19,90
versandkostenfrei*
Preis in Euro, inkl. MwSt.
Sofort lieferbar
0 °P sammeln

  • Broschiertes Buch

Jetzt bewerten

Wenn ein dichtender Kellner mit Liebeskummer, ein gescheiterter Privatgelehrter, eine Radiomacherin, für die selbst das Prekariat ein Aufstieg wäre, ein vereinsamter Wirtschaftsnomade und ein ausgemustertes Politikerdouble einander abends an der Bar begegnen, verspricht das vor allem eines: Jammern auf hohem Niveau. Sprachspielerisch und wortgewaltig folgt Markus Köhle seinen Protagonist_innen in die Untiefen der Bierpipeline, jener Bar, wo die großen Fragen des Lebens verhandelt werden - bis an den Punkt, an dem Ironie zweifellos lässig, doch auch leicht bitter, Reflektiertheit souverän, doch…mehr

Produktbeschreibung
Wenn ein dichtender Kellner mit Liebeskummer, ein gescheiterter Privatgelehrter, eine Radiomacherin, für die selbst das Prekariat ein Aufstieg wäre, ein vereinsamter Wirtschaftsnomade und ein ausgemustertes Politikerdouble einander abends an der Bar begegnen, verspricht das vor allem eines: Jammern auf hohem Niveau.
Sprachspielerisch und wortgewaltig folgt Markus Köhle seinen Protagonist_innen in die Untiefen der Bierpipeline, jener Bar, wo die großen Fragen des Lebens verhandelt werden - bis an den Punkt, an dem Ironie zweifellos lässig, doch auch leicht bitter, Reflektiertheit souverän, doch mitunter recht einsam und "Potenzial"vor allem wie ein Synonym für all
das klingt, was im besten Fall noch vor einem liegt.
Doch wer jammert, hat längst nicht aufgegeben. Immerhin zählt man sich selbst noch nicht zu den jenen Gestalten, die nur ihrem "Prostpflaster" zusprechen und die Theke mit Biergedichten übersäen. Um erst gar nicht auf diese Bahn zu geraten, tun sich die Jammernden bei ihrer Suche nach dem Glück zusammen und entwickeln einen genialen Plan, um den geballten Widernissen des Alltags mit vereinten Kräften zu trotzen.
Mit treffsicherer Leichtigkeit gelingt es Markus Köhle ein Geflecht von Monologen zu entwickeln, in denen sich konkrete Poesie, Sozialkritik und dunkelbunter Humor gegenseitig befeuern. Das Ergebnis ist ein so schonungsloser wie unterhaltsamer Blick auf die wahren Verhältnisse des Kulturschaffens: denn "lecker ist der Komparativ von leck".
  • Produktdetails
  • Verlag: Sonderzahl Verlagsges.
  • Seitenzahl: 151
  • Erscheinungstermin: September 2017
  • Deutsch
  • Abmessung: 223mm x 159mm x 17mm
  • Gewicht: 296g
  • ISBN-13: 9783854494843
  • ISBN-10: 385449484X
  • Artikelnr.: 48281978
Autorenporträt
Köhle, Markus
Markus Köhle, geboren 1975 in Tirol. Studium der Germanistik und Romanistik in Innsbruck und Rom. Sprachinstallateur, Poetry Slammer, Literaturzeitschriftenaktivist, Redaktionsmitglied der Literaturzeitschrift DUM, Kolumnist der Tiroler Straßenzeitung 20er, Moderator und Mitorganisator von Poetry Slams und vielen weiteren Literaturformaten. Zuletzt bei Sonderzahl: »Kuhu, Löwels, Mangoldhamster. Die vier Jahreszeiten der Wolpertinger« (mit Bildern von Sabine Freitag).
Rezensionen
Besprechung von 18.01.2018
Das Bier und wir
Kneipenphilosophie: Markus Köhles Theken-Messe

