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'Phantastisch, erfindungsreich und originell.' Die Welt
"Bemerkenswert stilsichere Literatur für ein richtig großes Publikum.' Der Spiegel
Die literarische Neuentdeckung der letzten Jahre.
In den Erzählungen von Dimitré Dinev begegnen wir Menschen unterschiedlichster Herkunft. Dinev erzählt mit viel Humor in einer ebenso prägnanten wie poetischen Sprache von jenen, die an der Grenze leben. Ihm gelingt, was nur die wirklich Großen können: das Schöne und das Schreckliche nebeneinander bestehen zu lassen. Er gibt den Heimatlosen eine Sprache und entführt uns in eine Welt, die wir nicht vergessen werden.…mehr

Produktbeschreibung
'Phantastisch, erfindungsreich und originell.' Die Welt

"Bemerkenswert stilsichere Literatur für ein richtig großes Publikum.' Der Spiegel
Die literarische Neuentdeckung der letzten Jahre.

In den Erzählungen von Dimitré Dinev begegnen wir Menschen unterschiedlichster Herkunft. Dinev erzählt mit viel Humor in einer ebenso prägnanten wie poetischen Sprache von jenen, die an der Grenze leben. Ihm gelingt, was nur die wirklich Großen können: das Schöne und das Schreckliche nebeneinander bestehen zu lassen. Er gibt den Heimatlosen eine Sprache und entführt uns in eine Welt, die wir nicht vergessen werden.
  • Produktdetails
  • btb Bd.73520
  • Verlag: Btb
  • 4. Aufl.
  • Seitenzahl: 185
  • Erscheinungstermin: Januar 2007
  • Deutsch
  • Abmessung: 186mm x 119mm x 18mm
  • Gewicht: 180g
  • ISBN-13: 9783442735204
  • ISBN-10: 3442735203
  • Artikelnr.: 20841589
Autorenporträt
Dinev, Dimitré
Dimitré Dinev wurde 1968 in Plovdiv, Bulgarien, geboren, wo er das Bertolt-Brecht-Gymnasium besuchte. 1990 emigrierte er nach Österreich und studierte in Wien Philosophie und russische Philologie. Seine ersten Veröffentlichungen wurden 1986 in bulgarischer, russischer und deutscher Sprache publiziert. Seit 1992 erscheinen regelmäßig Drehbücher, Übersetzungen, Theaterstücke und Prosa in deutscher Sprache. Mit "Engelszungen" legte Dinev 2003 seinen ersten Roman vor, der von Kritikern und Lesern gleichermaßen begeistert aufgenommen wurde. Dinev wurde mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit BDI-Förderpreis 2004 (Förderpreis des Kulturkreises des Bundes deutscher Industrie) und dem Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis. Dimitré Dinev lebt heute als freier Schriftsteller in Wien.
Rezensionen
"Phantastisch, erfindungsreich und originell." Die Welt
Besprechung von 09.07.2005
Im Zweifel für die Reisefreiheit
Karneval der Blessuren: Dimitré Dinev erzählt mit fröhlichem Pathos und tiefschwarzem Humor von heimatlosen Neueuropäern

Ein stürmischer Ritt durch hundert Jahre südosteuropäischer Geschichte nimmt in Dimitré Dinevs Romandebüt "Engelszungen" am vorletzten Tag des Jahres 2001 auf dem Zentralfriedhof der Stadt Wien sein vorläufiges Ende. Der Marmorengel am Grab des einstigen jugoslawischen Waisenjungen und späteren Zuhälters Miro ist zur Pilgerstätte für die Illegalen und Unbehausten Wiens geworden. Auch für Iskren Mladenow und Svetljo Apostolow, deren verworrene Wege sich an diesem Ort morbider Schönheit flüchtig treffen, stirbt die Hoffnung zuletzt. Miros Engel ist ihre letzte Anlaufstelle. Die beiden jungen Bulgaren aus Plowdiw wissen nicht, daß sie seit Svetljos Geburt schicksalhaft miteinander verbunden sind. Als dessen Vater, ein Polizist, die in den Wehen liegende Mutter mit eingeschaltetem Blaulicht ins Krankenhaus brachte, überholte ihn ein Auto. Unglücklicherweise gehörte es dem Plowdiwer Parteichef Mladen Mladenow, der seine ebenfalls kreißende Frau mit gleichem Ziel beförderte. Als Mladenows Kind, ein Mädchen, tot zur Welt kam, glaubte der Parteichef im Polizisten Apostolow den Schuldigen gefunden zu haben. Dieser wurde strafversetzt, wohin, ahnte Mladenow nicht. Im unteren Rang eines Geheimdienstschnüfflers mutiert Apostolow zum kleinen Dämon, der nicht nur harmlose Lehrer, die politische Witze machen, ausspioniert, sondern auch Mladenow selbst. Und als Frau Apostolow ihren Mann verlassen will, erschießt dieser kurzerhand den Nebenbuhler, einen nichtsahnenden Busfahrer. Dessen Zunge, ein Objekt sexueller Begierde der untreuen Ehefrau, konserviert der Geheimdienstler in einem mit Spiritus gefüllten Marmeladenglas.

