem der Madeleine verheißene Auferstehung der Vergangenheit. Kristallisation will sagen: Die Liebe läuft zu auf den Tod. Kann Warning mit diesem Schluss seine Intention durchhalten, die "Recherche" antiidealistisch zu lesen, was nämlich auch heißen soll: nicht teleologisch? Die Terminologie seiner Formanalyse spricht dagegen. Er nennt die Wiederkehr eines Motivs im Abstand mehrerer Bände eine "Transversale". Damit wird eine geometrische Rationalität der Superstruktur aufgerufen, die idealistisch ist wie alle Mathematik. Prousts Inkonsistenzen will Warning als "Gegenstrebigkeiten" fassen. Im Heidegger-Wort "gegenstrebig" schimmert die Gotik durch und damit das Bild der Kathedrale, das Proust selbst der idealistischen Schule seiner Interpreten vererbt hat.

Die Naturwissenschaft, lesen wir im Grimmschen Wörterbuch, nennt Kristalle unorganische Körper in regelmäßiger Gestaltung. Das Kristall, die Materie, steht für den Kristall, das Gebilde, die Schrift für das Werk. Dass die Zwiespältigkeit, die Warning der "Recherche" attestiert, auch diese Deutung einholt, spricht nur für den Deuter, der am Sonntag den achtzigsten Geburtstag feiert. Sein Buch funkelt.

PATRICK BAHNERS

Rainer Warning: "Marcel Proust".

Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2016. 182 S., geb., 26,90 [Euro].

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