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Pierre Bourdieu kam Mitte der 1950er Jahre zum ersten Mal nach Algerien, und zwar als Soldat im Algerienkrieg. Nach Abschluß seines Militärdienstes führte er hier erste Feldforschungen zur Kultur der Berber in der Kabylei durch, die seine späteren großen soziologischen und wissenschaftstheoretischen Arbeiten nachhaltig geprägt haben. Erschüttert von der systematischen Zerstörung einer ganzen Kultur durch das französische Kolonialregime hatte Bourdieu in Algerien gewissermaßen sein Erweckungserlebnis als ethnologisch geschulter Soziologe. Insbesondere sein Entwurf einer Theorie der Praxis ist…mehr

Produktbeschreibung
Pierre Bourdieu kam Mitte der 1950er Jahre zum ersten Mal nach Algerien, und zwar als Soldat im Algerienkrieg. Nach Abschluß seines Militärdienstes führte er hier erste Feldforschungen zur Kultur der Berber in der Kabylei durch, die seine späteren großen soziologischen und wissenschaftstheoretischen Arbeiten nachhaltig geprägt haben. Erschüttert von der systematischen Zerstörung einer ganzen Kultur durch das französische Kolonialregime hatte Bourdieu in Algerien gewissermaßen sein Erweckungserlebnis als ethnologisch geschulter Soziologe. Insbesondere sein Entwurf einer Theorie der Praxis ist direkt durch die Algerienerfahrung beeinflußt worden.
Der Band vereinigt sämtliche wissenschaftlichen Arbeiten Bourdieus zu Algerien und hat bei seinem Erscheinen in Frankreich große Aufmerksamkeit erregt. Zum ersten Mal läßt sich die frühe Entwicklung und Prägung eines der großen Soziologen des 20. Jahrhunderts im Zusammenhang nachvollziehen.
  • Produktdetails
  • Verlag: Suhrkamp
  • Originaltitel: Esquisses algériennes
  • Artikelnr. des Verlages: 58552
  • Seitenzahl: 522
  • Erscheinungstermin: 19. Juli 2010
  • Deutsch
  • Abmessung: 206mm x 131mm x 42mm
  • Gewicht: 590g
  • ISBN-13: 9783518585528
  • ISBN-10: 3518585525
  • Artikelnr.: 29742202
Autorenporträt
Bourdieu, Pierre
Pierre Bourdieu, am 1. August 1930 in Denguin (Pyrénées Atlantiques) geboren, besuchte dort das Lycée de Pau und wechselte 1948 an das berühmte Lycée Louis-le-Grand nach Paris. Nachdem er die Eliteschule der École Normale Supérieure durchlaufen hatte, folgte eine außergewöhnliche akademische Karriere. Von 1958 bis 1960 war er Assistent an der Faculté des lettres in Algier, wechselte dann nach Paris und Lille und wurde 1964 Professor an der École Pratique des Hautes Études en Sciences Sociales. Im selben Jahr begann er, die Reihe Le sens commun beim Verlag Éditions de Minuit herauszugeben und erhielt einen Lehrauftrag an der Ècole Normale Supérieure. Es folgten Gastprofessuren und Forschungsaufenthalte in Princeton und am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Seit 1975 gibt er die Forschungsreihe Actes de la recherche en sciences sociales heraus. 1982 folgte schließlich die Berufung an das Collège de France. 1993 erhielt er die höchste akademische Auszeichnung, die in Frankreich vergeben wird, die Médaille d'or des Centre National de Recherche Scientifique. 1997 wurde ihm der Ernst-Bloch-Preis der Stadt Ludwigshafen verliehen. In seinen ersten ethnologischen Arbeiten untersuchte Bourdieu die Gesellschaft der Kabylen in Algerien. Die in der empirischen ethnologischen Forschung gemachten Erfahrungen bildeten die Grundlage für seine 1972 vorgelegte Esquisse d'une théorie de la pratique (dt. Entwurf einer Theorie der Praxis, 1979). In seinem wohl bekanntesten Buch La distinction (1979, dt. Die feinen Unterschiede, 1982) analysiert Bourdieu wie Gewohnheiten, Freizeitbeschäftigungen, und Schönheitsideale dazu benutzt werden, das Klassenbewußtsein auszudrücken und zu reproduzieren. An zahlreichen Beispielen zeigt Bourdieu, wie sich Gruppen auf subtile Weise durch die feinen Unterschiede in Konsum und Gestus von der jeweils niedrigeren Klasse abgrenzen. Mit Le sens pratique (dt. Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft, 1987) folgte 1980 eine ausführliche Reflexion über die konkreten Bedingungen der Wissenschaft, in der Bourdieu das Verhältnis von Theorie und Praxis neu zu denken versucht. Ziel dieser Analysen ist es, die »Objektivierung zu objektivieren« und einen Fortschritt der Erkenntnis in der Sozialwissenschaft dadurch zu ermöglichen, daß sie ihre praktischen Bedingungen kritisch hinterfragt. Seit dem Beginn der 90er Jahre engagiert sich Bourdieu für eine demokratische Kontrolle ökonomischer Prozesse. 1993 rief er zur Gründung einer »Internationalen der Intellektuellen« auf, deren Ziel darin besteht, das Prestige und die Kompetenz im Kampf gegen Globalisierung und die Macht der Finanzmärkte in die Waagschale zu werfen. Die im selben Jahr gegründete Zeitschrift Liber soll dazu ein unabhängiges Forum bieten. Seine politischen Aktivitäten zielen darauf ab, eine Versammlung der "Sozialstände in Europa" einzuberufen, die den europäischen Einigungsprozeß kontrollieren und begleiten soll. Pierre Bourdieu stirbt
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 27.09.2010

