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Warschau 1939: Leutnant Konstanty Willemann, vor dem Krieg ein Bonvivant und Dandy, streift durch die zerbombte, soeben noch blühende Stadt, in der die deutsche Besatzung alle Freiheit erstickt. Konstanty, väterlicherseits selbst Deutscher, betäubt sich mit Alkohol und Morphin – denn er ist zerrissen zwischen seinem versehrten Vater und seiner fanatischen Mutter, und er ist noch mehr zerrissen zwischen seinem unsteten Leben mit rauschhaften Nächten bei der jüdischen Edelprostituierten Salomé und der Sorge um die Zukunft seiner Familie, um seine Ehefrau und den vergötterten kleinen…mehr

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Produktbeschreibung
Warschau 1939: Leutnant Konstanty Willemann, vor dem Krieg ein Bonvivant und Dandy, streift durch die zerbombte, soeben noch blühende Stadt, in der die deutsche Besatzung alle Freiheit erstickt. Konstanty, väterlicherseits selbst Deutscher, betäubt sich mit Alkohol und Morphin – denn er ist zerrissen zwischen seinem versehrten Vater und seiner fanatischen Mutter, und er ist noch mehr zerrissen zwischen seinem unsteten Leben mit rauschhaften Nächten bei der jüdischen Edelprostituierten Salomé und der Sorge um die Zukunft seiner Familie, um seine Ehefrau und den vergötterten kleinen Sohn.
Doch dann schließt Konstanty sich dem Widerstand an. Getarnt mit der väterlichen Uniform und tadellos Deutsch sprechend, wagt er immer riskantere Aktionen und lernt sich bald besser kennen – als einen erschreckend anderen. Eine konspirative Reise mit der undurchschaubaren Adeligen Dzidzia führt ihn durch eine Vorhölle verwüsteter Landschaften in das noch heile Budapest. Die Fahrt wird für Konstanty zur Prüfung, ob er sich dem Untergang, der Warschau ergriffen hat und ihn selbst mitzureißen droht, noch entziehen kann ...
Sinnlich und radikal erzählt Szczepan Twardoch die Geschichte eines faszinierenden, schillernden Helden und entwirft ein großes Panorama der vom ersten Beben des Zweiten Weltkriegs erschütterten Zeit – voller Erinnerungen an die unwiederbringlich zerstörte Schönheit, voll unvergesslicher Szenen, wie Konstanty Willemann durch ein Fegefeuer zu sich selbst findet. Ein virtuoser, atemloser und gewaltiger Roman.

Dieser Download kann aus rechtlichen Gründen nur mit Rechnungsadresse in A, B, CY, D, DK, EW, E, FIN, F, GB, GR, IRL, I, L, M, NL, P, S, SLO, SK ausgeliefert werden.

  • Produktdetails
  • Verlag: Rowohlt E-Book
  • Seitenzahl: 592
  • Erscheinungstermin: 07.03.2014
  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783644117013
  • Artikelnr.: 40513883
Autorenporträt
Szczepan Twardoch

Szczepan Twardoch, geboren 1979, ist einer der herausragenden Autoren der polnischen Gegenwartsliteratur. Mit «Morphin» (2012) gelang ihm der Durchbruch, das Buch wurde mit dem Polityka-Passport-Preis ausgezeichnet, Kritik und Leser waren begeistert. Für den ebenfalls hochgelobten Roman «Drach» wurden Twardoch und sein Übersetzer Olaf Kühl 2016 mit dem Brücke Berlin Preis geehrt. Bei polnischen Lesern wie Kritikern übertraf «Der Boxer» diese Erfolge sogar noch. Szczepan Twardoch lebt mit seiner Familie in Pilchowice/Schlesien.

Olaf Kühl

Olaf Kühl, 1955 geboren, studierte Slawistik, Osteuropäische Geschichte und Zeitgeschichte an der Freien Universität Berlin und ist vor allem als Übersetzer aus dem Polnischen und Russischen bekannt. 2005 wurde er mit dem Karl-Dedecius-Preis für sein polnisch-deutsches Übersetzungswerk ausgezeichnet. Seit 1996 ist er Russlandreferent des Regierenden Bürgermeisters von Berlin. 2011 erschien Olaf Kühls Debütroman «Tote Tiere».