Was macht eigentlich das Bundeskanzleramt unseres lustig verrückten, radikalkunstbeseelten Nachbarlands im Südosten? Es fördert, ohne falsche Scham, die Jammerei. Diese darf schließlich als österreichische Spezialität gelten, noch vor der Kirchtagssuppe. Auch die Kulturabteilung der Stadt Wien hat zu den Druckkosten etwas zugeschossen, und richtig so: Markus Köhles kalauerwuchtiges "Barhocker-Oratorium" wird seinem Titel "Jammern auf hohem Niveau" formidabel gerecht. Es holt das austrische Profigranteln aus der Kaffeehausecke heraus, um es in einer fröhlichen Kneipe namens "Bierpipeline" wild und melancholisch wuchern zu lassen: "Grant ist episch, fantastisch und macht erfinderisch. Grant ist ein gutes Grundübel. Auf Grant gebaut." So poetisch, ehrlich, weise und sprachsturzbesoffen überrollt uns diese multiperspektivische Bierlaunendramödie, dass selbst trinkfeste Thomas-Kapielski-Wegbecherer anerkennend das Glas heben dürften.

Es ist eine schön böse Pointe, dass das lange ziellos brummkreiselnde Buch, in dem eine Runde von Kneipenfreunden rund um den liebeskrank dichtenden Barmann Markus enthemmt im je eigenen Lebensunglück schwelgt zum Finale hin eine immer deutlichere Wendung ins Politische nimmt. Aus einem Bierlaunenmärchen über ein Silvio-Berlusconi-Double wird bitterer Ernst. Es geht plötzlich um selbstgefälligen, meinungssteuernden Populismus. Da bleibt der Blick auf den eigenen Schlamassel nicht aus: "Und was, wenn alle hierzulande gelegentlich gern blau wären, aber kaum mehr wer blau wählte?" Eine Schnapsidee natürlich, die noch im Abgang von der Realität überholt wurde. Ob sich das neuerdings schwarz-blaue Kanzleramt ebenso freigebig zeigen wird bei der Jammerkritiksubvention, ist denn auch zumindest fraglich.

Auch wenn einige der lose schlackernden Erzählstränge gegen Ende also verzwirbelt werden (Berlusconi und der "dicke Fisch" etwa), dominiert das Buch die herrlich unbeschwerte Lust am virtuosen Sprachspiel, das "im Schankschrank-Blankvers" vor schwerer Thekenluft bekanntlich seine ganze Pracht entfaltet: "Wie man sich fettet, so wiegt man" oder "verdummt glücklich" oder "Willibald, ein Name als Inbegriff der Prokrastination" oder "Besuchte neulich einen Glanzkurs. Hab das noch nie gemacht. Bin ja an sich eher so der Matttyp." Schlag auf Schlag setzt es drollige, schief-grässliche, zauberhafte Wortauffahrunfälle, in denen nicht selten der berühmte Krümel Wahrheit steckt, an dem man sich prompt verschluckt - und folglich gleich das nächste Krügerl kippt.

Zu alledem singt ein Chor aus "Barhockern" eine (passend blau eingefärbte) Hymne auf das gute alte "Gaumenkino" mit Schaumkrone, die in eine überfällige Grantl-Litanei über die Craft-Beer-Bewegung ausartet: "Neuerdings tun ja alle geradezu so, als müsste man Bier brauen können, um Bier trinken zu dürfen." Dabei gelte: "Bier ist brachial nicht kultiviert. Bier ist Freiheit, Craft-Beer ist After Work." Die Vorliebe fürs Flüssige geht hier bis ins Vegetativ-Feinstoffliche, denn dem wahren Stammtischler sind alle Körpersäfte so heilig wie ein Kirchtagssüppchen. Die Rückbindung ans Körperliche ist dabei Programm, denn letztlich nehmen es diese jammernden Schlucker mit der großen elektronischen Entfremdung auf, mit der Ätherisierung und Entleibung. Wohl bekomm's!

OLIVER JUNGEN

Markus Köhle: "Jammern auf hohem Niveau". Ein Barhocker-Oratorium.

Sonderzahl Verlag, Wien 2017. 152 S., br., 19,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr