Jeune fille - Wiazemsky, Anne
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Frühsommer 1965: Anne, die Erzählerin, trifft den berühmten Filmregisseur Robert Bresson. Ihre Freundin Florence, selbst Schauspielerin, organisiert das Treffen, überzeugt davon, dass Anne die Idealbesetzung der Marie in "Zum Beispiel Balthasar" ist, Bressons nächstem Filmprojekt. Obwohl sie keinerlei Schauspielerfahrung hat - Annes Stimme und Ausstrahlung faszinieren den alternden Bresson. Doch das junge Mädchen ist noch nicht volljährig. Nachdem es gelingt, auch ihre Familie von dem Filmprojekt zu überzeugen, betritt sie eine neue Welt: Die Welt des Films, die des ungeduldigen und…mehr

Produktbeschreibung
Frühsommer 1965: Anne, die Erzählerin, trifft den berühmten Filmregisseur Robert Bresson. Ihre Freundin Florence, selbst Schauspielerin, organisiert das Treffen, überzeugt davon, dass Anne die Idealbesetzung der Marie in "Zum Beispiel Balthasar" ist, Bressons nächstem Filmprojekt. Obwohl sie keinerlei Schauspielerfahrung hat - Annes Stimme und Ausstrahlung faszinieren den alternden Bresson. Doch das junge Mädchen ist noch nicht volljährig. Nachdem es gelingt, auch ihre Familie von dem Filmprojekt zu überzeugen, betritt sie eine neue Welt: Die Welt des Films, die des ungeduldigen und perfektionistischen Regisseurs Bresson und die Welt der Erwachsenen. Anne blüht auf, verliert ihre Unschuld. Der eifersüchtige Filmemacher versucht mit aller Kraft, seine eigensinnige Heldin zu bezähmen, und zwischen Meister und Muse entwickelt sich ein rätselhaftes Spiel, eine Mischung aus Verlockung, Abhängigkeit und Macht. Am Ende des Sommers und der Dreharbeiten spürt Anne, dass sich eine Wandlung
vollzogen hat: Sie hat ihre Kindheit abgeschlossen und etwas Neues, Aufregendes liegt hinter - aber auch vor ihr.

Wiazemskys preisgekrönter Roman ist eine sehr persönliche Erinnerung an ihren Sommer mit Bresson und bietet, gleichsam zeitlos, ein Bild der besonderen Lebensspanne auf der Schwelle zwischen Kind und Erwachsenem. Mit dichten Bildern und in einer unaufdringlichen, aber eindringlichen Sprache transportiert Wiazemsky die Gefühle des Erwachsenwerdens, voller Sehnsucht, Aufregung und Verwirrung, und konserviert die Eindrücke dieser Jahre, ihre ganz eigene Farbe, ihren ganz eigenen Duft, ihre ganz eigene Romantik.

"Dieses Buch bewegt einen so, weil es darin um alle jungen Mädchen geht, um eine universelle Geschichte über das Erwachsenwerden, um eine Erzählung über das Erwachen, wenn man seine ursprüngliche Lebenswelt verlassen muss, um nur noch sich selbst zu gehören."
Dominique Fernandez, Le Nouvel Observateur
  • Produktdetails
  • Verlag: Beck
  • Seitenzahl: 206
  • Erscheinungstermin: 22. Juli 2009
  • Deutsch
  • Abmessung: 210mm x 129mm x 22mm
  • Gewicht: 314g
  • ISBN-13: 9783406583896
  • ISBN-10: 340658389X
  • Artikelnr.: 25051821
Autorenporträt
Anne Wiazemsky, geb. 1947, gab ihr Filmdebüt in Robert Bressons 'Zum Beispiel Balthazar'. Im Jahr darauf heiratete sie Jean-Luc Godard und übernahm die weibliche Hauptrolle in seinem Film 'Chinesin'. Sie spielte außerdem in 'Weekend', in 'Der Schweinestall' und in 'Teorema - Geometrie der Liebe' von Pier Paolo Pasolini. Neben ihrer Arbeit als Schauspielerin machte sich Wiazemsky auch als Regisseurin und vor allem als Schriftstellerin einen Namen.
Rezensionen
Besprechung von 26.07.2009
Das Mädchen und der Regisseur
Mit 18 Jahren stand Anne Wiazemsky für Robert Bresson das erste Mal vor der Kamera. Dann heiratete sie Jean-Luc Godard. "Jeune fille" heißt ihr Roman über diese Zeit

