Das Versteck - Boltanski, Christophe
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Im Hof des Hauses in der Rue de Grenelle steht der Fiat 500, den Großmutter gern schwungvoll fährt, weil man dann nichts von ihrer Gehbehinderung merkt. Im Erdgeschoss führte Großvater seine Arztpraxis, seit er seine Stelle in einem Pariser Krankenhaus verlor. Der getaufte Jude erkannte die Gefahr im Frankreich unter der Herrschaft des Nationalsozialismus erst spät. Seine Frau griff zur List: Sie ließ sich offiziell scheiden und versteckte ihren Mann in einem Gelass zwischen Bad und Schlafzimmer. Als der Krieg zu Ende ist, kommt ihr dritter Sohn zur Welt. - Originell und voller Zuneigung…mehr

Produktbeschreibung
Im Hof des Hauses in der Rue de Grenelle steht der Fiat 500, den Großmutter gern schwungvoll fährt, weil man dann nichts von ihrer Gehbehinderung merkt. Im Erdgeschoss führte Großvater seine Arztpraxis, seit er seine Stelle in einem Pariser Krankenhaus verlor. Der getaufte Jude erkannte die Gefahr im Frankreich unter der Herrschaft des Nationalsozialismus erst spät. Seine Frau griff zur List: Sie ließ sich offiziell scheiden und versteckte ihren Mann in einem Gelass zwischen Bad und Schlafzimmer. Als der Krieg zu Ende ist, kommt ihr dritter Sohn zur Welt. - Originell und voller Zuneigung erzählt Christophe Boltanski die Geschichte seiner Familie anhand der Geschichte dieses einzigartigen Hauses.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser
  • Artikelnr. des Verlages: 505/25642
  • Seitenzahl: 315
  • Erscheinungstermin: 24. Juli 2017
  • Deutsch
  • Abmessung: 210mm x 134mm x 27mm
  • Gewicht: 405g
  • ISBN-13: 9783446256422
  • ISBN-10: 3446256423
  • Artikelnr.: 48011844
Autorenporträt
Boltanski, Christophe
Christophe Boltanski, 1962 in Paris geboren, arbeitete lange als Journalist und Kriegsreporter bei Libération und Nouvel Observateur und ist seit 2017 Chefredakteur der Zeitschrift XXI. Er ist der Sohn des Soziologen Luc Boltanski und ein Neffe des bildenden Künstlers Christian Boltanski. Sein erster Roman Das Versteck (Hanser, 2017) war ein Überraschungserfolg in Frankreich und wurde mit dem Prix Fémina ausgezeichnet.
Rezensionen
Besprechung von 31.07.2017
Im großen Textgehäuse
Christophe Boltanskis autobiografischer Roman über die Familie als Kollektivwesen
und das Wohnhaus als unendlichen Zwischenraum der Improvisation
VON ALEX RÜHLE
Die Geschichte, die diesem Buch seinen Titel gibt, kommt erst auf Seite 221, tief geschützt im Inneren des Textes und des Hauses, das darin beschrieben wird, nach und nach, Schritt für Schritt, so sorgfältig, dass das Buch dessen Architektur gewissermaßen nachformt: „Das Versteck“ ist gegliedert nach den verschiedenen Räumen dieses Hauses in der Pariser Rue de Grenelle. Die Kapitel heißen „Küche“, „Arbeitszimmer“, „Salon“. Man erkundet sie langsam, auf der Suche nach Lebens- und Gebrauchsspuren, was recht schwierig ist bei einer Familie, die so wenig an Dingen hängt, dass dauernd etwas verschwindet, und die Fotos kategorisch verpönt, zeigen sie doch immer nur Dinge, die nicht mehr sind. Da dieser Erzähler also keine Bilder zur Verfügung hat, um die Geschichte seiner Familie zu erzählen, blättert er eben die Räume auf wie ein Erinnerungsalbum. Er stellt den Kapiteln sogar jeweils Skizzen der verschiedenen Zimmer voran, sodass das Haus am Ende vor einem liegt wie ein Lageplan oder „ein Cluedo-Spiel“, wie er selber schreibt, ein Spiel, bei dem man die Mordwaffe suchen muss.
