Luftbeben - Sloterdijk, Peter
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Für Peter Sloterdijk läßt sich die Frage, wie man in kürzestmöglicher Form den Beitrag des 20. Jahrhunderts zur Geschichte der Zivilisation charakterisieren könnte, durch drei Kriterien beantworten: die Praxis des Terrorismus, das Konzept des Designs und den Umweltgedanken. Durch das Erste wurden die Interaktionen zwischen Feinden auf postmilitärische Grundlagen gestellt; durch das Zweite gelang dem Funktionalismus der Wiederanschluß an die Wahrnehmungswelt; durch das Dritte wurden Lebens- und Erkenntnis-Phänomene in einer bisher nicht gekannten Tiefe aneinandergeknüpft.Damit ist klar, daß für…mehr

Produktbeschreibung
Für Peter Sloterdijk läßt sich die Frage, wie man in kürzestmöglicher Form den Beitrag des 20. Jahrhunderts zur Geschichte der Zivilisation charakterisieren könnte, durch drei Kriterien beantworten: die Praxis des Terrorismus, das Konzept des Designs und den Umweltgedanken. Durch das Erste wurden die Interaktionen zwischen Feinden auf postmilitärische Grundlagen gestellt; durch das Zweite gelang dem Funktionalismus der Wiederanschluß an die Wahrnehmungswelt; durch das Dritte wurden Lebens- und Erkenntnis-Phänomene in einer bisher nicht gekannten Tiefe aneinandergeknüpft.Damit ist klar, daß für Peter Sloterdijk das 20. Jahrhundert im April 1915 begann - mit dem ersten Großeinsatz von Chlorgasen der deutschen West-Armee gegen französische Infanteriestellungen.In seinem Essay verfolgt Peter Sloterdijk, wie sich die Praxis des Terrors, des staatlichen wie des nicht-staatlichen, im Laufe des 20. Jahrhunderts veränderte: von den ersten Gasangriffen bis zum Abwurf der ersten beiden Atombomben findet buchstäblich ein Luftbeben statt - ein Luftbeben, das auch im 21. Jahrhundert anhält ...
  • Produktdetails
  • edition suhrkamp 2286
  • Verlag: Suhrkamp
  • 3. Aufl.
  • Seitenzahl: 110
  • Erscheinungstermin: April 2002
  • Deutsch
  • Abmessung: 180mm x 110mm x 13mm
  • Gewicht: 105g
  • ISBN-13: 9783518122860
  • ISBN-10: 351812286X
  • Artikelnr.: 10300627
Autorenporträt
Peter Sloterdijk, 1947 in Karlsruhe geboren, ist dort seit 1992 Professor für Philosophie und Medientheorie an der Hochschule für Gestaltung und seit 2001 deren Direktor. Seit 2002 leitet er zusammen mit Rüdiger Safranski die ZDF-Sendung "Im Glashaus - Das Philosophische Quartett". 2005 erhielt er den Sigmund-Freud-Preis, 2001 den Christian-Kellerer-Preis für die Zukunft philosophischer Gedanken und 1993 den Ernst-Robert-Curtius-Preis für Essayistik. 2008 wurde Peter Sloterdijk mit dem Cicero Rednerpreis und dem Lessing-Preis für Kritik ausgezeichnet. 2013 erhielt er den Ludwig-Börne-Preis.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 20.03.2002

Sphärenschaum im Atemraum
Es liegt ein Hauch von Terror in der Luft: Verspannen Sie sich und lernen Sie unruhig durchatmen mit Doktor Sloterdijk
Sechzig Jahre vor Sloterdijks neuem Essay erschien ein kleines Buch, das manche der hier verhandelten Fragen schon avisierte. Carl Schmitts „Land und Meer” galt scheinbar elementaren Gegebenheiten und fiel doch zugleich in ein Jahr, das in der Geschichte des Zweiten Weltkrieges von besonderer Bedeutung ist. Bei einem Luftangriff mit 1000 Bombern auf Köln wurde zum ersten Mal konsequentes area bombing praktiziert, und zwar gegen zivile Ziele. Ebenfalls 1942 startete in Peenemünde eine Rakete, die später als V 2 bekannt werden sollte. Beide Ereignisse zeigen, dass die kriegerische Bedrohung potentiell allgegenwärtig geworden ist. In solcher Zeit muss das Thema des Raumes, die Vorstellung räumlicher Integrität neu durchdacht werden. Schmitt operiert mit dem Begriff der Raumrevolution. Der ersten in der frühen Neuzeit folgt um 1900 die noch nicht abgeschlossene zweite, deren Vehikel neue Kommunikations- und Verkehrstechniken sind, darunter die Luftfahrt. Auf jeden Raum ist fortan jederzeitiger Zugriff möglich, die Teilung von Land und Meer entfällt und mit ihr der „bisherige Nomos der Erde”.
In Sloterdijks „Luftbeben” lautet der zentrale Begriff „Atmoterrorismus”, und dabei handelt es sich um eine Raumrevolution eigener Art. Die terroristische Beeinflussung von Lebensatmosphären beginnt am 22. April 1915 mit dem ersten Großeinsatz von Chlorgasen als Kampfmittel. In dem Moment, wo der Körper des Feindes in den gut ausgebauten Schützengräben praktisch unerreichbar geworden ist, wird nicht mehr auf ihn gezielt, sondern auf seine Umwelt. Der Körper bleibt aber insofern beteiligt, als er durch den Vollzug der elementaren Lebensfunktion des Atmens seine Zerstörung selbst in Gang zu setzen gezwungen wird. Das Gas stellt die bis dahin selbstverständlich vorhandene und allen Menschen gemeinsame Lebensbedingung frei atembarer Luft infrage. Sloterdijk nennt einen solchen Vorgang Explikation. Wo Carl Schmitt formulierte, dass souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet, heißt es hier: „Terrorist ist, wer sich einen Explikationsvorsprung hinsichtlich der impliziten Lebensvoraussetzungen des Gegners erarbeitet und für die Tat verwertet.”
Angriff aufs Zerebralnetz
Dazu kann jeder Lebensbereich und jede Technik benutzt werden; gegen das WTC flogen zivile Flugzeuge als Lenkwaffen. Sloterdijks Thema ist zunächst die ursprüngliche Ausprägung des Atmoterrorismus im Gaskrieg. Alle Begriffe sprengt dann die äußerste Zuspitzung im Holocaust. Wesentlich auf die Luftwaffen angewiesen sind zwei neue Formen des Atmoterrorismus, die im Zweiten Weltkrieg entstehen: der „Prozess der Moderne als Atmosphärenexplikation” setzt sich fort im „Thermoterrorismus” wie dem Feuersturm in Dresden vom Februar 1945 und im „Strahlenterrorismus” der Atombombenabwürfe über Japan; sie transformieren eine im Normalfall nicht wahrnehmbare Strahlenatmosphäre in tödliche Bedrohung. Damit aber sind die Möglichkeiten noch nicht ausgeschöpft. Neben der Entwicklung von Wetterwaffen, um Kampffeldbedingungen zu manipulieren, wird gegenwärtig, folgt man mit dem Autor der Fachliteratur, an der Erzeugung hochenergetischer elektromagnetischer Felder gearbeitet, welche auf beliebige Punkte der Erdoberfläche konzentriert werden können und so Fernangriffe nicht nur auf Informationsnetze, sondern auch auf zerebrale Funktionen erlauben. Erst hier scheint ein vorläufiger Endpunkt militärischer Raumrevolution zu liegen.
Seltsam unscharf wirkt demgegenüber der abschließende Versuch Sloterdijks, Parallelen zwischen dem weltbilddominanten Atmoterrorismus und kulturrevolutionären Akten aufzuzeigen. Wenn Dalí 1936 bei einem Performance- Vortrag einen Taucheranzug anzieht, um seinen Aufenthalt in den Landschaften des Unterbewussten zu symbolisieren (und dabei auch noch fast erstickt), dann bleibt durchaus fraglich, ob der Surrealismus solcher Taten wegen als Teil der „explizitivistischen” Bewegung der Moderne gesehen werden muss. Wer den Bürger skandalisiert, vorübergehend den Dämmer des Selbstverständlichen auflöst, ist deswegen noch nicht notwendig ein Verwandler von Latenz- in Kampfzonen, obgleich mancher Künstler sich gern in einer solchen Rolle gesehen hat oder noch sieht. Aber auch wenn er ihre Bedeutung überschätzen mag, schlägt Sloterdijk die Künstler hier dem Lager der geschichtlichen Täter zu.
Ein möglicher Gegenentwurf zeigt sich in der mit offensichtlicher Sympathie dargestellten Position Elias Canettis. In dessen Rede zu Hermann Brochs 50. Geburtstag ist nicht von weiteren Explizitivismen die Rede, sondern von einem Innehalten. Broch ist für Canetti ein Dichter des Atmosphärischen, dem es immer um die Gesamtheit des Raumes zu tun ist, die Darstellung „atmosphärischer Einheit” in der Vielfalt der Atemräume. Solche Atemräume sind die Räume des Lebens, und die Gefahr liegt für Canetti wie für Broch darin, dass die offenen Räume einem totalisierenden Gestaltungswillen unterworfen und damit im tatsächlichen oder übertragenen Sinn vergiftet werden.
Dem Appell, das geschlossene System alleinschließender Umhüllungen jeder Art auf einen Zustand zurückzuführen, wo wieder lebbare Offenheiten entstehen, scheint sich Sloterdijk anzuschließen, wenn er seinerseits (und hier meint man ein Echo von Warburg oder Cassirer zu vernehmen) ein Distanzparadigma aufstellt, die Ausbildung von Immunsystemen thematisiert, welche Integrität durch Abgrenzung gewährleisten. Doch bleibt das wenig expliziert; womöglich bringen die „Sphären III, Schäume”, angekündigt für 2003, in dieser Hinsicht mehr Aufschluss.
Schon so liegt hier aber eine Aufforderung an die Kulturwissenschaften vor, sich des Universums der gestalteten Atmosphären zwischen avancierten Formen der Kriegsführung und dem Air-Design beim Erlebnisshopping anzunehmen und den Begriff der Atmosphäre, der für eine zunehmend bedeutsame Form des Weltzugangs steht, weiter zu erschließen.
CHRISTOPH ASENDORF
PETER SLOTERDIJK: Luftbeben. An den Quellen des Terrors. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2002. 80 S., 7 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 19.03.2002

Kampfzonen der Abstraktion
Frivol statt stringent: Sloterdijk und Chomsky über Terror als Staatsräson / Von Mark Siemons

Luftbeben", Peter Sloterdijks jüngstes Buch, ist eine Terror-Theorie nicht nur insofern, als der Terror ihr Gegenstand ist, sondern auch, weil der Terror hier selber als eine Art Theorie vorgestellt wird, als ein Medium der Erkenntnis sehr besonderen Typs. Der Terrorismus nämlich, der Sloterdijk in diesem Werk allein interessiert und den er gar als spezifisches Kennzeichen des zwanzigsten Jahrhunderts präsentiert, ist jener, der nicht mehr auf den Körper des Feindes, sondern auf dessen Lebensbedingungen, die Umwelt zielt. Dieser spezielle Schrecken hatte seine Geburtsstunde beim Gasangriff der deutschen Wehrmacht 1915 bei Ypern und erlebte dann weitere Höhepunkte in den Gaskammern von Auschwitz und beim Abwurf der Atombombe über Hiroshima. Die mörderische Wirkung all dieser Maßnahmen beruhte darauf, daß sie die Luft zerstörten, die der Mensch zum Leben braucht; damit aber machten sie die atmosphärischen Bedingungen des Lebens, die bis dahin naiv als etwas Selbstverständliches gegolten hatten, überhaupt erst bewußt in ihrer Verletzlichkeit. Mit anderen Worten: Die Sphäre, in der der Mensch existiert, wird durch den Terror "expliziert". Noch allgemeiner formuliert: "Zukunft hat, was das Implizite aufbricht und Harmlosigkeiten in Kampfzonen verwandelt", und das Werkzeug dieser Zukunft ist der Terrorismus.