Zu Hause, bei ihrer Mutter, stand das Telefon nicht mehr still, und ihr Onkel lief in Paris vor Schreck gegen eine Litfaßsäule, als überall am Kiosk auf der Titelseite von "France Soir" plötzlich ihr Foto zu sehen war: "Die Enkelin des Schriftstellers François Mauriac dreht mit dem Regisseur Robert Bresson", stand da. Anne Wiazemsky war gerade achtzehn geworden, hatte keine Ahnung von Kino, jedenfalls nicht von dem, was 1965 im Kino als avanciert galt - sie sah sich lieber die "Angélique"-Filme mit Michèle Mercier an. Jetzt stand sie selbst vor der Kamera, sollte aber bitte gar nicht erst versuchen, zu schauspielern, wie Robert Bresson ihr erklärte, und so unbeteiligt sprechen wie möglich. Titel des Films: "Zum Beispiel Balthazar", die Leidens- und Lebensgeschichte eines Esels und eines Mädchens; eine Schicksalserzählung über Ikonen erzwungener Duldsamkeit. Sie war das Mädchen.

Heute kennt man Anne Wiazemsky vor allem aus den Filmen, die sie wenige Jahre später mit Jean-Luc Godard drehte, mit dem sie dann auch verheiratet war: aus der "Chinesin", in dem sie eine marxistische Bürgerstochter spielt, die Philosophie in Nanterre studiert; aus "Weekend" oder den "All about Eve"-Sequenzen in Godards Rolling-Stones-Film "One plus one", in welchem sie als Eve Democracy von einem Kamerateam interviewt wird und auf alle Fragen immer nur mit "Oui" oder "Non" antwortet. Als sie in dieser Zeit nach Venedig fuhr, erkannte Pier Paolo Pasolini die junge Schauspielerin auf der Straße und engagierte sie für "Teorema - Geometrie der Liebe". Sie drehte mit Robert Enrico und André Téchiné - und zog sich, als die Rollen weniger wurden, immer mehr aus dem Filmgeschäft zurück, um stattdessen, wie ihr Großvater, François Mauriac, Bücher zu schreiben, die in Frankreich mehrfach ausgezeichnet wurden. "Jeune fille" heißt das zweite ihrer zehn Bücher, das nun auch ins Deutsche übersetzt worden ist. Es ist ein autobiographischer Roman über die Dreharbeiten, damals bei Robert Bresson; eine Erzählung vom Filmset und die wunderbare Geschichte der Begegnung eines Mädchens mit jenem viel älteren Regisseur, den Anne Wiazemsky als einen faszinierenden Tyrannen beschreibt - elegant, besitzergreifend, liebevoll, unerbittlich. "Als Robert Bresson im Dezember 1999 starb", erzählt die heute 62-Jährige in Paris, "war ich bei seiner Beerdigung. Damals kamen die Erinnerungen wieder hoch, all das, was ich ihm verdanke, und es entstand der Wunsch, über ihn zu schreiben, nur wusste ich lange nicht wie. Die Erinnerung ist ja trügerisch, mit Memoiren hätte ich mich, allein aus Respekt, einer Wahrheit verpflichtet, und so entschied ich mich für einen Roman, mit dem ich auch eine exemplarische Geschichte erzählen konnte: die eines Mädchens, das sich innerhalb eines Sommers von seiner Kindheit verabschiedet."

Der schöne Tyrann

Es war der Großvater, der ihr die Erlaubnis gab, "zum Film zu gehen", als eine Freundin der Familie, die in Bressons "Jeanne d'Arc" gespielt hatte, sie dem Regisseur vorstellte, wo Anne ihm vorlesen musste, damit er ihre Stimme hören konnte. "Weißt du, warum ich dir diese Erlaubnis gebe?", sagt François Mauriac im Roman: "Ich wär gern an deiner Stelle. Stell dir vor, ich beneide dich! Mir hat man nie angeboten, in einem Film mitzuspielen!" Sie muss ihm allerdings versprechen, während der Dreharbeiten Tagebuch zu führen, das Tagebuch eines Films, findet Mauriac, werde faszinierend sein. Und außerdem, wenn dieser Monsieur Bresson sich als unangenehm erweisen sollte, hätte sie mit dem Tagebuch eine herrliche Waffe. Françoise Gilot, die mit Picasso verheiratet war, habe eben ein Buch über ihr gemeinsames Leben herausgebracht, und die Leute rissen sich darum: "Was für eine wunderbare Rache!"

