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Wovon dieses Buch auch erzählt, was es auch einkreist, fixiert und beschreibt, immer geht es um eine Neubewertung des uns Vertrauten. In der Literatur wie in der Malerei, auf der Bühne, in der Politik: Als der Theater-Avantgardismus sich selbst erst so richtig zu feiern begann, sah Botho Strauß in ihm nur noch verstaubten Akademismus. Als der literarische Kanon der Bundesrepublik endlich festzustehen schien, forderte er gleich einen neuen, der Rudolf Borchardt, Konrad Weiss und Ernst Jünger einschlösse. "Man kann tun, was man will", schreibt er, "irgendwann zerbricht jede Form, und die Zeit…mehr

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Produktbeschreibung
Wovon dieses Buch auch erzählt, was es auch einkreist, fixiert und beschreibt, immer geht es um eine Neubewertung des uns Vertrauten. In der Literatur wie in der Malerei, auf der Bühne, in der Politik: Als der Theater-Avantgardismus sich selbst erst so richtig zu feiern begann, sah Botho Strauß in ihm nur noch verstaubten Akademismus. Als der literarische Kanon der Bundesrepublik endlich festzustehen schien, forderte er gleich einen neuen, der Rudolf Borchardt, Konrad Weiss und Ernst Jünger einschlösse. "Man kann tun, was man will", schreibt er, "irgendwann zerbricht jede Form, und die Zeit läuft aus ..." Das ist der Moment, den diese Aufsätze wieder und wieder festhalten. Von hier schauen sie nach vorn, in die kommende Unbestimmtheit hinein, gleichzeitig aber immer auch zurück in die Geschichte. So ist auch "Anschwellender Bocksgesang" entstanden, der, wie es regelmäßig heißt, umstrittenste, folgenreichste und damit wichtigste Essay der letzten siebzig Jahre; das gleiche lässt sich von diesem essayistischen Werk aber auch im ganzen sagen. Für dieses Buch hat Botho Strauß es vollständig neu geordnet und überarbeitet.

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  • Produktdetails
  • Verlag: Rowohlt Verlag GmbH
  • Seitenzahl: 400
  • Erscheinungstermin: 15.09.2020
  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783644001428
  • Artikelnr.: 59384787
Autorenporträt
Botho Strauß, geboren 1944 in Naumburg/Saale, zählt zu den bedeutendsten Dramatikern und Essayisten unserer Zeit. Sein Werk wurde mit vielen Preisen gewürdigt, darunter auch mit dem Büchner-Preis. Er lebt in der Uckermark und in Berlin.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Rezensent Peter Laudenbach ist überzeugt, dass Botho Strauß mit seinen gesammelten Essays provozieren wollte. Weil dessen Pose des kulturpessimistischen Reaktionärs für ihn aber alles andere als neu ist, war der Kritiker weniger vom Inhalt als vom Stil der neueren Texte schockiert. Konnte Laudenbach vor allem unter Strauß' alten Theateranalysen noch einige feinsinnige Beobachtungen entdecken, erscheinen ihm die jüngeren Texte als larmoyant vorgetragenes Eigenlob, etwa wenn der Autor nicht davor zurückschreckt, sich mit Hölderlin zu vergleichen. Die bewusste Altertümelei führt dabei zu nichts anderem als schlechtem Deutsch, schließt der Rezensent.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 17.09.2020

Unter dem Siebengestirn
Der Geist denkt rechts? Essays aus vier Jahrzehnten führen die Denkfiguren
und Selbstwidersprüche des stolzen Reaktionärs Botho Strauß vor
VON LOTHAR MÜLLER
Ein Selbstzitat ist dem neuen Buch von Botho Strauß aufgedruckt: „In der Ferne tuten die kleinen Signalhörner und warnen, dass eine Sprengung bevorsteht.“ In dem Prosaband „Beginnlosigkeit“ (1992), dem der Satz entstammt, war von der Sprengung in einer Schlucht die Rede. Jetzt ist den Signalhörnern die Ortsbindung abhandengekommen, die an Steinbrüche oder Talsperren denken ließ. Ihr Echoraum ist nun das große Ganze der Jetztzeit. Geblieben ist die Erwartungsspannung, die Ahnung der Disruption. In geschwungenen Kurven schwebt das Zitat über dem Autornamen und dem Titel: „Die Expedition zu den Wächtern und Sprengmeistern. Kritische Prosa.“
Wohin führt die Expedition? Nahezu ausschließlich ins eigene Werk. Das gesamte Buch ist ein Selbstzitat, von Porträts, Essays und Interventionen aus vier Jahrzehnten, viele sind schon mehrfach gedruckt. Es mag sein, dass der Verlagswechsel des Autors von Hanser zu Rowohlt diese Neuauflage befördert hat. Doch vor allem bekräftigt hier ein Autor durch Summierung und Wiederholung sich selbst.