Privat hinterm Schleier
Pierre Bourdieus Beobachtungen in Algerien
Ob Früh-, Spät- oder Hauptwerk, lesen die Bücher Pierre Bourdieus sich immer auch wie eine Einführung ins Werk. Das hängt mit dem Modell der Sozioanalyse zusammen, jenem Bestreben Bourdieus, bei jeder Aussage über einen Sachverhalt gleich mitzusagen, wer da von welchem Standpunkt aus spricht. Die Sozioanalyse kann man in diesen Schriften über Algerien beim Entstehen beobachten. Der junge Gelehrte traf dort als Militärdienstleistender Mitte der fünfziger Jahre und danach als Forscher auf eine traditionelle Gesellschaft, die den gängigen Vorstellungen über Unterentwicklung wie dem Fehlen eines differenzierten Zeitbewusstseins, schicksalhafter Armut, der Unfähigkeit zur planenden Organisation von Familie und Besitz durch Arbeitsteilung, Sparen, Kredit nicht entsprach. Die kabylischen Bauern lebten nicht in jener punktförmig konstanten Gegenwart, die den traditionellen Zivilisationen nachgesagt werde, konstatierte der Dreißigjährige: Statt durch kapitalistisch kalkulierte Wertakkumulation griffen sie vielmehr durch Vorratsbildung in die Zukunft voraus und zwackten jeweils gerade so viel ab, wie die eingefahrene Ernte erlaubte. Dadurch sah Bourdieu die Allgemeingültigkeit der westlichen Wirtschaftskategorien in Frage gestellt. Für unterentwickelte Länder seien diese untauglich, schloss er in einem Aufsatz 1959, eine andere Theorie sei nötig, die sich zur keynesianischen „wie die nichteuklidische Geometrie zur euklidischen“ verhalte.
Pierre Bourdieu hat später immer wieder erklärt, mit welcher Einstellung er damals in Algerien war. Wie für seine Altersgenossen gab es kein Ausweichen vor dem Armeedienst. Anders als für die Kriegsgegner aus dem Pariser Intellektuellenmilieu standen bei Bourdieus Verurteilung der kolonialen Gewalt aber nicht moralische oder politische Motive im Vordergrund. Er wollte zunächst die Sachlage besser verstehen. Er war überzeugt, dass die Franzosen – Befürworter wie Gegner der Unabhängigkeit Algeriens – davon keine richtige Vorstellung hätten. Der junge Philosoph, der bei Georges Canguilhem noch eine Promotionsarbeit über die Zeitstruktur des Gefühlslebens laufen hatte, wechselte also in den Dörfern der Kabylei zur soziologischen Feldforschung und improvisierte mit Begriffen, die er von Ethnologen wie Lévi-Strauss aufschnappte. Das macht die in diesem Band versammelten, teilweise vergriffenen Texte zu interessanten Zeitzeugnissen mit manchmal erstaunlichem Aktualitätsbezug. Da ist etwa vom „Zusammenstoß der Zivilisationen“ die Rede, die sich für Bourdieu nie im abstrakten Raum vollzieht, sondern in einem bestimmten Herrschaftsgefälle. Oder der Autor erklärt in einem Aufsatz von 1960 das Schleiertragen der Frauen differenziert als Verteidigung der Privatsphäre durch Schaffung einer Nichtreziprozität des Sehens, „wie bei einem unfairen Spieler“. Schade nur, dass die Auswahl, Verteilung und thematische Anordnung der Aufsätze, Vorträge und Interviews aus vier Jahrzehnten in diesem Band nicht immer ganz überzeugt.
Bei den Bauern des Aurès-Massivs fand Bourdieu eine Art Laborsituation vorkapitalistischer Ökonomie, die er durch Befragung und Beobachtung untersuchte und in über dreitausend Fotos auch bildlich dokumentierte. Er wollte zeigen, wie eine traditionelle Zivilisation mit ihrer eigenen inneren Logik von Tauschhandel, gegenseitiger Hilfe, Ehrenhaftigkeit, naturgläubiger Schicksalsergebenheit seit dem Senatsbeschluss von 1863 planmäßig zerstört wurde. Kolonialistische Akkulturation ging mit Dekulturation einher, mochte sie auch mit den besten Absichten auftreten, wenn etwa die Abschaffung von Gemeingut durch Privatbesitz oder die Zerschlagung von Dorf- und Stammesstrukturen durch Kleinfamilie und individuelle Emanzipation die Entwicklungsfähgiekti fördern sollten.
