Buchstabe und Maschine - Wege, Carl
11,99
versandkostenfrei*

Preis in Euro, inkl. MwSt.
Sofort lieferbar
6 °P sammeln

    Broschiertes Buch

Technik wird im 20. Jahrhundert zu einer Leitvorstellung der gleichermaßen von Zukunftsängsten und Zermalmungslust heimgesuchten Literaturszene. Das Spektrum der Positionen reicht von strikter Verweigerung bis zu dem Versuch, Technik und Kultur miteinander zu versöhnen.Im Mittelpunkt dieser grundlegenden Untersuchung stehen die Technikdiskurse in der Weimarer Republik, im Dritten Reich und in der DDR. Carl Wege zeigt, wie technische Denkfiguren in verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten auf je unterschiedliche Weise in literarische Texte Einzug halten. Politische Rahmenbedingungen und…mehr

Produktbeschreibung
Technik wird im 20. Jahrhundert zu einer Leitvorstellung der gleichermaßen von Zukunftsängsten und Zermalmungslust heimgesuchten Literaturszene. Das Spektrum der Positionen reicht von strikter Verweigerung bis zu dem Versuch, Technik und Kultur miteinander zu versöhnen.Im Mittelpunkt dieser grundlegenden Untersuchung stehen die Technikdiskurse in der Weimarer Republik, im Dritten Reich und in der DDR. Carl Wege zeigt, wie technische Denkfiguren in verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten auf je unterschiedliche Weise in literarische Texte Einzug halten. Politische Rahmenbedingungen und historisch gewachsene Mentalitäten führen zur Ausprägung sehr unterschiedlicher nationaler Technik-Stile. Doch Technik ist nicht nur stilfähig, sondern auch stilbildend: Exemplarisch wird dies an der "etwas anderen Literatur" der Schweiz deutlich gemacht.
  • Produktdetails
  • Edition Suhrkamp Nr.2147
  • Verlag: Suhrkamp
  • Artikelnr. des Verlages: 12147
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 236
  • Erscheinungstermin: 25. September 2000
  • Deutsch
  • Abmessung: 177mm x 110mm x 17mm
  • Gewicht: 149g
  • ISBN-13: 9783518121474
  • ISBN-10: 3518121472
  • Artikelnr.: 08205364
Rezensionen
Besprechung von 20.07.2001
Granitschweren Herzens nehmen wir es hin
Wundervoll, diese Technik, ist sie nicht? Carl Wege durchleuchtet die Theologie der Talsperre

Wenn wir eine nackte Neonröhre, die nur von einem verchromten Stab gehalten wird, in unserem Wohnzimmer aufstellen, dann müssen wir für diese Form von Armut eine Stange Geld hinblättern, denn es handelt sich um den Design-Klassiker von Eileen Gray. Diese Art reduktionistischer Eleganz ist weit verbreitet im Interieur einer bestimmten sozialen Schicht. Vor siebzig Jahren war das eine Avantgarde, die sich Neue Sachlichkeit nannte.

Die Neue Sachlichkeit repräsentiert eine frühe Form funktionalistischer Sicht auf die Gesellschaft und ihre Subsysteme. In literarischen Werken von Robert Musil, Hermann Broch, Erich Kästner, Bertolt Brecht, um einige bekannte Namen zu nennen, wurde diese Sichtweise ausprobiert. Menschen erschienen als verchromte Stäbe, die eine definierte Funktion haben - etwa eine leuchtende Röhre zu halten -, die eine glatte, hygienische und nichtrostende Oberfläche haben und sich durch einen Ein-/Aus-Schalter steuern lassen. In den Phasen, in denen unsere Leuchten ausgeschaltet sind, dient Kunst gewissermaßen zur Erholung der Batterien. Brecht verstand ein Gedicht als Pharmakon, das man "jemandem zur Stärkung überreichen kann". Die Literaturwissenschaft ist für die Entsorgung der Rückstände dieses Buchstabenkonsums zuständig.