Der Ort, den man auf Seite 221 erreicht, heißt bei allen Bewohnern des Hauses nur der „Zwischen-Raum“. Der Erzähler nennt diesen Schlupfwinkel neben der Treppe den „Nabel der Rue de Grenelle“, so als sei das ganze Haus ein großer Körper, ein Lebewesen, das seine Bewohner schützend umschließt. So war es wohl auch, in mehrfacher Hinsicht. Zunächst rettete der „Zwischen-Raum“ Étienne Boltanski das Leben. Étienne, Nachkomme russisch-jüdischer Migranten, Chefarzt an einem großen Pariser Krankenhaus, versteckte sich hier 18 Monate lang vor den Nazis und vor seinen Kindern, die vielleicht geplaudert hätten, wenn sie um sein Versteck gewusst hätten. Die Eltern hatten ihnen und den Nachbarn 1942 einen Ehestreit nebst türenschlagendem Auszug des Vaters vorgespielt. Étienne kam noch in derselben Nacht zurück und harrte dann in diesem Verschlag aus. „Kaum ein Zimmer. Eher ein Weg. Eine Lücke, die nichts ähnelte.“
Im Grunde wurde nach dem Krieg das ganze Haus zu solch einem Zwischen-Raum, einer Lücke, die nichts ähnelte, einem Versteck vor der Außenwelt. Das Kraftzentrum des Hauses ist Marie-Élise, Étiennes Frau, die als Kind von ihrer Familie zur Adoption freigegeben worden war und sich nach diesem Sturz in die totale Einsamkeit schwor, ihren eigenen Kindern einen festen Halt zu geben. Die mit 30 Jahren an Polio erkrankt ist, stark gehbehindert war, aber sich immer weigerte, Gehhilfen zu benutzen, und sich stattdessen auf ihren Mann und ihre Kinder stützte, und die die ganze Familie zu einem Gemeinschaftsblock zusammenschmolz. Christophe Boltanski, ihr Enkel, der Autor dieses autobiografischen Romans, wollte ursprünglich gar keine einzelnen Subjekte auftauchen lassen, sondern versuchte in mehreren Schreibanläufen, seine Familie als multiple Einheit zu beschreiben, als einen schwerfälligen Vielfüßler, dessen einzelne Glieder ein riesiges Ganzes ergeben, ein Buch ohne „ich“, „er“ und „sie“. Stattdessen hätte es nur ein unauflösliches „Wir“ gegen den Rest der Welt gegeben. Dieses Projekt mag gescheitert sein, das Buch aber, das es an seiner Stelle gibt, ist ein Triumph. Boltanski hat dafür in Frankreich den Prix Femina erhalten.
Französischen Lesern wäre ein Roman über dieses blockhaft-massive Wir vielleicht schon deshalb plausibel erschienen, weil all die prominenten Mitglieder dieser Familie in Frankreich einen kollektiven Spitznamen tragen: „Les Bolts“. Christophe Boltanski selbst hat für die Libération als Kriegsreporter und Korrespondent gearbeitet, seit einiger Zeit ist er Chefredakteur des besten Reportagemagazins Europas, XXI. Sein Vater Luc ist Soziologe und Forschungsdirektor an der École des Hautes Études en Sciences Sociales, sein Onkel Christian ist weltberühmter Künstler, in dessen pseudodokumentarischen Werken es immer wieder um Verfälschung der Erinnerung, das Fragile unserer Lebensentwürfe geht. Dass er eine seiner Ausstellungen, in denen er mit autobiografischen Dokumenten spielte, einmal „individuelle Mythologie“ nannte, zeigt, wie skeptisch er allem objektiven Erinnern gegenüber ist. Man kann „Das Versteck“ als Kommentar zur Herkunft seines Werks lesen.