Der älteste Essay stammt vom Mai 1986. Unter dem Titel „Der Geheime“ porträtiert er den langjährigen Dramaturgen der Berliner Schaubühne, Dieter Sturm, als Wissensspeicher und Genie der mündlichen Lehre. Das Porträt hatte eine Rückseite. In ihr betrat der zeitkritische Polemiker Botho Strauß die Bühne, der seither „der allesdurchdringenden, allesmäßigenden Öffentlichkeit“ und ihrer „plündernden, brandschatzenden Kultursoldateska“ periodisch die Leviten liest. Aus dem Geheimen des späten Printzeitalters, der über den Austausch der Gegenwart mit der Vergangenheit wacht, ist der „Desperado der Digitalgesellschaft“ geworden.
Hellsichtig formulierte Strauß in diesem Essay en passant die Diagnose eines Umschlags, der sich im Rückblick als
generationstypisches Konversionsmuster lesen lässt: „Die Anti-Haltung, der tief eingeimpfte, unüberwindliche Affekt der ersten Protestgeneration, wandert durch die persönliche Gemütsgeschichte, kehrt sich gegen die eigenen Anfänge und erhält sich schließlich als eine antirevolutionäre. Kaum anzunehmen, dass diese Haltung jemals die Befangenheit, den Bannzirkel des provokativ Oppositionellen verlassen und eine gelöste, souveräne Konfession hervorbringen könnte.“
In der Rubrik „Theater“ dieser Neuauflage kann, wer sie noch nicht kennt, die schönen, detailreichen, manchmal fast innigen Reminiszenzen von Botho Strauß an die Gefährten der frühen Jahre nachlesen, darunter Peter Stein und Jutta Lampe, Verstorbene wie Peter Lühr, Luc Bondy, Otto Sander, Karl Ernst Herrmann und Bruno Ganz. In diesen Porträts dämpft der elegische Abschied vom Schauspieler-Theater den Ton der Polemik gegen den Verlust von Aura, Stil und Fest bei den Nachgeborenen. Und auch in den Kommentaren zur bildenden Kunst – zu Gerhard Richter, dem schottischen Maler Christopher Orr, dem Norweger Odd Nerdrum und vor allem zu Henri Matisse – geht es auch dann physiognomisch konkret zu, wenn der Bildbeschreiber zum Satiriker wird: „Was ist stark genug, Bild-Keil genug, um sich zwischen uns und den Design-Müll zu schieben, zwischen uns und diese ansteigende Halde von ausgelöffelten Joghurtbechern?“
Der eine neue Text in diesem Buch ist auf 2019 datiert. Er heißt „Sprengsel“ und ist der Fluchtpunkt der Rubrik „Zeitgeschehen“, die durch den – hier zum fünften Mal gedruckten – Essay „Anschwellender Bocksgesang“ eröffnet wird. In den Notizen zu Henri Matisse gibt es „die Details, in denen nur deshalb der Teufel steckt, weil sie eben Details sind. Einzelheiten, Sprengsel, Abspaltungen, Sonderheiten.“ Im Echoraum des Titels sind die Sprengsel aber auch mit den Signalhörnern und den Sprengungen verwandt. Es sind Notizen der Selbstvergewisserung eines deutschen Schriftstellers, der gelegentlich als „der letzte Deutsche“ auftritt.