Anne Wiazemsky hat die Tagebücher von damals noch, hat sich aber verboten, die Aufzeichnungen beim Schreiben wiederzulesen. "Das hätte mich eingeschränkt", sagt sie, "ich wollte die Geschichte aus der Erinnerung neu erfinden." Ob sie denn einen Blick hineingeworfen habe, als das Buch fertig gewesen sei? "Ja, das schon. Und da gab es eine Sache, die mich mehr, und eine, die mich weniger überrascht hat. Weniger überraschend war, dass die Nacht, die ich damals mit einem Jungen vom Set verbracht habe und die meine erste war, im Tagebuch einen sehr großen Raum einnimmt. Seitenlang geht es darum, aber für den Roman hat es mich nicht so sehr interessiert. Überraschend fand ich, dass in meiner Erinnerung, die eine glückliche ist, immerzu schönes Wetter war; dass es in Wahrheit aber immerzu geregnet hat, was der eigentliche Grund dafür war, dass die Dreharbeiten sich verzögerten und die Produzentin nervös wurde. Ich dachte, es hätte an Robert Bressons Genauigkeit gelegen, an seinem Eigensinn."

"Zum Beispiel Balthazar" ist als DVD leider schwer zu kriegen. Man muss sich den Film aber ausleihen, da man ihn nach der "Jeune fille"-Lektüre unbedingt wiedersehen will. Denn trotz der Fiktionalisierung kann man nicht widerstehen, Wiazemskys Roman, zumindest auf einer Ebene, als das zu lesen, was man, auch wenn es hässlich klingt, einen Schlüsselroman nennt: "Jeune fille" zeichnet das beeindruckende Porträt eines Regisseurs bei der Arbeit, der mit seinen Schauspielern, die er damals noch "interprètes", später "modèles" nannte, hadert, wenn diese sich zu sehr einbringen, zu sehr zur Identifikation anstiften, wohingegen er sie als bloße Projektionsfläche will, als unbeschriebenes Blatt. Er hadert mit seinem, wie er findet, fotogenen Esel, dessen Augen im entscheidenden Moment nicht in der Weise glänzen, wie er sich das vorstellt, und dessen "Iah"-Laute die Tonleute aufnehmen und dem Tier wieder vorspielen müssen, damit es überhaupt reagiert. Und schließlich hadert er mit seiner Hauptdarstellerin, Anne, die er eifersüchtig hütet, wie einen Schatz, so dass der Rest des Filmteams sie bald nur noch "Die Gefangene" nennt: Sie wohnt und isst bei ihm, nicht bei den anderen, und wenn beide am Abend spazieren gehen, versucht er jedes Mal, sie zu küssen - was sie abwehrt, um stattdessen mit einem Jungen vom Set zu schlafen. Sie kann es kaum fassen, dass am nächsten Tag, vor der Kamera, niemand die Veränderung bemerkt. Dieses "erste Mal" müsse man ihr doch anmerken, denkt sie, man müsse es doch sehen.

"Mein Vertrauen Robert Bresson gegenüber", sagt Anne Wiazemsky, "war von Beginn an enorm. Das galt auch fürs Drehen. Was ich von ihm gelernt habe, ist, dass man sich nicht dafür schämen muss, sich führen zu lassen, zumindest nicht von jemandem wie ihm." - "Aber hat er Sie nicht auch ausgetrickst?" - "Es gab da diese berühmte Szene mit der Ohrfeige: Bresson wies meinen Filmpartner vor allen anderen an, mir eine fingierte Ohrfeige zu geben. Hinter meinem Rücken sagte er ihm, er solle bitte richtig zuschlagen. Sie können im Film noch heute meine Fassungslosigkeit über diesen heftigen Schlag sehen! Ghislain Cloquet, der wunderbare Kameramann, der eine Tochter in meinem Alter hatte und mich schützen wollte, beschwerte sich daraufhin, dass solche sadistischen Methoden nichts mit Kino zu tun hätten. Für mich war es aber kein Sadismus. Es wiederholte sich auch nicht und diente allein dem Film. Ich habe später Regisseure kennengelernt, die wirkliche Sadisten waren, jeden Tag. Das ist etwas völlig anderes."

