24,99 €
versandkostenfrei*

inkl. MwSt.
Sofort lieferbar
Verlängertes Rückgaberecht bis zum 10.01.2020
0 °P sammeln

    Gebundenes Buch

2 Kundenbewertungen

Die vierzehn Jahre, die ich in Bergen lebte, sind längst vorbei. Ich führte ein Tagebuch, das habe ich verbrannt. Ich knipste ein paar Bilder, von denen besitze ich noch zwölf. Ich wusste so wenig, wollte so viel, brachte nichts zustande. Aber in welch einer Stimmung ich war, als ich dort ankam!
14 Jahre verbrachte Knausgård in Bergen, bevor er aus der norwegischen Küstenstadt regelrecht nach Stockholm floh, als ginge es ins Exil. Es waren Jahre, in denen er so unermüdlich wie erfolglos versuchte, Schriftsteller zu werden, in denen schließlich seine erste Ehe scheiterte, in denen sich
…mehr

Produktbeschreibung
Die vierzehn Jahre, die ich in Bergen lebte, sind längst vorbei. Ich führte ein Tagebuch, das habe ich verbrannt. Ich knipste ein paar Bilder, von denen besitze ich noch zwölf. Ich wusste so wenig, wollte so viel, brachte nichts zustande. Aber in welch einer Stimmung ich war, als ich dort ankam!

14 Jahre verbrachte Knausgård in Bergen, bevor er aus der norwegischen Küstenstadt regelrecht nach Stockholm floh, als ginge es ins Exil. Es waren Jahre, in denen er so unermüdlich wie erfolglos versuchte, Schriftsteller zu werden, in denen schließlich seine erste Ehe scheiterte, in denen sich Momente kurzer Glückgefühle mit jenen tiefster Selbstverachtung die Hand gaben, in denen sich Demütigungen und Höhenräusche ebenso schnell abwechselten wie selbstzerstörerische Alkoholexzesse und erste künstlerische Erfolge. Dabei hatte es am Anfang so gut ausgesehen, dieses Leben in Bergen. Dem jungen Knausgård schien die Welt offenzustehen, all seine Träume schienen sich zu erfüllen. Er hatte einen Studienplatz an der Akademie für Schreibkunst bekommen, endlich eine Freundin gefunden ...


„Träumen“ und schreibend die Welt (zurück)erobern



Das, was Karl Ove Knausgård mit seinem sechsbändigen autobiografischen Romanzyklus bei Lesern ausgelöst hat, dürfte einzigartig sein. Er schreibt „nur“ über sein Leben, das aber so schonungslos und genau, dass viele – gerade auch Männer – den Eindruck haben, da schreibe jemand über sie selbst, ihr Leben, ihre Probleme. Gefühlt sprachen und sprechen alle über Knausgård und jeder neue Band wird hierzulande sehnsüchtig erwartet. Der deutsche Verlag hat den Originaltitel „Min Kamp“, also „Mein Kampf“, aus naheliegenden Gründen umbenannt. Nach „Sterben“, „Lieben“, „Spielen“ und „Leben“ erscheint nun die deutschsprachige Übersetzung von Band fünf: „Träumen“ (Der Abschluss der Reihe, Band 6 des rund 3.500 Seiten starken Projektes, kommt laut Verlag im Frühjahr 2017 auf den Markt).

„Kinder großziehen, ein Elternteil verlieren, Beziehungsprobleme. Das ist doch unser Kampf“

Die Kritiker sprechen von einer „literarischen Sensation“ und einem Hype, den bisher sonst nur die „Harry Potter“-Bände ausgelöst haben. Mit Hokuspokus und fantastischen Welten hat Knausgård allerdings gar nichts am Hut. Er bleibt so dicht an der Wirklichkeit, so dicht an all seinen Unzulänglichkeiten, dass es schmerzt. Genau deshalb hat Knausgård auch den Titel „Mein Kampf“ gewählt, mit der Betonung auf MEIN Kampf. In einem 3sat-Interview sagt er dazu: „Ich wollte den Titel zurückhaben und zeigen, was der wirkliche Kampf ist: Kinder großziehen, ein Elternteil verlieren, Beziehungsprobleme. Das ist doch unser Kampf.“

Knausgård will sich schreibend die Welt (zurück)erobern und versucht, ein ganzes Leben abzubilden. So schreibt er alles auf, was sein Leben ausmacht und löst so die Grenzen zwischen dem Schreiben und dem Leben. „Träumen“ beginnt mit dem 19-jährigen Knausgård, der in die norwegische Stadt Bergen zieht. Er erlebt große Lieben und heiratet auch, trennt sich wieder und stürzt sich in Affären, trinkt viel zu viel und rastet oft genug dabei aus und schafft – nach einer schwierigen Zeit an der Schreibakademie – seinen Durchbruch als Autor mit seinem Debüt Ute av verden. Dafür bekommt er 1998 den norwegischen Kritikerpreis und wird als literarische Entdeckung gefeiert. Nach qualvollen Jahren des Zweifelns und Scheiterns …