Rezensionen
Ein Roman, der in seiner Wucht und Anschaulichkeit alles hinter sich lässt, was im Genre des zeithistorischen Romans üblicherweise angeboten wird.

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Rezensent Jens Bisky würdigt Szczepan Twardochs nun auch auf Deutsch erschienenen Roman "Morphin" mit einer hymnischen Besprechung. Selten hat der Kritiker einen derart gewaltigen und eindringlichen zeithistorischen Roman gelesen wie diese Geschichte um den jungen Konstanty Willemann, dessen Leben mit Frau und Kind, Huren, Wein und Wodka ein schlagartiges Ende nimmt, als Warschau von den Nazis besetzt wird, er sich vom polnischen Widerstand rekrutieren lässt und nach Budapest reist. Der Rezensent taucht hier in eine Welt zwischen "Kneipe und Kopulation" ein, bewundert an Tarantino geschulte erotisch flimmernde Episoden, ist ganz hingerissen von Twardochs ebenso derb-sarkastischer wie zärtlich-eleganter Kunst der "Knalleffekte" und lobt nicht zuletzt das Talent des Autors, die expressionistische Ästhetik der Zeit einzufangen. Und dass dieses wunderbare Buch dann auch noch derart brillant von Olaf Kühn ins Deutsche übertragen wurde, stimmt den Rezensenten vollends glücklich.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 27.02.2014
Diesen Mann ohne Eigenschaften treiben allein die Sucht und der Sex um
Der Krieg ist das Unästhetische: Szczepan Twardoch hat einen provokanten Roman über die deutsche Besetzung Warschaus geschrieben

Die "gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit" zwischen Polen und Deutschland hat sich seit dem entsprechenden Vertrag 1991 erfreulich entwickelt. Jedoch zeigt sich immer wieder einmal, jüngst in den Reaktionen auf die ZDF-Serie "Unsere Mütter, unsere Väter", dass der Versöhnungsprozess noch längst nicht abgeschlossen ist. Insbesondere sorgt jeglicher Anschein der Herabsetzung des Widerstands gegen die deutschen Besatzer in Polen für Empörung, vor allem bei Älteren. Das große Interesse, das der neue Roman des 1979 im schlesischen Zernicy geborenen Szczepan Twardoch erweckt hat, zeigt aber, dass das Thema auch für Jüngere nicht abgetan ist.

Die Handlung von "Morphin" spielt im September und Oktober 1939, von der Besetzung Warschaus über die territoriale Teilung Polens bis zum ersten Aufruf der Judenzählung unter dem Generalgouverneur Hans Frank. Den dreißig Jahre alten Ich-Erzähler Konstanty Willemann findet der Leser am vierzehnten Tag der Einnahme der polnischen Metropole in erbärmlicher Katerstimmung vor. Das kommt nicht nur von der Morphinabstinenz und den vier Flaschen Wein, die er am Vorabend einsam singend und weinend getrunken hat, sondern auch von seiner Demoralisierung angesichts der demolierten Stadt.

Obwohl Schlesier, versteht er sich nämlich als vorzüglicher Liebhaber Warschaus. Der "lächerliche kleine Krieg" aber hat sein von der Mutter finanziertes Leben als Bonvivant und Frauenheld zerstört. Nun betrachtet er die Stadt als vergewaltigt und geschändet. "Ich bin sehr erschöpft, und über meine Stadt herrschen die Deutschen." Mit Patriotismus hat das wenig zu tun. Als Leutnant bei den Ulanen war er kurz und wirkungslos an der Front, nach der Kapitulation hat er sich von der Truppe abgesetzt. "Ich sah mich damals nicht als Offizier oder Patriot, der fürs Vaterland zu sterben bereit war, ich empfand mich als ein Blatt, das vom Strom getragen wird."

Eigentlich ist unser Held ein ostpreußischer Adeliger, Graf Strachwitz von Gross-Zauche und Camminetz. Seine seltsame Mutter aber, passionierte Leserin des obszönen Werks von Georges Bataille, hat ihn zu einem Polen der besonderen Art erzogen, der adelige Affekthemmung wie die bürgerliche Moral hinter sich gelassen hat, um seine sexuellen Begierden ungehemmt auszuleben, vorzugsweise bei raffinierten Huren wie Sala, einer rothaarigen Jüdin, die er Salomé nennt oder Jauchegrube, die er malt und liebkost oder der er mit Nietzschekenntnissen ins Gesicht schlägt; "so muss man mit ihr reden, habe die Peitsche nicht vergessen, da ich zur Frau gehe". Wie er Pole zu werden sei nicht schwer: "Sie nehmen jeden. Ihrem Polentum schmeichelt jeder Deutsche, der Pole werden wollte, denn insgeheim verachten sie sich selbst."