Auf den ersten Blick handelt es sich bei dem schmalen Band um ein Werk aus aktuellem Anlaß. Doch die Pointe der hier gewählten Definition erweist sich, ob gewollt oder ungewollt, darin, daß sie auf die Anschläge vom 11. September 2001 gar nicht zutrifft - allenfalls in dem sehr diffusen, unspezifischen Sinn, daß auch diese Terroristen eine verwundbare Stelle im Lebenssystem ihrer Opfer herausgefunden und ausgenutzt haben. Ansonsten aber waren die Attacken auf das Pentagon und das World Trade Center, legt man die Kategorien Sloterdijks an, vergleichsweise traditionell: Sie erreichten ihre Wirkung mit ziemlich direkter Gewalt gegen Sachen und Menschen. Die Maßnahmen dagegen, die Sloterdijk als Beispiel seiner Definition für den neuartigen Atmosphären-Terrorismus aufführt, gingen nicht von verbrecherischen Banden, sondern von ganzen Staaten aus, überwiegend auch noch von legitimen. Außer dem Gaskrieg des deutschen Reichs und dem britischen Luftkrieg über Dresden nennt der Autor immer wieder die Vereinigten Staaten von Amerika: von der Hinrichtungsmethode der Gaskammer über die Atombombe bis hin zu den aktuellen Forschungsversuchen, über eine Beeinflussung der Ionosphäre und damit des Wetters künftige Kriege für sich zu entscheiden.

Mit der aktuellen Bedrohung der westlichen Welt haben diese Fallbeispiele nur insofern zu tun, als der Terror nach Sloterdijks Ansicht ohnehin nie ein bloß punktuelles Ereignis ist. Da sich der Terror selbst immer nur als "antiterroristisch", als Gegenschlag innerhalb einer langen Serie von Schlägen verstehe, kann er nur im Zusammenhang, in seiner spezifischen Logik der Eskalation verstanden werden. Deshalb ergibt die Formel "Krieg gegen den Terrorismus" für Sloterdijk auch keinen Sinn: Der Terrorismus sei "kein Gegner, sondern ein modus operandi, eine Kampfmethode, die sich sofort über beide Seiten eines Konflikts verteilt". Man kann das Buch insofern als Versuch lesen, nicht bloß einen einzelnen terroristischen Akt zu analysieren, sondern ein ganzes Zeitalter - das spätestens jetzt eben ein terroristisches geworden ist. Dieses Zeitalter ist dadurch gekennzeichnet, daß die Bevölkerung ein und desselben Landes fortan radikal gespalten ist. "Zwei Arten von Schläfern treten in Erscheinung - Schläfer im Impliziten, die weiter nach Geborgenheit durch Nichtwissen suchen, und Schläfer im Expliziten, die wissen, was an der Front geplant ist, und auf den Einsatzbefehl warten": eine wahrlich abgründige Gesellschaftsbeschreibung aus dem Geist des Terrors.

Gleichwohl stellt sich die Frage nach dem Erkenntnisinteresse der eigenwilligen Terror-Definition. Zur Erhellung der politischen Lage trägt sie wenig bei. Zu willkürlich und beliebig wirkt die Fokussierung auf die Sphärenmanipulation, als daß sie als treffender Kommentar zur Gegenwart plausibel sein könnte. An ökonomischen, religiösen oder kulturellen Verhältnissen ist Sloterdijk im einzelnen gar nicht interessiert. Um welche Kämpfe es heute geht, wie sich die Gewichte verschieben und wie der aktuelle Terror die Politik verändert, spielt in dem Buch keine Rolle. Die über solche Niederungen sich weit erhebende Abstraktion scheint vor allem dem Wunsch zu entspringen, den aktuellen Gesprächsstoff an das theoretische Großprojekt des Autors anzuschließen: Auch dort ging es ja schon um "Sphären" als anthropologische Konstante, als das primäre Medium, das Menschen miteinander verbindet.

Sloterdijks eigentliches Thema ist kein politisches, sondern ein kulturtheoretisches. Er stellt den Terror in eine Reihe mit Wissenschaft und Kultur, insofern sich ja alle drei um das Explizieren von Hintergrundbedingungen verdient machen. Die Weltgeschichte ist ein fortschreitender Prozeß des Naivitätsverlusts, in dessen Verlauf die Wirklichkeit immer kultureller, wissenschaftlicher und - terroristischer wird. Originell ist daran allenfalls, daß nicht bloß der Terrorismus mit kulturellen und wissenschaftlichen Voraussetzungen operiert, sondern in dieser Sicht auch Kultur und Wissenschaft terroristische Züge aufweisen. Doch selbst neugierig machende Suggestionen wie diese werden nicht weiter entfaltet. Es sind bloß Aperçus, die ihren Mangel an Stringenz durch makabre Frivolität wettzumachen suchen. Die Abstraktion ist hier nichts als ein Jargon, der mit seiner Coolness kokettiert. Ist das theoretische setting einmal angerichtet, bestätigen sich die Begriffe nur noch gegenseitig. "Der nukleare Extremismus ist wie der chemische ein Explikationismus." Aha.

