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»Enteignet Springer« war eine der zentralen Forderungen der 68er-Bewegung. Die Abneigung gegen Springer und die Springer-Presse eint 68er wie politische Linke bis heute, die alten Reflexe funktionieren noch immer. In der DDR war Springer einer der meistgehassten Protagonisten des Westens. Auf Springer-Seite wird hingegen gerne jede Kritik an Axel Cäsar Springer ausgeblendet. Entweder Verdammung oder Heiligsprechung. Tilman Jens porträtiert einen großen, aber auch zutiefst zerrissenen Menschen. Vor allem aber interessiert Jens, welche Rolle das Feindbild Springer für die politische…mehr

Produktbeschreibung
»Enteignet Springer« war eine der zentralen Forderungen der 68er-Bewegung. Die Abneigung gegen Springer und die Springer-Presse eint 68er wie politische Linke bis heute, die alten Reflexe funktionieren noch immer. In der DDR war Springer einer der meistgehassten Protagonisten des Westens. Auf Springer-Seite wird hingegen gerne jede Kritik an Axel Cäsar Springer ausgeblendet. Entweder Verdammung oder Heiligsprechung. Tilman Jens porträtiert einen großen, aber auch zutiefst zerrissenen Menschen. Vor allem aber interessiert Jens, welche Rolle das Feindbild Springer für die politische Identitätsbildung der 68er wie ihrer Gegner spielte. Ein Lehrstück darüber, wie Helden und Bösewichte gemacht werden, und über die deutsche Unfähigkeit, die Ambivalenz großer Persönlichkeiten zu akzeptieren.
  • Produktdetails
  • Verlag: Herder, Freiburg
  • Seitenzahl: 177
  • Erscheinungstermin: 29. März 2012
  • Abmessung: 19mm x 134mm x 210mm
  • Gewicht: 307g
  • ISBN-13: 9783451305429
  • ISBN-10: 3451305429
  • Artikelnr.: 34562593
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Von wegen Axel Springer! Eher als den Verleger trifft Michael Hanfeld in diesem Buch (Hanfeld nennt es einen kulturkritischen Essay) von Tilman Jens auf die Projektionsfläche Springer. Der Autor, so erfahren wir, kompiliert eigene Recherchen zum Springer-Verlag, etwa zur spitzelnden Springer-Sekretärin Rosie. Im Übrigen, dem Menschlichen nämlich, verlässt er sich auf die bekannten Biografien von Jürgs und Schwarz. In Ordnung, findet Hanfeld, der sich jedoch an der rhetorisch mächtig dicken Hose des Autors und mancher überflüssigen Verallgemeinerung stört. Sympathische Erkenntnisse, wie jene zum Feindbild- und Schwarzweißdenken, das dem Menschen mit Licht und Schatten nicht gerecht wird, scheinen ihm zu wenige in diesem Buch.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 02.05.2012
Das Vermächtnis eines Zerrissenen

Heute vor hundert Jahren wurde Axel Cäsar Springer geboren. Drei Bücher arbeiten sich jetzt an seiner Person ab - der erfolgreiche Zeitungsverleger polarisiert noch immer.

Der nach Axel Cäsar Springer benannte Konzern, das mächtigste Medienhaus im Land, bittet in Berlin anlässlich des Hundertsten seines Gründers zum verlagseigenen Staatsakt. Und man darf darauf wetten, dass es an Spitzenpersonal aus Politik und Gesellschaft beim Stelldichein nicht fehlen wird. Denn um das Erbe dieses Verlegers kommt man nicht herum, schon gar nicht um die "Bild"-Zeitung, die sogar Bundespräsidenten gefährlich werden kann.

Will man sich ein halbwegs vollständiges Bild über diesen Axel Springer machen und in Erinnerung rufen, wer dieser Mann eigentlich war, sollte man unter den aus gegebenem Anlass dieser Tage erschienenen Büchern gleich drei lesen. Sie fallen denkbar unterschiedlich aus, ergänzen sich aber fabelhaft. Was dem einen fehlt, ist Thema des anderen. Wobei das eine im Grunde genommen ein schöner Etikettenschwindel ist, das andere eine profunde Wirtschaftsgeschichte und das dritte ein echter Krimi, ein Kampf um das tatsächliche Erbe, geschrieben von Axel Sven Springer, dem Enkel des Verlegers.

Für den Etikettenschwindel ist Tilman Jens mit seinem Buch "Axel Cäsar Springer" zuständig. Denn dieses handelt weniger von der Person denn von der Projektionsfläche. Geht es um den Menschen und dessen Motivation, verlässt sich Jens auf Michael Jürgs und Hans-Peter Schwarz, die bislang die profundesten Springer-Biographien veröffentlicht haben. Jens' Leistung besteht darin, Recherchen, die er im weiteren Sinne zu Springer, dem Phänomen und dem Konzern, in den letzten Jahren unternommen hat, zusammenzufügen. Da taucht dann etwa die Geschichte der Chefsekretärin Rosie K. auf, die Springer jahrzehntelang für die Stasi bespitzelte.