Aber auch er schwankt je nach Morphin-, Kokain- und Alkoholspiegel zwischen Grandiosität und Selbstverachtung. "Ich bin Konstanty Willemann", sagt er unzählige Mal im Verlauf des Romans, was seine instabile Identität und Willensschwäche nur unterstreicht. Er ist alles nur teilweise, ein halbherziger Künstler, ein halber Ehemann seiner schönen Hela mit dem vom NS-Bildhauer Josef Thorak bewunderten sportlich-germanischen Körperbau, ein schlechter Vater seines Sohns Jureczek, ein falscher, betrügerischer Freund seinem Schulkameraden Jacek, dem Arzt, dem er das Morphin abluchst und dessen Frau Iga er schändet. Ein Mann ohne Eigenschaften, umgetrieben nur von Sucht und Sex, "Verschwender, Hurenbock und Morphinist".

Die Darstellung Warschaus hinterlegt Twardoch mit Anspielungen auf die dekadente Szenerie der expressionistischen Darstellung des Großstadtlebens im frühen zwanzigsten Jahrhundert bei Egon Schiele oder Ernst Ludwig Kirchner. Auch in den erzählerischen Mitteln greift der Autor virtuos auf die Techniken des modernistischen Romans zurück. Der Einsatz von innerem Monolog, Bewusstseinsstrom und erlebter Rede erinnert an Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" (1929) und auch an Joyces "Ulysses" (1922). Wie Leopold Bloom oder Franz Biberkopf ist Konstanty Willemann ein Antiheld, der sich in den Straßen der großen Stadt treiben lässt. Die Rolle der Drogen im Buch und sein Titel verweisen zudem auf Pitigrillis Roman "Cocaina" (1921).

Eher zufällig verschlägt es Konstanty in den beginnenden Widerstand. Nach einigem Zögern wechselt er wieder die nationale Identität, mit seinem Wiener Tonfall eignet er sich für den konspirativen Einsatz in Budapest. "Polen braucht Ihr Deutsch, Ihren Onkel in der Wehrmacht, Ihre aristokratischen deutschen Blutsbande." Überhaupt ereignen sich unter der deutschen Besatzung lächerlich anmutende theaterhafte Identitätswechsel. Seine Mutter, die Polin aus Überzeugung, findet Konstanty nun in der Uniform der NS-Frauenschaft als Leiterin der Germanisierungsbehörde wieder. Er selbst aber steckt als Offizier der Geheimen Feldpolizei schließlich in der Montur seines Vaters. So wächst ihm unversehens der herrische Blick des Mächtigen zu. Polen ist ihm nach wie vor egal, seine Mission begreift er als Chance der Umkehr und Bewährung vor sich selbst. Mit der geheimnisvollen Adeligen Dzidzia begibt er sich auf die Reise ins noch unversehrte Budapest. Dort, im Marmor und Gold des Hotels Gellert, findet er vor allem das schöne Leben wieder. "Die Stadt verändert uns, sie macht uns wieder zu Menschen." Zurück in Warschau, aber holt ihn ein, was er vorher angerichtet hat.

Wie bei Döblin wird der Herumtreiber oft angeredet. "Also gehst du weiter, die Marszalkowska, gehst langsam, wie beim Spazieren, neben dir treiben graugrüne Uniformen die Juden zur Arbeit, und sie tun dir nicht mal besonders leid, die Juden nicht und die Antreiber auch nicht, auch du selbst tätest dir nicht leid, wenn du angetrieben wärst oder selbst antreiben würdest." Das sagt eine die Form des historischen Romans aufbrechende zweite Erzählinstanz, die kommentierend ins Geschehen eingreift. Es handelt sich um eine hybride philosophisch-mythologische Konstruktion, buddhistische Weltseele, Ich und Nicht-Ich zugleich, Seelenvogel, schwarze Substanz ausgießende Schicksalsgöttin, unkörperlich personifizierte Melancholie, jedenfalls aber um eine weibliche Instanz, die ein gewisses Interesse an Willemanns körperlichen Vorzügen zeigt.