Knausgård und der Rausch des Schreibens, der Rausch des Lesens …

Faszinierend an „Träumen“ ist, wie bei den Bänden zuvor, dass dieser Rausch, den Knausgård beim Schreiben erlebt, dieses Manisch-Obsessive, sich auch beim Lesen einstellt. Jedes Buch ist auch ein Dokument darüber, wie sehr diesen jungen, unglaublich traurigen und unsicheren Mann die Angst vor dem Vater geprägt hat. Man weiß aus den Büchern davor, dass dieser Vater Alkoholiker war und gewalttätig – in Worten wie in Taten. Und Karl Ove will diesen Vater aus seinem Inneren bekommen. Diesen Vater, den er immer sehr genau beobachten musste, um jede Nuance seiner Stimmungen aufzunehmen … jede Sekunde konnte seine Stimmung schließlich kippen und er wurde böse. Tiefste Unsicherheit – das hat Knausgård geprägt. Und das steckt dem 19-Jährigen, der in Bergen in „Träumen“ an der Schreibakademie angenommen wurde, in den Knochen. Er beschreibt diese Unsicherheit, Verlorenheit, dieses Gefallen-Wollen um fast jeden Preis sezierend genau. Die Verzweiflung, der Selbsthass, das Gefühl, ein Nichts zu sein – das begleitet Karl Ove in einem oft auch beängstigenden Maße. Er ist hochsensibel und kann mit Kritik verdammt schlecht umgehen. Er verstummt im Kreis mehrerer Menschen, wird scheu und ungelenk. Jedes Wort von sich legt er auf die Goldwaage und beobachtet genau, was sein großer Bruder Yngve – er lebt auch in Bergen – gut findet, worüber er mit seinen Freunden spricht, welche Musik er hört oder welche Plakate er an die Wand in seiner Wohnung hängt.

„Das Herz irrt sich nie. Niemals irrt sich das Herz.“

Doch es gibt etwas, was aus dem scheuen und stummen Karl Ove jemanden macht, der drauflos plaudert, ohne sich selbst zu sezieren: der Alkohol. Dass in der Studentenstadt Bergen sowieso gut getrunken wird, ist klar. Bei Knausgård holt dieses Besaufen ab einem bestimmten Punkt etwas aus ihm heraus – oder lässt es frei –, das selbst seinem Bruder und den Freunden unheimlich wird. Karl Ove tickt aus, ist nicht mehr zu kontrollieren, wird auch körperlich gewalttätig und greift einmal sogar seinen Bruder Yngve an, schmeißt ihm ein Glas an den Kopf. Was da aus ihm herausbricht, macht Angst – auch ihm. Aber er beschreibt es dennoch in all der Peinlichkeit. Genauso wie die Demütigung, dass die Frau, in die er sich verliebt hat, Ingvild, sich nicht für ihn, sondern für seinen Bruder entscheidet. Zuvor schreibt er noch, an Ingvild denkend:

„Man sieht es, man verliebt sich, und das ist wenig, gut möglich, dass man sagen kann, es ist wenig, aber es ist immer richtig. Das Herz irrt sich nie.
Das Herz irrt sich nie.
Niemals irrt sich das Herz.“

Ja, er wird sich wieder verlieben. Und er wird, mit viel zu viel Alkohol im Blut, fremdgehen und sich danach deswegen zerfleischen. Er wird seine erste Frau Tonje kennenlernen und heiraten. Zuvor Ängste ausstehen, ob sie auch wirklich ihn will und nicht wieder seinen Bruder. Das sitzt tief bei ihm, und als sich Tonje und Yngve an einem Abend in der Kneipe für Karl Oves Gefühl viel zu gut verstehen, zerschneidet er sich auf der Toilette der Kneipe das Gesicht:

„Doch es hörte nicht auf, es ging einfach so weiter, sie unterhielten sich, als gäbe es mich gar nicht, ich trank und wurde immer verzweifelter. Schließlich dachte ich, dass mir diese ganze Hölle scheißegal war. Zum Teufel mit dieser verdammten Scheiße. Ich sah ein zerbrochenes Bierglas auf dem Fußboden. Ich bückte mich, nahm eine Scherbe in die Hand, betrachtete mich im Spiegel. Ich zog die Scherbe über meine Wange. Ein roter Streifen wurde sichtbar, etwas Blut sickerte über den Rand. Ich wischte es fort, mehr kam nicht. Ich zog die Scherbe über die andere Wange, diesmal jedoch so fest ich konnte […]“

Schreiben ist fast wie träumen …

Gegen Ende des 800-Seiten-Buches geht diese Beziehung auseinander. Knausgård kämpft um seinen Platz im Leben, in der Liebe und natürlich auch im Schreiben. Die Schreibakademie jedenfalls tut Karl Ove nicht gut. Er will schließlich immer der Beste sein und spürt doch, dass er nicht an sein Innerstes herankommt, an seinen Kern. Alles, so wütet er, bleibe bei ihm an der Oberfläche und demnach sei das, was er schreibe, schlecht. Ob die Texte wirklich so schlecht waren, wie er behauptet, sei dahingestellt. Denn sein Zweifeln an sich selbst steht ihm immer im Weg. Auch heute noch sagt er von sich, dass er nicht glücklich ist. „Glück ist nichts für mich. Das ist ein Urkonflikt in mir, ich habe wenig Selbstvertrauen und ich denke, nichts was ich habe ist wertvoll.“ Glücklich ist er fast nur, wenn er beim Schreiben an diesen Punkt kommt, wo er sich selbst auflöst, sich vergisst, so erzählt er. „Es ist fast wie träumen.“

  • Produktdetails
  • Das autobiographische Projekt Bd.5
  • Verlag: Luchterhand Literaturverlag
  • Originaltitel: Min Kamp V
  • Seitenzahl: 800
  • Erscheinungstermin: 21. September 2015
  • Deutsch
  • Abmessung: 221mm x 149mm x 55mm
  • Gewicht: 910g
  • ISBN-13: 9783630874142
  • ISBN-10: 3630874142
  • Artikelnr.: 42685898
Autorenporträt

Karl Ove Knausgård, 1968 in Norwegen geboren, hat mit seinem autobiografischen Romanzyklus "Min Kamp" (übersetzt: "Mein Kampf") einen Orkan in Norwegen und Schweden ausgelöst. Als die ersten Bände auf dem Markt waren, brach ein Medienhype los, Teile der Verwandtschaft verklagten Knausgård. Es trat das ein, was der Autor am meisten fürchtet: Er wurde beschimpft. Er, dem es so wichtig ist, dass er gemocht wird, der Konflikte hasst, musste das aushalten. Er sagt, dass das die schlimmste Zeit in seinem Leben gewesen sei. Der gerichtliche Ärger rührt daher, dass er nicht nur schonungslos über sich und seine Probleme, Ängste, sein Leben schreibt - sondern genauso sezierend über alle Freunde, Kollegen, die Freundinnen und die Familie. Die Medien stürzten sich auf so gut wie jeden Menschen, der in den Büchern erwähnt wurde. Nur ihn ließen sie erstmal in Ruhe. Um ihn herum tobte es und er saß im ruhigen Auge des Hurricanes. Die ersten Bände hat er freier geschrieben, danach hatte er im Hinterkopf, was diese Bücher auslösen und wurde ein wenig harmloser ...