Dieser Ansatz Bourdieus ist interessant vor allem durch den Kontrast mit anderen Beobachtern jener Jahre. Wo die meisten für Algerien engagierten Autoren, etwa Germaine Tillon in ihrem Buch „L’Algérie en 1957“, im Sinne der klassischen Gesellschaftskritik das Elend der algerischen Bevölkerung auf ungerechte Reichtumsverteilung, mangelnde Bildung, schleppende und einseitige Modernisierung zurückführten, brachte Bourdieu von Anfang an ethnographische Elemente ins Spiel. Das führte ihn dazu, die ländlichen Massen nicht einfach als rückständige Hemmnisse des Fortschritts, sondern als eine gesellschaftlich explosive Kraft zu sehen, die jener des städtischen Subproletariats kaum nachstand. Dank diesem Zugang, erklärte Bourdieu später wiederholt, sei er nie in die sozialromantische Falle getappt im naiven Glauben, mit der Unabhängigkeit wären alle Probleme gelöst. Der Schulterschluss zwischen französischen Linksintellektuellen wie Sartre und ihren algerischen Kollegen im Sinn jener Sozialutopie habe sich „verheerend ausgewirkt, als die algerischen Intellektuellen nach der Unabhängigkeit ihres Landes an die Macht kamen und ihre Inkompetenz offenbarten“, schrieb der Autor in einem Rückblick 1997.
Verständnis fürs Abgesonderte
Tatsächlich gehörte Bourdieu auch während der Terrorperiode Algeriens in den neunziger Jahre zu den wenigen französischen Intellektuellen, die auf die Schwarz-Weiß-Malerei zwischen Islamisten und Armee nicht hereinfielen. Als Thema kommen jene Terrorjahre in diesem Band allerdings nicht vor. Die Texte beziehen sich alle, auch die später entstandenen, auf die algerische Situation vor der Unabhängigkeit. Jene Erfahrung war es, die den Autor von der Philosophie, über die Ethnologie, zur Soziologie führte und aus der Zentralbegriffe wie jener des ökonomischen Habitus entsprangen. Der Ethnosoziologe, erklärte Bourdieu noch 1997, sei „eine Art organischer Intellektueller der Menschheit“, der zum Zweck der Befreiung der menschlichen Existenz aus natur- und schicksalsgegebenen Zwängen sich „in den Dienst eines Universalismus stellt, der im Verständnis der Partikularismen wurzelt“. Bourdieu hat die Bauern der Kabylei nie anders untersucht, als er später jene seiner französischen Herkunftsregion des Béarn erforschte. Das Vertraute bleibt in der Sozioanalyse das Fremde, und umgekehrt.
Algerische Skizzen im Sinn eines geschlossenen Konvoluts, wie der Buchtitel nahelegen könnte, gibt es bei Bourdieu nicht. Arbeitsskizzen wurden in seiner Denkwerkstatt immer sogleich publizistisch verwertet. Insofern bietet dieser Band nicht Einblick in verborgene Hintergründe, sondern Überblick zur Entstehung einer Theorie, die das objektiv Sachliche wollte und stets Betroffenheit schuf. JOSEPH HANIMANN
PIERRE BOURDIEU: Algerische Skizzen. Herausgegeben und mit einer Einleitung von Tassadit Yacine. Aus dem Französischen von Andreas Pfeuffer, Achim Russer, Bernd Schwibs u.a. Suhrkamp Verlag, Berlin, 2010. 523 S., 32,90 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.sz-content.de
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 23.09.2010

