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'Geschichten sind wie Wasser, die in die Tiefe stürzen': Mit der klaren, bildreichen Sprache des Südens erzählt Erri de Luca die Geschichte eines Waisenjungen, der im Schatten des Vesuvs erwachsen wird. Es ist zugleich eine Liebeserklärung an seine Stadt Neapel: an ihre morbide Schönheit und an ihre stolzen, freiheitsliebenden Bewohner.…mehr

Produktbeschreibung
'Geschichten sind wie Wasser, die in die Tiefe stürzen': Mit der klaren, bildreichen Sprache des Südens erzählt Erri de Luca die Geschichte eines Waisenjungen, der im Schatten des Vesuvs erwachsen wird. Es ist zugleich eine Liebeserklärung an seine Stadt Neapel: an ihre morbide Schönheit und an ihre stolzen, freiheitsliebenden Bewohner.
  • Produktdetails
  • List Taschenbücher Bd.61070
  • Verlag: List Tb.
  • Seitenzahl: 192
  • Erscheinungstermin: 10. November 2011
  • Deutsch
  • Abmessung: 185mm x 120mm x 20mm
  • Gewicht: 220g
  • ISBN-13: 9783548610702
  • ISBN-10: 3548610706
  • Artikelnr.: 33366524
Autorenporträt
De Luca, Erri
Erri De Luca, geboren 1950 in Neapel, zog mit 19 nach Rom und arbeitete dort als Maurer, LKW-Fahrer und Lagerarbeiter. Im Selbststudium brachte er sich mehrere Sprachen bei, darunter auch Althebräisch, um die Bibel übersetzen zu können. Erst mit 40 begann er zu schreiben und hat seither mehr als 30 Romane, Essays und Übersetzungen veröffentlicht und gehört zu den meistgelesenen, auflagenstärksten Autoren Italiens. Seine Bücher wurden in Italien, Frankreich und Israel zu Bestsellern, und sind außerdem in Ländern wie Spanien, Portugal, Holland, den USA, Brasilien, Polen und Litauen erschienen. Erri De Luca wurde 2010 mit dem Petrarca-Preis ausgezeichnet und 2013 mit dem Prix Européen de Littérature.

Kopetzki, Annette
Annette Kopetzki, geboren in Hamburg, war Lektorin für deutsche Literatur in Italien und promovierte über literarische Übersetzung. Veröffentlichungen und Seminare über interkulturelle Germanistik und Übersetzungstheorie. Neben Werken von Erri De Luca übertrug sie u.a. Pier Paolo Pasolini, Alessandro Baricco und Ugo Riccarelli ins Deutsche.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 22.11.2010

