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"Der Gesellschaftsroman unserer Zeit" Volker Weidermann im Literarischen Quartett. Die Geschichte um Vernon Subutex, ehemaliger Plattenladenbesitzer und nun obdachlos in Paris, geht in die nächste Runde: Seine ehemaligen Freunde, Bandkollegen, Exfreundinnen finden sich zusammen, um Vernon aus seiner prekären Lage herauszuhelfen. Und ein Geheimnis wird gelüftet - mit ungeahnten Folgen. Auch im zweiten Band ihrer Romantrilogie entwirft Virginie Despentes wieder ein gestochen scharfes und eindringliches Bild der französischen Gesellschaft. Der zweite Teil der Romantrilogie setzt genau dort ein,…mehr

Produktbeschreibung
"Der Gesellschaftsroman unserer Zeit" Volker Weidermann im Literarischen Quartett.
Die Geschichte um Vernon Subutex, ehemaliger Plattenladenbesitzer und nun obdachlos in Paris, geht in die nächste Runde: Seine ehemaligen Freunde, Bandkollegen, Exfreundinnen finden sich zusammen, um Vernon aus seiner prekären Lage herauszuhelfen. Und ein Geheimnis wird gelüftet - mit ungeahnten Folgen. Auch im zweiten Band ihrer Romantrilogie entwirft Virginie Despentes wieder ein gestochen scharfes und eindringliches Bild der französischen Gesellschaft.
Der zweite Teil der Romantrilogie setzt genau dort ein, wo der erste aufgehört hat. Vernon Subutex ist obdachlos und lebt auf einer Parkbank in den Buttes Chaumont. Während andere Obdachlose, die er dort kennenlernt, ihm helfen, sich in seinem neuen Leben zurechtzufinden, machen sich seine Freunde Sorgen um ihn. Sie halten Kontakt über Facebook und haben eine WhatsApp-Gruppe gegründet, um nach Vernon zu suchen. Hier finden die unterschiedlichsten Leute zusammen, die eines gemeinsam haben: Sie alle hatten irgendwann mal etwas mit Vernon Subutex zu tun. Das Café Rosa Bonheur am Park wird zu ihrer Anlaufstelle und einer Art Hauptquartier. Als dann auch noch die lange verschwundenen Videobänder des verstorbenen Popstars Alex Bleach wieder auftauchen, wird es höchste Zeit, Vernon zu finden.
Virginie Despentes gelingt es auch im zweiten Teil ihrer Subutex-Reihe, ihre Vielzahl an Themen - von Popkultur über Prostitution bis zu Drogen-Sucht -, Figuren und Handlungssträngen so souverän und virtuos zu handhaben, dass ein brillantes Panorama quer durch alle Schichten der französischen Gesellschaft entsteht."Eine unermessliche Autorin" Le Grand Journal
Über "Vernon Subutex 1":"Eine Frau, die schreibt wie ein aufgeklapptes Rasiermesser" Thea Dorn, Das Literarische Quartett"Ein fulminanter Gesellschaftsroman" Ijoma Mangold, Die ZEIT"Despentes hat mit ihrer 'Vernon Subutex'-Trilogie (...) ein ähnlich beeindruckendes Gesellschaftstableau entworfen wie Balzac in seinen Romanen." Süddeutsche Zeitung"Ein packendes Buch am Puls der Zeit" Deutschlandfunk Kultur
  • Produktdetails
  • Vernon Subutex .2
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • Seitenzahl: 394
  • Erscheinungstermin: 15. Februar 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 212mm x 139mm x 32mm
  • Gewicht: 491g
  • ISBN-13: 9783462050981
  • ISBN-10: 3462050982
  • Artikelnr.: 49603811
Autorenporträt
Virginie Despentes, geboren 1969, wurde bereits mit ihrem Debütroman 'Baise-moi - Fick mich' (2002), den sie später auch verfilmt hat, einem großen Publikum bekannt. Seither hat sie mehrere Romane veröffentlicht. Für 'Apocalypse Baby' erhielt sie 2010 den renommierten Prix Renaudot, ihr Roman 'Vernon Subutex' wurde u.a. mit dem Prix Anaïs Nin ausgezeichnet. Seit Erscheinen der Subutex-Trilogie zählt sie zu den wichtigsten Schriftstellerinnen Frankreichs und wurde im Januar 2016 in die Académie Goncourt gewählt.
Rezensionen
»Alles Esprit und Maniküre? Voilà, Frankreich kann auch Pageturner. Dies ist der Beweis.«
Besprechung von 18.03.2018
Das Leben in Virginie Despentes
Sex, Ressentiment und der Herzschlag der Musik: Der zweite Band von "Das Leben des Vernon Subutex" offenbart, dass es der Autorin um weit mehr geht als nur um das Porträt der Pariser Gesellschaft