Aber all das, Ruhm, Berufe, Werke, gehören dem späteren sozialen Leben außerhalb dieses Hauses an, und es gibt hier kein Außen, es gibt nur „Das Versteck“, den gemeinsamen Raum, in dem diese Familie sich nach dem Krieg verschanzt hatte und in dem sie so etwas wie groteske existenzielle Paradoxien sammelt: Der Arzt Étienne fürchtet sich Zeit seines Lebens vor Blut. Er unterrichtet an der Sorbonne Hygiene, wäscht sich aber nie und rät seinen Söhnen, sich bei Tisch die fettigen Finger an den eigenen Haaren abzuwischen. Sie bewohnen ein Anwesen in einer der renommiertesten Straßen von Paris und hausen darin wie die Clochards. Die Großmutter ist Großgrundbesitzerin, klebt aber jeden Sonntag Plakate für die Kommunistische Partei. Alle sind sie außerordentlich wissensdurstig, die Schule aber ist derart verpönt, dass Marie-Élise ihre Kinder irgendwann abmeldet. Es gibt kaum etwas zu essen, aber jeder ist stets willkommen. Kommen Gäste, „macht man ihnen Platz. Die Frage, ob es für alle reiche, stellt sich nicht. Ich habe Jean-Élie vor zehn Gästen erklären hören: ,Das passt gut! Ich habe drei Schoko-Eclairs gekauft!‘“
Natürlich ist „Das Versteck“ auch ein Buch über das Trauma des Holocausts und den Nachkriegsantisemitismus, es gibt untergründige Verbindungen zu den Büchern von Robert Bober und Georges Perec, zwei jüdischen Autoren, die den Holocaust in Verstecken überlebten. Und es gibt all die Freunde, die permanent in der Rue de Grenelle vorbeikommen, Juden, die nach dem Krieg Großbürger und Parias in einem sind, Überlebende, existenzielle Schiffbrüchige. „Sie strebten nach nichts als nach Sicherheit und konnten auf nichts mehr vertrauen.“ Nur hier, im dauerhaften Provisorium der Boltanskis, fühlten sie sich halbwegs daheim.
Das Wunder aber ist, dass dieses Haus mit seiner schmerzhaften Geschichte zugleich ein Ort der größten denkbaren Freiheit ist, ein Gefängnis, in dem jeder tun und lassen konnte, was er will. Christophe Boltanski, der Enkel, zog es immerhin im Alter von 13 Jahren vor, in dieses Haus zu ziehen. „Ich bin nie so frei und glücklich gewesen wie hier“, schreibt er. „Dieser unglaubliche Lebenshunger, die Momente der Trunkenheit, ja der Euphorie. Die Möglichkeit, fast alles zu sagen. Das Licht trotz der Finsternis.“ Ein Bett hat er dort nie besessen, er holte spätabends, genau wie sein Onkel Christian, einen Schlafsack aus einer Kiste und rollte sich neben dem Bett seiner Großeltern zusammen, während im Fernsehen ein amerikanischer Western-klassiker ihre Träume begleitet.
Christophe Boltanski: Das Versteck. Roman. Aus dem Französischen von Tobias Scheffel. Hanser Verlag, München 2017. 320 Seiten, 23 Euro. E-Book 16,99 Euro.
Ein Ehestreit wird vorgespielt,
um ein Versteck im eigenen
Haus finden zu können
Das Haus ist ein Gefängnis,
in dem ein jeder tun und lassen
kann, was er will
Rue de Grenelle, Ecke Rue du Dragon, Paris 1944.
Foto: ullstein bild, Roger-Viollet
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Besprechung von 22.11.2017
Die Kinder von nirgendwo

Zeitgeschichte auf Mikroebene: Der französische Journalist Christophe Boltanski hat mit "Das Versteck" einen mitreißenden Roman über seine Familie geschrieben.

Das Versteck" ist ein komplett verrücktes Buch. Zum Roman, als der es kaschiert wird, fehlt ihm jegliche Fiktion - das Bemühen des Verfassers Christophe Boltanski um Objektivität und Authentizität geht so weit, dass er den winzigen Ort der Handlung mit kleinen Skizzen veranschaulicht. Er tut gut daran. Die Zeichnungen sind hilfreich für den Leser, dessen Vorstellungsvermögen vom Realitätsbezug der Geschichte überfordert wird. Gleichzeitig ist sie unendlich komisch. Geschrieben hat das Buch mit Boltanski ein weltweit gereister Journalist, der erzählt, wie ein Versteck noch Jahrzehnte nach seiner Räumung der Horizont einer außergewöhnlichen Familie bleibt. Die Handlung hat Christophe Boltanski, Jahrgang 1962, bei seinen Angehörigen recherchiert.

"Das Versteck" beginnt im Auto. Am Steuer sitzt eine alte Schachtel, sie leidet an Kinderlähmung und macht Jagd auf Fußgänger: "Mit wütender Lust raste sie am liebsten auf hinkende, aber eigenständige Alte los, um sie für deren Bewegungsfreiheit zu bestrafen und ihren Mitfahrern einen Schrecken einzujagen." Neben ihr sitzen stets die Gleichen: "Wir brachen immer alle zusammen auf. Sie am Steuer. Er neben ihr. Jean-Elie, Anne und ich auf die Rückbank gequetscht." Der Ich-Erzähler ist der Jüngste. Er hatte sich entschlossen, als Kind bei der Großmutter, die ihr Zuhause nie zu Fuß verlässt, und den Geschwistern seines Vaters zu leben. Das Auto ist ein Fiat 500, "Joghurtbecher" genannt, den sie im Hof parkt, gleich neben dem Kücheneingang.

Diese Mutter und Großmutter ist adoptiert worden, "verkauft" vom eigenen Vater, einem morphiumsüchtigen Anwalt aus der Provinz. Unter dem Pseudonym Annie Lauran schreibt sie zahlreiche Bücher. Am Sonntagmorgen verkauft sie die kommunistische "Humanité Dimanche", geht zur Messe und am Nachmittag in die Rue des Rosiers: Bei Goldenberg gibt es die beste koschere Wurst. Jude ist ihr Mann, katholisch sind ihre Eltern, der Kommunistischen Partei gehört der Verlag, von dem ihre Autorenhonorare kommen.

Die erste genauere Datumsanzeige im Buch: Mai '68. Christophe Boltanski ist da sechs Jahre alt und das Benzin in Paris bereits knapp geworden. Sie fahren durch eine menschenleere Stadt. Im Auto haben sie Kleister und Plakate, die sie in der Stadt aufhängen wollen. Sie bewerben "Das unmögliche Leben von Christian Boltanski", des Onkels. Das war das Thema seiner ersten Ausstellung in Paris. Er ist ein berühmter Künstler geworden.

"Das Versteck" ist der Ort, an dem sich der Großvater Étienne Boltanski versteckt hatte. Seine Vorfahren stammten aus Odessa, sie kamen während der Dreyfus-Affäre nach Frankreich. Étienne Boltanski war Arzt, unter deutscher Besatzung wurde ihm die Ausübung des Berufs verweigert. Ganz offiziell verließ er seine Frau und ließ sich scheiden, haute ab und wurde zumindest von der Polizei, die ihn suchte und nach Drancy bringen wollte, nicht gefunden. Zu Frau und Familie war er sehr schnell zurückgekehrt. In der Pariser Wohnung lebte er zwischen 1942 und 1944 in einem 1,2 Meter hohen Verlies; nicht einmal die Kinder wussten davon, sie hätten sich verplappern können. In dieser Zeit wurde Christian Boltanski gezeugt - von einem Abwesenden, im Versteck - und am 6. September 1944, zwei Wochen nach der Befreiung der Stadt, geboren.

Er weigerte sich, in die Schule zu gehen, klammerte sich an die Straßenlaternen und "brüllte, als schleife man ihn zum Schlachthof". In den katholischen Einrichtungen, in die ihn die Eltern zu stecken versuchten, wurde er als "kleiner Rabbiner" isoliert. Sein Bruder Jean-Élie Boltanski, später ein bedeutender Linguist, kehrte erst nach vier Jahren Abwesenheit ins Gymnasium zurück. Auch ihm widmet der Neffe ein herrliches Porträt. Jean-Elie ist nach dem Tod der Eltern, "die einen Palast bewohnten und wie Clochards lebten", im Haus geblieben und in ihre Gemächer gezogen, in denen er kaum etwas veränderte - "wie man sich in eine Gruft zurückzieht". Von seinen Büchern hatten die Angehörigen keine Ahnung. Seine Mahlzeiten nimmt der Sprachwissenschaftler in der Küche ein, sie bestehen "aus einem Glas Rotwein, einem Stück Brot und einem Spiegelei, überzogen mit einer Schicht Harissa". Eine "gute Idee" nannte er das Projekt des Neffen, die Geschichte der Familie aufzuschreiben.

