Nach Akedia - Lindner, Erik

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Die besondere Intensität in Erik Lindners Gedichten, sie verdankt sich der hellwachen Aufmerksamkeit seiner Wahrnehmung und dem Zeitenmaß eines Gehenden. Durchlässig für das Sich-Ereignende, sammelt er Geschehnisse, komponiert sie mit feinstem Gespür für die wechselnde Tonalität von bestimmten und unbestimmten Momenten zu Reigen und verleiht ihnen damit erst Raum und Weile, sehr wohl sich bewusst: "Alles, was ist, kann verschwinden."…mehr

Produktbeschreibung
Die besondere Intensität in Erik Lindners Gedichten, sie verdankt sich der hellwachen Aufmerksamkeit seiner Wahrnehmung und dem Zeitenmaß eines Gehenden. Durchlässig für das Sich-Ereignende, sammelt er Geschehnisse, komponiert sie mit feinstem Gespür für die wechselnde Tonalität von bestimmten und unbestimmten Momenten zu Reigen und verleiht ihnen damit erst Raum und Weile, sehr wohl sich bewusst: "Alles, was ist, kann verschwinden."
  • Produktdetails
  • DAAD Spurensicherung
  • Verlag: Matthes & Seitz Berlin
  • Seitenzahl: 187
  • 2013
  • Ausstattung/Bilder: 2013. 192 S. 205 mm
  • Deutsch, Niederländisch
  • Abmessung: 206mm x 131mm x 20mm
  • Gewicht: 275g
  • ISBN-13: 9783882210729
  • ISBN-10: 3882210729
  • Best.Nr.: 38074055
Autorenporträt
Erik Lindner, geb. 1968 in Den Haag, lebt in Amsterdam und zählt zu den weltläufigsten niederländischen Dichtern. Er veröffentlichte seit 1996 vier Gedichtbände, außerdem ist er Herausgeber zweierniederländischer Literaturzeitschriften sowie einer in Frankreich erschienenen Anthologie niederländischer Lyrik. 2012 war er Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD.
Rezensionen
Besprechung von 08.10.2013
Dampf überm Asphalt
Gedichte des Niederländers Erik Lindner
Wer den Himmel, Berge und Felder in seine Bilder holt, muss nicht unbedingt ein Landschaftsmaler sein. In seinem Gemälde „People in the Sun“ zeigt Edward Hopper eine Handvoll Menschen vor einem Gebirge. Doch die Atmosphäre dieses Bildes ist seltsam. Die Dinge erscheinen wie gelöst aus ihren alltäglichen Zusammenhängen. Sie sind verwandelt in ein Spiel aus Linien und Farben, als wären sie Teile eines geometrischen Arrangements. Nicht von ungefähr lautet eines von Hoppers Bonmots: „Ich wollte nicht einfach Leute in ihren Posen malen. Was ich wirklich malen wollte, war das Sonnenlicht auf der Seite des Hauses.“
  An Edward Hoppers formstarke Gemälde fühlt man sich bisweilen erinnert, wenn man die Gedichte des holländischen Dichters Erik Lindner liest. Manche Verse wirken so, als habe hier jemand versucht, eine Sprache für das zu erfinden, was er auf Hoppers Bildern sieht. Nicht, dass Lindner mit klassischen Formen spielt. Aber die Elemente seiner Gedichte – Baumschatten und Brücken, Menschen und Schaufenster, Fabrikhallen, Boote oder Gabelstapler - sind stets aus ihren Kontexten gelöst. Logische Folgen oder das Verhältnis von Ursache und Wirkung haben für Lindner keine vorrangige Bedeutung. Vielmehr choreografiert er seine Worte nach Figuren und Rhythmen. So kann unversehens ein Satz wie „Handgelenke biegen sich mit Wanderstöcken“ neben den Worten „das Flappen einer flatternden Fahne“ stehen.
  Oft sind es Lichtverhältnisse oder Spiegelstrukturen, die Lindner für seine Kompositionen nutzt. Diese Momente können nicht nur vertraute Vorstellungen unterlaufen, sie stellen auch neue Verbindungen her. Da gibt es eine Küstenlinie, Bojen und zwei Lampen, die auf ein Binnenmeer leuchten. Und im Nu entfalten die Lichter ihr Werk, „funkeln die Tiefe entzwei / verbinden Festland und Halbinsel mit der Insel / werfen die Fensterläden aus den Kiosken in die Parks / die Menschen nah am Ufer auf den Platz“. Man sieht, wer andere Ordnungen entwirft, muss nicht den Sinn für das Schöne verlieren. Wie Balance- oder Drahtkonstruktionen muten die Gedichte zuweilen an. Mit großem Geschick feilt Lindner seine Sprachelemente heraus und setzt sie zueinander in Spannung.
  Dabei vermag er es ein ums andere Mal, auch die Wörter selbst in den Blick zu nehmen, ohne doch im geringsten didaktisch oder gezwungen selbstreflexiv zu sein. „Mach stärker was fernab ist. Schwäche ab was / zuvorderst“, notiert er an einer Stelle. Das klingt ein wenig nach einem Satz des Dichters Helmut Heißenbüttel. Von der „Sprache eines Picassoschen Stilllebens“ hatte der einst geschrieben, die „plötzlich verständlich“ sei. Vielleicht träumt Erik Lindner wie Helmut Heißenbüttel den Traum von der Gleichzeitigkeit aller Bilder und von der „Perspektive der übereinander gestapelten Erinnerungen“. Mitunter ist es dem 1968 geborenen Lindner anzumerken, dass er eine Zeitlang als Programmierer gearbeitet hat, hegt er doch ähnlich wie Heißenbüttel eine Vorliebe für den einfachen, klaren Satzbau. Doch anders als jener, der seine Gedichte mit „Kombinationen“ oder „Topographien“ überschrieb, steuert Lindner nicht auf die Idee einer aperspektivischen Welt zu.
  Vielmehr gibt es in seinen Gedichten noch Reste von Epiphanien zu entdecken. Sei es, dass am Strand ein paar letzte Steine „glühen“, sei es, dass jeder Wassertropfen wie eine „Kontaktlinse“ das Licht bündelt. So gelingt es Erik Lindner nicht nur, unsere Sprach- und Wahrnehmungsmuster auszuhebeln. Er schafft es auch, den Sinn für das Mögliche zu schärfen. Rosemarie Stills Übersetzungen machen einen sehr guten Eindruck, nur an einigen wenigen Stellen lässt sie Lindners Sprache im Deutschen noch asketischer klingen, als diese ohnehin ist. „Du musst kalt sein / um etwas zu zeigen“, heißt es einmal. Was für ein Glück, dass Erik Lindner mit dieser Technik sogar das Feuer einholen kann und den „Dampf überm Asphalt“.
NICO BLEUTGE
Erik Lindner: Nach Akedia. Ausgewählte Gedichte. Aus dem Niederländischen von Rosemarie Still. Mit einem Nachwort von Ulf Stolterfoht. Matthes & Seitz, Berlin 2013. 170 Seiten, 19,90 Euro.
Lindner setzt seine Worte
in Spannung zueinander wie
Konstruktionen aus Draht
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