Wenn man, nach der Lektüre von fünfzig oder sechzig Seiten, die man auf keinen Fall unterbrechen wollte, weil es so interessant und so ein Vergnügen war, obwohl doch der Text, ohne dass man einen Plan erkennen könnte, von einer Person zur nächsten und zur übernächsten zu schweifen schien - wenn man, weil auch der leidenschaftlichste Leser mal essen oder schlafen muss, dann doch endlich eine Pause macht: Dann fragt man sich, fast zwangsläufig, was das Geheimnis dieser Schriftstellerin sei: Woran liegt es, dass dieser Ton, dieser Rhythmus, diese Szenen und Figuren keines der Probleme aufwerfen, die sonst die Lektüre ambitionierterer Prosatexte fast immer beschweren? Nicht die nervigen Schönschreibdemonstrationen aus den amerikanischen Kreativschreibseminaren. Nicht die diskrete Langweiligkeit, die die Sensibilitätsbehauptungen vorwiegend deutscher Autoren meistens beglaubigen muss. Nicht die Mühe, die es dem Leser meistens macht, sich einigermaßen zurechtzufinden in den fiktionalen Kontexten, die ein Autor, auch mit viel Mühe, zusammengebastelt hat. "Das Leben des Vernon Subutex" spielt, bevor der Text zum Ende des zweiten Bandes hin auf Wanderschaft geht, in einem Paris, durch das man ganz real spazieren kann (oder fahren, mit Google Streetview). Und die Menschen, welche Virginie Despentes zum Sprechen bringt, ähneln vermutlich sehr den Menschen, welchen man dort begegnen könnte, in den Straßen des Pariser Nordostens oder im Parc des Buttes-Chaumont.

Die Antwort, die man sich selbst also vorläufig geben möchte, ist die, dass die Autorin womöglich gar kein Geheimnis hat. Sondern dass sie es einfach nur kann, sehr viel besser als viele andere; dass sie die Ökonomie des Schreibens und Beschreibens perfekt beherrscht, dass sie ganz besonders klar sieht, wovon man sprechen muss und worüber so ein Roman ruhig schweigen darf, wenn er nicht langweilig oder geschwätzig werden soll. Und dass sie sehr guten Rohstoff aus Erfahrungen, Erlebtem und Erlittenem zur Verfügung hat.

Virginie Despentes, das muss hier vielleicht wiederholt werden, war nicht immer die Autorin, auf die sich alle einigen konnten. "Baise moi", ihr erster Roman, und mehr noch ihre Verfilmung des eigenen Buchs, waren wegen ihrer Drastik und Explizitheit, starke Provokationen. Und bevor es losging mit dem Schreiben und dem Filmen, hat Virginie Despentes nicht nur in einem Plattenladen gearbeitet und in der Spätpunk- und Hausbesetzerszene gelebt; eine Zeitlang hat sie ihr Geld auch als Sexarbeiterin verdient.

