Grenzen der Gemeinschaft - Plessner, Helmuth

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Plessners Grenz-Schrift galt seit 1924 als Geheimtip. Entlang einer für deutsche Verhältnisse seltenen Limitierung von Gemeinschaftsutopien sucht sie durch die Denkfigur einer "Sehnsucht nach den Masken" ein "Gesellschaftsethos" zu begründen, das sich in den Kernkategorien "Distanz". "Spiele, "Zeremonie und Prestige", "Diplomatie und Takt" verdichtet. Wegen seiner jüdischen Herkunft 1933 zur Emigration gezwungen. entging Plessner in den Niederlanden während des Krieges nur knapp dem Zugriff der Gestapo. Nach 1945 spielte er als Remigrant neben Adorno, Horkheimer, Löwith und René König eine…mehr

Produktbeschreibung
Plessners Grenz-Schrift galt seit 1924 als Geheimtip. Entlang einer für deutsche Verhältnisse seltenen Limitierung von Gemeinschaftsutopien sucht sie durch die Denkfigur einer "Sehnsucht nach den Masken" ein "Gesellschaftsethos" zu begründen, das sich in den Kernkategorien "Distanz". "Spiele, "Zeremonie und Prestige", "Diplomatie und Takt" verdichtet. Wegen seiner jüdischen Herkunft 1933 zur Emigration gezwungen. entging Plessner in den Niederlanden während des Krieges nur knapp dem Zugriff der Gestapo. Nach 1945 spielte er als Remigrant neben Adorno, Horkheimer, Löwith und René König eine bedeutende Rolle in der intellektuellen Konsolidierung der bundesrepublikanischen öffentlichkeit.
  • Produktdetails
  • Suhrkamp Taschenbücher Wissenschaft Nr.1540
  • Verlag: Suhrkamp
  • 6. Aufl.
  • Seitenzahl: 144
  • 2002
  • Ausstattung/Bilder: 145 S. 178 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 175mm x 106mm x 12mm
  • Gewicht: 94g
  • ISBN-13: 9783518291405
  • ISBN-10: 3518291408
  • Best.Nr.: 09456323
Autorenporträt
Helmuth Plessner (1892 - 1985) war neben Max Scheler und Arnold Gehlen einer der Begründer der Philosophischen Anthropologie. Er lehrte an den Universitäten Köln, Groningen und Göttingen. In der Nachkriegszeit war er u.a. Präsident der Allgemeinen Gesellschaft für Philosophie sowie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie.
Rezensionen
Besprechung von 19.03.2002
Die Hygiene des Taktes
Endlich sind Helmuth Plessners "Grenzen der Gemeinschaft" erschlossen / Von Christian Geyer

Bis in die siebziger Jahre hinein wurde das erstmals 1924 im Bonner Cohen-Verlag erschienene Büchlein als Geheimtip unter Kennern gehandelt: 1972 überraschte der Bouvier-Verlag als Nachfolger Cohens Helmuth Plessner zu dessen achtzigstem Geburtstag mit einer kleinen Neuauflage des Bandes "Grenzen der Gemeinschaft". Damals bemerkte Plessner: Er "war lange Zeit vergriffen, wird aber immer wieder verlangt. Offensichtlich ist das Büchlein immer noch oder gerade wieder aktuell." Nachdem das Buch von seiner früh einsetzenden, nachhaltigen Wirkungsgeschichte her alsbald den Rang eines soziologischen Klassikers beanspruchen konnte, hatte der entlegene Ort der Publizierung immer etwas Verwunderliches. Hatte es doch beim Erscheinen die Aufmerksamkeit von Rezensenten wie Kracauer, Tönnies und Wust gefunden, abgesehen davon, daß die Plessnerschen Theoreme eine große Bedeutung für die soziologische Rollen- und Interaktionsdebatte der sechziger Jahre gewannen. Die Parallelen zu Goffman wurden bald bemerkt.

