Schlafende Erinnerungen - Modiano, Patrick
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Der Vater trifft sich mit dubiosen Russen auf dem Schwarzmarkt, die Mutter ist Schauspielerin in Pigalle. Der Sohn, in Paris auf sich allein gestellt, verkehrt mit rätselhaften Frauen: Mit Madeleine Péraud, einer Esoterikspezialistin, teilt er die Liebe zu bestimmten Büchern. Sie bietet ihm an, bei ihr einzuziehen. Madame Hubersen entführt ihn abends nach Versailles. Mit einer dritten Frau, die in einer fremden Wohnung einen Mann erschossen hat, wird er fliehen und ihr helfen, die Spuren zu verwischen. Fünfzig Jahre später versucht der Erzähler, seine Jugenderinnerungen wie Teile eines Puzzles…mehr

Produktbeschreibung
Der Vater trifft sich mit dubiosen Russen auf dem Schwarzmarkt, die Mutter ist Schauspielerin in Pigalle. Der Sohn, in Paris auf sich allein gestellt, verkehrt mit rätselhaften Frauen: Mit Madeleine Péraud, einer Esoterikspezialistin, teilt er die Liebe zu bestimmten Büchern. Sie bietet ihm an, bei ihr einzuziehen. Madame Hubersen entführt ihn abends nach Versailles. Mit einer dritten Frau, die in einer fremden Wohnung einen Mann erschossen hat, wird er fliehen und ihr helfen, die Spuren zu verwischen. Fünfzig Jahre später versucht der Erzähler, seine Jugenderinnerungen wie Teile eines Puzzles zusammenzufügen. Nobelpreisträger Modiano vermischt dabei auf unnachahmliche Weise Traum und Wirklichkeit.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser
  • Artikelnr. des Verlages: .505/26010
  • Seitenzahl: 110
  • Erscheinungstermin: 20. August 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 190mm x 121mm x 15mm
  • Gewicht: 180g
  • ISBN-13: 9783446260108
  • ISBN-10: 3446260102
  • Artikelnr.: 52360589
Autorenporträt
Patrick Modiano, 1945 in Boulogne-Billancourt bei Paris geboren, ist einer der bedeutendsten Schriftsteller der Gegenwart. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den großen Romanpreis der Académie française, den Prix Goncourt, den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur und 2014 den Nobelpreis für Literatur. Bei Hanser erschienen unter anderem die Romane Place de l'Étoile (2010), Im Café der verlorenen Jugend (2012), Der Horizont (2013), Gräser der Nacht (2014) und Damit du dich im Viertel nicht verirrst (2015) sowie zuletzt der Prosatext Schlafende Erinnerungen (2018) und das Theaterstück Unsere Anfänge im Leben (2018).
Rezensionen
Besprechung von 12.01.2019
Verschwinden sollen auch die menschlichen Details
Aber an Straßen und Bücher muss man erinnern: Patrick Modianos erstes Buch nach dem Literaturnobelpreis

Bücher von Patrick Modiano zu lesen ist oft so, als treffe man alte Bekannte wieder. Den Erzähler Jean D. kennt man noch aus Modianos letzten Romanen, vor allem aus "Gräser der Nacht" (2014), als er sich in eine Frau verliebte, die plötzlich verschwand - was weibliche Figuren bei Modiano häufiger tun. Man erkennt Paris wieder und die sechziger Jahre, Raum und Zeit, in denen Modianos Bücher mit Vorliebe spielen. Auch die alten Kladden sind wieder da, jene Notizbücher, in denen Jean D. nach Spuren seines vergangenen Lebens sucht. "Das einzige Mittel, diese schmalen Dossiers zu entschärfen", schreibt er nun, "besteht darin, einzelne Passagen abzuschreiben und sie dann unter die Seiten eines Romans zu mischen, wie ich es vor dreißig Jahre getan habe. Auf diese Weise wird man nie erfahren, ob sie in die Wirklichkeit gehören oder in den Bereich des Traums."

Damit wäre auch das poetologische Prinzip von Modiano umschrieben. Stets gleitet durch seine Bücher ein Erinnerungsstrom, der eine Mischung aus Unbestimmtheit und Präzision ist, aus Melancholie und Leichtigkeit - vielleicht auch aus Wirklichkeit und Traum, so wie es Jean D. in Modianos jüngstem Buch "Schlafende Erinnerungen" erläutert. Das erzählerische Programm besteht darin, zugleich mit offenen Karten zu spielen und ein Rätsel zu bleiben, und weil dieses Kunststück fast niemand so elegant beherrscht wie der Franzose Modiano, wurde ihm vor fünf Jahren der Nobelpreis für Literatur zuerkannt. Nun, da sein erstes Buch nach dieser Auszeichnung erschienen ist, wurde mit Erleichterung festgestellt, dass sich der Schriftsteller durch diese Ehre nicht hat irritieren lassen. Das kann man so sehen.