Durch das Konvolut, das der Verlag vor zwei Jahren ins Netz gestellt hat, um das 1968 angekündigte, aber nie stattgehabte und dann 2009 abermals gescheiterte "Springer-Tribunal" vorzubereiten, hat sich Jens auch gelesen. Es dient ihm zur Überprüfung alter Vorurteile und führt ihn - wie auch der Rückblick auf Heinrich Bölls "Verlorene Ehre der Katharina Blum" und Günter Wallraffs Undercover-Recherche bei "Bild" ("Der Aufmacher") zu der nicht eben revolutionären, aber sympathischen Erkenntnis, dass das alte Schwarzweißdenken, in dem die Linke und die Achtundsechziger und Springer symbiotisch miteinander verbunden waren, niemandem gerecht wird. Axel Springer schon gar nicht.

"Warum eigentlich heißt, wenn es das Personal der Zeitgeschichte zu begutachten gilt, die Alternative so oft: Hassfigur oder Ikone?", fragt Jens. "Warum fällt ein bescheidenes Ecce Homo so schwer? Seht her: ein Mensch mit Licht und Schatten. Eben hier gewinnt das zum Kulturgut gewordene Feindbild Springer exemplarischen Charakter. Es zeigt eine, wie ich denke, recht deutsche Schwierigkeit: ambivalente Charaktere auch als solche zu ertragen."

Die zwei Testamente.

So formuliert Jens, kommt bei der Gelegenheit allerdings auch auf Erwin Rommel und Hartmut von Hentig zu sprechen, was zeigt, woran man hier ist: bei einem kulturkritischen Essay, den man lieber läse, wenn Jens nicht immer mit rhetorischem Vollgas unterwegs wäre und sich die eine oder andere Verallgemeinerung sparte, vor allem aber das Schlusskapitel, in dem er die großen Antipoden Axel Springer und den Studentenführer Rudi Dutschke im Himmel aufeinandertreffen und - in der Freude über die nach ihren Lebzeiten errungene deutsche Einheit - Gemeinsamkeiten finden lässt.

Derlei Überschwang ist Tim von Arnim fremd. Er schreibt so sachlich und langweilig, wie es der Titel verheißt: "Und dann werde ich das größte Zeitungshaus Europas bauen. Der Unternehmer Axel Springer". Um den Unternehmer geht es und um sonst niemanden, also um eine Seite dieser schillernden Figur, die von Arnim jedoch mit einer Detailfülle und Akribie zu beschreiben weiß wie niemand vor ihm. Man merkt, dass er unbeschränkten Zugang zum Unternehmensarchiv hatte, aber man merkt leider auch, dass sein Buch zunächst eine Dissertationsschrift war, der wissenschaftliche Apparat ist beeindruckend.

Für von Arnim besticht Axel Springer vor allem durch das, was Rudolf Augstein "schöpferisches Ingenium" nannte. In Wirtschaftsneudeutsch heißt das "Innovationsfähigkeit", unter Journalisten würde man sagen: Blattmachergespür. Mit diesem prägte Springer Ende der vierziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zunächst das "Hamburger Abendblatt", das sich nicht nur um lokale Themen bemühte, sondern fragte, was die Menschen bewegt, was sie denken und fühlen. Und schließlich erfand Springer die "Bild", das Human-Interest-Blatt schlechthin, das angelsächsische Vorbilder in bild- und also emotionsmächtiger Gestaltung noch übertraf.

Hinzu kam Springers Führungsstil - er gab seinen Mitarbeitern Freiräume und Verantwortung, förderte Talente, setzte auf Dezentralisierung und seine "Netzwerkkompetenz". Will heißen: Springers Drähte reichten überall hin, so gelang es ihm, "Informationen mit wirtschaftlichem Nutzen zu synthetisieren". Axel Springer, so von Arnims Fazit, ähnele Joseph Schumpeters Idealfigur des dynamischen Unternehmers. Allein die Dominanz der politischen Zielsetzungen habe Springers Erfolg schließlich beeinträchtigt.

Das Buch zur Figur und zur Stunde aber hat Axel Sven Springer geschrieben, der Enkel, der im Herbst 1985, im Alter von neunzehn Jahren, auf einen Großteil des Erbes seines "Granddaddys" verzichtete - er bekam fünf Prozent Anteile am Konzern anstelle der zuvor testamentarisch verfügten fünfundzwanzig. Seither hadert er mit seinem damaligen Schritt. Zwanzig Jahre später suchte er das Werk des Testamentsvollstreckers Bernhard Servatius (Spitzname "Serva") anzufechten, scheiterte damit aber endgültig - 2008 vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht und 2009 vor dem Bundesgerichtshof. Es ging um ein Testament, das ausgefertigt nicht vorlag. Das ursprünglich ausgefertigte hielt fest, dass Springers letzte Frau Friede fünfzig Prozent der Anteile bekomme, die andere Hälfte gehe an Kinder und Enkel. Das "neue Testament" aber bestimmte, dass Friede Springer siebzig Prozent bekam. Nur so sollte sie in den kommenden Jahren in der Lage sein, das Ruder zu übernehmen und die Übernahmeversuche Dritter - etwa des Medienunternehmers Leo Kirch - abzuwenden.