Der dritte Bruder, Luc Boltanski, der Vater des Autors und als Soziologe oft in einem Atemzug mit Pierre Bourdieu genannt, fehlte als Kind wochenlang in der Schule und irritierte, wenn er denn da war, durch seine geistige Abwesenheit. Die Lehrer vermuteten "eine Form von Kretinismus, erst im Alter von 15 Jahren stellte man seine Schwerhörigkeit fest", berichtet Christophe Boltanski.

Während der Kriegszeit war es durchaus klug, die Kinder zu Hause zu behalten und von einem Privatlehrer unterrichten zu lassen. Diese Aufgabe war unter anderem einem Monsieur Laigle anvertraut, der Jean-Elies Liebe zur Sprache weckte. Im September 1944 wurde nun Laigle verfolgt: von Säuberungskommandos, die in ihm einen Kollaborateur sahen. Bei den Boltanskis hatte der Hauslehrer immer wieder betont, dass es sich bei den Nazis doch vor allem um "Sozialisten" handle. Man wies ihm das Versteck des Hausherrn zu, das nun nicht mehr bewohnt wurde. Die Mahlzeiten nahm Monsieur Laigle mit der Familie ein. Als sich einmal im Hof ein Polizist bemerkbar machte, "sprangen Hausherr und Gast gemeinsam unter den Tisch".

"Das Versteck", von Tobias Scheffel präzise in sehr lesbares Deutsch übersetzt, ist der erste "Roman" des bekannten Journalisten Christophe Boltanski. Er wurde vor zwei Jahren mit dem Prix Fémina ausgezeichnet und ist ein weiteres literarisches Schlüsselwerk über die Irrungen und Wirrungen der französischen Vergangenheit. Anne, die jeweils im Fond des Autos neben dem Autor saß, war adoptiert worden und arbeitet heute als Fotografin unter dem Namen Anne Franksi. Zu einem Bildband, in dem sie sich selbst und andere Patienten bei der Dialyse porträtiert hat, schrieb ihr Bruder Christian das Vorwort. Die zahlreichen Bücher der Großmutter Annie Lauran sind weitgehend vergessen. Sie tragen Titel wie "Die Kinder von nirgendwo", "Die Insel der Heiligen Kindheit", "Der Usurpator" oder auch "Hitlers Mütze und die Zeit des Vergessens".

Ob die Großmutter überhaupt einen Führerschein besaß und, "falls ja, durch welche List sie ihn bekommen hatte", konnte Christophe Boltanski nicht in Erfahrung bringen. Es legt aber Wert auf die Feststellung, dass sie nie jemanden überfahren habe. Das Buch ist so überzeugend und mitreißend, dass der Leser den Eindruck hat, die Weltgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts sei als Rahmenhandlung für die Geschichte der vier Boltanski-Generationen inszeniert worden.

JÜRG ALTWEGG

Christophe Boltanski: "Das Versteck". Roman.