Während der Dreharbeiten lernte Anne Wiazemsky auch Jean-Luc Godard kennen, der, was Anne Wiazemsky damals nicht wusste, ein Foto von ihr im "Figaro" gesehen, sich in dieses Foto verliebt hatte und zum Filmset kam, um, was bloß ein Vorwand war, für die "Cahiers du Cinéma" ein Interview mit Bresson zu führen. Bresson gab sich launisch, und Anne, der es auf die Nerven ging, dass alle Godard so toll fanden, würdigte ihn kaum eines Blicks. "Ich war 18, ich war dumm!", sagt sie heute. Wie Godard sich um ein eindrucksvolles Gespräch bemüht, dabei aber dramatisch scheitert, das gehört zu den lustigsten Szenen dieses Buchs. Was das Buch allerdings nicht erzählt, ist, dass Anne ein Jahr später im Kino Godards "Masculin, féminin" sah, sich gemeint fühlte und dem Regisseur einen Brief an die "Cahiers" schickte, in dem sie ihm ihre Liebe erklärte. Sie trafen sich und heirateten. "Das gibt es doch bei sehr schüchternen Menschen - und ich war sehr schüchtern, viele kannten damals nicht einmal meine Stimme, so wenig habe ich geredet -, dass sie plötzlich ihren Mut zusammennehmen und nicht mehr zu stoppen sind. Von der Schüchternheit ist es nicht weit zur Megalomanie."

Wir waren jung

Als sie 1967 mit Godard "Die Chinesin" drehte, versuchte Bresson es ihr zu verbieten, rief ständig bei ihr an, bis Godard ihm irgendwann erklärte, er solle sich, bei aller Wertschätzung, doch bitte aus ihrem Privatleben heraushalten. "Wir überwarfen uns damals, Bresson war dann auch gegen die 68er und wir natürlich dafür, wir waren ja jung." Wenn man den Film "Die Chinesin" heute wiedersieht, in dem die linksradikalen Studenten in großbürgerlichem Ambiente fast ausschließlich in Zitaten sprechen und die Mechanismen des Kinoerzählens permanent reflektiert werden, wundert man sich fast, dass Anne Wiazemsky, Schauspielerin der "Nouvelle Vague", als Schriftstellerin einen so reduktionistischen Stil verfolgt, eine auffällige Einfachheit der Sprache. Nicht einmal die Differenz zwischen den Tagebüchern und der Erinnerung hat sie als Reflexionsebene des Erzählens eingebaut. Ob das Absicht sei, eine Gegenbewegung? Sie weist das zurück. Gerade "Die Chinesin", meint sie, sei doch ungeheuer leicht erzählt. "Die Regel, an die ich mich beim Schreiben gehalten habe, findet man in Robert Bressons ,Noten zum Kinematographen': ,Ich erfinde sie, wie sie sind', schreibt er da über seine Modelle."

So hat Anne Wiazemsky Robert Bresson erfunden, wie er war. Sie hat ihm Worte in den Mund gelegt, die er nie gesagt hat und die doch die seinen sind: "Ich bin in Ihrer Nähe so glücklich gewesen", sagt Anne gegen Ende der Dreharbeiten zu ihm in einem Dialog, der unbewusst aus Zitaten des Films besteht, weshalb beide lachen müssen. "Ich auch", antwortet Bresson. "In Ihrer Nähe zu leben hat mir unendlich viel bedeutet, Ihre Jugend hat mich jung gemacht . . . oft hatte ich Ihr Alter. Später werden Sie verstehen . . . Später." "Jeune fille" ist Anne Wiazemskys Antwort auf dieses "Später". Sie hat verstanden.

