Die akademische Elite - Münch, Richard

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Als im Oktober 2006 die Eliteuniversitäten in München und Karlsruhe gekürt wurden, sagte Annette Schavan, Deutschland könne nun mithalten im internationalen Wettbewerb. Doch wer entscheidet überhaupt darüber, wer sich zur Elite zählen darf? Ist die Errichtung universitärer "Leuchttürme" ein wirksames Mittel gegen die Hochschulmisere? Diesen Fragen widmet Richard Münch seine brisante Studie. Das Ergebnis: Viele Reformen sind kontraproduktiv, sie führen zu einer Verringerung der theoretischen Vielfalt. "Eine Forschungspolitik, die solche Strukturen stärkt, ist nicht auf der Höhe der Zeit und…mehr

Produktbeschreibung
Als im Oktober 2006 die Eliteuniversitäten in München und Karlsruhe gekürt wurden, sagte Annette Schavan, Deutschland könne nun mithalten im internationalen Wettbewerb. Doch wer entscheidet überhaupt darüber, wer sich zur Elite zählen darf? Ist die Errichtung universitärer "Leuchttürme" ein wirksames Mittel gegen die Hochschulmisere?
Diesen Fragen widmet Richard Münch seine brisante Studie. Das Ergebnis: Viele Reformen sind kontraproduktiv, sie führen zu einer Verringerung der theoretischen Vielfalt. "Eine Forschungspolitik, die solche Strukturen stärkt, ist nicht auf der Höhe der Zeit und verpaßt die dynamisch voranschreitende internationale Entwicklung."
  • Produktdetails
  • Edition Suhrkamp Nr.2510
  • Verlag: Suhrkamp
  • Artikelnr. des Verlages: 12510
  • 3. Aufl.
  • Seitenzahl: 474
  • Erscheinungstermin: 28. Mai 2007
  • Deutsch
  • Abmessung: 179mm x 111mm x 28mm
  • Gewicht: 433g
  • ISBN-13: 9783518125106
  • ISBN-10: 3518125109
  • Artikelnr.: 20948534
Autorenporträt
Münch, Richard
Richard Münch, geboren 1945, lehrt Soziologie an der Universität Bamberg. Zuletzt erschien in der edition suhrkamp Die akademische Elite (es 2510), Münchs vieldiskutierte Studie zur Hochschulreform.
Rezensionen
Besprechung von 27.08.2007
Abrechnung ohne Strom
Richard Münchs Polemik gegen unser Forschungssystem

Wissenschaftler werden durch den ständigen Zwang zum Schreiben von Drittmittelanträgen von der Wissenschaft abgehalten. Was diese und andere Perversionen für Forschung und Lehre bedeuten, schreibt sich der Soziologe Richard Münch vom Leib.

Im Oktober fallen die Entscheidungen in der zweiten Runde des sogenannten "Exzellenzwettbewerbs" deutscher Universitäten. Der Bamberger Soziologe Richard Münch weiß schon jetzt, wie es ausgehen wird: ungerecht, weil zugunsten derjenigen Hochschulen, die sowieso immer begünstigt werden, wenn es um die Verteilung von Forschungsgeldern geht, ohne dass an ihnen tatsächlich besser geforscht würde als andernorts. Diese Spinnen im Netzwerk der Forschungsfinanzierung sind für ihn die Traditionsuniversitäten - er denkt etwa an Heidelberg, München, Bonn oder Freiburg - sowie jene, in deren Fächerspektrum die Technik- und Naturwissenschaften im Vordergrund stehen.

In fast jeder Aussage dieser erregt vorgetragenen - "die Gesellschaft wird ihrer diskursiv-reflektierenden Seite (!) der Vernunft beraubt" -, aber mit vielen Zahlen munitionierten Attacke auf die deutsche Forschungsfinanzierung mischen sich berechtigte Kritik und haarsträubende Behauptungen. Dass die Exzellenzinitiative wie viele andere Fördermaßnahmen stark auf die Praktiken von Naturkundlern und Ingenieuren zugeschnitten sind, ist unbestritten. Dass sie Spezialisierungsfähigkeit und also auch die Größe der antragstellenden Gruppen begünstigen, liegt auf der Hand. Dass der produktive Einzelforscher ohne zahlreiche Mitarbeiterschaft und ohne Bedarf an Maschinen, Labors oder interdisziplinären Netzwerken im System der Drittmittelfinanzierung eine anachronistische und wenig privilegierte Existenz führt, hat sich herumgesprochen. Und dass die Sozial- und Geisteswissenschaften, weil sie sich oft vorauseilend der Erwartung anpassen, solche Mittel einzuwerben, vielerorts in Bürokratie und Schwällen von Antragsprosa versinken, das steht inzwischen in den Zeitungen. Münch aber behauptet, "die Medien" fänden den ganzen Unfug toll und progressiv, wobei er keinen Zweifel daran lässt, dass das typisch ist für so etwas Unkritisches wie Medien.