Knausgård, der scheue literarische Superstar

Der Hype um den Romanzyklus verbreitete sich weltweit. Mittlerweile ist der Autor ein literarischer Superstar und Millionen Leser wissen alles über ihn. Er, der am liebsten allein ist, versucht daran einfach nicht zu denken, sonst würde er es nicht aushalten. Paradox, klar. Schließlich hat er dafür gesorgt, er all das geschrieben. Doch sei eben Literatur, sein Weg, sich auszudrücken. Wenn er beim Schreiben an den Punkt komme, sich von sich selbst und all den Erwartungen, Tabus etc. zu befreien, selbst sozusagen zu verschwinden, dann komme der Flow und er erlebe das Glück des Schreibens.

"Ich rede nicht, bin langweilig - aber so ist es nicht, wenn ich schreibe."

Er sagt von sich selbst, dass er Schwierigkeiten hat mit Menschen. "Ich rede nicht, bin langweilig - aber so ist es nicht, wenn ich schreibe. Dann zeige ich mich." Und doch hat er gelernt, seine Rolle zu spielen, tritt vor Publikum auf und gibt Interviews. Würde man ihm aber außerhalb dieser Rollen begegnen, würde seine Scheu wieder zum Vorschein kommen, er würde schweigsam werden und unsicher. Diese Unsicherheit, dieses Ringen um (s)einen Platz im Leben, im Schreiben, in der Liebe - das verfolgt die Lesewelt in den Romanen. Er will brillant sein und clever - doch sein Gefühl ist meist eines des Scheiterns. Dabei sorgte er schon mit seinem ersten Roman "Ute av verden" 1998 für Furore: Zum ersten Mal erhielt ein Debüt den norwegischen Kritikerpreis. 2004 folgte "Alles hat seine Zeit", nominiert für zwei Literaturpreise.

Eine manische Beichte als Beginn eines Welterfolges

Dass sich Knausgård quält mit dem Schreiben, ihm alles nie gut genug ist, wissen wir. Eine Schreibkrise - er saß fünf Jahre lang an einem Roman, der in seinen Augen nicht gut war - brachte ihn dazu, etwas Neues zu versuchen. Ihm sei klar geworden, dass er nichts konstruieren dürfe, dass er so ehrlich wie möglich sein solle. Er schrieb also über ein Erlebnis aus seiner Kindheit, das er vorher niemandem erzählt hatte, und schickte es seinem Lektor. Der nannte das eine "manische Beichte" - doch Knausgård spürte bei diesem Enthüllen "einen enormen Kick. Da steckt sehr viel Energie drin. Wenn ich keine Angst habe, keine Angst vor den Konsequenzen, dann kann ich das machen." Und er machte es und begann mit "Min Kamp". 2009 erschienen die ersten drei Bände und der Orkan brach los.

"Glück ist nichts für mich."

Heute lebt Knausgård mit seiner zweiten Frau und vier Kindern in einem Dorf in Schweden und steht früh auf, so gegen 4 Uhr, um Zeit für das Schreiben zu haben. Danach kümmert er sich um die Kinder und macht Frühstück. Ein ganz normales Familienleben. Ein glückliches? Dazu sagt er: "Glück ist nichts für mich." Auch der Erfolg habe daran nichts geändert ...

Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 20.09.2015

Wenn jede Bewegung zum Kampf wird

Der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausgård beschreibt sein Leben und wird als Superstar gefeiert. Zu Recht?

Alle Jahrzehnte tritt ein Schriftsteller hervor, der nicht nur eine große Leserschaft unterhält und seinen Verlag mit hohen Auflagen erfreut (das machen auch E. L. James oder Paulo Coelho), sondern der vor allem die Mehrheit derjenigen für sich einnimmt, auf die es vermutlich jedem Autor, mehr oder weniger heimlich, am meisten ankommt: die Kritiker und Kollegen, die Zirkel und Institutionen der literarischen Welt.

Karl Ove Knausgård ist dieser Schriftsteller, obwohl das auf den ersten Blick unwahrscheinlich erscheint: In den sechs Bänden seines Großprojekts "Min Kamp I-VI" (sie erscheinen auf Deutsch nicht als "Mein Kampf", sondern unter süßlichen Titeln wie "Lieben", "Spielen", "Leben" oder im Fall des jetzt erscheinenden fünften Bands: "Träumen") und auf ca. 3600 Seiten schreibt er aus einer konsequent nach innen gekrümmten Perspektive über sein Leben. Andere Charaktere als er selbst werden bestenfalls im Ansatz lebendig. Das alles präsentiert der 1968 geborene Knausgård in einem Stil, der sich gewissermaßen durch seine Stillosigkeit auszeichnet, ohne dramatische Zuspitzung, ohne den Stoff im üblichen Sinne zu arrangieren oder gar Spannungsbögen zu bauen. Seine Sprache ist über weite Strecken flach, er scheut keine Klischees (Zeit "rinnt wie Sand durch die Finger", die Liebe "trifft ihn wie ein Blitz"), und es finden sich im Text irritierend häufig die verbalen Entsprechungen von Emoticons ("Haha", "Mmm", "Oh"). Trotzdem sind diese Bücher durchgehend interessant, selbst dann, wenn sie sich in die Länge ziehen. Denn da ist ein Ton in Knausgårds Schreiben, eine Selbstverständlichkeit des Sagens, eine bezwingende Aufgeschlossenheit dem Leben gegenüber, die sprachliche Nachlässigkeiten sympathisch erscheinen lassen, und von denen ein Sog ausgeht, der auch durch inhaltliche Einöden trägt. Diese Lektüre hat etwas Meditatives.