Sie betrachtet ihren Konstanty von oben herab, immer wieder wird er als "Dummerchen" bezeichnet. Das geht dem Leser gelegentlich auf die Nerven, zumal diese Erzählstimme zunehmend weitschweifig allerlei obskure Weisheiten von sich gibt, die schließlich auf "Nichts ist für etwas" hinauslaufen. Das geschieht aber nicht ohne Ironie, das Gedächtnis der anscheinend allwissenden Erzählerin reicht zwar über Zeiten und Räume hinweg zurück in Konstantys Kindheit, in Vergangenheit und Zukunft der Menschheit, doch vertut sie sich öfter einmal und scheint im Übrigen selbst Identitätsprobleme zu haben. Sinngebung, Kausalität und moralische Bewertung verweigert auch sie. Es gibt kein Mitleid für die Opfer, keine Verurteilung der Täter und keine Bewunderung für die Helden des Widerstands. Der Roman interessiert sich nur für Individuen. Der Krieg aber erscheint in "Morphin" als das Kontingente, das alles verdirbt, die Liebe, die Freundschaft und das schöne Leben. Der Krieg ist das ultimativ Unästhetische.

Ähnlich wie in Jonathan Littells "Les Bienveillantes" (2006) wird auch in Szczepan Twardochs "Morfina" (2012) das Zynische und Dekadente, das Obszöne und auch das Sentimentale mit einem ziemlich dicken expressionistischen Pinsel aufgetragen, gelegentlich am Rande des pornographischen Kitschs. Der Versuch, die Warschauer Ereignisse im Herbst 1939 aus den Ausdrucksformen der Epoche darzustellen, anstatt realistisch zu reproduzieren, was denn unseren Müttern und Vätern im Krieg widerfuhr, ist gleichwohl faszinierend. Die reflexive Durchbrechung dieses ästhetischen Historismus jenseits der Perspektive eines mehr oder minder abseitigen Helden durch eine zweite, gelegentlich sonderbar mütterlich klingende Erzählinstanz scheint aber die Schrecken des zwanzigsten Jahrhunderts an so etwas wie Karma, eine transzendente Gesetzmäßigkeit jenseits der Lebensspanne der handelnden oder erleidenden Figuren des Romans zu verweisen.

Das erscheint eher als mystischer denn als grässlicher Fatalismus im Sinne Büchners und kommt dem Leser zudem stellenweise irritierend unernst vor. Wenn aber der Krieg das Normale ist, sollte man lieber pervers sein, befand Franz Kafka, Ernst und bürgerliche Moral helfen beim Verständnis des Schrecklichen auch nicht weiter. Twardochs zum Glück von dem stilsicheren Slawisten und Romancier Olaf Kühl ins Deutsche gebrachter Roman sucht ein atmosphärisches Verständnis jenseits der ernsthaften Konstrukte der Geschichtsschreibung und stellt damit auch die gravitätischen Stereotypen der polnischen wie der deutschen Gedenkkultur so wüst wie kunstvoll und intelligent in Frage.

FRIEDMAR APEL

Szczepan Twardoch: "Morphin". Roman.