JULIA ENCKE

Anne Wiazemsky: "Jeune fille". Roman, C.-H.-Beck-Verlag, 206 Seiten, 18,90 Euro

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Besprechung von 17.12.2009
Er, dessen Namen sie nicht zu sagen wagte
Die Zärtlichkeit des Vaters: Anne Wiazemsky berichtet in ihrem Roman „Jeune fille” über ihre Arbeit mit dem Filmregisseur Robert Bresson
Sie haben sich nie geküsst. Nicht im Auto, als er sie, vom Regen durchnässt, in seine Jacke hüllte, nicht im Kino, wo er zum Unwillen der Zuschauer seinen eigenen Film leidenschaftlich kommentierte, nicht auf den allabendlichen Spaziergängen im Park, wenn er sagte „Seien Sie nett zu mir” und schließlich auch nicht, als sie Abschied nahmen, auf einer Bank, wo sie die Liebesszene zwischen Jacques und Marie noch einmal nachspielten.
Und doch war die Begegnung zwischen Anne Wiazemsky und ihrem ersten Regisseur, Robert Bresson, während der Dreharbeiten zu „Zum Beispiel Balthazar” von Liebe geprägt. Als sie Bresson das erste Mal zusammen mit ihrer Freundin Florence Delay, der Hauptdarstellerin aus dem „Prozess der Jeanne d’Arc”, in seiner Pariser Wohnung trifft, ist Anne siebzehn, ein schüchternes Mädchen mit wenig Charme. Und doch interessiert sich der Regisseur für sie. Er lässt sich vorlesen und bringt sie mit seiner überraschend sanften Stimme gleich beim ersten Treffen dazu, dass sie ihm gefallen will. Bald schon ruft er jeden Abend an, wie ein Verliebter, nur um ihre Stimme zu hören. Er überlege, ob er sie für die Rolle der Marie in seinem neuen Film „Zum Beispiel Balthazar” engagieren werde. Schon bei der ersten Probeaufnahme schenkt sie ihm Vertrauen, versucht nicht, zu verstehen, sondern tut das, worum er bittet.
Über diese Beziehung hat Anne Wiazemsky einen erstaunlichen, anrührenden Roman mit dem Titel „Jeune fille” geschrieben, der vor zwei Jahren in Frankreich und nun auch bei uns erschienen ist. Und zu erzählen gibt es vieles: Nachdem der Widerstand des Großvaters (des Romanciers und Literaturnobelpreisträgers François Mauriac) gebrochen ist, beginnt für die junge Anne im Frühsommer 1965 ein „phantastisches Abenteuer”. Sie genießt das Leben am Set, vor allem auch, weil es ein Ausbruch aus der Enge ihrer Familie ist. Jetzt ist sie zuallererst die Hauptdarstellerin in einem Film, dann erst Tochter und Enkelin.
Bresson nimmt ihr jede Angst, schon vor Beginn der Dreharbeiten gibt er ihr das Gefühl, stets besser als sie selber zu wissen, was gut für sie sei. Die Zärtlichkeit, mit der er Anne behandelt, schwankt schon zu Anfang zwischen der eines Vaters und der eines Liebhabers. Zunehmend wird er eifersüchtig, wenn sie sich aus seinem Umkreis entfernt, um gleichaltrige Freunde zu treffen.
Der Meister und die Muse
An einem strahlenden Sommernachmittag wird Anne zum ersten Dreh gefahren. Die Filmarbeiten finden fast ausschließlich in Guyancourt statt, einer ländlichen Gegend außerhalb von Paris. Während eines ersten Spaziergangs durch die Alleen des Parks eröffnet Bresson ihr mit großer Leidenschaft: „Während der Dreharbeiten möchte ich Sie jeden Tag bei mir haben, selbst wenn Sie nicht spielen.” Verstört stimmt sie zu, von nun an mit ihm gemeinsam in einem Landhaus zu leben. Die befremdliche Nähe, die durch ein gemeinsames Badezimmer entsteht, gibt der jungen Schauspielerin aber bald eine unerwartete Selbstsicherheit beim Spiel. Während sich andere Darsteller stundenlangen Sprechübungen unterziehen müssen, ist Bresson mit ihr fast immer sehr zufrieden, lobt ihre Natürlichkeit, ihre Frische. Der Film versetzt sie in einen Glückszustand, voller Lebensfreude saugt sie die neuen Erfahrungen in sich auf, halb noch Kind, halb schon Erwachsene.
In der Mischung aus Unschuld und Verdorbenheit nämlich, mit der sie die Marie spielt, wenn diese, nur notdürftig von einer Decke bedeckt, mit nackter Schulter beim Getreidehändler Pierre die Marmelade vom Löffel leckt, liegt ein Geheimnis von Anna verborgen. Jenes, dass sie am vorherigen Wochenende unter einem Vorwand von Bresson geflohen und nach Paris gefahren war. Dort hatte sie sich das erste Mal einem Mann hingegeben und es sehr genossen.