Sein neues Buch spielt wieder in den sechziger Jahren, die Jean D. als eine "Zeit der Begegnungen" in Erinnerung hat. Er erinnert sich an Montmartre und Montparnasse, an Cafés im Morgengrauen und Hotels in der Nacht und vor allem an einige Frauen. An Geneviève Dalame, Madeleine Péraud und Madame Hubersen, an Martine Hayward und eine weitere, deren Namen er nicht nennen möchte - "ich misstraue nach fünfzig Jahren noch immer den allzu genauen Details, die ihre Identifizierung erlauben könnten". Denn die namenlose Dame hat einen Mord begangen, aus Versehen, wie sie versichert, aber Genaueres gibt sie nicht preis. Was insofern konsequent ist, als sich dieser Mord damit umstandslos in eine Reihe von mysteriösen Todesfällen eingliedert, die sich durch Modianos Werk zieht. Der Tod als eine spezielle Form des Verschwindens ist ein wiederkehrendes Motiv bei Modiano, dessen Alter Ego Jean D. im jüngsten Werk einer weiteren, diesmal aktiven Form des Verschwindens nachspüren darf: dem Weglaufen nicht nur vor der Polizei, sondern vor allen möglichen Menschen, denen er in jungen Jahren begegnet ist.

Von den anderen Frauen erfährt man nicht viel. Über Geneviève Dalame immerhin, dass sie sich, genauso wie Jean D., für Okkultismus interessierte und über Madeleine Péraud offenbar in einen "Kreis" geriet, in dem "Magie" betrieben wurde. Kurz darauf verschwand sie zum ersten Mal. Sechs Jahre später tauchte sie wieder auf, an der Hand ihren Sohn, aber ob dieses Kind auch der Sohn des Erzählers ist oder überhaupt sein könnte, bleibt ungewiss. Wie alle anderen bleibt auch die Beschreibung dieser Begegnung flüchtig, obwohl Jean D., wie es seit je seine Art ist, mit Details nicht spart. Er erinnert sich an Straßen mit Hausnummern, an Uhrzeiten und die Titel einzelner Bücher. Aber diese Details tragen nichts bei zur Charakterisierung von Menschen und Beziehungen, sondern sie erzeugen eine Stimmung, die, weil sie mehrere Widersprüche in sich vereint, der bevorzugte Lebensraum des Erzählers ist.

Was dieser Raum bietet, sind Möglichkeiten. Ob reale oder fiktive, spielt keine Rolle. Entscheidend ist, dass sich in ihm die Wahrnehmungsebenen verschieben dürfen, dass die Zeiten ineinanderfließen und die Dinge des Lebens endlich zusammenkommen. Die Würfel fallen. "Seite für Seite sagte ich mir: Wenn man in denselben Stunden, an denselben Orten und unter denselben Umständen noch einmal erleben könnte, was man bereits erlebt hat, es aber viel besser erleben würde als beim ersten Mal, ohne die Fehler, Hindernisse und Leerläufe . . . das wäre so, wie ein Manuskript voller Streichungen ins Reine schreiben." Das ist ein schönes Bild für ein Unterfangen, das zwar hoffnungslos ist, aber so nachvollziehbar, dass man Jean D. auf seiner Spurensuche durch Paris mit Leichtigkeit folgen kann. Ob man es auch gerne tut, ist dann nur noch eine Frage der Stimmung.

LENA BOPP

Patrick Modiano:

"Schlafende Erinnerungen".

