Das Unvernehmen - Rancière, Jacques
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Jacques Rancières Das Unvernehmen war ein Paukenschlag in der philosophischen Landschaft Frankreichs. Bei seinem Erscheinen wurde es gleich als Manifest und Neubestimmung der politischen Philosophie wahrgenommen. Rancières Resituierung einer kritischen Gesellschaftstheorie setzt mit einer Kritik der Theorie der Politik bei Platon und Aristoteles ein, um dann als zentrales Moment der politischen Philosophie das Unvernehmen herauszuarbeiten: "Was aus der Politik einen skandalösen Gegenstand macht, das ist, daß die Politik eben die Aktivität ist, die als Rationalität selbst die Rationalität des…mehr

Produktbeschreibung
Jacques Rancières Das Unvernehmen war ein Paukenschlag in der philosophischen Landschaft Frankreichs. Bei seinem Erscheinen wurde es gleich als Manifest und Neubestimmung der politischen Philosophie wahrgenommen. Rancières Resituierung einer kritischen Gesellschaftstheorie setzt mit einer Kritik der Theorie der Politik bei Platon und Aristoteles ein, um dann als zentrales Moment der politischen Philosophie das Unvernehmen herauszuarbeiten: "Was aus der Politik einen skandalösen Gegenstand macht, das ist, daß die Politik eben die Aktivität ist, die als Rationalität selbst die Rationalität des Unvernehmens hat." Rancière unternimmt den Versuch, die Rückkehr der politischen Philosophie im Feld der politischen Praxis und somit als Praxis zu denken.
  • Produktdetails
  • suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1588
  • Verlag: Suhrkamp
  • Originaltitel: La Mesentente. Politique et Philosophie
  • 7. Aufl.
  • Seitenzahl: 150
  • Erscheinungstermin: Mai 2011
  • Deutsch
  • Abmessung: 175mm x 108mm x 11mm
  • Gewicht: 100g
  • ISBN-13: 9783518291887
  • ISBN-10: 3518291882
  • Artikelnr.: 10300798
Autorenporträt
Rancière, Jacques
Jacques Rancière ist Professor em. für Philosophie an der Universität Paris VIII.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 23.08.2002

