Moralischer Nihilismus - Schröder, Winfried
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Über Moral, ihre Inhalte und Grenzen, wird innerhalb wie außerhalb der Philosophie gestritten. Der "moralische Nihilismus" stellt eine grundsätzliche Negation der Moral dar: "Moral ist einfach eine Täuschung, nichts ist je richtig oder falsch, gerecht oder ungerecht, gut oder schlecht." Der Band diskutiert die Ansichten von so unterschiedlichen Autoren wie Nietzsche, Kierkegaard, Marx und Engels, dem Marquis de Sade und den antiken Sophisten.…mehr

Produktbeschreibung
Über Moral, ihre Inhalte und Grenzen, wird innerhalb wie außerhalb der Philosophie gestritten. Der "moralische Nihilismus" stellt eine grundsätzliche Negation der Moral dar: "Moral ist einfach eine Täuschung, nichts ist je richtig oder falsch, gerecht oder ungerecht, gut oder schlecht." Der Band diskutiert die Ansichten von so unterschiedlichen Autoren wie Nietzsche, Kierkegaard, Marx und Engels, dem Marquis de Sade und den antiken Sophisten.
  • Produktdetails
  • Reclams Universal-Bibliothek 18382
  • Verlag: Reclam, Ditzingen
  • Seitenzahl: 315
  • Erscheinungstermin: Dezember 2005
  • Deutsch
  • Abmessung: 147mm x 98mm x 25mm
  • Gewicht: 134g
  • ISBN-13: 9783150183823
  • ISBN-10: 3150183820
  • Artikelnr.: 14412280
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 27.11.2002

Ich rieche meine Sonderrechte
Winfried Schröders luzide Studie über moralische Nihilisten

Die Anweisung Jahwes an Abraham, seinen Sohn Isaak zu opfern, wird verbreitet als skandalös empfunden. Wie kann Gott die Abschlachtung eines unschuldigen Kindes, also die Vollziehung eines höchst unmoralischen Aktes, fordern? Kant hat auf diese Frage eine rigorose, mit dem biblischen Text freilich kaum mehr in Einklang zu bringende Antwort gegeben. Wer derartiges anordnet, bei dem kann es sich demnach nicht wirklich um Gott handeln; denn auch religiöse Forderungen seien an das Sittengesetz gebunden. Sören Kierkegaard sieht in dieser Auskunft ein Attentat auf die göttliche Allmacht. Wollen wir Gott als den souveränen Herrn ehren, dürfen wir nach Kierkegaard keine ihm gleich- oder gar übergeordnete Instanz anerkennen. Eine Moral, die ihre Adressaten dazu anhalte, sich gegen den Willen Gottes aufzulehnen, sei folglich eine "Versuchung", der widerstanden werden müsse. Abraham sei dies gelungen, und das sei das "Wunderbare" an dem Geschehen in dem Land Morija. "Abraham überschritt durch seine Tat das ganze Ethische, und außerhalb hatte er ein höheres telos, im Vergleich zu dem er jenes suspendierte."

Die Haltung, die dieser Stellungnahme Kierkegaards zugrunde liegt, bezeichnet Winfried Schröder als "moralischen Nihilismus". Dem moralischen Nihilisten geht es nicht um bloße Grenzbereinigungen innerhalb des Feldes der Ethik, sondern um deren prinzipielle Entmachtung. Er glaubt an einen größeren Herrn, als es die Ethik ist. Diesem Herrn dienend, weiß er sich von der Beachtung sogar der moralischen Grundnormen wie des Verbots der Tötung Unschuldiger freigestellt. Als Prototyp des moralischen Nihilisten erweist sich in Schröders Analyse damit der Fundamentalist. An diesem ist alles unecht, sogar seine Demut, denn die Interpretationshoheit über den Willen des von ihm angerufenen Herrn behält er sich selbst vor. Nicht von ungefähr hat sich auch Mohammed Atta in seinem Testament auf das "Opfer Abrahams" berufen.

Wie Schröder weiter zeigt, war Kierkegaard keineswegs der einzige moralische Nihilist unter den Meisterdenkern des neunzehnten Jahrhunderts. Marx und Engels gehören ebenfalls in diesen illustren Kreis. Überzeugend widerlegt Schröder die Bemühungen neuerer Interpreten, Marx und Engels zu Propheten einer "Moral der Wohltätigkeit" zu stilisieren. Die von Schröder vorgestellten Textbefunde sprechen eine deutliche Sprache. Marx und Engels ging es danach nicht um eine Veredelung der Moral, sondern um deren politische "Denunziation". Nicht anders als Kierkegaard hielten freilich auch Marx und Engels eine außermoralische Legitimationsinstanz bereit, die den Tätern das gewünschte gute Gewissen verschaffte: die Geschichtsphilosophie, die Einsicht in die "wirkliche Bewegung" versprach, "welche den jetzigen Zustand aufhebt". Gegenüber dem, was geschehen muß, ist nach einer Bemerkung Lenins der Protest der "demokratischen Eunuchen" unbeachtlich, die meinen, es gebe "Moralvorschriften, die für alle bindend sind". In der Tat hat der von Lenin begründete Staat den moralischen Nihilismus seiner geistigen Wegbereiter auf das erfolgreichste realisiert.

