Allegro ma non troppo - Cipolla, Carlo M.
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Eine höchst amüsante und witzig- humorvolle Satire auf an gestrengtes und bedeutungsschweres wissenschaftliches Schreiben - von der wir, ob "unbedarft" oder "intelligent", jede Menge lernen können.

Produktbeschreibung
Eine höchst amüsante und witzig- humorvolle Satire auf
an gestrengtes und bedeutungsschweres wissenschaftliches
Schreiben - von der wir, ob "unbedarft" oder "intelligent",
jede Menge lernen können.
  • Produktdetails
  • Salto Bd.98
  • Verlag: Wagenbach
  • 3. Aufl.
  • Seitenzahl: 96
  • Erscheinungstermin: März 2001
  • Deutsch
  • Abmessung: 210mm x 116mm x 15mm
  • Gewicht: 163g
  • ISBN-13: 9783803111975
  • ISBN-10: 3803111978
  • Artikelnr.: 09485608
Autorenporträt
Carlo M. Cipolla, 1922 in Pavia geboren, war Wirtschaftshistoriker. Nach seinem Studium an der Universität von Pavia führten ihn Stipendien an die Sorbonne nach Paris und die London School of Economics. Mit siebenundzwanzig Jahren erhielt er eine Gastprofessur der University of California, Berkeley. Später lehrte er unter anderem an Hochschulen in Deutschland, England, Spanien und Kanada. Er war Vorsitzender und Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Vereine und kultureller Einrichtungen in Turin, Boston und Rom sowie Fellow der British Academy und der Royal History Society Großbritanniens. 1980 wurde ihm die Ehrendoktorwürde der Technischen Universität Zürich verliehen, 1992 die der medizinischen Fakultät der Universität Pavia. Cipolla schrieb über 20 Bücher, die in etwa 15 Sprachen übersetzt wurden. Er starb 2000 in Pavia.
Rezensionen
Besprechung von 19.05.2001
Pest und Pfeffer
Bei Carlo Cipolla wird Geschichte gefalzt und geklebt
In diesem Buch kann man einem freundlichen Herrn dabei zuschauen, wie er mit einfachsten Mitteln ein Gebäude errichtet. Ein Museum wird darin Platz finden, und die Ausstellung, die gezeigt werden soll, hat etwas mit der Kultur- und der Wirtschaftsgeschichte des Pfeffers zu tun. Der freundliche Herr vertritt nämlich die Auffassung, dass Europa durch den Pfeffer zu dem wurde, was es heute ist, und zwar deswegen, weil der Pfeffer, bevor die Europäer ihn zu einem Herrschaftsinstrument machten, dort wuchs, wo er nicht gebraucht wurde, und weil er außerdem dort, wo er gebraucht wurde, leider nicht wuchs. Daher musste das im Orient vorhandene Gewürz um beinahe jeden Preis in den Okzident gebracht werden. Dort war man nämlich der Auffassung, dass es sich beim Pfeffer um ein Aphrodisiakum handle.
Da die Bewohner des Orients in dieser Angelegenheit eine etwas andere Meinung vertraten, erfand man für sie, in dieser Reihenfolge, die Kreuzzüge, die Karavelle und später noch die Vernunft. Wegen der ungezügelten Mobilität, die sich darüber einstellte, gelangte außer dem Pfeffer am Ende des Mittelalters auch die Pest in den Westen. Durch sie sank die Bevölkerungszahl, was einen vermehrten Bedarf nach Aphrodisiaka hervorrief. Der Handel mit Gewürzen vergrößerte den Reichtum der italienischen Städte und stürzte die anderen Staaten, vor allem England, in Schulden. Als die Briten ihre Kredite nicht mehr bedienen konnten, zogen die Italiener sich aus dem Gewerbe, das sie reich gemacht hatte, zurück. Sie überließen Seefahrt, Bankgeschäfte und Rechnungslegung fortan den Völkern des Nordens und widmeten sich der Kunst und Kultur. „Das war”, schreibt der freundliche Herr Cipolla am Ende des ersten Kapitels, „die Geburtsstunde der Renaissance, und über das Mittelalter senkte sich das Wort.”