Bald neigt sich der Sommer dem Ende zu, und der Esel stirbt, mit mildem Schein in den Augen, umringt von einer Schafherde. So sehr hängt ihr der „Augenblick zwischen dem Kamera läuft! und dem Aus!” nach, dass sie sich gar nicht mehr vorstellen kann, zurück in die Schule zu müssen. Einen kurzen Aufschub erreicht Bresson noch, weil die katholische Schuldirektorin eine glühende Verehrerin seiner Filme ist. Dann müssen sich die beiden trennen. „Ich bin in Ihrer Nähe so glücklich gewesen”, sagt Anne und legt ihren Kopf in die Mulde seiner Schulter.
Ist das das Ende der Liebesgeschichte zwischen den beiden? Man erfährt nichts weiter, das Erinnerungsbuch von Anne Wiazemsky hört hier auf. Im Klappentext liest man, sie habe im folgenden Jahr Jean-Luc Godard geheiratet und die Hauptrolle in seinem Film „Die Chinesin” gespielt. Robert Bresson soll verzweifelt versucht haben, ihr den Film zu verbieten, soll wie ein betrogener Ehemann dauernd bei Godard angerufen haben, bis er sich schließlich verbittert von ihr und ihrer Generation abwandte.
Aber daran erinnert sich Anne Wiazemsky nicht in diesem außergewöhnlich eindringlichen Roman, der vom Film, vom Erwachsenwerden und von einer Liebe erzählt. Man erfährt viel über die Arbeitsmethode des 1999 gestorbenen Regisseurs. Mit welcher Unabdingbarkeit er seine Vorstellungen durchsetzte, zu welchen Mitteln er dabei griff.
Um eine besonders authentische Wirkung zu erzielen, vereinbarte er etwa heimlich mit François Lafarge, der den Anführer der Bande spielte, dass dieser Anne eine richtige Ohrfeige geben solle, nicht eine vorgetäuschte, wie offiziell vereinbart. Die zum Teil sadistisch anmutenden Wiederholungen einer Szene, nur weil ein Detail, wie zum Beispiel das Leuchten in den Augen des Esels oder der kurze Gang von Pierre aus der Küche weg, nicht der Vorstellung des Meisters entsprach, war der Preis für jenes exklusive Verhältnis, das er zwischen sich und dem Darsteller für den Moment der Szene aufbaute.
In den ersten Kapiteln des Buches ersetzt die Erzählerin den Namen des bewunderten Regisseurs noch voller Ehrfurcht durch „Der, dessen Name ich nicht zu sagen wage”, bald entwickelt sich das Meister-Musen-Verhältnis aber zu einem gleichgewichtigen Spiel, bei dem mal der eine, mal der andere gewinnt. Und wenn sich in Bressons Zuneigung zu Anne Wiazemsky immer wieder väterliche Fürsorge und männliches Begehren die Waage halten, dann hat diese Ungewissheit am Ende genau jene Marie gezaubert, die im weißen Nachthemd den geschmückten Esel im Halbdunkel mit ihren schönen, sinnlichen Lippen küsst, und nicht genau weiß, ob sie Kind oder Verführerin ist. SIMON STRAUSS
ANNE WIAZEMSKY: Jeune fille. Roman. Aus dem Französischen von Judith Klein. Verlag C. H. Beck, München 2009. 206 Seiten, 18,90 Euro.
Anne Wiazemsky, die ein Jahr später Jean-Luc Godard heiratete, mit dem Esel in Robert Bressons Film „Zum Beispiel Balthazar”, 1966. Foto: Cinetext Bildarchiv
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Geradezu berückend findet Rezensent Simon Strauß diese Erinnerungen der Schauspielerin Anne Wiazemsky, die darin erzählt, wie sie im zarten Alter von siebzehn Jahren ihren ersten Film mit Robert Bresson drehte: "Zum Beispiel Balthasar". Und für Strauss wird jetzt auch klar, woraus sich der Zauber dieses Films speiste: Es ist diese unvergleichliche "Mischung aus Unschuld und Verdorbenheit" einer Siebzehnjährigen, die gerade den Sex für sich entdeckt hat, auf der einen Seite, und auf der Seite Bressons Zuneigung zu dem Mädchen, die ebenso in väterlicher Zuneigung wie männlichem Begehren bestand. Diese Ambivalenzen durchziehen das Buch, auch das Verhältnis zwischen Meister und Muse changiert ständig und wie in dem Film selbst weiß der Leser auch nie ganz, ob Anne Kind oder Verführerin war. Und natürlich hat er auch sehr viel über Bressons Arbeitsmethode gelernt.

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