Wohl auch deshalb waren die sechs Bücher in Knausgårds Heimat Norwegen (wo sogenanntes Slow-TV wie die abgefilmte Zugfahrt von Bergen nach Oslo riesige Einschaltquoten hat) ein phänomenaler Erfolg mit rund einer halben Million verkauften Exemplaren bei nur fünf Millionen Einwohnern. Außerhalb Skandinaviens sind die Verkaufszahlen weniger spektakulär; zur kleinen Klasse international beachteter Autorenstars gehört Knausgård inzwischen aber allemal.

Umso interessanter ist Knausgårds oft geäußerte Selbsteinschätzung, nur ein zweitrangiger Schriftsteller zu sein, jemand, der die Grenzen seiner Kunst nicht erweitert, der über das Große schreibt, statt selbst Großes zu schaffen. Das ist nicht bloß kokett. Tatsächlich erscheint Knausgård in seiner Lebensbeschreibung nicht als Ausnahmeexistenz, sondern vielmehr als ein einigermaßen gewöhnlicher Mann, der zum Beispiel in jungen Jahren in erster Linie Sex haben und als cool gelten will und der es liebt, sich zu betrinken. Das Einzige, was ihn wirklich herausragen lässt, ist sein unbändiger Wunsch, literarisch Außerordentliches zu erreichen.

Von diesem Ehrgeiz handelt "Träumen". Wir lesen von Knausgårds Zeit als angehender Schriftsteller, der an seiner Bestimmung zweifelt. Als ein Verlag ihn nach über zehn Jahren Anlauf endlich akzeptiert, wettet er, dass sein Debüt ihn auf die Titelseite der größten norwegischen Zeitung bringen wird. Er gewinnt; aber Befriedigung zieht er daraus nicht. Sein eigener Anspruch zielt höher.

Knausgård veröffentlicht bereits vor "Min Kamp" zwei vielbeachtete, ins Ausland verkaufte und mit Literaturpreisen ausgezeichnete Romane. Die allermeisten jungen Schriftsteller wären mit einem solchen Karrierebeginn vermutlich sehr zufrieden. Nicht Knausgård. Preisgekröntes Mittelmaß deprimiert ihn. Er will unbedingt etwas schreiben, das über die eigene Epoche hinaus ins Zeitlose weist. Weniger zu wollen, erscheint ihm sinnlos. Sein Problem ist, dass er jahrelang alle Anläufe zu einem solchen Werk mit wachsendem Selbstekel abbricht. Er hat das Große möglicherweise nicht in sich. Zu seiner Verzweiflung trägt bei, dass er mittlerweile tief im Alltag einer überschwänglich geschlossenen Ehe feststeckt, aus der in kurzer Zeit drei Kinder hervorgehen. Zunächst hält ihm seine Frau für einige Stunden täglich den Rücken für Schreibversuche frei. Doch dann will sie ihr Studium beenden. Knausgård ist für ein Jahr tagsüber mit den Kindern allein. Statt etwas Unvergleichliches zu schaffen, versinkt er in Windeln. Irgendwann gleicht er einem Schiffbrüchigen, der nach der rettenden Planke greift. So jemand nimmt keine Rücksicht. An einem späten Abend Anfang 2008, er ist 39 und hat die Schwelle von 40 vor Augen, setzt er sich an seinen Computer und beginnt mit der größten möglichen Aufrichtigkeit, gleichgültig gegen die Folgen, sein eigenes Leben zu beschreiben.

Er arbeitet manisch. Drei Monate später beendet er Band eins ("Sterben"). Bis 2011 hat er die komplette Serie publiziert. 36 mal hundert Seiten in 36 Monaten. Allein die Zahlen beeindrucken. Beeindruckend ist auch, wie das Werk wirkt. Bei Lesungen reihen sich die Besucher in Hunderte Meter langen Schlagen um den Veranstaltungsort. "Min Kamp" ist ein Blockbuster. Knausgård findet das phantastisch. Allerdings zahlt er für den Erfolg einen hohen Preis. Seine rücksichtslose Offenheit (die Personen tragen in den Büchern ihre wirklichen Namen) bringt nicht nur seine Ehefrau in die Psychiatrie, sondern ihn um Freundschaften und den väterlichen Familienzweig. Es muss ihm vorkommen, als hätte er einen faustischen Pakt geschlossen.

Dabei waren seine Motive, beteuert er, beim Schreiben rein. Nach der Lektüre neigt man dazu, ihm zu glauben. Für Knausgård ist Literatur Ersatz für Religion. Er ist mit seinem Schreiben in einem unironischen, also altmodischen Sinn, auf Wahrheit aus. In Band zwei ("Lieben") bekennt er seinen Ekel vor der Massenproduktion von Fiktion, die unsere Zeit beherrscht. Fast alle Serien, Filme und Romane funktionieren nach den immer selben Regeln. Diese sind inzwischen Konvention und werden allzu leicht verdaut. Selbst den ausgezeichneten Filmen oder Büchern fehlt in der Regel das, was ein Kunstwerk groß macht: die Eigenart und Kraft, die Welt fremd erscheinen zu lassen, so dass man sie wieder zu sehen beginnt. Knausgård verzichtet bewusst auf alle Kunstgriffe und Finten, mit denen wir uns unsere ausgefeilten Geschichten erzählen. Sie vergrößern in seinen Augen nur die Distanz zur Wirklichkeit.