Aus dem Polnischen von Olaf Kühl. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2014. 590 S., geb., 22,95 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 21.06.2014
Ich ist nicht irgendwer
Oder doch? Szczepan Twardoch schickt in „Morphin“
einen herrlich haltlosen Helden durch das vergewaltigte Warschau
VON JENS BISKY
Stark verkatert erwacht Konstanty Willemann. Er war Leutnant bei den Ulanen, jetzt gibt es die polnische Armee nicht mehr. Geblieben ist ihm der Alkohol: „Den dreiundfünfzigsten Tag nüchtern von Morphin. Vierzehnter Tag der Deutschen in Warschau. Einsames Trinken, nach der halben zweiten Flasche Singen ausschweifender Lieder, bei der dritten patriotische Lieder, bei der vierten Weinen, Weinen, Weinen.“
  Konstanty Willemann will fort aus der Wohnung, raus auf die Straße, hinaus ins besetzte, vergewaltigte Warschau. In dieser Stadt hat er bis vor Kurzem den Lebenstraum der Großstadtjungen zelebriert, mit Ehefrau und Sohn, mit Geliebten, Huren, Affären, mit Morphin, Wein und Wodka: ein Leben im Rausch auch der Modernität, ungebunden trotz der Ehe, nicht festgelegt, gut angezogen, mit einer Vorliebe für elegante Anzüge und Autos, alles probierend, vieles genießend.
  Er war ein junger Mann, der verschiedene Rollen erprobte, jede nur halb ausfüllte, sich keiner ganz hingab. Nun sind die Deutschen in Warschau, es ist nicht mehr seine Stadt. Seine Welt ist entschwunden, und ohne diese kann er nicht mehr er selbst sein, das Ich, das er war – mehr als ein Irgendwer. Welches Stück soll man spielen, wenn die Kulissen zerstört sind?
  Nur fünf Seiten braucht Szczepan Twardoch, und die Weltlosigkeit seines Helden steht dem Leser vor Augen. Man glaubt, Wodka zu riechen, bekommt Durst, spürt Verlorenheit, vollendete Sinnlosigkeit in der Magengegend. „Morphin“, Twardochs Roman über das Schicksal des Konstanty Willemann, erschien 2012 in Polen, wurde dort ein Bestseller, ausgezeichnet mit dem Polityka-Passport-Preis, einem der wichtigsten Literaturpreise des Nachbarlandes, und zugleich ein Buch, über das sich Linke wie Rechte stritten. Twardoch ist noch nicht einmal fünfunddreißig und hat einen Roman geschrieben, der in seiner Wucht und Anschaulichkeit alles hinter sich lässt, was im Genre des zeithistorischen Romans üblicherweise angeboten wird. Das ist, und der Leser wird von Seite zu Seite vergnügter darüber, einmal keine Illustration historischer Abläufe. Selbstbewusst tritt die Erzählung aus dem Schatten der Geschichtsschreibung, fragt, wie die quecksilbrig Modernen der Zwanziger-, Dreißigerjahre auf das Ende ihrer Welt durch den Krieg reagierten, welche Möglichkeiten sie besaßen. Was geschieht mit einem, der sich nicht festlegen wollte, unter dem Druck, Partei zu ergreifen? Hat er eine Identität? „Vaterland ist Blödsinn“, aber geht es ohne?
  Die Handlung umfasst wenige Tage, von der Besetzung Warschaus bis zur Einrichtung des Generalgouvernements. Konstanty Willemann, Sohn eines deutschen Offiziers und einer fanatischen Mutter, lässt sich vom polnischen Widerstand rekrutieren. Dafür zieht er die Uniform seines Vaters an und nutzt dessen Papier, er gibt sich den Anschein, Deutscher zu sein – und gerät unverzüglich in Streit mit seinem Schwiegervater, einem Posener Nationaldemokraten. Er liebt seine steril-kühle Frau, pflegt sein schlechtes Gewissen dem kleinen Sohn gegenüber und kommt von der rothaarigen jüdischen Prostituierten Salomé nicht los. Er holt seine frühere Geliebte Iga aus dem Gefängnis und versucht deren Mann zu beruhigen, nein, da sei nichts zwischen ihnen. Mit Dzidzia, die ihn von oben herab behandelt, fährt er im Auftrag der Widerstandsgruppe nach Budapest. Die Reise wird zur Atempause in einer noch nicht vom Krieg heimgesuchten Stadt, noch einmal wandelt sich Konstanty, doch es hilft nichts.
