Der Pharma-Bluff - Angell, Marcia

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Die Pharmaindustrie rühmt sich, Innovationsmotor des Gesundheitswesens zu sein. Neue Medikamente gelten vielfach als Segen für die Patienten. Doch wie innovativ sind die Arzneimittelhersteller wirklich? Marcia Angell entzaubert am Beispiel USA den Mythos einer Branche.

Produktbeschreibung
Die Pharmaindustrie rühmt sich, Innovationsmotor des Gesundheitswesens zu sein. Neue Medikamente gelten vielfach als Segen für die Patienten. Doch wie innovativ sind die Arzneimittelhersteller wirklich?
Marcia Angell entzaubert am Beispiel USA den Mythos einer Branche.
  • Produktdetails
  • Verlag: Kompart
  • Seitenzahl: 288
  • 2005
  • Ausstattung/Bilder: 2005. 288 S.
  • Deutsch
  • Abmessung: 248mm x 169mm x 27mm
  • Gewicht: 635g
  • ISBN-13: 9783980662192
  • ISBN-10: 3980662195
  • Best.Nr.: 15082720
Rezensionen
Besprechung von 23.11.2005
Er lügt, der Gorilla
Marcia Angell über die Machenschaften der Pharmaindustrie
Sachbücher sind langweilig. Das denken viele Leser und greifen zum Roman. Sachbüchern fehlen die Charaktere, mit denen man abends im Bett mitleiden kann. Es mangelt an Spannung, an überraschenden Wendungen in der Geschichte, die einen fesseln, bis die Nacht tief dunkel ist und die Nachttischlampe immer noch brennt. Sachbücher funkeln nicht, es brennt keine Leidenschaft, weil sie von Zahlen und Fakten handeln und nicht das Gefühl ansprechen. Warum also ein Sachbuch lesen? Vielleicht wegen Marcia Angell. Die ehemalige Chefredakteurin des New England Journal of Medicine hat ebenfalls eines geschrieben, noch dazu über ein kompliziertes Thema - die Arzneimittelindustrie in den USA. Dennoch brennt in dem spröden Stoff sehr wohl Leidenschaft; wer sich in die 290 Seiten des Werks vertieft, verspürt, wie eine Wut in seinem Innern wächst. Eine Wut über die Machenschaften, denen wir fast alle ausgesetzt sind und gegen die sich wenig ausrichten lässt.
Die Ausgangsthese von Angells „Der Pharmabluff” lautet: Die Unternehmen schröpfen die Patienten mit überhöhten Preisen und beeinflussen Politiker und Ärzte, damit sie ihre mittelmäßigen Produkte verkaufen kann. Oder wie die Autorin schreibt: „Die Pharmaindustrie ist wie ein 800-Pfund-Gorilla, der macht, was er will.” Den Gorilla-Vergleich belegt sie mit vielen Fakten und zerstört einen Mythos, der da lautet: Die Konzerne brauchen viel Geld, um neue, segensreiche Medikamente zu entwickeln. Viele Neuheiten, so Angell, hätten nicht die Firmen entwickelt, sondern staatliche Labors.
Das war so etwa bei „AZT”, dem erstem Mittel gegen HIV/Aids, das heute die Firma GlaxoSmithKline vermarktet, ebenso wie bei „Taxol”, einem der meistverkauften Krebsmittel, das nun Bristol-Myers Squibbs verkauft. Für „Epogen”, ein Medikament für Nierenkranke, hat der entscheidende Entdecker nie einen Cent erhalten, dafür beschert es dem Unternehmen Amgen hohe Umsätze, und für „Gleevec”, ein Mittel gegen seltenen Blutkrebs, rühmt sich der Hersteller Novartis. Tatsächlich aber ermittelte ein vom Staat bezahlter Wissenschaftler den Nutzen des Wirkstoffs.
Erfundene Angststörung
Viele der vermeintlichen Innovationen sind häufig auch nicht neu. In zahlreichen Fällen, zeigt Angell, wandeln die Hersteller nur bekannte Präparate leicht ab. Manchmal färbte der Hersteller die Pille lediglich um, gab ihr einen neuen Namen und ein anderes Anwendungsgebiet, wie es der Hersteller Eli Lilly mit seinem Antidepressivum „Prozac” tat. Oder ein Unternehmen erfand für seine Pille eine neue Krankheit, wie es GlaxoSmithKline mit „Paxil” praktizierte, das gegen „soziale Angststörung” helfen soll, eine angeblich quälende Form der Schüchternheit. Tatsächlich waren von den 415 neuen Präparaten, die zwischen 1998 und 2002 auf den Markt kamen, gerade mal zwölf Innovationen, die das Leiden eines Menschen verbessern. Dafür fehlten Impfstoffe gegen Grippe und Lungenentzündung, Narkosepräparate, Gegenmittel gegen Schlangenbisse. Dazu Angell: „Wer von einer Klapperschlange gebissen wird, bekommt vielleicht kein Serum mehr, aber gegen den hohen Cholesterinspiegel steht mit Sicherheit etwas zur Verfügung.”