Zu behaupten, dass es dieser Überschuss an Erfahrung sei, der sie zur besseren Schriftstellerin mache, wäre naiv und kunstfremd. Zu leugnen, dass Selbsterlebtes und Selbstgesehenes ihren literarischen Horizont erweitert haben, wäre es aber erst recht. Es war, ausgerechnet, Rainald Goetz, der ins Denken verliebte und von der Theorie begeisterte Autor, der vor ein paar Jahren, in seiner Heiner-Müller-Poetik-Vorlesung, nach ein paar wunderbar komplizierten intellektuellen Operationen zu dem Schluss kam, dass es beim Schreiben von Literatur letztlich nur darum gehe: um Sprachgefühl und Menschenkenntnis.

Über beides scheint Virginie Despentes zu verfügen - und wenn man beim Lesen von Virginie Despentes' Prosa manchmal ans Schreiben von Rainald Goetz denkt, glaubt man immer wieder, auch "Das Leben des Vernon Subutex" besser zu verstehen: Man hat ja, als an den Möglichkeiten zeitgemäßen Schreibens interessierter Leser, vor allem bei Rainald Goetz gelernt, was für ungeheure literarische Energien der Zorn, der Hass, das Ressentiment entfesseln können. Nicht weil es darum ginge, Gesinnungen in möglichst drastische Texte zu übersetzen. Sondern weil so ein Ressentiment verbindliche Verhältnisse schafft zwischen einem Ich und der Welt; weil es beiden eine Schärfe gibt, dem, der hasst, und dem Objekt dieses Hasses. Und weil so ein Ressentiment, wenn es sich sprachlich artikuliert, fast schon Sublimation ist und, wenn es zugleich seine Kraft nicht verlieren will, nach frischen Begriffen, unverbrauchten Wortschöpfungen, neuen Analogien suchen muss. Ressentiment als literarische Strategie kann große Kunst entstehen lassen - und bei Virginie Despentes wird, wie bei Goetz, daraus oft herrlichste Komik: wenn so ein kleiner Mensch von der Größe seiner Beschimpfungen überwältigt wird und am Schluss nur noch die schweren, bösen Wörter aufeinander und zurück auf den Sprecher krachen, weil der Adressat gar keine Rolle mehr spielt. "Kleiner weißer Bartträger, ganz sicher riecht dieser Scheißhaufen schlecht, wenn man näher rankommt, man sieht doch, dass er dreckig ist. Widerliche Fransen, ganz sicher stinkt das und hängt voller Essensreste, schon beim Anblick möchte man kotzen, eine Kugel in den Nacken, Dreckskerl, das wird dich lehren, dich morgens zu rasieren . . ."

"Das Leben des Vernon Subutex" ist auf drei Teile angelegt; der zweite ist soeben auf Deutsch erschienen - und deutlicher noch als im ersten Band offenbart sich hier, dass der Titel komplizierter gemeint ist, als man beim ersten Lesen denken möchte. Das Leben in Vernon Subutex wäre womöglich eindeutiger - denn dieser Subutex ist weniger der handelnde Held der Geschichte; er steht (und bewegt sich allenfalls sehr langsam) im Zentrum der Geschichte. Während die Action (eine Kategorie, die Despentes' Prosa schon angemessen ist) von denen kommt, die sich, auf welche Art auch immer, auf ihn beziehen. Der erste Band erzählte, wie Subutex erst seinen Plattenladen, dann seine Wohnung verlor - und wie er über die Betten seiner Freundinnen und die Schlafsofas seiner Freunde und Bekannten abwärtssurfte, bis er, obdachlos und zum Clochard geworden, im Parc des Buttes-Chaumont einen Unterschlupf fand. Der zweite Band erzählt, wie Freunde und Freundinnen, Kameraden und Gefährten sich auf die Suche machen nach Subutex, schon weil sie glauben, er besitze etwas, das sie alle haben wollen. Und wie Subutex, als er endlich gefunden wird, sich nicht retten lassen und zurückkehren will in eine bürgerliche Lebensform; wie er stattdessen den Park zu seinem Salon macht, in dem sich, wie einst, in den "Verlorenen Illusionen", bei der Marquise d'Éspard im Faubourg Saint-Germain, die Besucher einfinden, um mit Subutex oder auch nur miteinander zu sprechen. Und manchmal, gegen Abend, zieht dann die ganze Mannschaft ins "Rosa Bonheur", ein Café am Rand des Parks, wo sich offenbart, dass Subutex, der nicht viel spricht und schon gar nichts Bedeutendes zu sagen hat, wenn er aber Musik auflegt, ein DJ mit einem fast magischen Gefühl für den Herzschlag der Tanzenden wird.