Der 1968 im bulgarischen Plowdiw geborene und seit 1990 in Wien lebende Autor Dimitré Dinev hat eine schaurig-groteske Sage über Aufstieg und Fall zweier Familien im kommunistischen Bulgarien geschrieben, einen melancholischen Balkan-Blues in lakonischem, herzhaft erfrischendem Deutsch. In der besten Tradition der Klassiker der bulgarischen Moderne, Iwailo Petrow und Jordan Raditschkow, läßt Dinev auf sechshundert Seiten immer neue Anekdoten zwischen fröhlich-romantischem Pathos und tiefschwarzem Humor oszillieren. Seine Figuren werden zu ahnungslosen Komparsen in einem absurden Welttheater, die immer wieder von den spukhaften Kulissenwechseln in der Geschichte überfordert werden. Weltkriege, der Untergang von Imperien, Faschismus, Kommunismus und schließlich die postkommunistische Variante der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals - Dinevs Helden haben nie versucht, sich der historischen Vergänglichkeit entgegenzustellen, bleiben fest bei der fatalistischen Überzeugung, daß in der Vergangenheit selbst die Zukunft besser war und die Gegenwart Gott sei Dank vergänglich ist. Der einzige Verbündete ist der Zufall.

Svetljos Großvater beispielsweise galt als Partisan, weil er zur richtigen Zeit im richtigen Maisfeld gesessen hatte. Iskrens Großvater hat zwischen den Kriegen in Wien Medizin studiert, um sich dann doch in Plowdiw ohne Universitätsabschluß bei einem jüdischen Gemüsehändler zu verdingen, was ihn nicht daran hinderte, im Zweiten Weltkrieg, stellvertretend für seinen Freund, den jüdischen Arzt Feuchthecht, zu praktizieren. Das sicherte allen ein Überleben und fiel selbst den Deutschen nicht weiter auf.

Nach dem Krieg stieg Iskrens Vater Mladen dank einer Prostituierten, die ihm die Kampfreden schrieb, zum Parteichef auf. Das fröhlich-friedliche Ende des Kommunismus trug freilich nicht nur zum tragikomischen Tod des Parteichefs in einer Zugtoilette bei, sondern mündete in das wirtschaftliche Desaster der Republik, dem Iskren und Svetljo wie Tausende ihrer Landsleute zu entfliehen suchten. Iskren verdingte sich als Menschenhändler, der arbeitswillige, verzweifelte Balkanesen als vermeintliche Rudermannschaften für gutes Geld nach Spanien schleuste, wo sie in den Weiten der Mancha vergeblich auf ihre Arbeitgeber warteten. Svetljo behilft sich, indem er in Österreich um Asyl bittet, um sich schließlich als ewiger Student und illegaler Bauarbeiter durch die neuen Zeiten zu schlagen. Mit einem russischen Kernphysiker, der im sibirischen GULag von buddhistischen Mönchen, seinen Mithäftlingen, fernöstliches Heilen gelernt haben will, betreibt Iskren schließlich ein gutgehendes Institut für alternative Medizin in Wien. Doch auch dieses Projekt scheitert, als ein betrogener Patient eine Handgranate in die Scharlatanpraxis schleudert. Zuweilen gerät unter der Fülle der postkommunistischen Folklore die Handlung ein wenig aus dem Blick.