Legende vom neapolitanischen Mann
Erri de Lucas einfaches, großes Buch „Der Tag vor dem Glück“
Es wäre ein Missverständnis, wenn man Erri de Lucas Roman „Der Tag vor dem Glück“ altmodisch nennen würde; er ist archaisch. Und darum ist das Buch auch gar kein Roman, sondern eine Legende. Legenden erzählen Lebensgeschichten, die sowohl einfach wie wunderbar sind, vor allem haben sie ein Ziel, einen idealen Endpunkt. Christliche Legenden führen ein Leben bis zur Heiligkeit. Erri de Luca lässt seinen Ich-Erzähler zum Mann werden, in einem urtümlichen, vormodern anmutenden Sinn.
Die Geschichte spielt in Neapel, in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Als das Königreich Italien, sechs Wochen nach dem Sturz des Duce Mussolini, am 8. September 1943 aus dem Bündnis mit Deutschland, der berüchtigten „Achse“, ausschied, begann für die Hauptstadt des italienischen Mezzogiorno eine gefahrvolle Übergangszeit. Die zuvor verbündeten Deutschen verwandelten sich in rücksichtslose Besatzer, die Neapel zu einer Landseefestung gegen die drohende Landung der englisch-amerikanischen Truppen zu machen versuchten und daneben die jüdische Bevölkerung zur Vernichtung einsammelten.
So fand sich die Stadt zwischen den Fronten: Von oben hagelten die Bomben der Amerikaner, vor den Küsten drohten ihre Kriegsschiffe. In den Straßen und auf den Bergen rundum regierte das deutsche Militär. Juden wurden oft verraten, öfter versteckt. Am Ende, als die alliierten Kriegsschiffe schon als graue Schemen am Horizont auftauchten und die Deutschen einen Küstenstreifen von 300 Metern evakuieren wollten – und damit über 100 000 Menschen obdachlos zu machen gedachten – brach ein Volksaufstand aus der sonst so trägen, fatalistischen Stadt.
De Luca zählt wie ein Homer Heldentaten auf: „Giuseppe Capano, fünfzehn Jahre, schlüpfte zwischen den Kettenrädern unter einen Panzer, entsicherte eine Bombe und kam hinten wieder heraus, bevor sie explodierte. Assunta Amitrano, siebenundvierzig Jahre, warf die Marmorplatte einer Kommode aus dem vierten Stock und zertrümmerte damit das Maschinengewehr eines Panzers. Luigi Mottola, einundfünfzig Jahre, Kanalarbeiter, ließ eine Gasflasche explodieren, indem er sie aus einem Gully schleuderte, über den ein Panzer fuhr. Ein Student aus dem Konservatorium, Ruggero Semeraro, siebzehn Jahre, öffnete die Balkontür und begann, die ,Marseillaise‘ auf dem Klavier zu spielen, weil dieses Lied die Leute noch mutiger machte.“
Wie schön, etwas zu lernen
Nach dem Abzug der Deutschen beginnt eine wilde, verrückte Zeit. Wie Götter seien die amerikanischen Soldaten aus dem Meer gestiegen und hätten Heiterkeit und Freiheit nach Europa gebracht, so hat es Curzio Malaparte in seinem Roman „Die Haut“ beschrieben. Erri de Luca spricht von „Marsmenschen“. Sein kleiner Held, der Ich-Erzähler, dessen Namen wir nicht erfahren, ist buchstäblich das Kind dieses historischen Moments und zugleich der ganzen Geschichte Neapels. Wir lernen ihn in der ersten Szene kennen, wie er bei Fußballspielen im Hof einen Tuffsteinkeller entdeckt, dessen Eingang hinter einer Statue des Normannenkönigs Roger verborgen ist. Dort war ein Jude versteckt, und dieser ließ nach der Befreiung und seiner Auswanderung dort die Bücher liegen, die er in seiner Gefangenschaft gelesen hatte. Mit ihnen wird das Kind zum Leser.
Dieser Junge ist Waise, weil sein Vater die Mutter getötet hat, nachdem sie sich mit den Amerikanern eingelassen hatte. Als Waisenkind wird er zum Sohn der ganzen Stadt, seiner näheren und ferneren Umgebung, des Hausmeisters, der selbst ohne Eltern aufwuchs und sich um ihn kümmert, des nächsten Buchhändlers, der ihn leihweise mit immer neuem Lesestoff versorgt, der Schule, der Gleichaltrigen, der Frauen und Mädchen, die ihn am „Tag des Glücks“ entschlossen in die Liebe einführen. All das wird nicht romanhaft, sondern legendarisch erzählt, in einem bildhaften, chronikalischen Ton, der Psychologie absichtsvoll überspringt. Die Übersetzung von Annette Kopetzki verwebt geschickt neapolitanische Tonfälle und Wortspiele, teils im Original, teils in ingeniösen Nachbildungen in den deutschen Text.
Das Ziel der Legende, die Mannwerdung, erhält dabei archaische Gestalt. Das Waisenkind lernt nicht nur den Vulkan kennen, der die Stadt auf ewigen Abruf leben lässt, nicht nur den nächtlichen Fischfang, der ihr die Nahrung liefert, nicht nur ihre jüngste Geschichte, deren Sohn es ist, und nicht bloß die Sexualität, sondern am Ende auch das Töten. Der Held bekommt das Mädchen, das er von Kind auf angehimmelt hat, aber da dieses einem anderen versprochen ist, muss er sich der Eifersucht dieses Mannes erwehren und am Ende mit dem Messer zustoßen. Im selben Moment ist seine Schulzeit zu Ende – selten wurde die Schönheit des jugendlichen Lernens so inbrünstig geschildert –, und aus dem Waisenkind ist ein Mann geworden, ein Sohn seines Volkes und der Geschichte. So großartig einfach sagt es das Buch.
Sein Ton ist biblisch-franziskanisch, man könnte auch sagen: urkommunistisch, der Stil von gemeißelter Einfachheit, oft lyrisch. In der deutschen Literatur gibt es nur eine Parallele, Stephan Hermlins „Abendlicht“, die autobiographische Legende des kommunistischen Menschen. Natürlich ist Erri de Lucas Versuch, archaisch zu schreiben, überaus modern, sentimentalisch, also artifiziell und bewusst. Die Gefahr des Kitschs, die hier durchaus droht, umgeht de Luca durch motivische Arbeit. An einer Stelle lesen wir, dass absichtlich schief eingesetzte Fenster das Sonnenlicht bis in die untersten Stockwerke des Hinterhofs reflektieren, bis zu dem ebenerdigen Zimmer, wo der Held allein lebt. „Die Sonne hat ein Herz für die, die ganz unten wohnen, wo sie nicht hinkommt“, heißt es. Doch dieses barmherzige Licht kommt noch einmal vor. Bei der finalen Messerstecherei tänzelt der Held so lange im Kreis, bis ein Fenster seinen Kontrahenten blendet; dann kann er zustechen und siegen. Danach muss er auswandern, auch das ein exemplarisches Schicksal für den neapolitanischen Mann.
GUSTAV SEIBT
ERRI DE LUCA: Der Tag vor dem Glück. Roman. Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki. Graf Verlag, Berlin 2010. 173 Seiten, 16,95 Euro.
Herbst 1943. Die Amerikaner rücken in Süditalien vor, die Deutschen ziehen aus Neapel ab. Und auch wenn sie noch einiges zerstören wie das Trockendock im Vordergrund, es beginnt eine wilde, verrückte Zeit, Tage des Glücks. Foto: Margaret Bourke-White//Time Life Pictures/Getty Images
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 30.11.2010