All das, die vielen Figuren, die genaue Beschreibung der Lebensumstände und Schauplätze, hat viele professionelle Leser dazu verführt, beim Urteil über Virginie Despentes erst mal Maß zu nehmen bei Balzacs "Menschlicher Komödie". Der Fehler dabei wäre es, Virginie Despentes zu unterstellen, sie hätte, wie Balzac vor fast 200 Jahren, ihre Stadt, ihre Gesellschaft, ja die menschliche Bedingung ihrer Zeit in Prosa zu fassen versucht. Ihr Projekt ist bescheidener und, vielleicht, präziser; ihre Gestalten sind meistens über vierzig, unter sechzig, groß geworden mit einer Musik, die ihnen schon deshalb so wichtig war, weil die Glücksversprechen darin so stark und unwiderlegbar waren. Manche dieser Gestalten sind bitter, fast ein bisschen böse geworden, weil es, mit jedem Jahr, ein wenig dringlicher wird, das Glück endlich einzufordern. Und den Sex, das Abenteuer, die Selbstverwirklichung. Wer in Virginie Despentes auch Houellebecqs jüngere literarische Schwester sieht, hat einerseits recht, weil sie über ähnliche Kräfte verfügt. Aber die Hoffnung, dass der Mensch seiner eigenen Freiheit gewachsen sein könnte, die hat sie, anders als Houellebecq, noch längst nicht aufgegeben.

Was Virginie Despentes von Balzac gelernt haben könnte: Das ist die Erkenntnis, dass man weder Psychologe noch Reporter sein muss, um ein plastisches und tiefenscharfes Bild der Menschen in ihrer Gesellschaft zu zeichnen. Man muss den Menschen nicht tief in die Seele schauen; es reicht, dabei zuzusehen, wie sie handeln, und darauf zu achten, was sie treibt. Bei Balzac war das der Wille zum Aufstieg, die Gier nach einem Vermögen und dem gesellschaftlichen Status. Bei Despentes ist es fast schon das Gegenteil: Es scheint ihren Menschen nur darum zu gehen, das Glück und den Größenwahn ihrer Jugend bloß nicht dem Alter, dem Aufstieg, der Bürgerlichkeit zu opfern. Karrieren kommen kaum vor, Vermögen sind dazu da, die Partys zu bezahlen. Rührend ist die Episode von Charlie, der lebensklug und ein wenig versoffen ist. Und der, als er zwei Millionen im Lotto gewinnt, keine Ahnung hat, was er tun soll mit dem Geld.