"Acedia", so erläutert der kundige Rezensent Andreas Langenbacher, war in der Antike ein glücklich in der Schwebe gehaltenes "Nichtstunwollen" und wurde erst im Christentum zur Todsünde der Trägheit. Erik Lindner nun wiederum versucht, unter diesem moralischen Schutt wieder die glückliche Muße hervorzuziehen, die Voraussetzung jeder Lyrik ist, und das gelingt im laut Lindner in beglückender Weise. Erstaunlich, so der Rezensent, wie der Lyriker es schafft, durch aneinandergereihte Beobachtungen und "reimlose, bildstark disparate Verse" lyrische Dichte zu schaffen. "Sprachweltstoff" reichere Lindner hier an und reflektiere ihn zugleich. Langenbacher fühlt sich von ihm von Acedia nach Arcadia geführt.

© Perlentaucher Medien GmbH
"So entstehen Lindners Gedichtkompositionen wie durch ein langsam von fremder Hand gedrehtes Kaleidoskop, in welchem vagabundierende Eindrücke zu gebundener Aufmerksamkeit werden. Ein Eintreffen, Antreffen, Aufeinander- und Zusammentreffen von alltäglichen Koinzidenzen, die sich wie lose Späne unter einem unsichtbaren Magnet zu einem eher figurativen Ganzen formieren. Als solcher Sprachweltstoff erhält die Gerätschaft der Melancholie bei Lindner wieder einen neuen Zusammenhang und Glanz." - Andreas Langenbacher, NZZ, Juni 2014 NZZ - Neue Züricher Zeitung 20140627