Die Wissenschaft, das sieht Münch völlig richtig, wird durch den ständigen Zwang zum Schreiben von Drittmittelanträgen von ihrer eigentlichen Arbeit ferngehalten; von der Lehre ganz zu schweigen. Es werden immer nur diese Anträge, also Projekte, also Pläne beurteilt - also nie Ergebnisse. Außerdem ist der Zusammenhang zwischen dem Drittmitteleingang und dem Publikationsausgang oft schwach. Münch legt dazu selbstberechnete Tabellen vor. Für manche Disziplinen insbesondere der Geisteswissenschaften passt überdies die Form der arbeitsteiligen Großforschung fast nie und führt nur zum Aufbau von Fassaden der Interdisziplinarität, hinter denen aber nach wie vor Einzelforscher völlig unabhängig voneinander den eigenen Interessen nachgehen.

Außerdem unterzieht Münch das Kennziffernwesen, die "Rankings" und bibliometrischen Abschätzungen der Forschungsleistung einer umfassenden Kritik. Man zählt bei Leistungsmessungen die Aufsätze eines Forschers lieber, als sie zu beurteilen - weil Zählen leichter geht. Oder man addiert eingeworbene Finanzmittel ohne Rücksicht darauf, wofür sie eingeworben wurden und welcher Verwendung sie danach zugeführt worden sind. Viel Drittmittel, also Exzellenz - so der Fehlschluss, der außer Acht lässt, dass allein schon die Stromrechnungen von experimentellen Physikern höher sind als sämtliche Personalkosten aller Germanisten zusammen, dass also die Höhe der verbrauchten Mittel nichts über die geleistete Forschung aussagt. Außerdem, so Münch, orientiere man sich bei der Leistungsbewertung oft nur noch an Publikationen in amerikanischen Zeitschriften, was alle Forscher benachteilige, die dem amerikanischen Forschungs- und Publikationsstil nichts abgewinnen können und trotzdem produktiv sind.

Das alles wird nicht falsch dadurch, dass es Münch auf mancher Seite seines Buches mitunter dreimal sagt, was auch für Phrasen wie die gilt, "innovative und kreative Forschung" werde in Deutschland nicht belohnt. Für ihre zahllose Wiederholung hätte man sich wenigsten ein einziges Beispiel gewünscht. Konkret wird das Buch nur dort, wo behauptet wird, die amerikanische Soziologie sei überspezialisiert, in der Themenwahl konformistisch, in den Methoden standardisiert und insgesamt phantasielos, weshalb die Orientierung an ihr die europäische zu veröden drohe.

Das hat Münch, der seine ganze Karriere auf der Bewirtschaftung der ziemlich unspezialisierten und sehr kreativen Soziologie des Amerikaners Talcott Parsons begründet hat, vor Jahren schon behauptet - und es wird durch Wiederholung nicht wahrer, sondern ist eine der denkbar absurdesten Mitteilungen über die jüngere Geschichte und die Gegenwart dieses Faches. Es dürfte Münch wohl kaum gelingen, sein sachfremdes Geschimpfe ins Angesicht von amerikanischen Autoren wie Arthur Stinchcombe, Andrew Abbott, Katherine Newman, Neil Fligstein, Duncan Watts, Peter Bearman oder Eric Leifer zu wiederholen, ohne dass entweder er rot würde oder sie für ihn. Wir erbieten uns (j.kaube@faz.de), jedem Leser die entsprechenden Aufsätze und Bücher zu nennen, auf dass er sie bei Bedarf mit der kontinentalen Produktivität Münchs vergleiche.