Carl Wege konzentriert sich in seiner Habilitationsschrift im wesentlichen auf solche Gebrauchsliteratur, weniger auf die genannten dekorativen Klassiker, die heute noch manche Interieurs bevölkern, ähnlich den Bauhaussesseln und -leuchten von Marcel Breuer oder Wilhelm Wagenfeld. Das Modell der Sachlichkeit ist gewissermaßen das der "Gleichschaltung" von Verkehrsteilnehmern. Dazu dienen etwa die von Helmuth Lethen in einer inzwischen klassischen Studie untersuchten Verhaltenslehren der zwanziger Jahre: Ihr Ziel ist das "Training eines funktionalen Ich", das sich reflexhaft der Umwelt anpaßt wie ein Autofahrer.

Feste Reiz-Reaktions-Muster einzuüben ist im Verkehr nötig, weil ein Spielraum für spontane Weiterentwicklung von Regeln und für ein individuelles Interpretieren solcher Regeln offensichtlich inakzeptabel wäre. In der technisierten Gesellschaft sind bis heute viele eindimensionale Funktionsträger darauf abgerichtet, sich und ihren Monitor um neun Uhr morgens einzuschalten und um achtzehn Uhr vor dem Fernseher "abzuschalten". Trotzdem empfinden wir das behavioristische Chromstab-Modell der Gesellschaft heute als "unterkomplex" und als historisch überholt. Es hat ähnlich wie Bauhausmöbel nur noch antiquarischen Wert. Die Komplexität einer wandelbaren Welt läßt sich damit trotz aller Sucht nach "Fortschritt", "Beschleunigung", "Mobilität" nicht fassen.

Lethen hatte sein ursprüngliches Interesse an der Neuen Sachlichkeit ausgeweitet auf die Technik-Literatur des gesamten politischen Spektrums während der Weimarer Zeit. Wege zieht die Linien weiter hinaus in die Nazi-Zeit und in die Literatur der deutschsprachigen Schweiz und der DDR. Das Vordringen der Technik in die Lebenswelt nach dem Ersten Weltkrieg - den Ausdruck hat Edmund Husserl 1924 geprägt - begrüßte man als die Durchbrechung der Bürgerwelt und ihrer degenerierten humanistischen Kultur. Der Autor verstand sich selbst als Ingenieur und ein Gedicht als kleine Maschine. Die in der Literatur und Kunst zum Kult erhobene Technik sollte die Gesellschaft revitalisieren. Wie vor ihr der Expressionismus setzte die Sachlichkeit den Vitalismus der Jahrhundertwende fort - nur mit anderen, paradoxen Mitteln.

Joseph Roth beispielsweise empfand 1922 das Klappern der Schreibmaschine, das Klingeln der Telephonapparate und die Geräusche der Zentralheizung als eine Art "Heimkehr des komplizierten Menschen zur Ursprünglichkeit der Naturgewalt". Auf der anderen Seite des politischen Spektrums warnte Ernst Jünger 1925 vor dem Mißbrauch der Technik durch Zivilisten und Demokraten. Die Maschine sei "den Fangarmen des Intellekts zu entwinden" und "unter den Willen des Blutes zu stellen". Die Nazis versuchten die Moderne organisch zu denken. Die Autobahnen etwa dienten, wie Erhard Schütz gezeigt hat, primär der Annäherung der Natur; sie verkörperten das Paradox eines "bodenständigen Vorwärts", des Versuchs, den Zivilisationsprozeß unter Kontrolle zu bringen, ihn gleichzeitig voranzutreiben und ihn wieder zu "beseelen". Die daraus resultierende Kitsch-Literatur sollte gleichzeitig mobilisieren und trösten.

Auch in der demokratischen Schweiz ist Technik ein Kristallisationskern nationaler Identität. Im Bau des Gotthard-Tunnels verschmilzt das Wir der Arbeiter mit dem Wir der Nation und schließlich mit dem der verkehrstechnisch vereinigten Völker von London über den Kanton Uri bis China. Der Konflikt zwischen Heimatliebe und Staatsräson wird in Wasserkraftwerken gelöst, die gleichzeitig den steigenden Energiebedarf decken und sich nicht nur harmonisch in die natürliche Umgebung einfügen, sondern der Landschaft sogar einen neuartigen, romantischen Reiz verleihen. Das Versinken eines Teils der Heimat nehmen deshalb die vom Kraftwerksbau betroffenen Talbewohner - wenn auch granitschweren Herzens - hin. Wege kann sogar aus einer Denkschrift zitieren, die "erstmals in der Geschichte des Abendlands" das Anlegen von Stauseen theologisch begründet.