Aus dem Französischen von Tobias Scheffel. Carl Hanser Verlag, München 2017. 320 S., geb., 23,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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"Das traurig-komische Dokument einer verrückten Familie , eingebettet in die noch verrücktere Zeitgeschichte ... Mit diesem Buch, von Tobias Scheffel elegant ins Deutsche übersetzt, hat der Enkel den Toten eine Bleibe aus Wörtern geschaffen, luftig, schön und einzigartig wie diejenigen, die daraus niemand mehr wird vertreiben können." Martina Meister, Die Welt, 26.01.18 "Christophe Boltanski referiert die merkwürdigen Gepflogenheiten seiner Sippe nüchtern und rückblickend mit viel Sympathie und Verständnis. Die Schrulligkeiten jedes einzelnen Familienmitglieds werden liebevoll gewürdigt. Die Familienaufstellung wird in allen (auch komischen) Details inszeniert. In ihrer einzigartigen Mischung aus Verwahrlosung, Lebensfreude, Gastlichkeit und Wagenburg-Mentalität ergeben 'die Bolts' einen höchst bemerkenswerten Lesestoff." Sigrid Löffler, Radio Bremen, 23.12.17 "Ein zärtliches, anrührendes Buch, durchaus auch mit einer Prise Humor. Zugleich erzählt es von der großen Tragödie des vorangegangenen Jahrhunderts, wie sie sich in einem winzigen Kosmos zugetragen hat." WDR Mosaik, 19.12.17 "Bisher kannte man nur Christian, den Künstler der Erinnerung, vor allem an den Holocaust. Nun erzählt der Neffe, wie es wirklich war, das irre Leben der Boltanskis in Paris, einer Familie, die zusammenklebte, schwankend zwischen Hochmut und und Angst. Voller Tragikomik und schnörkelloser Poesie." Susanne Kippenberger, Der Tagesspiegel, 10.12.17 "Das Buch ist so überzeugend und mitreißend, dass der Leser den Eindruck hat, die Weltgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts sei als Rahmenhandlung für die Geschichte der vier Boltanski-Generationen insziniert worden." Jürg Altwegg, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.11.17 "Christophe Boltanski schreibt von den 'absonderlichen Verhaltensweisen exzentrischer Grossbürger', aber sein Buch hat nichts Episches. Schicht um Schicht und mit der nüchternen Sprache eines Historikers legt er die Vergangenheit frei. Er dringt zu dem vor, was in den Gesten der Menschen und in den Tapeten des Hauses gespeichert scheint. 'Das Versteck' ist eine Geschichte der Scham. Eine Geschichte davon, wie die Demütigung von den Gedemütigten Besitz ergriffen hat. Wie sie ihren Habitus verändert." Paul Jandl, Neue Zürcher Zeitung, 18.11.17 "Ein feiner, taktvoller und kluger Debütroman."Buchkultur, Oktober/November 2017 "Eine Entdeckung!" Gerhild Heyder, Die Tagespost, 10.10.17 "Großartige Menschen und Porträts aus einem bewegten 20. Jahrhundert: ein Roman des Lebens, sehr reflektiert, meisterlich literarisch geschrieben (und ins Deutsche übersetzt von Martin Scheffel). Ein wichtiges Buch, das nur aus dem Frankreich des Marcel Proust kommen kann." Südwest Presse, 10.10.17 "Eine bemerkenswerte Roman-Neuerscheinung, ein Überraschungserfolg ... Die Leistung des Romans besteht darin, dass er in der Zeit vor- und zurückspringt und das außergewöhnliche Leben seiner Familie in vielen Einzelerzählungen entfaltet, die er dem Leser in Form von schillernden Mosaiksteinen zuwirft. Es gelingt ihm auf unterhaltsame Weise zu erzählen, wie sich die Boltanskis, unangepasste Schiffbrüchige, im Provisorium dauerhaft einrichten." Nora Karches, 3sat Kulturzeit, 04.10.17 "'Das Versteck' - ein ernstes, amüsantes, ein wunderbares Buch!" Mainpost, 09.09.17 "Was dieses Buch über das Versteck zu etwas Besonderem, ja Wunderbarem, macht, ist Christophe Boltanskis zugleich respektvoller wie tabuloser Blick ins Innerste der Familienbande ... Ein beeindruckendes literarisches Debüt, das einem vor Augen führt, aus was die große Geschichte und die kleinen Geschichten der Menschen in ihr gemacht sind." Cornelius Wüllenkemper, Deutschlandfunk Kultur, 29.08.17 "Liebevoll, ironisch und respektvoll umzingelt Boltanski die Fragen nach der fließenden Identität seiner Familie." Dominik Kamalzadeh, Der Standard, 14.08.17 "'Das Versteck' ist auch ein Buch über das Trauma des Holocausts und…mehr