Besser spät als nie - wie schon Anfang der neunziger Jahre die Parole lautete, unter welcher eindrucksvolle Plädoyers für die Relecture Plessners verfaßt wurden - sind die "Grenzen der Gemeinschaft" nun für ein breites Publikum bei Suhrkamp erschienen, zusammen mit einem materialreichen Band, der die Stimmen der Rezeption dokumentiert. Plessner selbst, so vermutet Joachim Fischer im Nachwort der "Grenzen"-Ausgabe, mochte sich gegen eine breitenwirksame Veröffentlichung seiner Schrift gestellt haben: Er schwankte beständig zwischen dem Vollbewußtsein eines sozialanthropologischen Treffers, den er mit ihr gelandet hatte, und der Einsicht in die Angreifbarkeit der forciert essayistischen Durchführung.

Die "Kritik des sozialen Radikalismus", wie der Untertitel schließlich hieß, war - entlang der Tönniesschen Unterscheidung von Gemeinschaft und Gesellschaft - der Versuch, gegenüber der fachlich wie publizistisch eingeschliffenen Präferenz der Gemeinschaft ein Gegengewicht zu setzen. Plessner begrenzt die sich in den jugendbewegten zwanziger Jahren an das Gemeinschaftsethos knüpfende Erwartung der radikalen Auflösung aller Fremdheit und legt den Akzent auf ein Gesellschaftsethos. Gesellschaft als die "kalte Form" der Geselligkeit soll die Einsicht "Der Mensch ist von Natur aus künstlich" lebbar machen. Denn es gibt eine Adäquatheit zwischen der Unergründlichkeit der "Seele" und den "künstlichen" gesellschaftlichen Formen ("Wege zur Unangreifbarkeit: Zeremoniell und Prestige", "Die Logik der Diplomatie: Die Hygiene des Taktes", "Der Kampf ums wahre Gesicht: Das Risiko der Lächerlichkeit").

Damit beschreibt Plessner, so bemerken die Herausgeber des Rezeptionsbandes, zwischen der Zone der Vertrautheitsgemeinschaft und der Zone der Sachgemeinschaft "Distanzrituale und maskierten Ausdruck als Zone der Öffentlichkeit: In ihr verschonen sich die Menschen um ihrer Würde willen durch Spielregeln voneinander." So tritt hier zwischen zeitdiagnostischer Analyse, philosophischer Begründung und essayistisch-diabolischem Tonfall seine Sozialtheorie in ihrer frühesten Form hervor. Plessners Schlüsselkategorie der "exzentrischen Positionalität" als Kennung des Menschen zeigt sich so auch genuin sozialtheoretisch konzipiert.

Als man vor zehn Jahren wieder über die "Grenzschrift" zu sprechen begann, annoncierte man sie durchaus widersprüchlich: als eine in der deutschen Geistesgeschichte eher seltene "Sozialphilosophie mit liberalem Ethos, antitotalitär und antikommunitär gesonnen"; aber auch als Ausdruck einer "theoretischen Allianz" zwischen Plessner und Carl Schmitt, zumindest entdeckte man in manchen Passagen ein Textkontinuum zwischen der "Grenzschrift" und dem "Begriff des Politischen". Daneben kam Mitte der neunziger Jahre die entschiedene Lesart des Plessner-Büchleins als Schlüsselbuch einer "Verhaltenslehre der Kälte" im neusachlichen Jahrzehnt auf, deren anthropologisches Modell des "gepanzerten Ichs" auf die politische Formation der dreißiger und vierziger Jahre vorverweise, die Plessner selbst ins Exil gezwungen habe - so die im Rezeptionsband kontrovers diskutierte These Helmut Lethens.

In der Tat wird hier, wie es zur Einführung heißt, Plessners Schrift als ein "energetischer Kreuzungspunkt verschiedener Streitlinien" sichtbar: Ob Plessner ideengeschichtlich höfische Verhaltenslehren neu codiere oder doch eher Texte des Deutschen Idealismus kritisch umbaue oder eine lebensphilosophisch fundierte Ausdrucks-"Logik der Öffentlichkeit" konzipiere - das sind einige der gründlich ausgezogenen Streitlinien, auf die es den Herausgebern ankommt. Entsprechend weisen sie auch auf die Disziplinenkonkurrenz hin, die zwischen Literaturwissenschaft, Philosophie, Soziologie und Politikwissenschaft um "Grenzen der Gemeinschaft" binnen weniger Jahre entstanden ist. Daß man Plessners Kritik an der Radikalisierung einer schrankenlosen Authentizität bruchlos vom Gemeinschafts-Paradigma der zwanziger Jahre auf das Individualisierungs-Paradigma der achtziger und neunziger Jahre übertragen könnte, ist eine reizvolle und soziologisch zentrale, jedenfalls gewiß nicht unfruchtbare Überlegung, die in dem Rezeptionsband unter der Fülle der sonst gebotenen Aspekte aber leider untergeht.