Origineller als dieser - wenn auch von Wege interessant aufbereitete - talsperrentheologische Kitsch und die Verweise auf die technikkritischen Häretiker Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt sind die von Wege ausgegrabenen technikgeschichtlichen und geschichtsphilosophischen Schriften des Wahlschweizers Adrien Turel. Für ihn ist Denken immer schon Technik und der Mensch immer schon künstlich. Neuzeitliche Technik ist die Emanzipation von Religion, von jedem wie auch immer gearteten Sonnen-, und das heißt letztlich: Fruchtbarkeitskult. Der Mensch des "Ultratechnoikums" ist in den Rang eines "selbstleuchtenden Sterns" aufgerückt; die Säkularreligion dieses Prothesen-Gottes ist der Materialismus.

Auch die realsozialistische Technik-Literatur der Ulbricht-Ära will durch die 1955 ins Leben gerufene "Wissenschaftlich-Technische Revolution" der Gesellschaft endgültig "aus dem Tierreich ausscheiden". Die Reproduktion der Gesellschaft bleibt nicht mehr religiösen Fruchtbarkeitskulten überlassen, sondern wird in technisch-politische Regie genommen. Allerdings wurde hier mehr geboten als heillos unterkomplexe Maschinen-Mystik, schwülstige Talsperren-Theologie oder utopischer Megawatt-Materialismus. Die Literatur versuchte die werktätigen Massen vielmehr mit Begriffen wie Systemanalyse, Netzplantechnik, lineare Optimierung, Nutzenfunktion und schließlich mit dem Zauberwort Kybernetik zu motivieren.

Vernetztes Denken, enthierarchisierte Strukturen, Rückkopplungs-Mechanismen, die keine geschichtsphilosophische Wahrheit mehr als absolute "Stellgröße" zulassen - man ahnt bereits, daß Georg Klaus' zuerst 1967 in Ost-Berlin erschienenes "Wörterbuch der Kybernetik" nur das Inventar aller mit dem "wissenschaftlichen Sozialismus" im Prinzip unvereinbaren Begriffe sein konnte und daß Erich Honecker mit dem Spuk "selbstorganisierender Systeme" irgendwann aufräumen mußte, um wie gehabt auf Elektrifizierung des Sozialismus umzuschalten. Da half es auch nicht mehr, wenn Wissenschaftler und Bühnenautoren 1969 für das Jahr 2010 eine "echte Intelligenzerhöhung" mit pharmazeutischen Mitteln in Aussicht stellten. Nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs in Ungarn wurde die DDR zum Opfer einer Kerzenlicht-Revolution.

CHRISTOPH ALBRECHT.

Carl Wege: "Buchstabe und Maschine". Beschreibung einer Allianz. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2000. 237 S., br., 20,90 DM.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Christoph Albrecht geht in seiner Rezension nur sehr begrenzt auf das vorliegende Buch ein, referiert dafür aber umso eifriger über Funktionalismus, Neue Sachlichkeit, Bauhaus-Möbel und Technik-Literatur. Ob bzw. inwiefern der Rezensent diese Kenntnisse aus dem vorliegenden Buch gewonnen hat, wird dabei nicht deutlich. Zu Wege sagt er lediglich, dass sich dieser "im wesentlichen auf (...) Gebrauchsliteratur, weniger auf (...) Klassiker" beziehe und auch auf die Nazi-Zeit und die "Literatur der deutschsprachigen Schweiz und der DDR" eingeht. Zum Buch wird dann nur noch angemerkt, dass u. a. eine Denkschrift zitiert wird, die "'erstmals in der Geschichte des Abendlands' das Anlegen von Stauseen theologisch begründet" wird. Darüber hätte der Leser dann doch gerne mehr erfahren... .

© Perlentaucher Medien GmbH