Detailgenau und in klaren Worten schildert die Autorin die Tricks der Unternehmen. Sie zeigt, wie wissenschaftliche Studien manipuliert werden, damit eine Arznei besser erscheint, als sie tatsächlich ist. Patentlaufzeiten werden ausgedehnt, um Preise hoch zu halten, oder man entfacht eine Debatte darum, dass ein neues Medikament den Patienten vorenthalten wird - obwohl es laut Studien kaum besser ist als eingeführte Präparate. Die Unternehmen treten als Sponsoren von Fortbildungen für Ärzte auf, damit diese ihre Medikamente verschreiben. Sie bezahlen Hollywoodstars wie Lauren Bacall, damit sie in Talkshows von einer Arznei schwärmen. Und je mehr man in Angells Werk liest, umso mehr fragt man sich, warum keiner diesem Treiben Einhalt gebietet.
Die Antwort von Marcia Angell: Die Aufsicht funktioniert nicht. Das beginnt bei den Gremien, wie der amerikanischen „Food and Drug Administration” (FDA), die sich teilweise über die Gebühren der Konzerne finanzieren. Es erstreckt sich über Wissenschaftler, die üppige Beraterverträge haben, und Politiker, die von den vielen Lobbyisten bearbeitet werden. Die Industrie hat genug Geld, um Einfluss zu kaufen. 2001 lag die Umsatzrendite der zehn größten US-Arzneimittelkonzerne bei 18,5 Prozent, und selbst der Börsenniedergang hat diese Rendite, von der andere Branchen nur träumen können, kaum geschmälert. Manchmal aber reichen alle Kniffe nicht, und so mussten renommierte Firmen wie AstraZeneca, Pfizer oder Bayer dreistellige Millionenbeträge als Strafe für ihre Geschäftspraktiken zahlen.
Mit ihrer Sicht steht Angell übrigens nicht allein. Eine Kommission des britischen Unterhauses kam zu einem ähnlichen Ergebnis, nachdem ein Jahr lang 50 Experten angehört und über hundert schriftliche Stellungnahmen ausgewertet wurden. So kann sich der Leser auch kaum trösten, dass die USA weit weg von Deutschland und die Unterschiede in der Gesundheitspolitik zwischen beiden Ländern groß sind. Sicherlich unterliegen die Arzneimittelpreise hierzulande viel schärferen Regeln, weshalb die Wucherei nicht so ausgeprägt ist. Aber Pharmakonzerne sind rund um den Globus tätig, von den zehn größten Unternehmen sitzen je fünf in Europa und den USA, und ihre Praktiken ändern sie kaum, wie der Hersteller Pfizer Anfang des Jahres bewies. Im Streit um den Blutdrucksenker „Sortis” wollte sich das Unternehmen nicht an staatliche Regeln halten, sondern diese selbst festlegen.
Angells „Pharma-Bluff” gehört auf den Nachttisch eines jeden, der sich mit Gesundheitspolitik befasst. Ganz besonders sollten es jene Professoren und Politiker lesen, die dem Volk immer mehr aufbürden wollen und den Unternehmen immer weniger. Die Menschen bekommen für ihr Geld nicht den Gegenwert, den die Pharmakonzerne versprechen. Die Politiker sollten das ändern, wenn sie wirklich reformieren wollen.
ANDREAS HOFFMANN
MARCIA ANGELL: Der Pharma-Bluff. Wie innovativ die Pharmaindustrie wirklich ist. KomPart Verlagsgesellschaft, Bonn und Bad Homburg 2005. 288 Seiten, 24,80 Euro.
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Besprechung von 23.01.2006
Selbstbewußte Patienten
Kritische Blicke auf Pharmaindustrie und Therapien