Wenn sich Theorien vor allem nach ihrem Abstraktionsgrad unterscheiden, dann bildet Noam Chomskys "The Attack" den Gegenpol zu Sloterdijks "Luftbeben". Während sich bei dem einen der Gegenstand wegen der Höhe des Blickwinkels verflüchtigt, wird er bei dem anderen diffus, weil der Autor zu nah davor steht. Im amerikanischen Original war das Büchlein eine Sammlung von Interviews; in der deutschen Fassung sind die Fragen fortgelassen, und übriggeblieben ist ein Kompendium der inzwischen auch an zahlreichen anderen Orten publizierten Ansichten Chomskys zum Thema, wobei Wiederholungen nicht immer vermieden wurden. Chomsky hält den von Amerika ausgerufenen Kampf gegen den Terrorismus für heuchlerisch, da die Vereinigten Staaten im Lauf ihrer Geschichte bis heute hin selber zahlreiche Akte von Staatsterrorismus begangen hätten; das Neue des 11. September erweise sich bloß darin, daß da "die Kanonen zum ersten Mal herumgedreht worden" seien. Dies zu verkennen und weiter auf einer auch sonst obsolet gewordenen Vergeltungsdoktrin zu beharren, hält Chomsky nicht nur für moralisch bedenklich, sondern gefährlich; gegen das Verbrechen des 11. September müsse mit den Mitteln des Gesetzes vorgegangen werden.

Indem sich das Buch darin erschöpft, diese These immer von neuem zu variieren und nicht weiter zu durchdenken, gelangt es über eine bloße Meinungsäußerung nicht hinaus. Chomsky läßt sich nicht auf die zentrale Frage ein, wie es denn zusammenzudenken ist, daß Amerika und der Westen auf der einen Seite mit gutem Grund als Repräsentanten universaler Werte bezeichnet werden können, auf der anderen Seite aber selber Partei sind, mit eigenen Interessen und mit Methoden, die mit den Werten nicht immer zu vereinbaren sind. Chomsky will von Amerikas Universalismus gar nichts wissen, und so begibt sich seine Polemik der Chance, nicht bloß wütend, sondern auch intellektuell brisant zu sein.

Peter Sloterdijk: "Luftbeben". An den Quellen des Terrors. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002. 110 S., br., 7,- .

Noam Chomsky: "The Attack". Hintergründe und Folgen. Aus dem Amerikanischen von Michael Haupt. Europa Verlag, Hamburg 2002. 91 S., br., 9,90 .

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

"Mit seiner Analyse des Phänomens des Terrorismus verliert der Philosoph Peter Sloterdijk nach Einschätzung von Mark Siemons vollends die Bodenhaftung und entschwebt in die höchsten Höhen der Abstraktion, wo die Luft bekanntlich besonders dünn ist. Wie der Rezensent ausführlich darlegt, versteht Sloterdijk den Terrorismus als eine Art Theorie, genauer: als Medium der Erkenntnis der besonderen Art. Terror expliziere auf seine spezifische Weise die Hintergrundbedingen der Sphäre der menschlicher Existenz, wie Kultur und Wissenschaft auf ihre Weise. Sloterdijks Essay ist Siemons einfach zu willkürlich, zu beliebig, zu wenig auch an den tatsächlichen ökonomischen, kulturellen oder religiösen Verhältnissen interessiert, um als "politischer Kommentar zur Gegenwart plausibel zu sein". Siemons wittert vor allem den Wunsch des Autors, das aktuelle Thema an sein theoretisches Großprojekt "Sphären" anzubinden. Das eigentliche Thema, der Terrorismus, kritisiert der Rezensent, hat sich dagegen wegen der "Höhe des Blickwinkels" verflüchtigt.

© Perlentaucher Medien GmbH"