Das Unvernehmen mit der Polizei
In der Post-Demokratie bewegt sich alles, aber nichts verändert sich mehr: Jacques Rancière denkt die Politik von ihrem Rand her
Die Philosophen haben die Welt nicht nur verschieden interpretiert: von Platons Reise nach Syrakus bis zu allerhand zeitgenössischen Ausflügen in Ethikbeiräte oder Ministerien stehen sie nicht an, auch an ihrer Veränderung mitzuwirken. Denn das philosophische Expertenwissen richtet sich auf das Allgemeine – die, aufs Ganze gesehen, gerechteste Verteilung der Wirtschaftsgüter oder die bestmögliche politische Ordnung. Zwar gibt es eklatante Beispiele für das Scheitern philosophischer Reiche. Dennoch halten viele Philosophen unbeirrt an ihrer „theoretischen Idylle” fest: das Gute zu bestimmen, dessen Verwirklichung Aufgabe des politischen Gemeinwesens wäre.
Diese Idylle findet, folgt man dem französische Philosophen Jacques Rancière, ihr Pendant in der „politischen Idylle” der konsensuellen Demokratie: die Vorstellung eines Gemeinwesens, in dem ein Ausgleich zwischen allen gesellschaftlichen Gruppen möglich ist, indem deren Forderungen in geregelten Verfahren gegeneinander abgewogen werden. Die staatlichen Institutionen müsste man sich wohl vorstellen wie eine große Maschinerie, deren Räderwerk durch die unterschiedlichen gesellschaftlichen und individuellen Forderungen und Ansprüche angetrieben und in einen störungsfreien Gleichlauf versetzt würde. Diese Situation „einer restlosen Übereinstimmung zwischen den Formen des Staates und dem Zustand der gesellschaftlichen Verhältnisse” nennt Rancière Post-Demokratie; ein Zustand, in dem sich alles bewegt, aber nichts mehr verändert.
Originell ist weniger seine Diagnose der westlichen Demokratien – Kritik an übermächtigen Verwaltungen, zunehmenden Systemzwängen oder Tendenzen der Verrechtlichung gehören zum modernitätstheoretischen Standardrepertoire. Doch verbindet er diesen Befund mit einer Kritik am gegenwärtigen Stand der politischen Theorie und entwickelt einen Begriff des Politischen, der durchaus Erkenntnis aufschließende Perspektiven auf dieses Feld bietet. Die Grundbegriffe hierfür gewinnt er aus einer Interpretation der Gründungstexte der politischen Philosophie, insbesondere der „Politik” des Aristoteles. Dafür entwickelt er eine Sprache, von der selbst ein französischer Rezensent gestand, es überkomme einen die Lust, seine Prosa in gängiges Französisch rückzuübersetzen. Angesichts der sprachlichen Eigenheiten ist dem deutschen Übersetzer eine leserfreundliche und gleichzeitig präzise Übertragung gelungen.
Gegen die viel beschworene Rückkehr der Politik nach dem Zusammenbruch der totalitären Systeme erklärt Rancière ihr Verschwinden. Im Grunde bedient er sich hier einer gängigen Technik der Umdeutung: Was man landläufig unter Politik versteht – „die Gesamtheit der Vorgänge, durch welche sich die Vereinigung und die Übereinstimmung der Gemeinschaften, die Organisation der Mächte, die Verteilung der Plätze und Funktionen und das System der Legitimierung dieser Verteilung vollziehen” – benennt er um in „Polizei”. Den Namen „Politik” in einem emphatischen Sinne reserviert er für diejenigen Tätigkeiten, die der Polizei, oder sagen wir: den Instanzen der etablierten Ordnung, feindlich sind, die sie zerbrechen und durch eine neue Ordnung ersetzen.
Sklaven, Frauen, Proletarier
Dies läuft auf ein emanzipatorisches Politikverständnis hinaus, zu dem sich Rancière ausdrücklich bekennt: Politik von ihrem Rand her gedacht, wo sich wahlweise Sklaven, Frauen oder Proletarier zu Wort melden und ihren Anspruch auf Gleichberechtigung einklagen. Gleichzeitig macht die Situation des Ausgeschlossenseins die Struktur des Politischen selbst aus; deren Kennzeichen ist das „Unvernehmen”, das über ein gegenseitiges Nichtverstehen hinausgeht. Mit „Unvernehmen” bezeichnet Rancière eine Gesprächssituation, die durch eine wechselseitige Verkennung geprägt ist, beispielsweise, wenn zwei Gesprächspartner die gleichen Worte verwenden, sie aber nicht auf einen gemeinsamen Gegenstand beziehen. Dies ist etwa dann der Fall, wenn einer gesellschaftlichen Gruppe der Zugang zu den institutionellen Orten verweigert wird, wo sie sich Gehör verschaffen und Beteiligung verlangen könnte.
Rancière bezeichnet es als den „anfänglichen Skandal der Politik”, dass das Verhältnis zwischen den einzelnen Teilen der Gemeinschaft nicht anders als strittig sein kann und dass sich dieser Streit im Grunde durch keine noch so ausgeklügelte Arithmetik auflösen lässt. Denn die Zählung der Teile der Gesellschaft geht nie auf, deren Summe ist nie gleich dem Ganzen der Gesellschaft: es gibt immer einen „Anteil der Anteillosen”. Wenn Politik in dem Moment entsteht, wo dieser Anteil beginnt, „sich dazuzuzählen” und damit die bestehende Aufteilung in Frage stellt, dann hört sie dort auf, wo Ansätze zur Veränderung absorbiert und in das bestehende System eingepasst werden: Politik und Polizei fallen hier in eins. Dies ist die „Politeia der Philosophen”, ein Idealstaat, in dem „glückliche Konsensualität” herrscht. Damit formuliert Rancière einen Gegenentwurf zu allen Gestalten politischer Theologie, wie er sich radikaler wohl kaum denken lässt.
SONJA ASAL
JACQUES RANCIÈRE: Das Unvernehmen. Politik und Philosophie. Deutsch von Richard Steurer. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2002. 149 Seiten, 10 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

In den westlichen Demokratien herrscht laut Jacques Rancières die "Post-Demokratie", eine Situation der 'restlosen Übereinstimmung zwischen den Formen des Staates und dem Zustand der gesellschaftlichen Verhältnisse', zitiert Rezensentin Sonja Asal die zentrale These des Autors. Gemeint ist damit ein Zustand, in dem sich alles bewege, aber nichts mehr verändert, erklärt Asal. Nun findet sie diese Diagnose der westlichen Demokratien nicht eben außergewöhnlich. Das Besondere in Rancières Ansatz erblickt sie vielmehr darin, dass der Autor seine Diagnose mit einer Kritik am gegenwärtigen Stand der politischen Theorie verbindet und einen Begriff des Politischen entwickelt, der für die Rezensentin durchaus aufschlussreich ist. Sie hebt hervor, dass Rancière nicht an die viel beschworene Rückkehr der Politik nach dem Zusammenbruch der totalitären Systeme glaubt, sondern vielmehr ein Verschwinden der Politik konstatiert. Dabei bediene er sich einer gängigen Technik der Umdeutung. Das, was man landläufig unter Politik versteht, nennt Rancière "Polizei", erläutert Asal, während er den Ausdruck "Politik" für Tätigkeiten reserviert, die den Instanzen der etablierten Ordnung entgegengesetzt sind. Für die Rezensentin läuft das auf ein "emanzipatorisches Politikverständnis" hinaus. Rancière denke Politik von ihrem Rand, "wo sich wahlweise Sklaven, Frauen oder Proletarier zu Wort melden und ihren Anspruch auf Gleichberechtigung einklagen".

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