Aus dem Französischen

von Elisabeth Edl. Carl Hanser Verlag, München 2018. 111 S., geb., 16,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 04.10.2018
Der Stummerzähler
Nach dem Nobelpreis: Patrick Modiano setzt mit zwei neuen Büchern seine Erkundungen der Zwischenwelt des Erinnerns fort
Bis vor Kurzem gab es in der Pariser Métro elektrische Netzplantafeln, auf denen per Knopfdruck mehrfarbig die Lämpchen des Wegs bis zum Zielbahnhof aufleuchteten. So eine Orientierungshilfe hätte sich auch Modianos Erzählfigur für die Irrfahrten durch die Nacht ihrer Erinnerungen gewünscht. Unermüdlich notiert der Erzähler von „Schlafende Erinnerungen“ Namen und sonstige Details aus der Halbvergessenheit seiner Streifzüge durch Paris und stellt sich vor, dass während dieser Arbeit, „bei der man im Ungewissen tappt, manche Namen zeitweise aufblinken wie Signale, die vielleicht hinführen zu einem verborgenen Weg“.
Den Modiano-Lesern ist dieses Herumtappen in der Ruhlosigkeit der Erinnerungen vertraut. Den anderen mag das Buch als neue Einstiegsmöglichkeit ins Werk des Autors dienen. Es ist die erste Publikation seit dem Nobelpreis vor vier Jahren. Dargestellt wird die Suche eines Mannes nach Erinnerungen an fünf oder sechs Frauen, denen er in seiner Jugend begegnet ist und die er aus den Augen verloren hat. Mit dem autobiografischen Text „Ein Stammbaum“ hatte Modiano 2005 in Form von Kindheitserinnerungen einige Grundmuster seiner Erzählwelt vorgelegt. Mit diesem Buch haben wir ein eher reflektierendes Pendant dazu. Und mit „Die Anfänge unseres Lebens“ kommt gleichzeitig ein Theaterstück von ihm heraus, eine Seltenheit bei diesem Autor.
Modianos Medium ist eine permanent ins Heute herüberlappende Vergangenheit der Fünfziger- und Sechzigerjahre. Trotz der genauen Ortsangaben entfaltet sich die Erinnerung bei ihm nicht in einem geografisch erfassbaren Raum. Sie ist tiefenlos, ein ständiges Flimmern individueller und historischer Ereignisse, Atmosphären, Begegnungen, Ängste und Erwartungen. Grelle Lichter schimmern hinter der Scheibe einer nachts geöffneten Bar. Nachmittägliche Zeitstille zerdehnt sich beim Herumsitzen in einer fremden Wohnung. Gespenstische Leere lauert auf den hochsommerlichen Straßen von Montmartre. Die Situationen verharren, wenn der Erzähler im Geist die Orte abschreitet, in der Schwebe zwischen Fremdheit und Alltäglichkeit. Selbst, wenn es darum geht, nach dem mysteriösen Tod eines gewissen Ludo F. den Revolver unter dem nächstbesten Schachtdeckel verschwinden zu lassen, flimmert die Spannung wie hinter einem Schleier aus Unwirklichkeit.
In keinem anderen Buch bisher ist so deutlich geworden, wie weit die Dunstschwaden der Erinnerung bei Modiano vom spontanen Aufblitzen der „mémoire involontaire“ bei Proust entfernt sind. Entspringen Prousts Erinnerungsschnipsel stets aus bestimmten Blickwinkeln, Gegenständen, Landschaften, Klängen oder Geschmacksnuancen, so bewegt sich die Erinnerung bei Modiano in einem Kontinuum der Raum- und Zeitlosigkeit. Sein Erzähler lebt in einem ständigen Déjà-vu. Wenn er, wie hier, nach sechs Jahren zufällig eine aus den Augen verlorene Jugendfreundin trifft, mit einem Kleinkind an der Hand, kommt ihm diese Begegnung wie eine bloße Variante der ersten vor: nun eben mit Kind. Und es werde noch andere Begegnungen mit ihr geben, sagt er sich, „in derselben Straße, wie bei den Zeigern einer Uhr, die jeden Tag zu Mittag und um Mitternacht aufs neue zusammenkommen“.
Die Begebenheiten tanzen bei Modiano im Grenzraum zwischen Realität und Vorstellung vollkommen unvorhersehbar, jedoch mit der Zuverlässigkeit einer Uhrenmechanik umeinander. Und nicht einmal das Ticken ist hörbar. Alles scheint lautlos abzulaufen. Geräusche kommen bei diesem Autor praktisch nicht vor, als wäre das Geschehen bloß eine Vision. Wenn es in der Literatur so etwas wie Stummfilme gäbe, wäre Modiano ein Meister dieses Genres. Ein Stummerzähler.