Über wenig wird in der Gesundheitspolitik so lautstark gestritten wie über die Macht und den Einfluß der Pharmaindustrie. Immerhin landet ein großer Teil der Gesundheitsausgaben in ihren Kassen - und dieser Anteil wächst. In Deutschland lag er im ersten Halbjahr allein bei den gesetzlichen Krankenkassen immerhin bei 20 Prozent. Unstrittig ist indes, daß der Branche in Wirtschaft und Gesellschaft eine wichtige und angesichts der Alterung auch noch wachsende Bedeutung zukommt. Schon sehen Forscher in ihr den Nukleus für den sechsten Kondratieff, einen neuen Zyklus weltwirtschaftlicher Entfaltung, angetrieben durch die Pharma-, Bio- und "Life Science"-Industrie.

Um so wichtiger ist es, das Geschäftsmodell der Branche zu verstehen und die Wirkungszusammenhänge nachzuvollziehen. Nun mag ein Buch mit dem Titel "Der Pharma-Bluff" nicht für eine aus- und abgewogene Betrachtung stehen. Das will Marcia Angell, langjährige Chefredakteurin des angesehenen "New England Journal of Medicine", auch nicht. Die in den Vereinigten Staaten als Pharmakritikerin bekannte Medizinerin und Harvard-Dozentin hat eine Anklageschrift verfaßt gegen eine Branche, die, "korrumpiert durch schnelle Profite und Habgier, das amerikanische Volk getäuscht und ausgebeutet hat". Der der AOK nahestehende KomPart-Verlag hat das 2004 zum Wahlkampf in Amerika erschienene Traktat nun auf deutsch herausgebracht. Daß das Buch die Situation der amerikanischen Pharmaindustrie beschreibt, macht es für den deutschen Leser nicht weniger spannend: Zum einen agieren die führenden Pharmakonzerne international, zum andern wird der amerikanische Markt hierzulande von der Branche gern als vorbildlich beschrieben.

Mit Furor durchpflügt Angell ihr Themengebiet. Da werden "Mythen offengelegt", es wird "entlarvt", vor allem die "Geldgier" der Pharmabosse. Für die auch hierzulande von der Branche behaupteten Entwicklungskosten von 800 Millionen Euro für ein neues Medikament findet sie keinen Beweis. Indes zeigt sie, wie aus staatlich finanzierter Forschung private Patente werden. Wirklich neue Wirkstoffe, mit denen Krankheiten erstmals behandelt werden könnten, seien unter den neu auf den Markt gebrachten "Innovationen" deutlich in der Minderzahl; die Ausgaben für den Vertrieb und Verkauf der Pillen seien dagegen erheblich höher als die für die Erforschung neuer Medikamente.

Mit energischen Strichen zeichnet Angell das Bild einer Industrie, deren Mehrwert vor allem darin bestehe, daß sie die staatlich finanzierten Forschungsergebnisse aufsauge und über einen eingespielten Marketing- und Vertriebsapparat an Ärzte und Patienten bringe - einer Branche, die die Regierung um den Finger wickelt sowie Forscher und Ärzte mit Unterstützung abhängig macht, damit diese ihre teuren, aber nicht immer wirksamen Produkte verschrieben. Daß* sie damit "ein Bild der wahren Pharmaindustrie" wiedergibt, darf bezweifelt werden. Und doch wirft Angell, unterstützt von Anmerkungen und Verweisen, bezeichnende Schlaglichter auf eine Boom-Branche, die nicht allesamt als Hirngespinste abgetan werden können.

Aufklärerischer Geist weht auch in dem Buch, das der "Spiegel"-Journalist Jörg Blech vorgelegt hat: "Heillose Medizin" heißt es, und es ist eine Art Fortsetzung seines 2003 erschienenen Verkaufsschlagers "Die Krankheitserfinder". Während es ihm damals darum ging, die These zu belegen, daß "Menschen systematisch zu Patienten gemacht werden", indem Konzerne Krankheiten und Behandlungsmethoden erfinden, hinterfragt er nun den Sinn vieler Therapien, die Ärzte ihren Patienten angedeihen lassen. Das tut er fundiert und kritisch, ohne Schaum vor dem Mund. Blech, von Haus aus Biologe und Wissenschaftsredakteur, geißelt die Medikamentengläubigkeit der Deutschen und warnt vor Vertrauensseligkeit gegenüber den Ärzten. An einer Stelle hält er bezeichnend fest, daß "mit Ausnahme der Blinddarmentnahme Menschen der Gesamtbevölkerung durchweg öfter unters Messer geraten (waren) als die Ärzte selbst". Blechs Bändchen sind 240 Seiten Anleitung dafür, wie aus dem hilflosen Kranken ein selbstbewußter Patient werden kann, der auch den Behandlungsvorschlägen des Arztes kritisch gegenübersteht. Gute Information schützt eben auch hier vor schlechter Behandlung.

ANDREAS MIHM.

Marcia Angell: Der Pharma-Bluff. Wie innovativ die Pillenindustrie wirklich ist. KomPart Verlagsgesellschaft, Bonn/Bad Honnef 2005, 288 Seiten, 24,80 Euro.

Jörg Blech: Heillose Medizin. Fragwürdige Therapien und wie Sie sich davor schützen können. Verlag S. Fischer, Frankfurt 2005, 240 Seiten, 17,90 Euro.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Eine "Anklageschrift" gegen die Pharmaindustrie sieht Andreas Mihm in Marcia Angells nun auf deutsch vorliegendem Buch "Der Pharma-Bluff". Auch wenn er bezweifelt, dass die Autorin mit ihrer kritischen Analyse der Pharmaindustrie der Wirklichkeit völlig gerecht wird, findet er vieles, was die Medizinerin und Harvard-Dozentin zu sagen hat, durchaus überzeugend. Für die auch hierzulande von der Branche behaupteten Entwicklungskosten von 800 Millionen Euro für ein neues Medikament etwa finde Angell keinen Beweis. Sie zeige indes, wie aus staatlich finanzierter Forschung private Patente werden. Zudem lege sie dar, dass wirklich neue Wirkstoffe, mit denen Krankheiten erstmals behandelt werden könnten, unter den neu auf den Markt gebrachten "Innovationen" deutlich in der Minderzahl sind, während die Ausgaben für den Vertrieb und Verkauf der Pillen erheblich höher liegen als die für die Erforschung neuer Medikamente. Dass das Buch die Situation der amerikanischen Pharmaindustrie beschreibt, macht es nach Ansicht Mihms für den deutschen Leser nicht weniger spannend, denn zum einen agierten die führenden Pharmakonzerne international, zum anderen gelte der amerikanische Markt hierzulande oft als vorbildlich.

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