Für den Jungen von damals aber ist die Geschichte auch mit der Niederlage vor dem Bundesgerichtshof nicht beendet. "Wenn sehr vertraute Personen einen neunzehnjährigen, jungen Mann auffordern, er solle etwas im Sinne eines geliebten, gerade gestorbenen Verwandten tun, dann tut er das. Ich habe es getan. Und das war ein Fehler. Nicht etwa, weil ich etwas abgegeben habe, sondern weil mir damals eine nicht vollständige Geschichte erzählt wurde. Auch wenn die Gerichte sich nicht durchringen konnten, meinen Argumenten zu folgen: Ich fühlte und fühle mich getäuscht."

Das kann man umso mehr verstehen, wenn man um die Vorgeschichte weiß: Am 22. September 1985 verstarb Axel Springer. Im Januar des Jahres war sein Enkel Axel Sven aus einem Internat in der Schweiz entführt worden. Achtundsechzig Stunden lang hatte er sich in der Hand der Entführer befunden, die später gefasst und - zum Teil waren es ehemalige Schüler ebenjenes Lyzeums - zu milden Haftstrafen verurteilt wurden. Zuvor hatte die Presse sogar noch bezweifelt, dass Axel Springer III. wirklich entführt worden war; ein unrühmliches Kapitel der Pressegeschichte für viele Blätter, diese Zeitung inbegriffen und auch den "Spiegel", dem Axel Sven Springer jetzt gerade eines seiner ganz seltenen Interviews gab.

Firmen- als Familiengeschichte.

Fünf Jahre zuvor wiederum, im Januar 1980, hatte sich Axel Svens Vater, auch er ein Axel Springer, der unter dem Namen Sven Simon als Fotograf und Agenturgründer Karriere machte, das Leben genommen. Den Verleger stürzte dies in eine tiefe Depression und band ihn, folgt man den Schilderungen Axel Sven Springers, eng an den Enkel. Was er als Vater versäumt hatte, so scheint es, suchte Springer senior als Großvater wiedergutzumachen.

Der zum Teil anrührende Briefwechsel jedenfalls, an dem Axel Sven Springer seine Leser teilhaben lässt, spricht dafür. Und gewährt zugleich einen Einblick in die Psyche, spiegelt all das, was man bei Jürgs und vor allem Schwarz über Springer schon lesen konnte: Rastlosigkeit, Selbstüberschätzung, Religiosität, innere Zerrissenheit. Man glaubt, diesen Springer, dessen Leben und Wirken den äußeren Daten nach in allen Facetten schon ausgebreitet worden ist, näher kennenzulernen. Und kann sich auch eine Vorstellung davon machen, wie es in diesem ganz speziellen Zeitungskonzern zugeht.

Das "Ecce Homo", das Jens sich wünscht, macht Axel Sven Springer möglich. Und obwohl seine Erinnerungen eine Abrechnung mit dem Testamentsvollstrecker Servatius und - in zweiter Linie - mit Friede Springer sind, gelingt es Springer III., einen Ton anzuschlagen, der nicht verbittert und auch nicht von Rache getrieben ist. Gleichwohl passt dieses Buch selbstverständlich ganz und gar nicht in die Springer-Geschichte, an welcher man im Konzern gerade schreibt. "Die Gerichte haben entschieden, die Anwälte brauchen wir hier nicht mehr. Möglicherweise ist nun wieder Raum, um aufeinander zuzugehen." Das sei man der Axel Springer AG schuldig, vor allem aber seinem Großvater, schreibt der heute sechsundvierzig Jahre alte Axel Sven Springer. Es wird wohl ein frommer Wunsch bleiben. Zum großen Erinnerungsakt heute in Berlin sei er eingeladen. Und es habe ihm auch noch niemand abgesagt, verriet er im "Spiegel".

MICHAEL HANFELD.

Axel Sven Springer: "Das neue Testament". Mein Großvater Axel Springer, Friede, ich und der Strippenzieher. Die wahre Geschichte einer Erbschaft.

Verlage Haffmans & Tolkemitt, Hamburg 2012. 288 S., geb., 19,95 [Euro].

Tilman Jens: "Axel Cäsar Springer". Ein deutsches Feindbild.

Herder Verlag, Freiburg 2012. 180 S., Abb., geb., 16,99 [Euro].

Tim von Arnim: "Und dann werde ich das größte Zeitungshaus Europas bauen". Der Unternehmer Axel Springer.

Campus Verlag, Frankfurt a. M. 2012. 410 S., Abb., geb., 34,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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