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Das polnisch-deutsche Familientreffen der Brikschinskis findet in diesem Jahr in einem neuen Hotel in Frankfurt statt, dem Lindley. Besonders für Robert ist es eine willkommene Auszeit; im Kreuz einen ganzen Sack voller Probleme, erhofft er sich während der Tage fern von Berlin Ablenkung und Entspannung.Und die ist ihm gewiss. Er verliebt sich nicht nur in eine russisch-jüdische Künstlerin und kommt in den Genuss halluzinogener Pilze, sondern macht auch im Keller einer vietnamesischen Bar Bekanntschaft mit dem britischen Ingenieur William Lindley (der allerdings schon im 19. Jahrhundert die…mehr

Produktbeschreibung
Das polnisch-deutsche Familientreffen der Brikschinskis findet in diesem Jahr in einem neuen Hotel in Frankfurt statt, dem Lindley. Besonders für Robert ist es eine willkommene Auszeit; im Kreuz einen ganzen Sack voller Probleme, erhofft er sich während der Tage fern von Berlin Ablenkung und Entspannung.Und die ist ihm gewiss. Er verliebt sich nicht nur in eine russisch-jüdische Künstlerin und kommt in den Genuss halluzinogener Pilze, sondern macht auch im Keller einer vietnamesischen Bar Bekanntschaft mit dem britischen Ingenieur William Lindley (der allerdings schon im 19. Jahrhundert die Frankfurter Kanalisation erbaut hat). An dessen Seite begegnet er im Untergrund der Stadt alten Freunden und Verstorbenen.
  • Produktdetails
  • Verlag: weissbooks
  • Seitenzahl: 316
  • Erscheinungstermin: 10. September 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 195mm x 134mm x 32mm
  • Gewicht: 418g
  • ISBN-13: 9783863371722
  • ISBN-10: 3863371720
  • Artikelnr.: 52481851
Autorenporträt
Becker, Artur§ Artur Becker, geboren 1968 als Sohn polnisch-deutscher Eltern in Bartoszyce (Masuren), lebt seit 1985 in Deutschland, heute in Verden an der Aller. Er ist Romancier, Lyriker und Essayist. Im März 2009 erhielt Becker den Adelbert-von-Chamisso-Preis, im November 2012 folgte der DIALOG-Preis der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Bundesverband e. V._
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 12.02.2019

Und zum Nachtisch halluzinogene Pilze
Auf jedem Stockwerk irren Menschen umher: Artur Beckers skurriler Hotelroman "Der unsterbliche Mr. Lindley"

Ein Schriftsteller mit polnischen Wurzeln, der ein Buch schreibt, dessen Handlung in einem Frankfurter Luxushotel spielt, in dem es sehr international und sehr abenteuerlich zugeht: Bisher passte diese Beschreibung nur auf einen Titel, den autobiographischen Roman "Filip" des legendären polnisch-jüdischen Autors Leopold Tyrmand (1920 bis 1985), der im Frankfurt der Kriegszeit spielt und vieles vom damaligen Lokalkolorit vermittelt, für den sich aber seltsamerweise bis heute kein deutscher Verlag gefunden hat.

Nun hat Tyrmands Buch Gesellschaft bekommen: Der polnisch-deutsche Schriftsteller Artur Becker hat einen Roman geschrieben, der in einem Hotel gehobener Klasse angesiedelt ist, das in der Realität zwar noch nicht existiert, in Kürze aber in der Tat eröffnet wird: das "Lindley", das im Frankfurter Ostend entsteht. Das Buch war also eine Auftragsarbeit, die Becker auch sehr gewissenhaft nahm, indem er sich mit den zuständigen Architekten absprach. Ähnlich wie das reale "Lindley" hat also auch das Hotel in seinem Roman einen modernen verglasten Vorbau, der auf den ersten Blick an ein Flughafenterminal erinnert. Es gibt hier "Einkaufsläden, Restaurants, Bars und sogar Bäume", es gibt "keine Rezeptionstheke, sondern Automaten zum Einchecken und ein paar Tische mit Computern", und "auf allen Stockwerken" irren "Menschen umher". In mancher Ecke geht es aber recht heimelig zu, zum Beispiel im sogenannten Kräuterraum, wo es "masurische Birkenpilze" gibt, was sich für manchen Protagonisten als wichtig, um nicht zu sagen: lebensspendend erweisen wird.

Im Mittelpunkt der Handlung, die an einem Sommerwochenende spielt, stehen nämlich die aus Masuren stammenden Brikschinskis, die im Lindley ihr alljährliches Familientreffen feiern. Der Ort ist nicht zufällig gewählt: Der jüngere der Brüder Brikschinski, Jack, arbeitet hier als Kulturmanager und übernimmt daher die Rolle des Gastgebers. Für den älteren, Robert, ist die Feier ein willkommener Anlass, von seinem Alltag als Direktor des Berliner Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie und dem Shitstorm, den seine Idee, einen präventiven Kurs für "Anonyme Verbrecher" anzubieten, ausgelöst hat, Abstand zu nehmen. Und ihre Eltern, Klarysa und Henryk, haben soeben einen Urlaub in Polen beendet und sind auf dem Rückweg nach Kanada, wo sie seit Jahren leben.