Ebensowenig wie Marx und Engels Apostel der Gerechtigkeit darstellten, war der späte Nietzsche jener Vordenker einer radikalen "Moral der Selbstbestimmung", den manche seiner Anhänger in ihm sehen möchten. Auch insoweit verdient die klärende Analyse Schröders uneingeschränkte Zustimmung. Schröder zeigt, daß bei Nietzsche das Leben des einzelnen Individuums an sich ganz unwichtig ist. Worauf es nach Nietzsche ankommt, ist "die Erhöhung des Typus ,Mensch'". Deshalb stehe das Vorrecht der Amoralität auch nicht jedermann zu, sondern nur der kleinen Elite "vornehmer Seelen". Worin aber äußert sich deren Vornehmheit? Nietzsches Antwort ist, wie Schröder hervorhebt, von geradezu bestürzender Dürftigkeit. Das wichtigste Kriterium vornehmer Seelen ist demnach nämlich, daß sie einen "Instinkt" für ihr "Sonderrecht" besäßen. In noch radikalerer Form als seine Vorgänger dispensiert Nietzsche mithin seine Protagonisten von der Aufgabe, ihren privilegierten Status gegenüber Zweifelnden diskursiv zu rechtfertigen; schon deren Zweifel als solcher disqualifiziert sie. Nietzsches Aristokratie ist eine selbsternannte Elite des Instinkts; die späteren Prätendenten auf diese Rolle waren denn auch danach.

Der Typus des moralischen Nihilisten ist freilich nicht erst im neunzehnten Jahrhundert entstanden. Die gewichtigste und bis heute aktuellste Position eines moralischen Nihilismus ist zugleich die älteste; ihr locus classicus ist nach Schröders Auffassung Thrasymachos' Apologie der Ungerechtigkeit. Thrasymachos tritt zwar recht polternd auf. Die von ihm vertretene Position ist jedoch frei von dem auftrumpfend-heroischen Gestus, der die Positionen seiner späteren Brüder im Geiste kennzeichnet. Er reklamiert für sich nicht die Interpretationshoheit über eine jenseits der Moral angesiedelte Legitimationsinstanz. Wie Schröder zeigt, begnügt Thrasymachos sich damit, seine Zuhörer an das Interesse zu erinnern, das einem jeden von ihnen buchstäblich am nächsten liegt: ihr Interesse am eigenen Wohlergehen. Dieses Interesse in kluger Weise zu mehren ist der verführerisch-unspektakuläre Rat des Thrasymachos. Klug ist, wo nötig, die opportunistische Unterwerfung unter sanktionsbewehrte Normen und, wo möglich, der unbeobachtete Verstoß gegen sie.

Die Normen der Moral und des Rechts reduzieren sich in dieser Sichtweise auf den Status von Kostenfaktoren innerhalb eines individuellen Nutzenkalküls. Schröder gebührt Dank dafür, daß er diese Position, die im Modell des homo oeconomicus fröhliche Urständ feiert, als das bezeichnet, was sie ist, nämlich als Ausdruck eines moralischen Nihilismus. Bedauerlich ist jedoch, daß Schröder, nachdem er zuvor sorgsam die Bodenlosigkeit der ohnehin weitgehend diskreditierten Lehren von Kierkegaard, Marx/Engels und Nietzsche herausgearbeitet hat, die weitaus subversivere Attacke des Thrasymachos letztlich unbeantwortet läßt. Er beschränkt sich darauf, die "Aufgabe im Austarieren der Ansprüche der Moral einerseits und der Bedürfnisse ihrer Adressaten andererseits" als "wirklich fundamental" zu qualifizieren. Das ist sie in der Tat, aber hätte man nicht gerade deshalb etwas mehr erwarten dürfen als diese nackte Feststellung?

So läßt Schröder den Leser mit einem etwas zwiespältigen Eindruck zurück. Einigen bereits auf den Tod verwundeten Drachen des moralischen Nihilismus hat er zwar in eleganter und luzider Manier den endgültigen Garaus gemacht; der lebenskräftigste Ableger der Familie ist seinem richtenden Schwert hingegen entschlüpft. Um auch ihn auf der von Schröder abgesteckten Walstatt liegen zu sehen, müssen wir auf den nächsten Sankt-Georgs-Ritter warten.