Dass Virginie Despentes all diese Menschen wirklich kennengelernt, dass sie das Leben ihrer Generation (sie ist Jahrgang 1969) also recherchiert und studiert hätte; und dass es das sei, was ihre Prosa so belebt und beseelt: Das wäre wohl ein Missverständnis. Sie beobachtet das Handeln, sie identifiziert dessen Triebkräfte - und zu glauben, die empirische Wirklichkeit im Paris der zehner Jahre sei die einzige Quelle, aus welcher diese Prosa sich speist, hieße ohnehin, die Autorin weit zu unterschätzen. Es gibt eine Figur, die nur "die Hyäne" heißt und die immer wieder die Fäden der Figuren zieht. Es gibt eine Pornodarstellerin mit dem sprechenden Namen Pamela Kant, die, wenn sie auftaucht im Park oder einem Café, den erotisch ausgehungerten Männern wie ein Engel der Erotik erscheint, eine Abgesandte aus den eigenen Träumen. Es gibt einen Filmproduzenten, der von einer feministischen Guerrillatruppe überfallen, gefesselt und, zur Strafe für alles, was er Frauen angetan hat, zwangstätowiert wird - er bekommt die Anklageschrift auf den Rücken gestochen. Virginie Despentes hat selber davon berichtet, wie sie, als sie den Text verfasste, Fernsehserien geschaut und sich von deren Erzählweise hat inspirieren lassen. Wobei das serielle Erzählen eine französische Erfindung ist: Schon zu Stummfilmzeiten erzählten Louis Feuillades Serien "Fantômas" und "Judex" davon, wie das Irrationale einbricht in die strenge französische Bürgerlichkeit. Und wie dankbar der Bürger ist, wenn die Ordnung wankt und wackelt.

Man kann, nach zwei Bänden der Vernon-Subutex-Trilogie, wohl nur einen Zwischenbericht liefern, ein vorläufiges Ergebnis, eine Hypothese, welcher vom dritten Band womöglich widersprochen wird. Aber so lustvoll, wie sie immer wieder das Ressentiment zum Sprechen bringt; so explizit, wie sie, vor allem, die Frauen davon erzählen lässt, was deren sexuelle Gelüste sind und wer sie wie befriedigen kann; so aufwendig, wie sie all die Stimmen, die da zu Wort kommen, orchestriert und arrangiert, kann es gar nicht sein, dass ihr Projekt nur das Porträt einer Generation in ihrer Zeit sein will. Nein, dieser Text, der das Jenseits des Schönen immer wieder in der Musik vermutet, will selber wie ein großes, kraftvolles Stück Musik sein, ein Song, der leistet, was immer der Auftrag dieser Musik ist: den Mangel, das Leiden nicht nur zu beklagen. Sondern diesen Mangel zugleich aufzuheben für die Zeit, die er dauert.

CLAUDIUS SEIDL.

Virginie Despentes: "Das Leben des Vernon Subutex 2". Aus dem Französischen von Claudia Steinitz. Kiepenheuer & Witsch, 396 Seiten, 22 Euro

