EUR 22,00
Portofrei*
Alle Preise inkl. MwSt.
Sofort lieferbar
0 °P sammeln

  • Gebundenes Buch

Jetzt bewerten

Im April 1989 wurde eine weiße Endzwanzigerin auf ihrer abendlichen Laufrunde durch den Central Park von sechs schwarzen Jugendlichen überfallen und vergewaltigt. Sie überlebte den Angriff lebensgefährlich verletzt, der darauf folgende Strafprozess hielt New York über Monate in Atem. In ihrer titelgebenden Reportage "Sentimentale Reisen" beschäftigt Joan Didion allerdings weniger der Vorfall selbst als vielmehr die öffentliche Debatte und die sie bestimmende "sentimentale" Sehnsucht danach, die oft frustrierend komplexe Realität auf vereinfachende Narrative von gut und böse, schwarz und weiß…mehr

Produktbeschreibung
Im April 1989 wurde eine weiße Endzwanzigerin auf ihrer abendlichen Laufrunde durch den Central Park von sechs schwarzen Jugendlichen überfallen und vergewaltigt. Sie überlebte den Angriff lebensgefährlich verletzt, der darauf folgende Strafprozess hielt New York über Monate in Atem. In ihrer titelgebenden Reportage "Sentimentale Reisen" beschäftigt Joan Didion allerdings weniger der Vorfall selbst als vielmehr die öffentliche Debatte und die sie bestimmende "sentimentale" Sehnsucht danach, die oft frustrierend komplexe Realität auf vereinfachende Narrative von gut und böse, schwarz und weiß zu reduzieren. In diesem und den weiteren Essays und Reportagen aus den 80er und frühen 90er Jahren widmet sich Didion unterschiedlichen Phänomenen ihrer Zeit, die ihr an den exemplarisch ausgewählten Orten Washington, New York und Kalifornien begegnet sind. Indem sie von Momentaufnahmen der amerikanischen Gegenwart ausgeht und von persönlichen Begegnungen mit Schauspielern, Politikern und anderen Figuren des öffentlichen Lebens, zeigt sie die Sehnsüchte und Widersprüche, die Denkmuster und Handlungsweisen auf, die den Geist jener Jahre prägen.
  • Produktdetails
  • Verlag: Ullstein Hc
  • Seitenzahl: 332
  • 2016
  • Ausstattung/Bilder: 2016. 336 S. 210 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 207mm x 132mm x 32mm
  • Gewicht: 453g
  • ISBN-13: 9783550081347
  • ISBN-10: 3550081340
  • Best.Nr.: 44989720
Autorenporträt
Joan Didion, geboren 1934 in Sacramento, studierte Literatur in Berkeley und arbeitete als freie Journalistin für zahlreiche große amerikanische Zeitungen. Sie war u. a. Herausgeberin der Vogue und hat vier Romane sowie zahlreiche Essaybände veröffentlicht. 2005 erhielt sie den National Book Award.
Rezensionen
Besprechung von 15.10.2016
Im Weißen Haus sah die First Lady rot

Joan Didions frühe Essays spannen den Bogen von New York bis Los Angeles und erhellen das Selbstbild, das Amerika so gern von sich zeichnet.

Von Sandra Kegel

Es ist der rigorose Ton und ihr skeptischer Blick auf die Wirklichkeit, der Joan Didions Schreiben prägt, seit sie in den sechziger Jahren als Journalistin der "Vogue" die publizistische Bühne betrat. In der Verschränkung aus Betrachtung, Sinnlichkeit und Klarsicht sind ihre Texte immer auch Lehrstücke über das Schreiben selbst. Auch deshalb hat ihr berühmtestes Buch, "Das Jahr magischen Denkens" von 2005, so viele Menschen berührt. Weil es erinnernd, trauernd und analytisch den Tod ihres Mannes John Gregory Dunne radikal offen beschrieb, ohne indiskret zu sein.

