Friedrich Wilhelm Joseph Schelling - Baumgartner, Hans M.; Korten, Harald
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Diese Einführung in Schellings Denken für Interessierte und Studierende nimmt zugleich zu zentralen Themen der Schelling-Forschung Stellung. Die Grundintention Schellings, der weniger als System- denn als genialer Problemdenker zwischen Fichte und Hegel gilt, zielt auf eine Philosophie des Absoluten als All-Einheitsphilosophie mit den Problemkomplexen Einheit und Vielheit, Absolutes und Endliches, Vernunft und Geschichte sowie Philosophie und Religion. Das Buch ist nach dem Werk von Kuno Fischer die erste neuere genetische Darlegung der Schelling'schen Philosophie nach ihren Hauptthemen in deutscher Sprache.…mehr

Produktbeschreibung
Diese Einführung in Schellings Denken für Interessierte und Studierende nimmt zugleich zu zentralen Themen der Schelling-Forschung Stellung. Die Grundintention Schellings, der weniger als System- denn als genialer Problemdenker zwischen Fichte und Hegel gilt, zielt auf eine Philosophie des Absoluten als All-Einheitsphilosophie mit den Problemkomplexen Einheit und Vielheit, Absolutes und Endliches, Vernunft und Geschichte sowie Philosophie und Religion. Das Buch ist nach dem Werk von Kuno Fischer die erste neuere genetische Darlegung der Schelling'schen Philosophie nach ihren Hauptthemen in deutscher Sprache.
  • Produktdetails
  • Beck'sche Reihe Bd.536
  • Verlag: Beck
  • 1996.
  • Seitenzahl: 262
  • Deutsch
  • Abmessung: 180mm x 120mm x 15mm
  • Gewicht: 230g
  • ISBN-13: 9783406389351
  • ISBN-10: 340638935X
  • Artikelnr.: 06270281
Autorenporträt
Hans-Michael Baumgartner, geb. 1933, ist Professor für Philosophie in Bonn.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 02.08.1996

Hungerleider nach dem Unerreichlichen
Warum Schelling und seine Vernunftkritik neuerdings so in Mode sind / Zwei Beispiele

"Weiß man denn, ob er katholisch ist?" Mit dieser Frage hintertrieb Goethe Schellings Rückberufung nach Jena. Hatte er anfangs im Naturphilosophen Schelling einen Wegbegleiter gesehen, so wurde ihm doch das neuplatonische Transzendieren schnell suspekt. Und im Spätwerk gar "den leidigen Teufel und seine Großmutter mit allem ewigen Gestanksgefolge wieder in den Kreis der guten Gesellschaft hineingeschwärzt" sehen zu müssen war ihm ganz zuwider. So werden denn auch auf dem großen Romantikerfriedhof des Zweiten Faust die Schellingschen Kabirengottheiten als "irden-schlechte Töpfe" und "sehnsuchtsvolle Hungerleider nach dem Unerreichlichen" hingestellt.

Goethes Ironie hat nichts gefruchtet. Nach langer eher klandestiner Wirkungsgeschichte - Heidegger verdankt der Freiheitsschrift viel, Habermas hat seine Doktorarbeit über ihn geschrieben - steht Schelling als "idealistischer Kritiker des Idealismus" gegenwärtig hoch im Kurs. Das unerkennbare Absolute seiner Identitätsphilosophie wie die deklariert "christliche Philosophie" der Spätzeit haben Hegel mit seiner Insistenz auf dem Wirklichen erneut zum toten Hund werden lassen.

Hans Michael Baumgartner, Mitherausgeber der neuen Schelling-Edition, hat zusammen mit Harald Korten eine Einführung in Schellings Denken verfaßt. Als Einführung ist das Bändchen zweifelhaft. Über weite Strecken besteht es aus zitatdurchsetzten Inhaltsangaben. Wo es interpretiert, ist es zu komplex für den Schüler und zu thetisch für den Kollegen. Interessant jedoch ist, daß im Gewande des affirmativen Referats einmal die Katze der Schelling-Konjunktur aus dem Sack gelassen wird.

Der Fortschritt des Schellingschen Werkes von einer Philosophie der Identität von Natur und Geist zu einer "wesentlich geschichtlichen Philosophie" sei in einer Konkretisation des "Gottesbegriffes als Person" begründet. Von diesem Begriff aus erhalte die Frage eine Antwort, "warum überhaupt Differenz und Endlichkeit, die wir selbst erfahren, wirklich ist". Das Absolute bedarf zu seiner Offenbarung eines Gegenbildes, mit der Freiheit dieses Gegenbildes ist aber auch die Möglichkeit des Abfalls gesetzt. So ist die endliche Geschichte eingehängt zwischen die goldne Zeit des göttlichen Urzustandes und "die Vollendung des geschichtlichen Prozesses der Menschheit, die im Wissen zur wahren Einheit als einer umfassenden Person oder eines Reiches Gottes gelangt".

Diese Konstruktion ist philosophisch, theologisch und psychologisch heikel. Philosophisch beruht sie nicht nur zugegebenermaßen "auf der entschiedenen Behauptung des transzendenten Seins", sondern auch auf unbegründeten Annahmen über dieses Sein. Es hat offenbar mit der Identität mehr am Hut als mit der Differenz. Dabei ist ein Absolutes, dem die Differenz gegenübersteht, gar nicht mehr absolut.