MICHAEL PAWLIK

Winfried Schröder: "Moralischer Nihilismus". Typen radikaler Moralkritik von den Sophisten bis Nietzsche. Questiones 15. Frommann-Holzboog Verlag, Stuttgart-Bad Cannstatt 2002. 280 S., geb., 56,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 31.12.2002

Alles ist erlaubt
Winfried Schröder beschäftigt sich
mit dem moralischen Nihilismus
Und wenn die Philosophen sonst nichts können: einen kecken Gesprächspartner des dummen Daherredens überführen, das können sie. Das haben sie gelernt von ihrem Ältestvater Sokrates – auch wenn sie in den 2400 Jahren seither nicht viel dazugelernt haben mögen. Winfried Schröder zeigt, wie wenig das tatsächlich ist. Aber er tut das auf so brillante Weise, dass verständlich ist, warum die Philosophie seit so langer Zeit bei den Europäern in so hohem Ansehen steht.
Schröder beschäftigt sich in unorthodox angeordneten Kapiteln mit den Chancen und Risiken der Moralkritik. Er zeigt am Beispiel des Gehorsams Abrahams, der auf Gottes Gebot hin bereit war, seinen Sohn zu töten (opfern), was für Kierkegaard ein Extremfall war, der aber im Neuen Testament gerühmt wird und den Kant mit protestantischem Eifer hinwegfabuliert, was moralischer Nihilismus ist und wie viel das Christentum – ernst genommen – damit zu tun hat. Er zeigt, dass Marx, Engels und die Marxisten, wegen der von ihnen beanspruchten moralischen Ziele oft für moralisch achtbar gehalten, ausweislich ihrer Geschichtsphilosophie und ihrer davon geprägten Argumentation keineswegs die Moral hoch achteten. Er zeigt auch, dass der Marquis de Sade, den noch Horkheimer und Adorno für einen radikalen Aufklärer hielten, mit der Aufklärungsphilosophie, die sich um eine Begründung der Moral ohne Gott bemühte, nichts im Sinn hatte. De Sade habe in seinen einschlägigen Werken im Gegenteil das ausgepinselt, was die Theologen der Zeit den Gottesleugnern entgegenhielten und was noch bei Dostojewski in der Formel auftaucht: Wenn es Gott nicht gibt, ist alles erlaubt. Insofern, folgert Schröder, gehöre der Marquis eher der Religionsgeschichte als der Philosophiegeschichte an. Ein aparter Gedanke.
Am heftigsten wird Nietzsche gezaust. Seine „Vornehmen” taugen weder als historische Muster noch in einer Begrifflichkeit, mit der sie erfasst werden könnten, zur Plausibelmachung von Moral oder Moralkritik. Nietzsches Einfälle erreichen nicht einmal die Höhe philosophischen Argumentierens. Indes, die Leichtigkeit, mit der solcher Nachweis gelingt, hätte den Autor stutzig machen sollen. Wer einen Löwen mit der Brennschere erledigt, ist auf den wirklichen Löwen vielleicht gar nicht gestoßen. Und leicht rennt man bei Nietzsche Türen ein, die er selbst weit offen gehalten hat.
Ernsthaft und schwierig wird es für Schröder bei denen, die das alles erfunden haben: Platon und die Sophisten. Schön und wieder einleuchtend ist seine Rehabilitierung der Sophistik, überzeugend die Interpretation des Dialogs „Gorgias” von Platon. Die Schwierigkeiten häufen sich bei Thrasymachos. Der hatte unaufgeregt seinen Gesprächspartnern dargelegt, dass man mit Ungerechtigkeit ziemlich weit kommen könne. Dagegen war und ist schwer etwas einzuwenden. Jedenfalls ein prinzipielles Argument für die Überlegenheit von Gerechtigkeit gibt es noch nicht – auch nach 2400 Jahren. Schröder räumt das, wie es scheint, etwas zerknirscht ein.
Dem Rang seines Buches tut das keinen Abbruch. Glänzender Stil und luzide Argumentation machen die Lektüre zu einem begeisternden Vergnügen. Schade, dass es in einem Verlag für teure Bücher erschienen ist. Hoffentlich kommt bald eine Taschenbuch-Ausgabe.
JÜRGEN BUSCHE
WINFRIED SCHRÖDER: Moralischer Nihilismus – Typen radikaler Moralkritik von den Sophisten bis Nietzsche. Frommann-Holzboog Verlag, Stuttgart 2002. 283 Seiten, 56 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Winfried Schröders Analyse über den moralischen Nihilismus, jene Denkrichtung, die mit Thrasymachos' "Apologie der Ungerechtigkeit" begann und von den "Meisterdenkern" des 19. Jahrhunderts Kierkegaard, Nietzsche, Marx und Engels fortgesetzt wurde, hat Michael Pawlik weitgehend überzeugt und gut gefallen. Denn der Autor setze, freut sich der Rezensent, gerade "neueren Interpreten" der Werke von Marx und Engels entgegen, dass diese alles andere als "Propheten einer Moral der Wohlanständigkeit" waren, sondern vielmehr dem Typus des moralischen Nihilisten entsprachen, deren Prototyp letztlich Autor wie Rezensent im Fundamentalisten gegeben sehen. Gleichermaßen nachvollziehbar kläre Schröder den Leser darüber auf, so Pawlik, dass der späte Nietzsche kein geistiger Pionier einer "Moral der Selbstbestimmung" gewesen sei. So gelungen und wasserdicht der Rezensent diese Demontage der "Meisterdenker" findet, so enttäuscht ist er aber auch, dass der Autor auf Thrasymachos' "suberversive Attacken" nicht weiter eingegangen ist und den Leser mit einem "zwiespältigen Eindruck" über diesen Denker zurücklasse.

© Perlentaucher Medien GmbH