Dabei wurde die 1934 in Sacramento geborene Autorin nicht immer nur gefeiert von der amerikanischen Kritik. Als Joan Didion lange vor dem "Jahr magischen Denkens" 1992 eine Sammlung journalistischer Essays unter dem Titel "After Henry" veröffentlichte, musste sie einiges an Tadel einstecken. Der Essayband, dem eine persönliche Widmung an ihren frühverstorbenen Lektor Henry Robbins vorangestellt ist, gliedert sich in drei Teile: "Washington", "Kalifornien" und "New York". Die Überschriften bezeichnen jeweils den Raum, dem die versammelten Texte, überwiegend für die "New York Review of Books" sowie den "New Yorker" verfasst, zuzuordnen sind.

Neben einem Text über den Wahlkampf der demokratischen Partei findet sich unter "Washington" etwa eine Analyse des Regierungsantritts Ronald Reagans und der damit einhergehenden "Californication" des Weißen Hauses, lange bevor eine Fernsehserie den Begriff prägte. Die titelgebende Erzählung "Sentimentale Reisen" wiederum, der einzige Text über New York, rückt am Beispiel einer Vergewaltigung im Central Park und des anschließenden Gerichtsprozesses die trügerische Selbstwahrnehmung einer ganzen Stadt, Schwarzer wie Weißer, ins Zentrum. Das kalifornische Kapitel schließlich versammelt Texte über die Gefühlsgemengelage der Westküstenbewohner, von der verdrängten Angst vor dem "big one", dem großen Erdbeben also, über die ständige Präsenz der Feuer bis zur Illusionsmaschine Hollywood.

Interessanterweise war es seinerzeit ein New Yorker Kritiker, der Didion vorwarf, mit seiner Stadt zu hart ins Gericht zu gehen. Während ein Kollege aus der Hauptstadt monierte, sie verstünde zu wenig von Politik, um über Washington zu schreiben. Dass die Kritiker sich berufen fühlten, eine Stadt oder ein Milieu gegen eine Autorin zu verteidigen, die zugezogen oder ortsfremd war, belegt dabei gerade die Wirkmacht der Didionschen Texte, die einen anderen, beunruhigenden Blick auf das gesellschaftliche und politische Personal ihrer Gegenwart wirft.

Als Didion zu schreiben begann, erforschte sie die Hippie- und Frauenbewegung, ging auf Wahlkämpfe, besuchte Filmpremieren und porträtierte die Prominenz ihrer Heimat, des amerikanischen Westens. Rasch wurde sie zu einer der berühmtesten Vertreterinnen des amerikanischen New Journalism, dessen subjektiv geprägte Form des Berichtens nahtlos in Literatur übergeht.

Dieser Zugang prägt auch diese, von Mary Fran Gilbert, Karin Graf, Sabine Hedinger und Eike Schönfeld ins Deutsche übertragenen Essays. Immer verortet sich die Autorin selbst in ihren Texten, ob sie über den Bürgermeister von Los Angeles schreibt oder den Aufstand der Drehbuchschreiber in Hollywood. Aus der Distanz von mehr als einem Vierteljahrhundert haben die oft zwanzig oder dreißig Buchseiten langen Zeitschriftentexte aller Historizität der Ereignisse nichts von ihrer Brillanz verloren. Allein ein Text wie "Im Reich des Fischerkönigs", der die Stimmung im Weißen Haus Anfang der achtziger Jahre einfängt, ist von zeitloser Bedeutsamkeit.

Die Eigentümlichkeit dort habe dabei weniger mit der "Leere in seinem Inneren zu tun", wie Didion schreibt, als vielmehr mit der "gewaltigen Fliehkraft", die dadurch an den Außenseiten freigesetzt worden sei. Reagan füllte die politischen Räume mit großen Erwartungen. Die Bürokratie legte sich die knappe, "lakonische Sprechweise eines John-Ford-Darstellers" zu, und eine Gruppe Industrieller finanzierte Reagans Gastspiel in Washington als "Risikokapitalinvestition". Dann lenkt Didion das Augenmerk auf Nancy Reagan, die einstige Schauspielerin, die sich auch im Weißen Haus keinesfalls mit einer Statistenrolle abgeben will.

Ihre "Westerness" habe mit dem herrschenden Stil der Ostküste gebrochen, resümiert sie. Denn die im März dieses Jahres verstorbene Präsidentengattin führte das kalifornische ancien régime in Washington ein. Das drückt sich für die geborene Kalifornierin Didion nicht nur in teurer Kurort-Kleidung sowie auffälligen Schmuckstücken, Frisuren und Teppichböden aus, sondern auch im gesellschaftlichen Umgang. Es ist aufschlussreich, wenn Didion die strikten Regeln eines Dinners à la californienne beschreibt, mit all den Spitzendeckchen und Fingerschälchen, die da zum Einsatz kommen, und bei dem von den Damen erwartet wird, spätestens nach dem Dessert zum Kaffee in die höhere Etage zu verschwinden. Als Produkt des Hollywoodsystems sei auch die First Lady für Nancy Reagan eine Rolle gewesen, glaubt Didion, weshalb sie wie selbstverständlich geliehene Kostüme behielt: Kleider sah sie als eine "Produktionsausgabe", genauso wie die Möbel oder Autos, die sie einst nach Drehschluss mit nach Hause nahm. Dass die First Lady im Weißen Haus gefürchtet war wie sonst nur der Stabschef, führt Didion ebenfalls auf ihre Sozialisation zurück, die in der Filmwelt stattfand und also unterentwickelt gewesen sei: Aus ihrer "kleinmädchenhaften Angst, übergangen zu werden" - Nancy Reagan sammelte Kränkungen wie andere Zierteller -, habe sie einen sozialen Wahn entwickelt. Nicht nur von Frau Gorbatschow erwartete sie, dass man sich ihr beugte.

Das System Hollywood zieht sich insbesondere durch die kalifornischen Texte: wenn Didion der unheimlichen Nähe zwischen Filmbusiness und Verbrechen nachgeht, deren reale Drehbücher bisweilen wie Filme der Schwarzen Serie klingen, oder sie die Auswüchse des Häusermarkts am Beispiel der Residenz des Fernsehproduzenten Aaron Spelling aufspießt. Auch auf den Fall der entführten und später zu ihren Kidnappern übergelaufenen Verlagserbin Patricia Hearst geht sie ein. Immer aber stellt sie dem Sensationellen kleine Beobachtungen zur Seite, etwa wenn sie darüber räsoniert, was es heißt, in Los Angeles die meiste Zeit des Tages allein im Auto zu verbringen.

"Diese Stunden unterwegs haben etwas verführerisch Unverbindliches", glaubt Didion, mit den immergleichen Geräuschen, Washcentern und pastellfarbenen Bungalows. Aus dem Gedanken entwickelt sie so etwas wie eine Anthropologie der amerikanischen Küstenbewohner. Für viele Einwohner von Los Angeles seien diese Trancestunden der Tiefpunkt des Daseins, doch nichts dränge sie nach "einem erzählerischen Rahmen". Darin liegt für sie ein signifikanter Unterschied zu dem ständig sich in Erzählungen vergewissernden New York.

Dass Joan Didion als Journalistin oft unterschätzt worden ist, sei ihr größter Vorteil gewesen, hat sie einmal gesagt. Weil sie so unscheinbar sei, auf so "neurotische Weise um Worte verlegen", hätten die Menschen vergessen, dass ihr Interesse ihnen auch schaden könne. "Denn eines sollte man nie vergessen, dass Autoren einen am Ende immer ans Messer liefern." Tatsächlich sind diese Essays von schneidender Brillanz.

Joan Didion: "Sentimentale Reisen". Essays.

Aus dem Amerikanischen von Mary Fran Gilbert, Karin Graf, Sabine Hedinger und Eike Schönfeld. Ullstein Verlag, Berlin 2016. 336 S., geb., 22,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Rezensentin Sandra Kegel rühmt die schneidende Brillanz der Essays von Joan Didion, die laut Kegel auch nach 25 Jahren noch als Anthropologie amerikanischer Küstenbewohner taugen. Wenn die Autorin in rigorosem Ton und mit skeptischem Blick, Sinnlichkeit und Klarsicht vereinend die Regierung Reagan analysiert, die Vorurteile der New Yorker oder die Illusionsfabrik Hollywood, spürt Kegel die Autorin in der Nähe. In kleinen Beobachtungen neben dem Sensationellen ist sie für Kegel in diesen Texten präsent.

© Perlentaucher Medien GmbH