Theologisch wird man bemängeln, daß die Vorstellung der Fleischwerdung des Wortes nicht eigentlich ernst genommen ist, daß dieses eher Absolute alttestamentarisch bleibt. Und psychologisch steht hinter der Präferenz fürs Identische eine Verleugnung der Endlichkeit. Das ewige und selige Leben wird als "frei von der Schuld der Entäußerung der Selbstheit" gedacht, Individualität also primär als schuldhaft erfahren. Schellings Denken wie das seiner Liebhaber ist weltflüchtig, auch wenn, und darin ist Baumgartner zuzustimmen, an die Stelle der mütterlichen Nacht des unerkennbaren Absoluten in der Spätphilosophie ein väterlich mächtiger Gott tritt.

Axel Hutter zieht in "Geschichtliche Vernunft", einer unwesentlich veränderten Dissertation, die Fragmente des Schellingschen Spätwerks zu einem Zyklus zusammen. Ein wenig ärgerlich ist, daß er über weite Strecken nur paraphrasiert. Ärgerlich sind auch die leer autoritativen Gesten: "die großartige Stelle", "die zu Recht berühmte Stelle". Aber die Suche nach "Spuren eines verborgenen Gelingens inmitten der Trümmer des gescheiterten Gesamtprojektes", die Frage, ob die Schellingsche Vernunftkritik auch ohne theologische Fundierung bestehen kann, hat doch ihre Berechtigung. Von Hegel habe der späte Schelling gelernt, daß "das eigentlich Gewollte", werde es "isoliert und unmittelbar" vorgetragen, sich "im Unvernünftigen der Behauptung" verliere. "Das hat zur Folge, daß Schellings Spätphilosophie, wo sie sich selbst richtig versteht, sich als Kritik vorträgt", als Kritik des neuzeitlichen Wissensbegriffs.

Es sei Schellings Leistung, "den ,mythogenen' Charakter der modernen Vernunft einer wissenschaftlichen, d. h. begrifflich geleiteten und kritischen Reflexion zugänglich zu machen". Das neuzeitliche Denken falle, nachdem es sich von der Bindung an die Autorität der Offenbarung emanzipiert hat, "und zwar völlig zu Recht emanzipiert hat", der Natur seiner Erkenntnisvermögen zum Opfer, dem "Zwangssystem unseres Inneren", dem "Logischen". Diese zeichnen sich durch "die Verneinung des Zeitlichen, oder schärfer: die Verdrängung des geschichtlichen Charakters von Denken und Welt" aus. Dagegen mache Schelling geltend, daß die theoretische Vernunft in der praktischen und diese wieder in der Geschichte fundiert sei. Und mit dieser Beschränkung der Vernunft in ihrem theoretischen Gebrauch erinnert er sie an ihr praktisches Interesse, an das, "was wir eigentlich wollen".

Nun, so ähnlich sagt's der Pastor auch. Daß durch diesen Hinweis auf Praxis und Geschichte Schelling zu einem "Bundesgenossen" in der Kritik der neuzeitlichen Vernunft werde, "den zu ignorieren wir uns nicht leisten können", ist wohl etwas hoch gegriffen. Weit entfernt davon, daß Schelling den "von Hegel behaupteten Primat der theoretischen Vernunft" überwinde, waren sich die nachkantischen Denker über kaum etwas so einig wie über den Primat der praktischen Vernunft. An geschichtlichen Denkern hat es in der Goethezeit wahrlich nicht gefehlt. Und auch die Mängel des logischen Zwangssystems werden eher in der Nacht gehalten, in der alle vernunftkritischen Katzen grau sind.

Wichtiger ist indes die Frage, ob sich diese Schellinginterpretation halten läßt. Für Hutter besteht "der kritische Sinn" des Schellingschen Gottesbegriffes darin, "daß er eine geschichtliche Situierung der vermeintlich ,reinen' Vernunft der Neuzeit anzeigt". Wo aber bei Schelling der Hinweis auf einen Grund unseres Seins einen präzisen, wenn auch nicht unbedingt ausweisbaren Sinn hat, müßte Hutter zeigen, inwiefern die Aufdeckung der Genese des Logischen ein Argument gegen seine Geltung darstellen kann.

Das gilt analog für die Freiheit. Wenn Schelling auf den Grund ihrer Realität zeigt, hat er damit eindeutige Absichten, wenn auch eher reaktionäre. Warum aber die Autonomie "in sich selbst befangen bleibt, weil sie durch sich selbst bestimmt ist", bleibt ohne diesen Hintergrund von Geglaubtem ganz uneinsichtig. Die freie Handlung besteht ja gerade darin, an die Stelle des Vorausgesetzten ein Gesetztes zu setzen. So kann denn Hutter auch als Interpretament für das, "was wir eigentlich wollen", nur die leere Spontaneität der "Entscheidung", des "Einen-Anfang-Machens" anbieten. Darüber ließe sich etwa bei Hannah Arendt viel nachlesen. Bei Schelling nicht. GUSTAV FALKE

Hans Michael Baumgartner / Harald Korten: "Schelling". Beck'sche Reihe ,Denker'. Verlag C. H. Beck, München 1996. 262 S., br., 24,- DM.

Axel Hutter: "Geschichtliche Vernunft". Die Weiterführung der Kantischen Vernunftkritik in der Spätphilosophie Schellings. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1996. 399 S., geb., 54,- DM.

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