Probelauf für einen öffentlichen Intellektuellen
An den Wurzeln einer großen Sozialtheorie: Pierre Bourdieus frühe Arbeiten über die algerische Gesellschaft

Der ehemalige französische Präsident Jacques Chirac pflegte seine Jahre als Unterleutnant in Algerien als "die aufregendste Zeit in meinem Leben" zu bezeichnen. Eine etwas irritierende Aussage, denn Chiracs Aufenthalt in dem nordafrikanischen Land fand während eines der blutigsten Dekolonisationskriege des vergangenen Jahrhunderts statt. Der Algerienkrieg von 1954 bis 1962 war charakterisiert durch Folter und Gewalt. Für Frankreich war Algerien nicht einfach nur eine Kolonie, sondern nach gültiger staatsrechtlicher Auffassung die Fortsetzung der Republik auf der anderen Seite des Mittelmeers, an der es unbedingt festzuhalten galt. Rund eine Million europäische Siedler lebten in dem Land. Die politische Führung in Paris wünschte und billigte daher die Unterdrückung der Unabhängigkeitsbewegung "mit allen Mitteln". Die französischen Behörden und Militärorgane folterten im Guerrillakrieg gegen den Front de Libération Nationale (FLN) Gefangene und Zivilisten und führten Massenexekutionen durch; der FNL terrorisierte zeitweise die eigene Bevölkerung.

Die offizielle Erinnerungspolitik Frankreichs verdrängte lange die Ereignisse in Nordafrika. Der Algerien-Krieg blieb in der staatlichen Sprachregelung über viele Jahre eine "Operation zur Aufrechterhaltung der Ordnung", ein Krieg ohne Namen. An wissenschaftlichen Publikationen zum Thema hat es zwar seit den sechziger Jahren nicht gemangelt, doch erst seit rund einer Dekade werden sie stärker wahrgenommen.

Eine erstaunlich große Zahl von Politikern und Wissenschaftlern, welche Frankreich in den letzten Dekaden des zwanzigsten Jahrhunderts stark prägen sollten, absolvierte im Algerien der Dekolonisationszeit ihren Militärdienst. Dazu zählten neben Chirac etwa Michel Rocard, Gaston Defferre, Jacques Derrida, François Furet, Marc Augé - und Pierre Bourdieu. Der studierte Philosoph wurde im Alter von fünfundzwanzig Jahren 1955 einberufen und in Algerien zunächst beim Bodenpersonal einer Luftwaffeneinheit als Schreibkraft eingesetzt. Einige Monate später erfolgte die Versetzung zum Nachrichten- und Dokumentationsdienst des Generalgouvernements in Algier, welches über eine der bestausgestatteten Bibliotheken des Landes verfügte, die Bourdieu sogleich intensiv nutzte.

Der junge ehrgeizige Wissenschaftler blieb nach seiner Zeit beim Militär in der algerischen Hauptstadt und übernahm eine Dozentur an der dortigen Universität, verließ dann noch vor dem offiziellen Ende des Krieges das Land. Von der Philosophie war er zur Ethnologie und Soziologie konvertiert und forschte über die Transformation der städtischen und ländlichen Welt. Insbesondere die Berber-Gesellschaften fanden sein Interesse. Bereits 1958 erschien ein Bändchen zur Soziologie Algeriens. Weitere zunächst nicht publizierte Manuskripte und einige Fachaufsätze folgten. In seinem späteren, sehr vielfältigen OEeuvre nahm er dann immer wieder Bezug auf das nordafrikanische Land, so etwa in seinem berühmten "Entwurf einer Theorie der Praxis auf der Grundlage der kabylischen Gesellschaft", der in den frühen siebziger Jahren erschien.