Seit dem Essay „Der Aufstand gegen die sekundäre Welt“ (1991) singt Botho Strauß das Loblied des Reaktionärs. Statt als Rückschrittler will er ihn als Figur der Neuerschließung verblasster, verlorener Vergangenheiten verstanden wissen. Reaktionäre treten nach gelungenen Revolutionen auf, ästhetischen wie politischen. Zunächst war bei Strauß der Reaktionär der Statthalter verlorener Sprachschichten und ästhetischer Formen. Auf die politische Rechte war er nicht festgelegt. Das hat sich geändert. Mehr und mehr sind – nachzulesen in diesem Band –„der Rechte“ und „der Reaktionär“ miteinander verschmolzen.
In einer Buchreihe, die nach den Pleiaden benannt ist, kanonisieren die Franzosen ihre Klassiker. Ähnlich bannt Botho Strauß seine Rangordnung der deutschen Literatur in ein Sternbild: „Bei allem Fehl und Tadel im Einzelfall: Es gibt ein Siebengestirn der geistigen Rechten – Jünger, Benn, Schmitt, Borchardt, Heidegger, George, Hofmannsthal –, das über der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts aufging und überlegen strahlte, bis heute nicht nachlassend, entgegen dem Klischee, der Geist und das Gute stünden notwendig links.“
Warum ist die Kanonisierungsgeste so eng an das Links-Rechts-Schema gekoppelt? Könnte das Siebengestirn nicht auch leuchten, ohne partout ein linkes Klischee überstrahlen zu müssen? Rudolf Borchardt wurde 1968, als die Theaterkritiken von Botho Strauß noch Zitate aus den antikolonialistischen Schriften von Frantz Fanon als Motto trugen, von Theodor W. Adorno und Helmut Heißenbüttel für das nachkriegsdeutsche Publikum neu entdeckt. Alfred Andersch bewunderte Ernst Jüngers Prosa und trat als Repräsentant der „Jüngerschen Linken“ auf. Wer meint, das Klischee, der Geist stehe notwendig links, habe je widerspruchslos geherrscht, verfällt selber einem Klischee.
Der Polemiker Botho Strauß zahlt für seine negative Fixierung auf die Linke einen nicht geringen Preis. Freud, Wittgenstein, Thomas Mann, Adorno und Musil, die lange zu seinem ästhetischen Kosmos zählten, verschwinden in der Anonymität der vom Siebengestirn Überstrahlten. Ganze Regionen, die einmal Teil des eigenen Aufbruchs zur Autorschaft waren, sind ferngerückt. „Wir waren einmal: die Sensibilisten. Waren die Nacht- und Traumseite dieses amusischen Achtundsechzigertums, auch eine Jugend-, eine Pop-Bewegung, die vieles erfand und eröffnete in Film, Musik, Literatur und Underground, vieles neu rezipierte, Hesse, Robert Walser, Brinkmann, Handke, Hitchcock, Straub, Godard.“ So las man es noch 2002 in der brüderlich gestimmten Hommage an den Regisseur Luc Bondy. Jetzt scheint Strauß nur noch die Schwundstufe der großen Pop- und Rockballaden zu kennen: „Keine Song-Lyrik mehr mit ihrem Alltagsgebarme und ihrem Aufsässigkeitskitsch.“
Die Feier des Siebengestirns hat eine Rückseite, in der Strauß das Links-Rechts-Schema zeithistorisch auslegt: „Dem Populistischen und Populären lief immer zuwider der höhere Reflexionsgrad linker Kritik. Das Niveau, das sie einst beherrschte, doch seit Langem geräumt hat, sollte nun für die Kritik von rechts verpflichtend sein. Im Gegensatz zur Linken, die noch für ihre verbrecherischen Radikalisierungen offene oder geheime Sympathien bei führenden Intellektuellen fand, gibt es für den traditionalen Rechten einen kategorischen Gegner von Anfang an, nämlich den Rechtsradikalen.“ Mit den verbrecherischen Radikalisierungen der Linken dürfte, was die Epoche des Siebengestirns betrifft, der Stalinismus, im Blick auf die Nachkriegsbundesrepublik die RAF gemeint sein. Wenn Strauß den linken Intellektuellen, die hier akklamierten, den „traditionalen Rechten“ als verlässlichen Gegner jedweden Rechtsradikalismus gegenüberstellt, ist das kein empirisch-historischer Befund. Es ist eine normative Setzung.