Dabei ist auch "Min Kamp" ganz bewusst gemacht - nur eben anders als andere ambitionierte Literatur. Knausgård verzichtet auf unerhörte Vergleiche, funkelnde Metaphern, komplexe Syntax, bezeichnende Details, sprachliche Verdichtung, ausgefeilte Strukturen. Er hat nicht den Anspruch, gut zu schreiben. Denn mit diesem Anspruch könnte er nicht mit einer alle Skrupel überwindenden Geschwindigkeit das Gewöhnliche und oft auch Banale niederschreiben, aus dem "Min Kamp" besteht. So schildert er auf über vierzig Seiten einen Kindergeburtstag, auf dem nichts geschieht, was nach dramaturgischen Maßstäben der Rede wert ist. Man kann darin, was einige Kritiker tun, eine Art Reality-Soap für hippe Möchtegernintellektuelle sehen. Man kann darin aber auch die Absicht vermuten, das Banale so radikal auszubreiten, bis es sich ins Gegenteil verkehrt. Man kann annehmen, dass in den scheinbar kunstlos erzählten Banalitäten (Brote schmieren, einkaufen, putzen) eine raffinierte und vor allem weitgehend unverbrauchte künstlerische Methode steckt. Erreicht man diesen Punkt, ist es schwer, sich gegen den Gedanken zu wehren, dass diese Bücher - jedenfalls für den Leser einer Konsumgesellschaft mit der entsprechenden narzisstischen Prägung - mit zum Relevantesten und Bezeichnendsten gehören, was man von einem lebenden Autor derzeit lesen kann.

Knausgårds Idee ist, dass sich das Leben als eine Beschreibung unzähliger Kämpfe erzählen lässt. Seine Entdeckung ist, dass sich all diese Kämpfe auf einer gewissen Ebene ähneln. Es macht in seinen Büchern keinen großen Unterschied, ob er versucht, einen Kindergeburtstag durchzustehen, sich bemüht, die verkotete Wohnung seines gerade an Alkoholmissbrauch gestorbenen Vaters zu säubern, er mitten in der Nacht seinem hungrigen Kind ein Müsli bereiten muss oder ob er sich die Nachsicht für die eigene Frau bewahren will. Immer muss er sich aufraffen und einer Herausforderung stellen, sich dabei bewähren oder versagen, um sich danach beglückt oder beschämt (die Regel) schon bald dem nächsten Kampf zu stellen.

Es ist die gleichwertige Behandlung von größten Banalitäten bis zu tiefsten Lebenskrisen, was diese Bücher so furchtbar seltsam macht. Aber wenn man nur ihre Merkwürdigkeit betont, unterschlägt man, dass sie über weite Strecken mit einem feinen Gespür für das richtige Tempo erzählt sind, sie szenische Schilderungen von filmischer Intensität bieten und es immer wieder romantische Verstrickungen, sexuelle Katastrophen, existentielle Krisen gibt, die einen unterhalten. Dadurch liest man einen experimentellen Roman, der die Grammatik realistischen Erzählens aufbricht, beinahe wie einen Pageturner.

Knausgård ist wohl etwas Paradoxes gelungen: Jahrelang scheitert er an dem Versuch, etwas möglichst Unantastbares zu schreiben. Erst als er den Glauben an seine Fähigkeit dazu aufgibt und sich in einer tiefen Krise, getrieben von Selbsthass, durchs Schreiben auszulöschen versucht (indem er noch das Niedrigste und Beschämendste von sich offenbart und all seine Ansprüche an gute Literatur ignoriert), gelingt ihm das Herausragende.

Wer in Knausgårds Großprojekt mit dem neuesten Band "Träumen" einsteigt, wird vermutlich einige der hier beschriebenen Qualitäten vermissen. "Träumen" schildert ein wenig zu ausführlich das Ringen des angehenden Künstlers mit seiner Berufung. Zwar gewinnt Knausgård auch diesem alten Thema eindrückliche Szenen ab (beispielsweise durch die Beschreibung seiner Anfälle von Selbsthass, bei denen er sich einmal betrunken das Gesicht zerschneidet). Dennoch fehlen den geschilderten Krisen Tragik und Universalität. Es fehlt auch der stimulierende Wechsel von essayistischen Passagen und beispielhaften Beschreibungen, der "Lieben" und "Sterben" auszeichnet. Wer mit den letztgenannten Bänden beginnt und angezogen ist, wird dennoch sehr froh sein, mehr aus dem Leben dieses Schriftstellers lesen zu können, der einem auf unerhörte Weise und wie nur wenige (die Großen) den Sinn für die verborgene Tiefenstruktur des Lebens schärft.

MARTIN SIMONS

Karl Ove Knausgård: "Träumen". Roman. Luchterhand, 795 Seiten, 24,99 Euro

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Felicitas von Lovenberg begreift den fünften Band von Karl Ove Knausgards autobiografischem Mammutprojekt als Einladung zur Hingabe. Für sie die Bedingung, um vom Erzählstrom mitgerissen zu werden. Also Smartphone beiseite, rät Lovenberg, und eingelassen auf die schiere Monumentalität und das Identifikationangebot des Autors, wenn er das Gewöhnlichste in aller Ausführlichkeit schildert. Der Gewinn besteht laut Rezensentin in einer Nähe zur menschlichen Seele, im verstörenden Erfahren menschlicher Verfasstheit, das durch die Größe des Projekts überhaupt erst erträglich wird, wie Lovenberg findet.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 17.10.2015