Viele der in Algerien entstandenen sowie später zu Algerien verfassten Texte Bourdieus liegen nun auch in einer deutschen Ausgabe vor, herausgegeben von der in Paris lehrenden Ethnologin und Berber-Spezialisten Tassadit Yacine, die auch eine informative Einleitung geschrieben hat. Die "algerischen Skizzen" sind in mehrfacher Hinsicht eine interessante Lektüre. Zum einen bieten sie einen Einblick in die Grundlegung von Bourdieus Sozialtheorie. Zum anderen vermitteln sie - gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussionen über den Kolonialismus und seine Folgen - faszinierende Einblicke in die spätkoloniale Gesellschaft Algeriens.

Bourdieu betrieb unter den Bedingungen des Krieges intensive und zum Teil riskante Feldforschung. Mit Unterstützung einer kleinen Gruppe von Mitarbeitern führte er zwei große Erhebungen durch. Eine widmete sich dem Arbeitsbegriff im städtischen Umfeld, die andere beschäftigte sich mit den "entwurzelten" Bauern, die er in den von den Franzosen eingerichteten Umsiedlungslagern beobachtete.

Bourdieu beschrieb diese Lager mit großer Präzision als Apparate des Überwachens und Strafens und dokumentierte sie überdies in eindrucksvollen Fotografien, von denen einige erhalten sind, aber leider nicht den Weg in das vorliegende Buch gefunden haben. Stephan Malinowski konstatierte kürzlich, dass auf diesen Fotos die Lager "in ihrer bis zur Karikatur geronnenen, geometrischen Ordnung und Sauberkeit" aussehen, "als hätte sie Michel Foucault persönlich angelegt, um seine eigenen Machttheorien vorzubereiten". Die französische Vertreibungspolitik in Algerien deutete Bourdieu mit scharfen Worten als einen Vernichtungsvorgang, der alle sozialen Einheiten der Gesellschaft nachhaltig erfasst habe. In diesem Zusammenhang analysierte er detailliert die von Gewalt geprägte und rasant ablaufende Veränderung der Wirtschafts- und Lebensweise, die Zerschlagung von Hierarchien, die zuvor Familien und Clans kulturelle Regeln geboten hatten.

Früh mischten sich zahlreiche Pariser Intellektuelle in die Debatten über Algerien ein. Allen voran engagierte sich Jean-Paul Sartre gegen den Krieg in Nordafrika. Bourdieu, der selbst ein stets präsenter public intellectual werden sollte, hielt, wie er viele Jahre später einmal bemerkte, seinerzeit jedoch wenig von der Art und Weise, in der "schlecht informierte" Kolonialkritiker wie Sartre Position bezogen. Er sei betroffen gewesen über die Kluft zwischen den Vorstellungen der französischen Intellektuellen von diesem Krieg, davon, wie er zu beenden sei, und seinen eigenen Eindrücken. Diesen Erfahrungen kann man in der vorliegenden Edition nachspüren.

ANDREAS ECKERT.

Pierre Bourdieu: "Algerische Skizzen". Hrsg. und mit einer Einleitung von Tassadit Yacine. Aus dem Französischen von Andreas Pfeuffer, Achim Russer, Bernd Schwibs u. a. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 523 S., geb., 32,90 [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Als neuerliche Chance dem großen Soziologen Pierre Bourdieu beim Verfertigen seiner Theorie zuzusehen, sieht Joseph Hanimann diesen Band. Der Rezensent folgt dem Autor zu den kabylischen Bauern ins Algerien der 50er Jahre und stellt fest, wie sehr Bourdieus Blick von gängigen Sichtweisen und Kategorien, moralischer oder politischer Natur, abweicht, indem er Feldforschung betreibt, mit Begriffen experimentiert und die algerische Landbevölkerung nicht sozialromantisch als rückständig begreift, sondern als "explosive Kraft". Für Hanimann sind das Zeitzeugnisse mit Aktualität. Zusammen ergeben sie allerdings kein Geschlossenes: Weil dies nicht Bourdieus Arbeitsweise entspricht, aber auch weil Auswahl und Anordnung der Aufsätze nicht überzeugen, wie Hanimann kritisch anmerkt.

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