Doch sei's drum - Münch will sich im Grundsätzlichen aufhalten, bleiben wir grundsätzlich. Münchs These ist: Nicht wissenschaftliche Leistungen, sondern Kartelle und politisches Gemauschel befinden, wer den Löwenanteil der Forschungsförderung einsteckt. "Wer hat, dem wird gegeben" - der amerikanische Soziologe Robert K. Merton hat das als das "Matthäus-Prinzip" der Wissenschaft bezeichnet. Münch übersetzt es sich so: Nicht zukünftige Wahrheit, sondern gegenwärtige Macht ist der ausschlaggebende Gesichtspunkt der Forschungspolitik. Den Gedanken, dass beispielsweise die Mobilität des Personals dafür sorgt, dass Traditionsuniversitäten in angenehmen Städten erfolgreiche Forscher und begabte Studenten oft stärker anziehen als Wuppertal und Oldenburg, erwägt er nicht. Er hat nachgerechnet und zum Beispiel herausgefunden, dass die am meisten von der Deutschen Forschungsgemeinschaft begünstigten Universitäten gar nicht den höchsten Ausstoß an wissenschaftlichen Publikationen pro Professor vorweisen können. Man halte sich an die pure Größe und die Prominenz der Universitäten, anstatt an die Leistung pro Kopf des jeweiligen lokalen Forschervölkchens. Die Forschungsförderung belohnt, mit anderen Worten, nicht den Erkenntnisgewinn des gedankenreichen Professors, sondern den Umfang seines Mitarbeiterstabs. Dass es oft heißt, nicht die Professoren, sondern einzelne junge Mitarbeiter in ihren Dissertationen trieben die Forschung eigentlich voran, berücksichtigt Münch dabei an keiner Stelle. Mitarbeiter sind für ihn "Forschungssklaven".

Man würde seiner Kritik dennoch freudiger beipflichten und sagen: "Der Mann hat im Grunde recht", wenn Münch sie nicht so verwirrend instrumentieren würde. Er konstatiert "monopolartige Strukturen", wenn er von zehn bis zwanzig dominanten Universitäten spricht. Er beschwert sich darüber, dass in der Wissenschaftsförderung nur noch Kennziffern etwas zählen - um uns dann vorzurechnen, dass München weniger Publikationen pro Kopf hervorbringt als Würzburg. Was für Publikationen das sind, erfahren wir auch von ihm nicht. Die Kennziffer "Drittmittel pro Wissenschaftler" hält er für aussagekräftiger als die "Drittmittel pro Professor", obwohl er selber Mitarbeiter für reine Forschungssklaven hält. Bei den Publikationen wiederum zählt er nur die, an denen Professoren beteiligt waren. Münch beschwert sich, dass die DFG bei ihrer Mittelvergabe sich stets an falschen Kriterien orientiert - und beschwert sich auch, dass die bayerische Eliteförderung von diesen Kriterien abweicht. Er spricht von Kartellen und politischen Machenschaften, aber nennt so gut wie nie Ross noch Reiter. Er schimpft auf die Amerikanisierung der Wissenschaft und nennt gleichzeitig das Hochschulsystem der Vereinigten Staaten vorbildlich wettbewerbsorientiert.

Das alles wirkt undurchdacht, und man weiß nie, ob es am Dilettantismus oder am Willen zum dramatischen Befund liegt, dass Münch so vorgeht. Darüber hinaus völlig unsoziologisch wirkt es, wenn der Autor ein Ideal der produktiven Wissenschaft pflegt, die auf einzelnen Köpfen beruht, die sich mit ganz großen Fragen beschäftigen, welche nicht arbeitsteilig und also nicht im Rahmen bestehender Förderstrukturen bearbeitet werden können.

Diese Ranküne gegen Spezialistentum und Betriebsförmigkeit der Erkenntnis provoziert die Frage, ob der Wissenschaftssoziologe schon einmal ein großes Labor von innen gesehen hat. Die Vorstellung, dass die Forschung nur aus Kreativität und Innovation besteht und also die Forschungsförderung nur Kreativität und Innovation zu honorieren hat, könnte durch einen Besuch korrigiert werden. Forschung ist auch zu ganz großen Teilen Routine und Masse und Arbeitsteilung und Stromrechnung. Das rechtfertigt nicht die merkwürdigen Praktiken der Mittelvergabe an Forscher, den Kennziffernfetischismus samt der dazugehörigen Exzellenz-Phrasen in unserem Land. Aber es setzt den Argumenten der Polemik dagegen empirische Grenzen.