Schmerzen vor Glück
Karl Ove Knausgård hat mit seinem rückhaltlos autobiografischen Schreiben Millionen
Leser in Bann geschlagen. Aber sein neues Buch „Träumen“ zeigt: Nicht nur der Hunger
nach Leben, sondern auch der Hunger nach Literatur treibt diesen Autor an
VON LOTHAR MÜLLER
Allmählich beginnt der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausgård in dem Bild zu verschwinden, das er in seinen Büchern und in einer anschwellenden Flut von Interviews und Selbstkommentaren von sich entworfen hat. Auf diesem Bild ist er ein umgekehrter Don Quijote, der ausgezogen ist, die Literatur von der Übermacht der Fiktionen zu befreien, damit das Leben selbst in ihr zu Wort kommen kann, nach seinen eigenen Gesetzen, in seiner eigenen Sprache und so lange es will.
  Das Leben, das Knausgård gegen die Windmühlen gängiger Romanproduktion ins Feld führt, ist sein eigenes. Den sechs umfangreichen Bänden, in denen er es vor dem Publikum ausbreitet, hat er den Titel „Min Kamp“ („Mein Kampf“) gegeben. Dass der eigentlich schon vergeben war, musste er wissen. Auch in Norwegen gibt es in manchen Haushalten und Nachlässen Exemplare von Hitlers Autobiografie. „My struggle“ hieß deren 1933 in England erschienene Ausgabe, und so heißt nun Knausgårds Zyklus in der Englisch sprechenden Welt. Der deutsche Verlag mochte da nicht mitziehen. „Sterben“, „Lieben“, „Spielen“, „Leben“ hießen die bisher erschienenen Bände, in diesem Herbst ist der fünfte hinzugekommen, „Träumen“.
  Dieser fünfte Band ist ein idealer Anlass, den Kampf des 1968 in der norwegischen Provinz geborenen Karl Ove Knausgård näher ins Auge zu fassen. Denn in keinem bisherigen Band tritt die Paradoxie so sehr in den Vordergrund, die den umgekehrten Don Quijote in seinen Windmühlenkampf hineintreibt. Er zieht unter der Fahne des Lebens aus, will die Literatur hinter sich lassen, den modernen Roman durch das autobiografische Erzählen unterwandern. Seine Eroberungsfantasie aber besteht darin, die Fahne mit dem Namen Karl Ove Knausgård gerade nicht im Leben aufzupflanzen, sondern im Pantheon der Literatur, in unmittelbarer Nachbarschaft der großen Autoren der Moderne.
  Ja, auch in diesem Band „Träumen“, in dem der Lebensstoff den Jahren zwischen 1988 und 2002 entnommen ist, Jahre, in denen Knausgård in der Küstenstadt Bergen lebte, stellt sich ein Selbstentblößer vor das Publikum. Irgendwann kauft er ein Buch über Jean-Jacques Rousseau, das Urbild aller Selbstentblößer, Fiktions- und Romankritiker. Er schlägt das opulente Kunstbuch voller nackter Frauen auf, das den jungen Knausgård auf die Toilette begleitet, als er verspätet den Reiz des Onanierens entdeckt; er schildert die Wut, die in ihm aufkeimt, als Yngve, der ältere Bruder, ihm eine erhoffte Geliebte ausspannt, schildert seine Neigung zum Verstummen in Gesellschaft, seine Schüchternheit beim Werben um Frauen, die bei den häufigen Abstürzen in den Alkohol einer Eroberungswut und Geilheit weicht, der er fast immer nachgibt. Und er schildert die sich ebenfalls fast immer einstellende Peinlichkeit, zu früh zum Höhepunkt zu kommen.
  Die One-Night-Stands, die der Selbstentblößer dem Publikum erzählt, hätte er als junger Mann den Frauen, mit denen er damals zusammen war, am liebsten verschwiegen. Der ersten, die er irgendwann verlässt, der zweiten, die er heiratet. Aber die eigentliche Rivalin der Frauen sind nicht die anderen Frauen. Die schärfste Rivalin ist die Literatur.
  Das Campusradio der Uni, in dem der junge Mann seinen Zivildienst ableistet, die psychiatrischen Anstalten, in denen er als Student jobbt, die Bohrinsel, auf der er zeitweilig viel Geld verdient, gehören zu den Lieferanten von Lebensstoff. Aber sie stehen nicht im Zentrum dieses Bandes. Im Zentrum stehen die Lektüren, die Schreibversuche, die Autorfantasien des jungen Mannes, der nach Bergen kommt, weil er einen Platz an der Akademie für Schreibkunst ergattert hat, an der Autoren wie Jon Fosse lehren.
  Ströme von Alkohol gehen durch den jungen Karl Ove Knausgård. Da der Zyklus damit beginnt, dass sich der Vater zu Tode getrunken hat, erscheinen sie nicht nur als Überschwang und Exzess der Jugend, sondern zugleich als Erbteil dieser dunklen, harten Vaterfigur. „Mein Kampf“, das ist zunächst der Kampf der Ich-Figur um die Befreiung von den Dämonen der Kindheit, der Kampf um ein Leben jenseits der Peinlichkeiten und des sexuellen Ungeschicks. Der eigentliche Kampf aber ist der des jungen Mannes um seine Romananfänge, Essays und Erzählungen, um die Grundlegung seiner Autorschaft.
  Beide Kämpfe sind existenziell, aber das Schicksal der Ich-Figur entscheidet sich am zweiten Kampf. An dieser Front ist der junge Karl Ove Knausgård ein Nerd, ein Ästhet, der durch Buchhandlungen und Antiquariate streift, über das Misstrauen gegen Metaphern debattiert und von einer Flut von Buchstaben durchströmt wird, von Flauberts „Bouvard und Pécuchet“ und „Salambô“, von Prousts „Recherche“, von Joyce‘ „Ulysses“ und „Stephen Hero“, von Becketts Romanen, Thomas Manns „Zauberberg“ und „Doktor Faustus“, von Hölderlin, Rilke und Paul Celan, von Italo Calvino und Julio Cortázar, und von der gesamten norwegischen Gegenwartsliteratur. Er verfasst Essays über die Bedeutung von Dante für Joyce, wird von abgrundtiefer Enttäuschung erfasst, wenn die Dozenten seine Probetexte nicht würdigen, schreibt und verwirft Erzählungen im Stil von Cortázar. Sein literarischer Ehrgeiz ist grenzenlos, er will Norwegen erobern und dann die Welt.