Sie knüpft an eine Grenzziehung im „Anschwellenden Bocksgesang“ an: „Der Rechte ist vom Neonazi so weit entfernt wie der Fußballfreund vom Hooligan, ja mehr noch: der Zerstörer innerhalb seiner Interessensphäre wird ihm zum ärgsten, erbittertsten Feind.“ Was heißt das historisch, was heißt das aktuell? Und vor allem: hat diese Feinderklärung Konsequenzen für die Texte, in denen sie formuliert wird?
Im Deutschland des Jahres 2019, dem Entstehungsort der Sprengsel, war die Aufsprengung des Parteiensystems der Berliner Republik durch die AfD längst erfolgt. Aus der Mainstream-zentrierten Konsensgesellschaft, die in den Texten von Strauß noch intakt ist („Keiner sagt etwas, das nicht ebenso alle sagen könnten“), ist in den vergangenen Jahren ein Deutschland voller Spannungen und innerer Feinderklärungen herausgetreten. Seit den NSU-Morden gibt es hierzulande einen Rechtsterrorismus, dessen mörderische Energie dem des RAF-Terrorismus nicht nachsteht. Das macht die Feinderklärung des „traditionalen Rechten“ gegenüber dem Rechtsradikalen dringlich.
An drei Namen im „Siebengestirn der geistigen Rechten“ lässt sich verdeutlichen, worum es geht. Der erste Name ist Rudolf Borchardt. Er ist das Musterbild des sprachschöpferischen Reaktionärs. Mit seinen furiosen „Jamben“ reagierte er 1935 im italienischen Exil mit den Mitteln der Dichtung auf die Rassegesetze der Nationalsozialisten. Borchardt, der Verächter der Weimarer Republik, hat in seinem Spätwerk die Feindschaft des Rechten gegen den Rechtsradikalismus, die Botho Strauß proklamiert, gegen das nationalsozialistische Deutschland poetisch exekutiert. Borchardt ist der Reaktionär, der in vielleicht möglichen, aber verfehlten Vergangenheiten denkt, dem das fantastisch Historische näher ist als die reale Vergangenheit. Er setzt die Norm und das Maß für die von Strauß in Anspruch genommene Figur des „traditionalen Rechten“.
Der zweite Name ist Martin Heidegger. Strauß, erklärter „Anhänger der schön bemessenen, der schonend erschließenden Prosa des Philosophen“, hat seine Rezension zu Band 81 der Heidegger-Gesamtausgabe in die „Expedition zu den Wächtern und Sprengmeistern“ aufgenommen. Über Heideggers „gedichtetes Denken“ schreibt er: „Was er nach Art des Mystikers schweigend sagt, mag auf andere so belebend wie verletzend wirken. Es distanziert ihr bestes Meinen zu rhetorischem Außengeplänkel. Ja, es zeigt an, wie fortschreitend äußerlich wir geworden sind, alles in allem, nicht zuletzt infolge der maßlosen Politisierung des Denkens nach Hitler.“
Nach Hitler? Ein Zeitzeuge, auf den das Schweigen des Philosophen verletzend wirkte, weil es seine Rektoratsrede des Jahres 1933, seinen Eintritt in die NSDAP und seine zeitweilige Bewunderung für Hitler einschloss, war der Dichter Paul Celan. Die Begegnung zwischen Heidegger und Celan am 25. Juli 1967 in Todtnauberg, in der im Hochmoor des Schwarzwalds gelegenen Hütte des Philosophen, gehört zu den abgründigsten Ereignissen der jüngeren deutschen Literaturgeschichte. Celans Gedicht „Todtnauberg“ ist daraus hervorgegangen. Es hält die Hoffnung fest, die Celan in Heideggers Hüttenbuch geschrieben hatte, die „Hoffnung, heute, auf eines Denkenden / kommendes Wort“. Band 81 der Gesamtausgabe enthält das in Versen gesetzte Vorwort, mit dem Heidegger das Gedicht Celans versah, ohne dessen Hoffnung zu erfüllen.