Um so wunderbarer sind die im Band "Ein Licht über dem Kopf" versammelten Erzählungen und Kurzgeschichten. Die heimat- und hauslosen Neueuropäer veranstalten an den Toren des alten Europas einen Karneval der Blessuren und Torturen. Sie kommen aus den östlichen, zerschlissenen Hintertaschen des Kontinents und passieren, wie der Roma Lazarus, als fröhliche Leichname in Särgen die Schengen-Grenze. In den Metropolen des Westens werden sie wieder auferstehen, um als rechtlose Hungerleider beim Bauen und Putzen der Glaspaläste ihr Brot zu verdienen, nur um am Ende, wie der Taxifahrer Plamen aus der Titelgeschichte, gleichsam im Namen aller Wiener von brutalen Polizisten mit dem dreibändigen Telefonbuch der Millionenstadt zusammengeschlagen zu werden. Und wenn der Tod sie dann unerwartet ereilt, wie etwa den Maurer Nikodom, dem in der Mittagspause ein Kübel Mörtel auf den Kopf fällt, werden sie von der betrunkenen Totenwache zum Tanz geholt, um dabei ihr letztes irdisches Gut, die Münze für die Fahrt ins Jenseits, zu verlieren. Auf den Zentralfriedhof gelangt natürlich nicht jeder.

Dimitré Dinev, der in Wien slawische Philologie studiert hat, ist gründlich bei den alten und neuen Russen in die Lehre gegangen, was seiner Literatur hervorragend bekommen ist. Seine Erniedrigten und Beleidigten scheinen, wie Dostojewskij einmal schrieb, allesamt von Gogols Mantel "herzukommen".

Dimitré Dinev: "Engelszungen". Roman. Deuticke im Paul Zsolnay Verlag, Wien 2003. 600 S., geb., 24,90 [Euro].