JÜRGEN KAUBE

Richard Münch: "Die akademische Elite". Zur sozialen Konstruktion wissenschaftlicher Exzellenz. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007. 475 S., br., 15,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 18.07.2007
Reformwalze der Evaluationsgesellschaft
Kann man wissenschaftliche Leistung messen? – Richard Münch attackiert die gegenwärtige Hochschulpolitik
Die Franken sind, wenn man es genau betrachtet, die Palästinenser Deutschlands. Ein Volk, das nicht ein Staatsgebiet sein Eigen nennt wie die Sachsen und es sich auch nicht mit einem anderen teilen darf wie die Württemberger und die Badener, respektive Schwaben und Alemannen. Die Mittel der fränkischen Intifada sind zum Glück andere und erfolgreicher als die ihrer Genossen im Nahen Osten – siehe zuletzt den Aufstand der Fürther Landrätin Pauli. Oder jetzt Richard Münch und sein Buch „Die akademische Elite”, von dem wir annehmen, dass es zur Grundausrüstung aller in Forschung und Lehre engagierten Kräfte gehören wird, die sich von der Reformwalze noch nicht haben plattmachen lassen. Erkennen wird man sie an dem gefürchteten Schlachtruf: „Münch aber hat eine ganz andere Rechnung aufgemacht ...”
Münch ist Soziologie-Professor in Bamberg, also an einer jener fränkischen Hochschulen, die in den sechziger, siebziger Jahren neu gegründet wurden, und die allesamt einen guten Ruf haben, ja auf einigen Gebieten Außerordentliches leisten. In Wissenschaftlerkreisen ist das wohlbekannt, aber in der für Franken zuständigen Hauptstadt, die Münch beharrlich Standort oder auch Großstandort nennt, favorisiert man eine andere Hochschulregion: „Die von der bayerischen Forschungspolitik forcierte herausgehobene Stellung des Standorts München ist maßgeblich dem größeren Personaleinsatz geschuldet und schlägt bei einer Umrechnung auf das eingesetzte Personal ins Gegenteil um. Der Standort München erweist sich im Vergleich zu den Konkurrenten als weniger effizient arbeitende Einrichtung. An der LMU (Ludwig-Maximilians-Universität) werben nicht weniger als 5129 Wissenschaftler pro Kopf 22,8 Tausend Euro DFG-Mittel ein, an der TU München 4100 Wissenschaftler pro Kopf 28,4 Tausend Euro, in Würzburg jedoch 2523 Wissenschaftler pro Kopf 35,8 Tausend Euro, in Erlangen-Nürnberg 3340 Wissenschaftler pro Kopf 28,6 Tausend Euro, in Bayreuth nur 934 Wissenschaftler pro Kopf 30 Tausend Euro.”
Die Clustrophobie geht um
Das Zitat vermittelt einen guten Eindruck von der Natur dieses Buches, das „cum ira et studio” geschrieben wurde. Der „cum studio”-Anteil beruht auf einem umfangreichen Zahlenwerk, auf übernommenen und selbstermittelten Daten, deren bisherige Auswertung kritisch überprüft wird. Es ist dies eine fundamentale Kritik des Versuchs, das letztlich Unmessbare, wissenschaftliche Leistung, nach Kennziffern zu bewerten und sie dementsprechend zu belohnen. Zum Beispiel durch die mit erheblichen Mittelzuweisungen verbundene Ernennung der Münchner LMU und TU zu Eliteuniversitäten. Höher ließen sich Augenbrauen nicht ziehen, als dieses und andere Ergebnisse der ersten Runde der Exzellenzinitiative bekannt wurden, aber was damals als die übliche Resultante aus Zugkraft der Mächtigeren und Zufall erschien, sieht jetzt im Licht der ersten Gegenrechnung weiterhin fragwürdig, aber auf höherem Niveau fragwürdig aus (SZ vom 23. April). In dem oben angeführten Zitat wird der rechnerische Haupthebel des Münchschen Ansatzes deutlich. Während das übliche Ranking-Verfahren Drittmittel auf Antragsteller, also Professoren bezieht, und danach Universitäten mit symbolischem und finanziellem Kapital belohnt, rechnet Münch mit einer Mittel-pro-Wissenschaftler-Ratio. Dieser Ansatz wird der Mechanik der Forschungsmittelanwerbung gerechter, denn es ist einfach so, dass mehr Mitarbeiter ihre Professoren besser bei Neuanträgen unterstützen können und selbst daran interessiert sind, dass zusätzliche Gelder ihre Weiteranstellung sichern.
Die vom Staat besser ausgestatteten Universitäten (Traditionsuniversitäten, Technische Hochschulen) haben also einen Wettbewerbsvorteil, der sich durch die grassierende Bonus-Mentalität exponentiell steigert. Was derzeit die Forschungspolitik bestimmt, ist das Matthäus-Prinzip: Wer hat, dem wird gegeben. Auf der Verliererseite stehen Einzelforscher, kleinere Hochschulen, Neugründungen und Hochschulen mit Schwerpunkten in den Geistes- und Sozialwissenschaften, stehen ganze Regionen. Auf der Verliererseite steht für Münch das gesamte bundesdeutsche Hochschulsystem, das seit der Bildungsreform der sechziger Jahre und zuletzt noch einmal nach der Wende auf Vielfalt gesetzt hat: auf Vielfalt der Größen, Arten, Schwerpunkte. In einer für deutsche Verhältnisse nicht ganz untypischen Selbstverleugnung der Stärken wird nun von der Politik und von politiknahen Forschungsorganisationen umgesteuert: hin zu Konzentration, Kumulation und – jetzt kommt das Aufsteigerwort des Planermilieus – Clusterbildung. (Schon haben empfindliche Kollegen Anzeichen einer neuen Berufskrankheit namens Clustrophobie an sich entdeckt.)
Umsteuern ist das Recht der Politik – Münch passt zwar die ganze Richtung nicht, aber was sein Buch brisant macht, ist der Nachweis, dass der wissenschaftlich-politische Komplex Universitäten als „Leuchttürme” aufbaut, von denen er fahrlässigerweise behauptet, dass sie vorher schon dort waren und dort auch unbedingt hingehören. Aus Münchs Rechenwerk geht eine andere Entwicklung hervor, welche die Sektoren Hochschule und Forschung ungleich stärker transformiert als die Aufstellung noch so schöner „Leuchttürme”: das systematische Herunterfahren der Grundausstattung der Universitäten. 1980 machten die Grundmittel noch den 13,25-fachen Wert der Mittel für Forschung aus, 2003 nur noch den 5,38-fachen Wert. Eine schlichte Betrachtungsweise dieser Zahlen würde hier die Stärkung des Wissenschaftsstandorts Deutschland und die Anwendung des Prinzips „selektive Förderung” erkennen – wie der Lateiner sagt: Cumula et impera. Es verhält sich aber anders. Viele bundesdeutsche Universitäten werden derzeit zu Ausbildungsdiscountern umgebaut, wobei eine nur auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinende Maßnahme mehr Mittel in die Betreuung der Studierenden fließen lässt.
Der Mythos der großen Zahl
Die Politiker haben sich aber selbst dazu verurteilt, das Modell Bachelor nicht gleich scheitern zu lassen. Auf jeden Fall werden bei insgesamt sinkenden Etats noch weniger Grundmittel für die Wissenschaft übrig bleiben. Drittmittel halten also die Normalität einer Hochschule, die ohne Forschung diesen Namen nicht verdienen würde, mühsam aufrecht. Das heißt aber auch, dass die Forschung, die sie fördern und die durch andere Aufgaben abgelenkt wird, Normalwissenschaft ist – Münch, immer um einen Grad bissiger, nennt sie Routinewissenschaft. Wer das für übertrieben hält und als Gutachter miturteilen kann, frage sich und seine Kollegen einmal, wie oft die Lektüre eines Projektantrages die Reaktion auslöste: Du musst deine Forschung ändern!
Daran ist zunächst einmal nicht viel zu beanstanden: Forschung vermehrt sich wie alles Lebendige (auch) durch Ausbreitung. Nur bedeutet es eine Verkennung der Sachlage, wenn man solche Außenfinanzierung als Indikator für Qualität oder Exzellenz nimmt und extra belohnt. Münch plädiert dafür, Mittelzuweisungen für Forschung nur noch von Publikationen und nicht mehr von der Einwerbung von Drittmitteln abhängig zu machen. Unbedingt zuzustimmen ist auch seiner Forderung, die Etats zugunsten der Grundmittel umzuschichten, die Kürzungen bei den regulären Stellen zurückzunehmen und eine Vergrößerung des Mittelbaus durch befristete Mitarbeiterstellen und Juniorprofessoren vorzunehmen. Ja, Münch regt an, eine komplette Junior Faculty neben der Gruppe der Lebenszeitprofessoren aufzubauen.