So einfach geht das. Carlo M. Cipolla schreibt Geschichte wie eine Schnurrpfeiferei. Diesen Begriff allerdings würde er ablehnen, wegen seiner Nähe zu einer spezifischen Art von Humor. Humor ist nämlich, darauf besteht er, etwas, dessen Übertragung in eine andere kulturelle Umgebung nur selten gelingt. Jean Paul ist folglich ein anderer, und Cipolla italienischer Abstammung. Die Herrschaft des Pfeffers über eine fränkische Tellersülze wäre ihm daher so wenig verständlich zu machen wie irgendeine andere Schnurrpfeiferei.
Cipollas sehr spezifischer Humor besteht allerdings vor allem darin, dass er alles unternimmt, um seine Auffassung vom Humor zu widerlegen. Er ist eben ein freundlicher Herr, einer, der Zuschauer bei seiner wissenschaftlichen Bauarbeit nicht nur duldet. Er wünscht sie sich sogar ausdrücklich herbei. Das Haus, das er errichtet, ist nämlich eine Spur zu schlüssig, zu bunt und zu luftig, um wirklich glaubwürdig zu sein. Eines, bei dem man manchmal an eine Laterna Magica denkt, oder an die Burgen und Schlösser aus farbenfroh bedrucktem Papier, die man in den Fünfzigerjahren unter dem Namen Wilhelmshavener Modellbaubogen in jedem Schreibwarengeschäft fand. Genau so muss es gewesen sein, sagte man sich damals, wenn alles gefalzt und aufgerichtet und an den Kanten weisungsgemäß verklebt worden war.
So und nicht anders brachten die Kreuzritter den Pfeffer nach Europa und der Pfeffer die Pest, und die Pest steigerte die Nachfrage nach Pfeffer so sehr, dass die Portugiesen seinetwegen nach Osten segelten und die Spanier nach Westen, mit der bekannten Folge, dass erst in Nürnberg, wo man hingebungsvoll Rezepte für fränkische Tellersülze erprobte, nebenbei auch noch der Globus erfunden wurde und nach ein paar weiteren Jahrhunderten in Washington D. C. die Globalisierung. Dass im Falle eines Falles Uhu wirklich alles klebt, wusste man im Prinzip ja bereits aus dem Schreibwarengeschäft. Im Detail, und mit der wundersamen Gelehrsamkeit des Carlo M. Cipolla glaubhaft gemacht, ist es das schiere Vergnügen, auch, weil bei seinem Hausbau kein Tropfen vom verwendeten Leim über die Schnittkante quillt. Er besteht einfach darauf, als Theoretiker ein Modellbauer zu sein. Das werden andere, weniger wundersam Gelehrte ihm künftig erst einmal nachmachen müssen.
Eine Schnurrpfeiferei also, keine Frage, aber irgendwie doch auch ein richtiges Haus, mit einem Dachboden, auf dem es so aussieht wie in den Florentiner Museen, wo so viele Menschen so viele Gegenstände schon so oft und intensiv angeschaut haben, dass man das Gefühl nicht los wird, die Gegenstände schauten manchmal genau so verwundert auf einen zurück. So ungefähr schreibt Cipolla Geschichte: er nimmt für sie ein, und man gewinnt sie als einen Freund. Man muss allerdings, wie bei jeder Freundschaft, auch ziemlich gut auf sie aufpassen – sie hat etwas mit der hohen Kunst der Lüge zu tun, also damit, wie man sich gute und plausible und möglichst luftige Geschichten erzählt, die außerdem nicht überpointiert, also zu sehr gepfeffert sein sollten. Auf dem Gebiet wirkt sich bei Cipolla die Differenz der Kulturen besonders wohltuend aus. Man folgt ihm gern, weil das Augenzwinkern, mit dem er seine wissenschaftlichen Einsichten vorträgt, dasselbe ist, das man braucht, um in die Sonne zu schauen. So, wie das die Seefahrer auf den Reisen um den Gewürzplaneten getan haben müssen.