  Wie schon in „Spielen“, gibt es in „Träumen“ eine Schlüsselgeste für den Kampf des jungen Mannes gegen die Dämonen der Angst, der Scham, der Peinlichkeit: Er zerschneidet sich mit Glasscherben das Gesicht. Die Geste stammt – wie das Stirn-Aufschlitzen mit einer Rasierklinge des jungen Autors Rainald Goetz 1983 in Klagenfurt – aus der Welt des Punk. Eine lange Liste von Bands und Titeln aus Punk, Post-Punk und Indie-Pop ließe sich aus diesem Band herausschreiben.
  Es liegt verführerisch nahe, Knausgårds „Mein Kampf“ als Übertragung der Energien des musikalischen Punk in die Literatur zu interpretieren. War nicht Punk die Rebellion der elementaren Akkorde, der dreckigen Stimmen, des selbstbewussten Dilettantismus gegen den pompös gewordenen Pop, gegen das virtuose Gitarren-Solo? Hat nicht der britische Punk das höhnische Zitat von NS-Titeln und NS-Gesten in die Popkultur geholt? Und ist nicht das Projekt eines radikalen, kunstlosen autobiografischen Schreibens ein vergleichbarer Aufstand des Lebens gegen die Kunst, ein Angriff auf die immer virtuoser verschlungenen Reflexionsschleifen literarischer Fiktion?
  „Allein schon bei dem Gedanken an Fiktion, allein schon bei dem Gedanken an einen erfundenen Charakter in einer erfundenen Handlung wurde mir flau, ich reagierte körperlich darauf“, so blickte Knausgård im zweiten Band seines Zyklus auf sich selbst als jungen Autor zurück, den der Ekel an der Allgegenwart der Fiktionen aus der Romanform hinaustreibt: „Das Einzige, worin ich einen Wert erblickte, was weiterhin Sinn produzierte, waren Tagebücher und Essays, die Genres in der Literatur, in denen es nicht um eine Erzählung ging, die von nichts handelten, sondern nur aus einer Stimme bestanden, der Stimme der eigenen Persönlichkeit, einem Leben, einem Gesicht, einem Blick, dem man begegnen konnte.“
  Yngve, der ältere Bruder, steht mit beiden Beinen in der Welt der Indie-Pop-Musik. Der junge Knausgård verfasst Lyrics und ist Schlagzeuger der gemeinsamen Band „Kafkafilter“. Dass er sich damit zufriedengibt, ein ziemlich dilettantischer Schlagzeuger zu sein, unterscheidet ihn von dem gleichnamigen angehenden Schriftsteller. Der würde sich nie damit zufriedengeben, so mittelmäßig zu schreiben, wie er Schlagzeug spielt. Und woran arbeitet er? An seinem ersten Roman.
  Auf das Erscheinen und den Erfolg dieses Romans, auf den Durchbruch zur Autorschaft läuft „Träumen“ zu, und damit verschränkt wird hier noch einmal vom Tod des Vaters erzählt. Es scheint, als besiegele die erfolgreiche Autorschaft die Befreiung vom Vater, dem Dämon der Kindheit. Aber der Leser des nicht chronologisch, sondern in Schleifen und Rückblenden erzählten Zyklus weiß aus den vorangegangenen Bänden, dass der erfolgreiche Romanautor, der mit seiner zweiten Ehefrau Linda eine Familie gegründet hat, am Schreiben verzweifelt, dass er keinen tragfähigen Stoff für einen neuen Roman findet und irgendwann den Ausweg im Schreiben über sich selbst sucht: „Die Idee war, meinem Leben so nahezukommen wie möglich, also schrieb ich über Linda und John, die im Nebenzimmer schliefen, Vanja und Heidi, die im Kindergarten waren, die Aussicht aus dem Fenster, die Musik, die ich hörte.“ Aus dieser Idee ist „Mein Kampf“ hervorgegangen: aus der Nahsicht auf das mal dramatische, mal triviale, banale Leben des Autors, aufgezeichnet von einem Schreiben, das den Forderungen und Obsessionen entkommen ist, die es in der „Akademie für Schreibkunst“ in sich aufgenommen hat. Was bleibt nach Proust, nach Joyce, nach Musil? Beiseite- treten, noch einmal von vorn anfangen, anspruchslos.
  Es scheint, als habe der umgekehrte Don Quijote sein Ziel erreicht. Er hat, zunächst in Norwegen, dann international Massen von Lesern in seinen Bann gezogen, Leser, die süchtig geworden sind nach diesem Lebensstoff, nach diesem rückhaltlosen Schreiben über das eigene Leben. Aber was ist dabei aus dem grenzenlosen literarischen Ehrgeiz geworden, von dem „Träumen“ erzählt? Was würde der junge Mann, der ein ganz großer Autor werden will, zu den Sätzen sagen, in denen hier sein Liebesglück beschrieben wird: „Ich blieb die ganze Nacht bei ihr. Wir suchten einander, waren vollkommen offen füreinander, alles war erfüllt von Licht. Ich hatte Schmerzen vor lauter Glück, denn ich hatte sie, sie war da, die ganze Zeit. Die ganze Zeit war sie da und umgab mich, und ich hatte Schmerzen vor Glück, und alles war erfüllt von Licht.“ Müsste er dazu nicht sagen: Das ist mitnichten die Sprache des Lebens, es ist die Sprache eines konventionellen Liebesromans?