Wenn Münch nicht gerade Zahlen umbucht, gebraucht er Worte wie Forschungssklaven, Forschungsmanager, Forschungsdarsteller, Oligarchien, Monopole, Kartelle, mafiöse Strukturen, beobachtet oder prognostiziert er ein „Massensterben von wissenschaftlicher Kreativität”, schreibt er: „Forschung ist allein noch an der Erfüllung der zentral definierten Kennziffern ausgerichtet . . . An die Stelle eines offenen Marktes ist ein zentral verwaltetes System der Forschung, eine Art totalitäres Überwachungssystem nach dem Muster der Sowjetunion getreten.” Solche Töne hört man von deutschen Lehrkanzeln selten!
Es ist unmöglich, die Vielzahl der Angriffspunkte und Vorschläge des langen und oft redundanten Buches zu würdigen. Zusammengezuckt sind wir zuerst bei dem Vorschlag des Wissenschaftsliberalen Münch, die DFG müsse zerschlagen und in mehrere konkurrierende Organisationen aufgeteilt werden, aber dann haben wir daran gedacht, wie sakrosankt die Stellung der Telefonmonopolisten war und was daraus geworden ist.
Problematisch finden wir, dass das Buch von einem Grundwiderspruch zerrissen ist. Der Autor möchte die Rechnungshoheit zurückgewinnen, zweifelt aber grundsätzlich am Aussagewert von Zahlen. Einerseits weiß Münch, dass sich wissenschaftliche Leistung nicht in Kennziffern erfassen lässt. Andererseits rechnet er uns mit großem Einsatz vor, wie man es richtiger machen und gerechter bewerten könnte. Einerseits bedauert Münch die Verkannten und Zukurzgekommenen, andererseits sagt er selbst, dass Drittmittel keine Garantie für kreative Forschung sind, ja diese oft verhindern. Einerseits weiß Münch, dass in den Wissenschaften, auch in den Hard Sciences, Menge nicht wirklich zählt. Andererseits verwendet er die meisten Untersuchungen auf den Nachweis, dass Drittmittelforschung nicht notwendig zu mehr Publikationen führt. Der Freund der Qualität sei hierzu an Einstein erinnert, der auf die Mitteilung, dass 100 deutsche Wissenschaftler seine Theorien für falsch erklärt hätten, antwortete: „Warum 100? Einer hätte doch gereicht.”
Dennoch: Das ist ein Buch, für das wir höchst dankbar sein müssen. Die Bamberger Soziologie schneidet im Vergleich mit anderen Standorten, München etwa, beim Ranking von CHE und Zeit sehr gut ab. Von fünf Ampeln (für fünf Bewertungskategorien) leuchten zwei grün. Wir möchten, dass die Zahl sofort auf fünf erhöht wird. Und wir halten hier fest, dass uns in Franken ein neuer Hans Sachs erstanden ist, ein Meister, der den Beckmessern unserer „Evaluationsgesellschaft” (Münch) die Worte entgegenschleudert: „Wollt ihr nach Regeln messen, / was nicht eurer Regeln Lauf / der eignen Spur vergessen, / sucht davon erst die Regeln auf.” WOLFGANG KEMP
RICHARD MÜNCH: Die akademische Elite. Zur sozialen Konstruktion wissenschaftlicher Exzellenz. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007. 474 Seiten, 15 Euro.
Das ist kein „Leuchtturm”, kein Riesen-Cluster, aber exzellente Provinzforschung: ein Fakultätsgebäude der Universität Bamberg. An der lehrt Richard Münch, der Kritiker der heutigen Drittmittel-„Kartelle”. Foto: privat
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
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Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Rezensent Andrew James Johnston findet Richard Münchs Bestandsaufnahme des akademischen Status Quo in Deutschland "faszinierend und bedrückend" zugleich, sogar eine "verborgene Brillanz" attestiert er dem Autor. Münch untersucht, so erfahren wir von Johnston, wie sich die Forschung an den Universitäten entwickelt hat, seit ihnen in den neunziger Jahren der Wettbewerb um Drittmittel und Exzellenz aufgebürdet wurde. Was das Buch n den Augen des Rezensenten so spannend macht, ist, dass Münch ein klarer Verfechter der "Wissenschaft als Markt" sei, aber dennoch die bisherige Umstrukturierung für fatal halte. Münchs Beobachtungen zufolge sei ein "mörderischer Monopolisierungsprozess" im Gange, die süddeutschen Universitäten und Forschungseinrichtungen dominierten die Mittelvergabe. Und gemäß Münch sinke die - an Publikationen und Patenten gemessenen - Kreativität um so stärker, je größer die eingeworbenen Drittmittel sind.

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