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Warum gibt es Fake News? Und warum verbreiten sie sich so erfolgreich? Weil der Mensch nicht so rational ist, wie er gerne denkt. Denn Fake News gibt es schon, solange es Nachrichten gibt. Neu ist nur ihr Ausmaß. Und das hat mit der Funktionslogik sozialer Netzwerke zu tun. Inhalte werden geteilt, weil man zu einer Gruppe gehören möchte, oder weil sie zu dem passen, was man ohnehin schon glaubt. Die Autoren des Bandes bieten eine umfassende Analyse der Erfolgsgeschichte von Fake News sowie Lösungsmöglichkeiten an, wie wir ihrem Einfluss wieder entkommen können.…mehr

Produktbeschreibung
Warum gibt es Fake News? Und warum verbreiten sie sich so erfolgreich? Weil der Mensch nicht so rational ist, wie er gerne denkt. Denn Fake News gibt es schon, solange es Nachrichten gibt. Neu ist nur ihr Ausmaß. Und das hat mit der Funktionslogik sozialer Netzwerke zu tun. Inhalte werden geteilt, weil man zu einer Gruppe gehören möchte, oder weil sie zu dem passen, was man ohnehin schon glaubt. Die Autoren des Bandes bieten eine umfassende Analyse der Erfolgsgeschichte von Fake News sowie Lösungsmöglichkeiten an, wie wir ihrem Einfluss wieder entkommen können.
Autorenporträt
Romy Jaster, geb. 1985, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Theoretische Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie schreibt für ZEIT ONLINE und ist Trainerin für Argumentation und konstruktiven Diskurs beim Forum für Streitkultur. David Lanius, geb. 1984, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am DebateLab des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). Er schreibt für ZEIT ONLINE und ist Trainer für Argumentation und konstruktiven Diskurs beim Forum für Streitkultur.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 05.03.2019

Schlechte Nachrichten gehen gut
Mit Psychologie ist alles erklärt? Romy Jaster und David Lanius über Fake News

Sind die Tweets des amerikanischen Präsidenten Lügen, Propaganda oder Fake News? Verbreitet das Verkehrsministerium zu dem Pamphlet, in dem einige Ärzte die Feinstaub- und Stickoxid-Grenzwerte anzweifeln, Fake News oder Desinformationen? Welchen Unterschied macht es, wie wir Unwahrheiten in der Politik bezeichnen? Bei der Begriffsklärung helfen Romy Jaster und David Lanius, die in ihrem Büchlein erklären, was Fake News sind, warum sie heute besonders problematisch wirken und was man gegen sie unternehmen kann.

Nützlich ist vor allem ihre Definition, wonach Fake News nur solche Berichte sind, die erstens ein unwahres Bild der Welt zeichnen und deren Verbreitern es zweitens an Wahrhaftigkeit mangelt: Sie wollen andere täuschen, oder ihnen ist der Wahrheitsgehalt der Berichte egal. Damit lassen sich Propaganda, Falschmeldungen oder journalistische Irrtümer leicht unterscheiden. So sind Fake News nur manchmal Propaganda, da Propaganda nicht unwahr sein muss. Bei Irrtümern sind die Verbreiter der Meldung, anders als bei Fake News, an Wahrheit interessiert.

Die eingangs genannten Beispiele verdeutlichen, dass es schwer bleibt, Berichte als Fake News zu erkennen, da es oft mühsam sein dürfte, die Intention derjenigen aufzudecken, die sie verbreiten - ganz zu schweigen davon, dass solche Absichtszuschreibungen politisch umstritten sind. Jaster und Lanius interessieren sich aber ohnehin eher für die Mechanismen, die Fake News heute so stark fördern. Ihre These: Das Zusammenspiel sozialer Medien mit unseren psychologischen Anlagen begünstigt die Verbreitung von Fake News. Ausführlich erklären sie bekannte kognitionspsychologische Befunde wie Bestätigungsfehler (wir ignorieren nicht zu unseren Meinungen passende Informationen eher als passende), Informationskaskaden (wir halten Informationen für glaubwürdig und geben sie weiter, nur weil andere sie für wahr halten) oder Konformitätskaskaden (um nicht abzuweichen, stimmen wir Aussagen zu, die wir für falsch halten). In Verbindung mit der Aufmerksamkeitsökonomie, die negative Nachrichten begünstigt und in der mit Reichweite, nicht aber mit Wahrheitsgehalt Geld verdient wird, haben Fake News "leichtes Spiel".

Das ist gefährlich, so betonen Jaster und Lanius, denn Fake News würden demokratischen Gesellschaften schaden. Umso ärgerlicher sind ihre dürren Antworten auf die Fragen, wer warum mit Fake News Politik macht. Profitgier und Machtstreben beherrschten diese Menschen; die unter Rechtskonservativen starke Bindung an die drei Werte Loyalität, Autorität und Reinheit erkläre, warum dort überproportional viele Fake News zu finden sind. Unbedarft reduzieren Jaster und Lanius gesellschaftliche Phänomene auf Psychologie, führen sogar den Fall der Mauer auf eine Informationskaskade in Leipzig zurück. Der Gedanke, dass sowohl die psychologischen Mechanismen als auch die sie nachweisenden Experimente innerhalb einer Gesellschaft stattfinden, die ihre Mitglieder auf spezifische Weise sozialisiert, und dass diese Sozialisation scheinbar gegebene psychologische Strukturen mindestens mitbestimmt, ist Jaster und Lanius derart fremd, dass weder die Gesellschaft noch ihre Wissenschaft, die Soziologie, auch nur vorkommen.

So angenehm die begriffliche Präzision das Buch von anderen Sachbüchern zu diesem Thema abhebt, so sehr teilt es mit ihnen diese Soziologievergessenheit. Dass Jaster und Lanius aus der analytischen Philosophie kommen, mag eine Erklärung sein, ein Entschuldigung ist es nicht: Sally Haslanger, Linda Alcoff oder Ian Hacking liefern Beispiele, dass analytische Philosophie Gesellschaftstheorie nicht zugunsten evolutionärer Kognitionspsychologie überspringen muss. Kurzerhand mit individuellen Wertbindungen zu begründen, warum Fake News derzeit vor allem von rechts verbreitet werden, ignoriert zudem die politikwissenschaftliche Populismus-Debatte komplett.

Es verwundert daher nicht, dass Jaster und Lanius als Lösungen neben liberaler Streitkultur und kritischem Denken im Umgang mit Nachrichten die Manipulation individuellen Verhaltens durch Nudging propagieren. Doch irritiert, dass sie sich nicht einmal fragen, wer legitimerweise entscheiden könnte, wie Bürgerinnen und Bürger durch das Design sozialer Medien beeinflusst werden sollen. Soll der Staat vorschreiben, wie soziale Medien auszusehen haben? Muss er dann nicht auch das Design anderer Medien festlegen? Philosophische Begriffsbestimmungen sozialer Phänomene wie Fake News ohne gesellschaftstheoretische Reflexion vorzunehmen kann offenbar rasch zur Entmündigung der Bürgerinnen und Bürger führen.

FRIEDER VOGELMANN

Romy Jaster und David Lanius:

"Die Wahrheit schafft sich ab". Wie Fake News Politik machen.

Reclam Verlag, Stuttgart 2019. 127 S., br., 6,- [Euro].

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