In den "Stufen des Organischen und der Mensch" von 1928 betont Plessner, wie Joachim Fischer unterstreicht, gegenüber der durchaus zeitkritischen Tendenz den systematischen Gehalt seiner Argumentation im "Grenzbuch", das "die Öffentlichkeit als Realisierungsmodus des Menschen nachweisen will". Die Problematik von "Grenzen der Gemeinschaft" wird dann 1931 wieder von Plessners Schrift "Macht und menschliche Natur" aufgenommen und unter der Kategorie der "exzentrischen Positionalität" im Hinblick auf das Phänomen des "Politischen" als originär menschliche Dimension beschrieben. Die eigentliche Wirkungsgeschichte des Buches setzt freilich erst nach 1945 ein. Wie Fischer zeigt, war die "Grenzschrift" die Bedingung dafür, daß Plessner vom Groninger Lehrstuhl für Philosophie auf den neu eingerichteten Lehrstuhl für Soziologie an der Universität Göttingen berufen werden konnte und damit zugleich den jugendbewegten Mitbewerber Hans Freyer aus dem Felde schlug, dessen Schrifttum eher die Grenzen der Gesellschaft als die der Gemeinschaft aufgezeigt hatte.

Im Zuge von Dahrendorfs Rezeption des Rollenbegriffs aus der amerikanischen Soziologie gewinnen die Theoreme aus "Grenzen der Gemeinschaft" recht eigentlich ihre Durchschlagskraft. Im Jahre 1960 bringt Plessner mit zwei Vorträgen über "Soziale Rolle und menschliche Natur" und "Das Problem der Öffentlichkeit und die Idee der Entfremdung" zur Geltung, was er bereits 1924 angelegt hatte: daß die Rollenkategorie nicht bloß ein methodisches Konstrukt (homo sociologicus) ist, sondern selbst eine anthropologische Struktur aufweist. Was die Rolle dem Menschen gewährt, "nämlich eine Privatexistenz zu haben, eine Intimsphäre für sich, hebt nicht nur nicht sein Selbst auf, sondern schafft es ihm. Nur an dem anderen seiner selbst hat er - sich." So ist das beziehungsreiche, sich im Laufe seiner langen Rezeptionsgeschichte nie in den Mittelpunkt drängende Bändchen "Grenzen der Gemeinschaft" am Ende auch dies: eine starke Verteidigung der Anthropologie gegen die Gebildeten ihrer Verächter.

Helmuth Plessner: "Grenzen der Gemeinschaft". Eine Kritik des sozialen Radikalismus. Mit einem Nachwort von Joachim Fischer. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002. 145 S., br., 8,50 .

"Plessners ,Grenzen der Gemeinschaft'". Eine Debatte. Herausgegeben von Wolfgang Eßbach, Joachim Fischer und Helmut Lethen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002. 372 S., br., 13,- .

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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Nicht mehr und nicht weniger als "einer der kraftvollsten Texte der theoretischen Literatur des 20. Jahrhunderts" ist dieses vor achtzig Jahren erschienene, nun endlich an prominenter Stelle neu veröffentlichte Buch, meint Ulrich Raulff. Die Bedeutung des Buches sieht er darin, dass man nach der Lektüre die Gesellschaft ganz neu sehen wird, "mit einem kalten, klaren Blick". Der Text wurde bei seinem Erscheinen viel diskutiert, dann aber völlig vergessen, erst Anfang der achtziger Jahre setzte eine Renaissance ein. Erst nach dem Ende der, so Raulff, "ideologischen Kapellen und Glaubensgemeinschaften" hatte man für den polemischen Essay wieder ein Ohr für die Kühle, mit der Plessner, der studierte Zoologe, den Menschen beobachtete. Seine Hauptthese war die vom Trieb des Menschen zur Distanznahme, zur Künstlichkeit, zu Masken und Spiel. Und der Rezensent hält es für kein geringes Verdienst, dass dieses Buch "bis heute quer" steht nicht nur zu den Texten seines Entstehungsumfelds, sondern auch zu den gegenwärtigen Diskursen.

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