  Das groteske Weltverlusttheater endet in einem Finale, das den Leser für einen Augenblick enttäuscht, wünscht er doch dem herrlich haltlosen, human verkommenen Konstanty ein anderes Ende. Doch wird im Rückblick rasch klar, dass es anders nicht ausgehen konnte, die Motive des Schlusses waren lange vorbereitet. Man hat sie nur nicht gleich miteinander verbunden, nicht gleich ihre Bedeutung erkannt inmitten der raschen Folge turbulenter Szenen, zwischen Kneipe und Kopulation, Ich-Suche und Prügelei, Erinnerung und Familienfluch.
  Konstanty ist ein Mann der Frauen, Szczepan Twardoch hat ihm eine weibliche
Erzählstimme an die Seite gestellt, die ihn beobachtet, die sich als seine beste Freundin oder als schwarze Göttin bezeichnet, die Vergangenheit und Zukunft kennt, ihn warnt und kommentiert und ihm doch nicht helfen kann. Auch sie, die den Bewusstseinsstrom des Helden immer wieder unterbricht, bleibt uneindeutig und wandelt sich. Sie ist die, die ihm nachgeht. Dieses zweistimmige Erzählen trägt zum Lesevergnügen wenigstens so viel bei wie die an Tarantino-Filme erinnernden, zwischen Erotik und Gewalt schillernden Episoden. Die Zweistimmigkeit sorgt dafür, dass Willemanns Charakter nie einförmig, ausrechenbar erscheint.
  „Der Preuße hasst die Polen, weil er weiß, dass er selbst nur ein oberflächlich eingedeutscher Slawe ist.“ An solchen Despektierlichkeiten kann sich der Leser ergötzen. Aber es ist nicht die Skepsis gegenüber patriotischem Blabla, es ist nicht der demonstrativ unheroische Geist, es ist nicht der herumgestoßene, kaum souveräne Held – es sind nicht all diese gut eingeführten Elemente und Ambivalenzen, die „Morphin“ zu einem literarischen Ereignis machen. Twardoch wagt etwas, als scheue er Vorsicht und allseits akzeptierte Banalitäten wie sein Held die Nüchternheit.
  Kitsch, Knalleffekte, derbe Komik, Sarkasmus, Erotik, Zärtlichkeit, Eleganz und Grobheit wechseln und erhellen sich wechselseitig. Wir lesen dies im schwungvollen, begeisternd rhythmischen Deutsch von Olaf Kühl. Dank seiner Übersetzung können wir die literarische Kühnheit Twardochs erleben. So wie die Geschichte den Helden, der keiner sein will, in einen existenziellen Strudel stürzt, lockt dieser Roman uns in einen reißenden Strom ästhetischer Extreme. Twardoch kennt die Literatur der Zeit, das expressionistische Pathos, die Sachlichkeit, das kulturphilosophische Raunen, Kolportage und Revue, offenkundig genau. Er beherrscht viele Register, versteht es, den richtigen Sound zu erzeugen.
  Der Roman erzählt auch eine Geschichte der Männlichkeit. Wenn Willemann in Budapest Liebe und Leben neu zu lernen scheint, steckt er in der Uniform des Vaters, der im Krieg sein Gemächt verlor. Er reist mit den Papieren des Vaters, dessen Gesicht von einer Verletzung entstellt ist: „Ich bin Konstanty Willemann und befinde mich weder in der Gewalt meines Vaters noch seines Geistes, des Gespenstes, das über meiner Kindheit und Jugend schwebte . . . Ich bin nicht gut. Ich bin nicht böse . . . Ich bin glücklich. Ich lebe.“
  Diese Budapester Unabhängigkeitserklärung rettet den Helden nicht, wie sollte dies auch gehen mitten im Krieg. An seiner Seite aber, seinen Stimmungen folgend und den Kommentaren der Erzählerin, die ihm nachgeht, bis sie ihn an eine andere verliert, wird der Leser eines großen Freiheitssinns teilhaftig. Das Ich gewinnt Souveränität, indem es sich ins Leben verstrickt. Wo Rausch war, Lust und Ungebundenheit, wird Heiterkeit, die Hingabe ermöglicht: Für einen Augenblick nur, aber für einen, der sich nicht vergisst. 
Der junge Mann probiert
verschiedene Rollen aus
und gibt sich keiner ganz hin
Konstanty ist ein Mann der
Frauen – und an seiner Seite
steht eine weibliche Erzählerin
„Ich, das bin ich, aber die Welt ist nicht mehr da, und ohne die Welt bin ich nicht mehr ich, und selbst wenn, dann bin ich nur noch irgendwer.“ – 1929 malte Tamara de Lempicka dieses Selbstporträt im grünen Bugatti.
Foto: mauritius images
      
    
      
  
Szczepan Twardoch:
Morphin. Roman. Aus dem Polnischen von Olaf Kühl. Verlag Rowohlt Berlin, Berlin 2014. 590 Euro, 22,95 Euro. E-Book: 19,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Kühn und begeisternd erzählt der Autor vom Krieg als unangenehmer Unterbrechung eines Boheme-Lebens. Der Spiegel