  Einmal zwingt der junge Karl-Ove Knausgård eine Angebetete, die sich ihm entzieht, dazu, seine vollständige Rezitation der „Todesfuge“ von Paul Celan anzuhören. Sich mit den Mitteln der Literatur am Leben rächen, das ist eine charakteristische Geste in „Mein Kampf“. Instrument der Rache muss aber nicht die Poesie, es kann auch die absolute Anspruchslosigkeit der Sprache sein. Mit ihr rächt sich in Knausgårds Trivialdialogen und seitenlangen Schilderungen des Familienlebens, des Windelwechselns oder Kindergeburtstagsfeierns die Literatur am Leben, das sich dem Schreiben in den Weg stellt. Der Hunger nach Leben trägt viele Leser über die langweiligen Passagen in „Mein Kampf“ hinweg. Die Parole „So viel Leben wie möglich“ taucht darin gelegentlich auf, formuliert mit Blick auf Ernest Hemingway, Hunter S. Thompson, Wladimir Majakowski. Nicht wenige Kritiker sehen in dem Manifest „Reality Hunger“ von David Shields einen Schlüssel zu Knausgårds autobiografischem Radikalismus.
 Aber es gibt darin noch einen anderen Hunger und eine Sprache, in der nicht das Leben pulsiert, sondern der Buchstabenstrom, der durch den jungen Absolventen der Akademie für Schreibkunst hindurchgegangen ist. „Seine Scheu war eher wie eine Robe, die er um sich geschlungen hatte“, schreibt Knausgård über den Akademie-Dozenten und Autor Jon Fosse und lässt damit seine Kunst der Charakteristik aufblitzen, die sich an den Porträts der Großmutter, des Großvaters und des Onkels bewährt, des einsamen Kommunisten auf dem Lande und ernsten Arbeiterdichters.
  Dieser Porträtist ist mit dem Essayisten verwandt, der in „Mein Kampf“ immer wieder auftaucht, und mit dem Widerpart des Selbstentblößers. Dieser Widerpart ist mit der Außenwelt im Bunde, mit dem Licht, dem Wetter, der Landschaft. Er hat in dem stilsicheren Übersetzer Paul Berf einen Verbündeten im Deutschen und schreibt so: „Das Licht in der Stadt hatte sich im Laufe des Frühjahrs grundlegend verändert. Das feuchte und Saugende der Farben in Herbst und Winter war verschwunden. Jetzt waren die Farben trocken und leicht, und auf Grund der kreideweißen Häuser, die das Licht reflektierten, selbst das indirekte, wenn die Sonne hinter den Wolken schien, messerscharf und schimmernd, schien es mir so, als wäre die ganze Stadt emporgestiegen.“
  Aus einer Fülle von Prosa-Miniaturen setzt dieser Widerpart des Selbstentblößers das Bild der Stadt Bergen zusammen, macht sie zu einer Hauptstadt des Regens. Durch die Provinzlandschaften, in die der junge Knausgård reist, um Verwandte zu besuchen (oder zu beerdigen), führt er auf die Spur des nicht geschriebenen Romans, der in „Träumen“ versteckt ist, der Cover-Version von Knut Hamsuns „Hunger“, dem Roman über den jungen Schriftsteller in der Stadt, in der er sich bewähren muss: „Es war zu jener Zeit, als ich in Kristiania umherging und hungerte, in dieser seltsamen Stadt, die keiner verläßt, ehe er von ihr gezeichnet ist“.
  Als entwurzelter Moderner, nicht als Autor der Scholle und des Bodens geistert Hamsun durch den Zyklus „Mein Kampf“, hier, in „Träumen“ verwandelt sein Schatten die Stadt Bergen, in eine literarische Nachbarin Kristianias. Hungernd kommt der junge Knausgård, von einer Italienreise zurückkehrend, in Bergen an, kauft sich Hamsuns Roman, liest ihn, während es draußen in Strömen gießt („Es war auffällig, wie simpel die Geschichte war“), und gleicht wenige Seiten später einem jener jungen Männer, die in Romanen des 19. Jahrhunderts ausziehen, Paris oder eine andere Metropole zu erobern: „Eine Woge des Glücks durchrollte mich. Es war der Regen, es waren die Lichter, es war die große Stadt. Es war ich selbst, ich würde Schriftsteller werden, ein Star, ein Leitstern für andere.“
  Hamsuns „Hunger“ endet mit dem Abschiedsblick des Erzählers vom Fjord aus auf die Stadt, die er verlässt. Knausgårds „Träumen“ läuft auf den Satz zu: „So verließ ich Bergen.“ Das ist ein Schlusssatz, der mindestens so gut zu einem Roman passt wie zu einer Flucht aus der Fiktion ins pure Leben. Karl Ove Knausgård hat „Mein Kampf“ zu einem abgeschlossenen Projekt ohne Fortsetzung erklärt. Schriftsteller aber will er bleiben. Das ist eine gute Nachricht: Sein Hunger nach Literatur ist noch nicht gestillt.
Der neue Band aus dem
Erzählzyklus ist ideal, um das
ganze Projekt zu erklären
Knausgård würde nie
so mittelmäßig schreiben,
wie er Schlagzeug spielt
Das Einzige,
worin ich einen Wert
erblickte, waren Genres in
der Literatur, die nur
aus der Stimme der
eigenen Persönlichkeit
bestanden.“
„Mein Kampf“ („Min Kamp“) hat Karl Ove Knausgård seinen auf sechs
Bände angelegten Lebensroman genannt, wohl wissend, dass dieser Titel eigentlich schon vergeben ist.
Sein deutscher Verlag allerdings mochte da nicht mitziehen.
Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa
          
  
  
Karl Ove Knausgård:
Träumen. Aus dem
Norwegischen von Paul Berf. Luchterhand Literaturverlag, München 2015.
800 Seiten, 24,99 Euro. E-Book 19,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
…mehr
"Das gehört zum Großartigsten an Literatur, was zur Zeit geschrieben wird." Juli Zeh / ZDF - Das Literarische Quartett