Dimitré Dinev: "Ein Licht über dem Kopf". Erzählungen. Deuticke im Paul Zsolnay Verlag, Wien 2005. 190 S., geb., 17,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 05.11.2005
Leder ist Haut
Alles Balkan: Dimitré Dinevs „Ein Licht über dem Kopf”
Josef Schutt war, so heißt es in einer Erzählung von Dimitré Dinev, „ein Mann von schlichtem Gemüt, mit brüchigen Nägeln und mit einem Schnurrbart, der von vielen Zigaretten herbstlich gefärbt war.” Josef Schutt ist geborener Wiener, Bora Zoric, sein Kollege beim Schwarzjobben, ist aus Serbien in die österreichische Hauptstadt gekommen. „Seine Augen hatten die Farbe des bröckeligen Bodens seines Heimatdorfes, sein Körper war bis zu den Fingerspitzen mit Haaren überwuchert, wie ein verlassener, unkrautverwachsener Hof.” Vielleicht wäre der Hof nicht einmal nötig gewesen, die Haare allein sind nicht schlecht, aber man darf sich schon fragen, was in einem Band mit Erzählungen, in denen Figuren derart einprägsam konturiert sind, noch schief gehen kann. Auch Dinge wie die Donau werden in der nur zwölf Seiten langen Erzählung „Totenwache” detailliert und bildhaft, man möchte beinahe auch sagen „seelenvoll” charakterisiert: Wenn er Musik hört, erscheint Josef Schütt der gute, alte Fluss „trüb, unermesslich und wuchtig, wie der Kummer eines Proletariers.”
Risikoreiche Vergleiche, die Metaphernkraft haben, sind nicht selten ein Zeichen für literarisches Potential. Es ist das zweite Buch von Dimitré Dinev, einem 1968 geborenen, 1990 mit Hilfe serbischer Autoschlepper nach Wien geflüchteten, heute Deutsch schreibenden Bulgaren, der für seinen Romanerstling „Engelszungen”, einen Wälzer von knapp sechshundert Seiten, völlig zu Recht sehr gelobt wurde. Und auch im Erzählungsband „Ein Licht über dem Kopf” hat Dinev nicht viel verpatzt. Hätte er „Die Handtasche” weggelassen, die zweite und erste längere Erzählung, die den Weg zu den nachfolgenden Geschichten auf lahmende Art versperrt, wäre der erkennbare Plan wohl besser aufgegangen, eine Reihe „neuer”, sich gegenseitig ergänzender, meist nach der Wende situierter, balkanischer Underdog-Lebensläufe in einem Band zu präsentieren.
„Die Handtasche” nimmt nicht nur ebenfalls solche Lebensläufe auf, sie wandert auch durch die Vergangenheit, in welcher sie verschiedenen Menschen gehört. Ihre Herkunft ist erstaunlich. Polizeiinspektor Evlogi Ditschev hat die Handtasche seiner ehemaligen Geliebten Vera geschenkt, gemacht aber ist sie aus der Haut von Ditschevs Nachfolger und jener seiner Freunde, was Evlogi der angebeteten Vera nicht erzählt.
Idee und Ausgangspunkt sind auch bei dieser Geschichte gelungen, doch leider zerfasert Dinev das Sujet in den vielen Händen, die es durchwandert. Je länger die Handtasche unterwegs ist, desto mehr wirkt sie wie ein gesuchtes Verbindungsglied kaum zusammenhängender pittoresker Schicksale, und von dem „tragisch-magischen Realismus”, für den Dinev bei „Engelszungen” gepriesen wurde, ist nur blasse Magie geblieben. Wobei gerade „Die Handtasche”, in einer ersten Fassung und beinahe unbeachtet, schon 2001 in der edition exil erschienen ist, also vermutlich vor dem 2003 publizierten Roman geschrieben wurde.
Dinev ist am besten, wenn er konkret bleibt, wenn seine Phantasie in der Gegenwart wuchert, wenn er den Leben von Osteuropäern nachgeht, nachdem sie Aufnahme in den Westen gefunden haben. „Spas schläft” geht aus vom gelungenen Bild eines Mannes, der unter dem Plakat „Lebt und arbeitet in Wien” gefunden wird. „Er hatte beides erfüllt, nun lag er friedlich darunter. Er lag auf dem Rücken, wie eine brennende Kerze, die man Toten zwischen die Hände schiebt und die sie dann brav, wenn auch teilnahmslos halten, hielt er eine halbvolle Dose Bier über seinem Bauch.” Spas ist nicht tot, das weiß schon der Titel, Spas ist geradezu auf dem Weg zum Erfolg, denn Ilija, sein einstiger Schulfeind und späterer Kollege, der per Los den besseren Teil des gemeinsamen Schicksals erwischt hat, nämlich die Möglichkeit, zu studieren, hat endlich offizielle Arbeit gefunden und kann für Spas bürgen, doch dieser weiß davon nichts, als er, einsam betrunken, unter dem Plakat schläft.
„Unerhört sind die Wunder der Wirklichkeit” lässt Dinev seine Erzählung enden, und das Kunststück liegt darin, dass man ihr beides glaubt: das Wunder des Happy Ends ebenso wie die illusionslos beschriebene Wirklichkeit, das klassische Dahinvegetieren in verblendeter, völlig unberechtigter Hoffnung. „Ein Licht über dem Kopf” ist sicher nicht das neue Meisterwerk von Dimitré Dinev, aber ebenso sicher macht es, als Einführung in Dinevs Welt, Lust auf mehr.
HANS-PETER KUNISCH
DIMITRÉ DINEV: Ein Licht über dem Kopf. Erzählungen. Deuticke Verlag, Wien 2005. 185 Seiten, 17,90 Euro.
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Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

"Niemand kann so schön von der Sonne erzählen": Dem Rezensenten Stefan Kister ist geradezu lyrisch zumute nach der Lektüre von Dimitre Dinevs Erzählband "Ein Licht über dem Kopf". Verantwortlich für soviel Begeisterung ist die besondere Art von Zuversicht, die aus den Zeilen des bulgarischen Autors spricht, die unerschütterliche Zuversicht seiner Figuren nämlich trotz der "ausweglosen Situation", in der sie sich allesamt befinden. Denn sie sind Immigranten, die den weiten Weg aus Bulgarien in das gelobte Land Österreich auf sich genommen haben, und die davon träumen dazuzugehören und sei es, indem sie in den Straßen von Wien als Müllmänner arbeiten. "Gauner, Krisengewinnler, Neuordnungsverlierer und auch normale Leute", ihnen allen, so der Rezensent, ist eine fast in Mythische gesteigerte Kraft zur Verwandlung zu eigen. Besonders eindrucksvoll komme dies in jener Erzählung zum Ausdruck, in dem eine aus Dichterhaut gegerbte Tasche von einem Besitzer zum nächsten wandere, bis sie einer verstummten Frau die Sprache wiederschenke.

© Perlentaucher Medien GmbH