Botho Strauß spricht von der „Unruhe, die Heidegger seinerzeit befiel und ihn dem Willen zur Macht und zur eigenen (akademischen) Machtergreifung zuführte“. Die Unruhe endete mit dem Rücktritt vom gescheiterten Rektorat. „Die Abkehr musste nicht eigens moralisch ausgesprochen werden und konnte es auch nicht,“ kommentiert Strauß und fügt mit Blick auf Celans Gedicht hinzu: „Bekanntlich wurde Celans Hoffnung ,auf eines Denkenden kommendes Wort‘ gern im Sinne einer politischen Mahnung ausgelegt, während nun Heidegger das Betreiben in den Zeilen seines Gastes ohne Replik lässt, stattdessen ,in die gestiftete Stille und Welt‘ seiner Hütte umleitet und in die ,Zuflucht erneuten Vertrauens‘ auslaufen lässt.“
Nein, so war es nicht. Es war nicht eine moralisierte und politisierte bundesrepublikanische Öffentlichkeit, die Celans Hoffnung im Sinne einer politischen Mahnung auslegte. Es war Celan selbst, der nach der Begegnung mit Heidegger an seine Frau Gisèle Celan-Lestrange schrieb: „Ich hoffe, dass Heidegger zur Feder und einige Seiten schreiben wird, die sich auf das Gespräch beziehen und angesichts des wieder aufkeimenden Nazismus auch eine Warnung sein werden.“
Es blieb bei Heideggers Schweigen. Man braucht kein Links-Rechts-Koordinatensystem, um in der hartnäckigen, aussichtslosen, enttäuschungsresistenten Hoffnung Celans auf ein Wort Heideggers statt einer Allerweltsmoral das existenzielle Moment zu erkennen. Wo, wenn nicht hier, müsste die salvatorische Siebengestirn- Klausel – „bei allem Fehl und Tadel im Einzelfall“ – am Einzelfall erörtert werden?
Die dritte Schlüsselfigur des Siebengestirns, die Licht auf die Denkbewegungen von Botho Strauß fallen lässt, ist Carl Schmitt, der in seiner Schrift „Der Begriff des Politischen“ (1927) die Unterscheidung von Freund und Feind als die eigentlich politische Unterscheidung definierte und eng mit der Fundamentalkritik am „Liberalismus“, am „liberalen Rechtsstaat“, am „liberalen Denken“ verknüpft. Schmitt, Staatsrat des Dritten Reiches, unterminiert das Rechts-Links-Schema, auf das Botho Strauß so energisch zurückgreift. In der Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik war er hier wie dort Fixstern. Radikale Linke wie radikale Rechte haben sich sein Freund-Feind-Schema zu eigen gemacht, viele seine Verächtlichmachung des Liberalismus und des Alltags der repräsentativen Demokratie übernommen.
Bei Botho Strauß ist der „liberale Kritiker“ mit dem nihilistischen Versucher identisch, die „Liberalität“ gehört samt Toleranz und Emanzipation zur Sphäre des politisch Korrekten, der seine tiefe Verachtung gilt, und wenn es um Menschenrechte geht, dann allein um den „Kitsch der Minderheiten und der Menschenrechte“. Im Essay über Luc Bondy spricht Strauß von seinen „illiberalen Proklamationen“.
Dieser Illiberale hat anders als der „Rechte“ kein Gegenüber. Einen Republikaner und Liberalen, den er als substanziellen Widerpart ernst nehmen könnte, kennt Botho Strauß nicht. In der Gegenwart schon gar nicht, und in der Vergangenheit scheint keine Hannah Arendt und kein Helmuth Plessner seinen Weg folgenreich gekreuzt zu haben. So muss einstweilen Rudolf Borchardt daran erinnern, dass ein sprachschöpferischer Reaktionär, der dem Rechtsradikalismus seine Feindschaft erklärt, damit eine poetische – und politische – Selbstverpflichtung eingeht.
Botho Strauß: Die Expedition zu den Wächtern und Sprengmeistern. Kritische Prosa. Rowohlt Verlag, Hamburg 2020. 320 Seiten, 26 Euro.
Notizen der Selbstvergewisserung
eines Schriftstellers, der als
„der letzte Deutsche“ auftritt
„Keine Song-Lyrik mehr mit
ihrem Alltagsgebarme und ihrem
Aufsässigkeitskitsch“
In Celans Hoffen auf „eines
Denkenden kommendes Wort“
liegt ein existenzielles Moment
Bei Strauß ist der „liberale
Kritiker“ mit dem nihilistischen
Versucher identisch
Der Schriftsteller und Kulturkritiker Botho Strauß, 1944 in Naumburg an der Saale geboren.
Foto: Ruth Walz
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