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Ein "Gegenwarts-Panorama, das stets das Schlimme meint und oft das Nette schafft" nennt Rezensent Joseph Hanimann Virginie Despentes' Trilogie um Vernon Subutex. War der erste Teil der Trilogie noch getaktet durch Vernons Reise durch die Wohnungen seiner Freunde, muss der Zweite jedoch ohne diese Taktung auskommen, denn inzwischen ist Vernon obdachlos, hat sich zurückgezogen und seine einstigen Freunde überkommt erst das schlechte Gewissen, als ein paar Videokassetten auftauchen, auf denen ein jüngst verstorbener Rockstar und Freund Vernons sein Testament aufgenommen hat, resümiert der Kritiker. Diese Kassetten und die unterschiedlichen Interessen der Protagonisten daran bilden den Antrieb des Romans, der erneut durch Spannung, Unverblümtheit, "Prägnanz" und klar geschnittene Figuren überzeugt, so Hanimann. Leider jedoch lese man dem Roman allzu sehr an, was er zu sein bestrebt: Ein Buch über die französische Gegenwartsgesellschaft und ihre Diskurse, eine Kritik am Individualismus und eine Figurenschau der seltsamen Gestalten, die diese Gesellschaft hervorbringt, meint Hanimann. Tut dem Lesegenuss aber nur geringfügigen Abbruch, meint der Rezensent, der auch mit der Übersetzung zufrieden ist, die dem Ton, der "jedem Anflug von Glücksahnung eine Prise Sarkasmus" verleiht, perfekt trifft.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 07.04.2018
In einer Blase aus Panzerstahl
Die französische Gegenwart als grelles Inferno: Der zweite Teil von Virginie Despentes’ „Vernon Subutex“
Hattest du nicht mal einen Plattenladen? Der Angesprochene würde am liebsten mit Nein antworten. Seit er als Clochard im Pariser Park Buttes Chaumont lebt, möchte er einfach nur in Ruhe gelassen werden. Die Vergangenheit lässt einen aber nicht so ohne Weiteres los. Leicht geht man ihr auf den Leim wie die Fliege auf das Klebband, das von der Decke der Erinnerung hängt. Die Vorgeschichte aus dem ersten Band des Romanzyklus von Virginie Despentes über den ehemaligen Plattenhändler Vernon Subutex hatte schon so viele Akteure, dass diesem Folgeband ein erklärendes Personenverzeichnis vorangestellt werden musste, wie bei den Feuilleton-Romanen aus dem 19. Jahrhundert.
Wir kennen sie fast alle schon, von der in die Jahre gekommenen Rockerin Emilie mit ihren Yogaübungen und Internetflirts bis zu dem seinen Groll über die eigene Mittelmäßigkeit auf die ganze Welt abschiebenden Drehbuchautor Xavier, dem schlaff gewordenen Alt-Achtundsechziger Patrice mit seinem Gelaber von Revolution und all den sonstigen Akrobaten im ächzenden Laufrad ihres Individualismus. Sie waren für Vernon Subutex nach der Schließung seines Plattenladens die Anlaufstellen, bis er obdachlos auf einer Parkbank landete.
Waren durch jenen Weg durch die Wohnungen der Freundinnen und Freunde im ersten Band aber die Etappen des Gesellschaftspanoramas klar vorgegeben, so muss in diesem zweiten Band das Erzählen weitgehend ohne die Vermittlung des Titelhelden auskommen. Der sympathische Plattenhändler ist zunächst verschwunden. Er fiel auf seiner Bank mit Blick auf Sacré-Coeur in eine fiebrig fade Leere des Vegetierens und bleibt für die ehemaligen Kumpels unauffindbar. Getrieben vom schlechten Gewissen, ihm nicht länger Unterkunft gewährt zu haben, kommen sie aus ihren Löchern gekrochen und schließen sich auf der Suche nach dem Verschollenen zu einer Whatsapp-Gemeinde zusammen.
Denn neben dem schlechten Gewissen gibt es noch ein weiteres Motiv. Es steckt in den Videokassetten mit dem Selbstinterview, das der verstorbene Rocksänger Alex Bleach in einer einsamen Drogennacht aufgezeichnet und seinem Freund Vernon anvertraut hatte – „das ist mein Testament, Junge, checkst du das?“ Diese Kassetten, die seit Vernons Verschwinden in Emilies Wohnung unter dem Bett liegen, sind für mehrere aus dem Bekanntenkreis interessant. Auch die „Hyäne“, eine von Bleachs Produzent auf sie angesetzte ehemalige Privatdetektivin, ist hinter ihnen her. „Weißt du noch, Vernon?“, beginnt die Aufzeichnung, „wir haben unsere Jugend in einer Blase aus Panzerstahl verbracht“. Es ist der bittere Lebensrückblick eines Rockers, der sich vom Markt vereinnahmen ließ und seinen Gram darüber mit Drogen vertrieb. Diese Kassetten sind der dramaturgische Motor des Romans. Jeder von Vernons Freunden hat seine eigenen Gründe, von ihrem Inhalt betroffen zu sein.
Die Autorin Virginie Despentes schneidet mit sarkastischem Geschick ihre Profile aus dem dargestellten Gesellschaftsmilieu. Da ist etwa der linke Universitätsdozent Sélim mit algerischer Herkunft. Dass die Umgebung ihn für einen Schlappschwanz hält, weil er seiner Frau Faiza das Abhauen ins Pornogeschäft bald verzeiht und die gemeinsame Tochter Aicha als vorbildlicher Vater allein erzieht, kümmert ihn wenig, obwohl gerade die Frauen am lautesten schreien – „sie mögen keine sensiblen Männer, sie wollen Ohrfeigen“.
Ausgerechnet diese liberal und einfühlsam erzogene Aicha läuft dann aber einem sturen Islamprediger in die Hände, will partout das Kopftuch tragen und erfährt aus Bleachs Videoaufzeichnung vom Leben und Drogentod ihrer Mutter Faiza, alias Vodka Satana. Das Verhältnis zu ihrem Vater gerät in Schieflage, dessen Begeisterung für Godard und Pasolini, sein geselliges Weintrinken, sein Opernabonnement, seine Deleuze-Lektüre findet sie nur noch beschissen. Das ist alles ein bisschen krass, aber nicht total unglaubwürdig. Und so schreibt nun einmal die Autorin Virginie Despentes.
Problematischer ist hingegen, dass das aus dem ersten Band übernommene Verfahren des erzählerischen Perspektivenwechsels zwischen den Protagonisten in diesem Buch nicht mehr recht funktioniert. Die Dynamik von Vernons Wohnungswechseln gab ihm dort einen Rhythmus. Hier wirken die Kapitel aneinandergereiht. Selbst wenn Vernon Subutex wieder auftaucht und der Freundeskreis ihm wie einem Guru in den Stadtpark, in die Bar „Rosa Bonheur“ und bis nach Korsika hinterherläuft, verrät der Roman sein Fabrikationsrezept. Er ist arg brachial aus der Gegenwartsgesellschaft und ihren aktuellen Debatten gestanzt.
Der frustriert zu den Nationalpopulisten abdriftende Xavier ist für den linken Patrice schon immer ein „Arschloch“ gewesen, denn er hat nie kapiert, dass der patriotische Dünkel der Einheimischen gegenüber den Fremden nur eine Notreaktion verlorener Würde ist, dass die moderne Wirtschaft das Volk nicht mehr braucht und es dazu gebracht hat, sich selbst abzuschaffen. Der etwas differenzierter denkende Sélim wiederum grämt sich über den linksliberalen Individualismus, der über das Recht der Frauen aufs Kopftuchtragen schwadroniert und Putins Demokratie für die Russen für ausreichend hält. Die Figuren werden zu literarischen Abziehbildern unserer Gegenwart.
Das nimmt dem Roman nicht seine Spannung, die Prägnanz der Situationsbeschreibungen und die Schärfe der Figurenzeichnung. Man lässt sich beim Lesen vom Fluss der Ereignisse und vom Schmiss der Dialoge tragen. Das liegt nicht zuletzt an der sehr gelungenen Übersetzung. Sie trifft exakt den aufgekratzten, zugleich schrillen und rauchig düsteren Ton des Originals, das jedem Anflug von Glücksahnung eine Ladung Sarkasmus verpasst. Zwischen der schon klassisch wirkenden Lakonik Michel Houellebecqs und den grellen Inferno-Visionen Elfriede Jelineks hat Virginie Despentes mit ihrem Vernon Subutex-Zyklus ein Gegenwartspanorama aufgespannt, das stets das Schlimme meint und oft das Nette schafft. Für nächsten September ist der dritte Teil der Trilogie angekündigt.
JOSEPH HANIMANN
In diesem zweiten Band
bleibt der gescheiterte Held
lange Zeit verschwunden
Dem wieder aufgetauchten
Subutex folgt der Freundeskreis
wie einem Guru von Ort zu Ort
Virginie Despentes:
Das Leben des Vernon Subutex. Band 2.
Aus dem Französischen
von Claudia Steinitz.
Kiepenheuer & Witsch, Köln. 2018. 395 Seiten.
22 Euro. E-Book
18,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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