Damit hängt zusammen, dass die von Vergangenheit durchtränkten Ereignisse nie so etwas wie Nostalgie aufkommen lassen. Mögen sie gestern, vor zehn oder fünfzig Jahren passiert sein, sie schwimmen im selben Zeitbad. Die besagte Freundin wohnte, als der Erzähler sie in den Sechzigerjahren kennenlernte, statt in einer Wohnung in einem Hotel, wie es damals in Paris häufig vorkam. „Die alte Welt verhielt zu jener Zeit ein letztes Mal den Atem, bevor sie zusammenstürzte“, bemerkt der Erzähler dazu. Seiner Generation sei es gegeben worden, noch ein paar Momente lang in den alten Kulissen zu leben.
Statt diese Kulissen aus der Erinnerung nostalgisch einzufärben, rückt Modiano sie in unsere Gegenwart vor und schickt uns auf den Spuren seines Erzählers auf Irrfahrt durch ein halb fantastisches, halb reales Paris, das „übersät ist mit neuralgischen Punkten und den vielfältigen Formen, die unser Leben auch hätte annehmen können“. Das Ambiente ist bei diesem Autor Mitträger des nicht ausgelebten Lebenspotenzials der Protagonisten. Und ähnlich verhält es sich auch mit dem Theaterstück „Unsere Anfänge im Leben“, das im letzten Jahr parallel zu den „Schlafenden Erinnerungen“ herauskam. Handlungsort ist da ein Theater, in dem Tschechows „Möwe“ geprobt wird. Ein junger Schriftsteller namens Jean verbündet sich mit der Darstellerin Ninas aus dem Tschechow-Stück gegen seine Mutter, die ebenfalls Schauspielerin ist – eine Situation, die an Modianos eigene Kindheit erinnert. Es wäre erstaunlich gewesen, würde in diesem Stück nicht auch der Theaterraum zu sprechen anfangen.
„Wände, Bühne und Balkone sind erfüllt von den Stimmen all jener, die hier gespielt haben“, raunt Jean seiner Freundin zu, mit der er sich nachts im Theater verbarrikadiert hat. Und nicht nur die früheren Schauspieler, auch die Zuschauer von einst sind wieder da und nehmen an einer Art „ewiger Wiederkehr“ teil. Diese Formulierung taucht in „Schlafende Erinnerungen“ ebenfalls mehrmals auf. Das bisher unaufgeführte Theaterstück wirkt eher wie ein Lesestück. Die beiden Texte sind gleichzeitig nebeneinander entstanden. Nach dem Wirbel um den Nobelpreis hat der öffentlichkeitsscheue Autor die straffe Rede-Antwort-Form des Theaters dazu benützt, seinen Schreibrhythmus wiederzufinden. Wir dürfen beruhigt sein, es ist der alte Modiano-Sound, der in der Erzählung wie im direkten Wortwechsel weiterhin tonlos aus dem Vollen spricht. Und die gestandene Modiano-Übersetzerin hat für beide Texte das richtige Parlando gefunden.
JOSEPH HANIMANN
Patrick Modiano: Schlafende Erinnerungen. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. Hanser Verlag, München, 2018. 112 Seiten. 16 Euro.
Patrick Modiano: Unsere Anfänge im Leben. Theaterstück. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. Hanser Verlag, München, 2018. 110 Seiten. 16 Euro.
Geräusche kommen bei diesem
Autor kaum vor, als wäre
das Geschehen nur eine Vision
Patrick Modiano, geboren 1945 in Boulogne-Billancourt.
Foto: Tierry Dudoit / Laif
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"Ein zauberhaft dünnes Buch, das man nie ganz verstehen wird, das man am schönsten begreift, wenn man es nicht vollends zu verstehen versucht." Roman Bucheli, Neue Zürcher Zeitung, 22.09.18

"Ein wirklich atmosphärisch sehr dichtes Buch, das in seiner Kürze auch wieder in große Tiefen vordringt." Katharina Borchardt, SWR 2 Lesenswert, 02.09.18

"Es liegt ein Zauber auf diesen Sätzen, auf den vielen Namen der Menschen, Straßen und Orte, auf den Büchern, die ebenfalls eine wichtige Rolle spielen." Gerrit Bartels, Tagesspiegel, 28.08.18

"Das ist der Rhythmus von Modianos Erzählen, daraus entsteht dieser unnachahmliche Sog." Peter Körte, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.08.18

"Es hat immer wieder sowas verhangenes, schwebendes, sowas traumhaftes." Gerrit Bartels, DLF Kultur Buchkritik, 21.08.18

"Das Dunkel aber liegt von Anfang an über dem Roman, es färbt die Stimmung dieser unglaublich fesselnden Prosa, der man sich umso weniger entziehen kann, je weniger sie preisgibt." Ulrich Rüdenauer, Stuttgarter Zeitung, 11.01.19