Was anfangs nach einer gewöhnlichen Familienfeier aussieht, entwickelt sich allerdings bald zu einer Mischung aus Drogentrip und Tragikomödie. Jack versucht zwar einen erfolgreichen Kulturmanager und ein gutes Familienoberhaupt - er hat eine Frau und drei Töchter - abzugeben. In Wirklichkeit aber ist er ein Clown, der sich sein Haar dunkelschwarz färbt, ein Möchtegern-Rockstar, der sich im "Lindley" ein Tonstudio eingerichtet hat, in dem er seiner gescheiterten Karriere nachtrauert. Seine Spezialität sind Smoothies aus japanischem Gerstengras, halluzinogene Pilze, Tattoos "sowie stundenlange Gitarrensoli". Robert verliebt sich in Larissa, eine russisch-jüdische Künstlerin aus Venedig, und die Liebe zu ihr und der ausgiebige Konsum der Pilze seines Bruders, infolge dessen er im Keller einer vietnamesischen Bar landet, wo er unter anderem die Bekanntschaft des eigentlich längst toten Briten William Lindley macht, verhelfen ihm zu einem ganz neuen Lebensgefühl. Larissas tätowierter Rücken, der gläserne Vorbau des "Lindley" und die Stadt Frankfurt bilden "für ihn auf einmal eine Einheit, als hätte er endlich ein konkretes Zuhause gefunden".

Die Mutter, von Natur "etwas hysterisch und überschwänglich", hat panische Angst vor dem Tod, was sie zu überspielen versucht, indem sie ständig erzählt, "sie würde siebenundneunzig Jahre alt werden und immer noch zu Bee Gees tanzen". Und der Vater, der politisch stark nach rechts tendiert und seine Ansichten sehr dezidiert kundtut, segnet kurz vor der Abreise nach Kanada das Zeitliche. So scheint es jedenfalls. Denn als Robert ihn in seinem Hotelzimmer leblos vorfindet und in den Kräuterraum bringt, damit er wenigstens kurz in seinem geliebten "masurischen Wald" die letzte Ruhe findet (auch wenn dieser nur aus einem einzigen Baum besteht), ist Henryk bald verschwunden, um kurz danach sehr lebendig und gut gelaunt wieder aufzutauchen.

Ein Hotel eigne sich bestens dafür, Masken anzulegen, schließlich verlasse man es bald wieder, hat Becker vor kurzem gesagt. Und so wirkt auch die Handlung seines Hotelromans: wie eine einzige, kurze Maskerade. Was nicht bedeutet, dass es hier nicht auch um ernste Themen ginge. Um den aktuellen Wandel der europäischen Gesellschaften, etwa um den wachsenden Rechtspopulismus, der Becker mit besonderer Sorge zu erfüllen scheint. Um die Identität, eines seiner Dauerthemen, bei dem er auch diesmal aus der eigenen deutsch-polnisch-masurischen Biographie schöpft, dem er aber gleichzeitig in der Figur der Larissa eine neue Dimension gibt: Sie ist in Kiew geboren, "in drei Ländern aufgewachsen und im Prinzip überall in Europa zu Hause". Um die schwierige Kunst, die familiären Bande zu pflegen. Oder um die Abgründe der menschlichen Psyche, um das, was sich in unserem Unterbewusstsein ansammelt, um dann plötzlich in unseren Träumen - Roberts halluzinogene Trance und Henryks Scheintod führen es uns effektvoll vor - sein Ventil zu finden.

Und natürlich um den unsterblichen Mr. Lindley, den britischen Ingenieur, dem Frankfurt seine Kanalisation verdankt, und der sich bestens dafür eignet, einen kleinen deutsch-polnischen Bogen zu spannen. Denn, wie Becker erzählt, kommt auch das Trinkwasser der Warschauer bis heute aus den "sogenannten Lindleyschen Filtern", die der Brite Ende des neunzehnten Jahrhunderts gebaut hat und die sogar den Warschauer Aufstand überstanden haben. Damit dürfte Artur Becker die Erwartungen seiner Auftraggeber weit übertroffen haben: Er sollte ihrem Hotel ein literarisches Denkmal setzen - herausgekommen ist ein phantasievoller Roman voller schräger Figuren, bei dessen Lektüre man viel lacht, viel nachdenkt und außerdem einiges lernt.

MARTA KIJOWSKA.

Artur Becker: "Der unsterbliche Mr. Lindley". Ein Hotelroman.

Weissbooks Verlag, Frankfurt am Main 2018.

317 S., geb., 24,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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»Zu den angenehmen Besonderheiten dieser Romanwelt gehört, dass sie sich weitet ins Fantastische, uns in Zwischenwelten versetzt an der Nahtstelle von Realität und Halluzination. Hier zeigt sich das literarische Können dieses Schriftstellers: Wie er uns den Blick in die Unterwelt eröffnet, auf uralte Mythen zurückgreift und sie verkleidet in die Gegenwart holt. Die Lust des Autors am intelligenten Spiel wirkt ansteckend. So beschert er uns großes Lesevergnügen und tiefere Einsichten in unsere mitteleuropäische Existenz.« Tomas Gärtner Dresdner Neueste Nachrichten