Im zweiten Teil wird es dann allerdings ernst mit dem Humor. Dann treibt Cipolla mit der menschlichen Dummheit sein Spiel. Er unterstellt, auf den ersten Blick befremdlich genug, dass die über Prinzipien verfüge. Eines davon, das erste, lautet, man solle die Zahl der dummen Menschen, in deren Gesellschaft man lebt, nie unterschätzen. Das zweite untergräbt den Glauben an die Gleichheit der Menschen. „Die Wahrscheinlichkeit, dass eine bestimmte Person dumm ist”, behauptet Cipolla, „besteht unabhängig von jedweder anderen Eigenschaft derselben Person.” Progressiv eingestellten Soziologen, Psychologen, Pädagogen dürfte das wenig gefallen. Cipolla beschreibt die Dummheit als ein Naturphänomen. Innerhalb definierter Populationen tritt es mit konstanter Häufigkeit auf.
Wo die Dinge so einfach liegen, braucht man erfreulicherweise nur noch einfache Kategorien. Cipolla unterscheidet vier Arten von Menschen: Unbedarfte, Intelligente, Banditen und Dumme. Die Dummen sind diejenigen, die allen gleichmäßig schaden. Die Intelligenten diejenigen, die allen einen Nutzen verschaffen. Die Banditen kennen nur ihren eigenen Nutzen, und die Unbedarften verhelfen anderen zu einem Vorteil und schaden sich selbst. Dagegen, dass Menschen sich in einer Situation intelligent und in einer anderen keine fünf Minuten später dumm verhalten, hilft ihm erneut die Statistik. Ermittelt man die Durchschnittswerte des Verhaltens eines Menschen, kennt man auch seine Zugehörigkeit zu einer der vier Kategorien. Die Kategorie der Dummen ist dabei, wie er grafisch aufwendig zeigt, auf eine den anderen nicht vergleichbare Weise signifikant. Intelligente, erläutert Cipolla, kennen ihre Intelligenz. Banditen wissen, dass sie Banditen sind, und Unbedarfte leiden an ihrer Unbedarftheit. Die Brisanz der Dummen liegt darin, dass sie nicht die leiseste Ahnung von ihrer Dummheit haben. Sie sind einfach dumm, und deswegen gefährlich. Darum, dass sie, obwohl noch gefährlicher als meistens vermutet, beharrlich unterschätzt werden, geht es im vierten und fünften Prinzip.
Im Grunde ist auch dieser zweite Essay dieses aus dem Nachlass entstandenen Buches ein Haus aus Leim und Papier, ein Gang durch des fröhlichen Wissenschaftlers Werkstatt. Alles sauber hergerichtet, jedes Ding an seinem Platz und jeder Gedanke an seinem sichtbaren Haken. So viel Aufgeräumtheit wie bei Cipolla findet sich nicht allzu oft. Selten so fruchtbar gelacht.
GERALD SAMMET
CARLO M. CIPOLLA: Allegro ma non troppo. Die Rolle der Gewürze (insbesondere des Pfeffers) für die wirtschaftliche Entwicklung des Mittelalters. Die Prinzipien der menschlichen Dummheit. Aus dem Italienischen von Moshe Kahn. Wagenbach Verlag, Berlin 2001. 81Seiten, 23,80Mark.
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Der Autor als freundlicher Herr und Häuslebauer? Erst denkt man, Gerald Sammet flickt dem Cipolla kräftig was am Zeug. Dann aber ist klar: Der Rezensent hat sich wirklich amüsiert. "Eine Schnurrpfeiferei also, keine Frage, aber irgendwie doch ein richtiges Haus", schreibt er und meint mit Haus ungefähr Gedankengebäude und mit Schnurrpfeiferei, na ja, einen kuriosen Einfall eben, wie den, die Entwicklung Europas mit dem Pfeffer zu erklären, oder, wie im zweiten Teil des Bandes, die Menschheit mit diesen vier Kategorien: Unbedarfte, Intelligente, Banditen und Dumme. Fragt sich, ob nicht eine fehlt. Die Geschichte, die Cipolla schreibt jedenfalls, warnt Sammet, hat "etwas mit der hohen Kunst der Lüge zu tun." Und Cipolla, hieß so nicht auch der Taschenspieler in Thomas Manns "Mario und der Zauberer"?

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