Anna, deine Augenlider!

Neapel erkunden und eine italienische Jugend entdecken: Erri De Luca erzählt vom Erwachsenwerden mit drallem Plot und schillernden Figuren. Schade, dass der Roman stilistisch mager bleibt.

Manche Bücher entfalten ihre Wirkung am Ort der Lektüre, gerade jene, die wir im Sommer schmökern. Und wenn man sie Wochen später wieder aufschlägt, dann sollte es zwischen den Seiten knistern, Sand muss herausrieseln und den Leser an einen sorglosen Nachmittag zwischen hitziger Lektüre und Erfrischungsbädern erinnern. Dann wird man gern an sie denken. Den Strandtest haben sie bestanden - die winterliche Sofaprüfung steht allerdings noch aus. Wäre Erri De Lucas Roman "Der Tag vor dem Glück" nicht ein idealer Kandidat für die Sommerfrische gewesen? Leider erreicht er uns zum frostig-düsteren Jahresausklang. Kein gutes Omen.

Dabei schöpft De Luca, der als einer der wichtigsten und erfolgreichsten italienischen Autoren der letzten Jahre gilt, zunächst aus dem Vollen: Er erzählt eine gut konstruierte Reifegeschichte mit Charme und deftigem Neapel-Aroma. Held und Ich-Erzähler ist ein namenloser Waisenjunge, der im Kabuff eines Mietshauses allein aufgewachsen ist. Den Schulbesuch finanzierte ein Stipendium, um die Ernährung hat sich der "portiere" Don Gaetano, der Concierge und Hausmeister, gekümmert. Die sozialen Kontakte des Knaben waren auf die Schule und Fußballspiele im Hof beschränkt, wo er sich als flinker Torwart - Spitzname: "das Äffchen" - einen Namen gemacht hat.

Zu seinem Glück hat er früh die Literatur entdeckt. Seine Träume kreisten nicht etwa um ein normales Familienleben, sondern um ein rätselhaftes Mädchen im dritten Stock, das nie im Freien zu sehen war und eines Tages spurlos verschwand.

Im Zentrum des Romans stehen die Tage um den 18. Geburtstag des Helden; wir befinden uns in den frühen sechziger Jahren. Tagsüber hilft der Junge Don Gaetano beim Rohrflicken oder verliert gegen ihn im Kartenspiel, nachts lernt er für die Schule. Väterlich führt Don Gaetano ihn ins Leben ein: Durch ihn sammelt der Jüngling erste Berufs- und Liebeserfahrung, Letztere bei einer jungen Witwe, die es nach etwas ungewöhnlichen Hausmeisterdiensten verlangt. Zugleich lernt er durch die Erzählungen von Don Gaetano Neapel mit neuem Blick kennen: Der ehemalige Argentinien-Emigrant und Widerstandskämpfer berichtet von Südamerika und den Straßenschlachten gegen die deutschen Besatzer; 1943 hielt er einen Juden im Keller des Hauses versteckt. Die Geschichten fesseln seinen Zuhörer: "Seine Erzählung war ein Pfeifenspiel wie das vom Rattenfänger, und meine verzauberten Sinne folgten ihm."

In der Tat, Don Gaetano erzählt süffige Anekdoten, trägt Lokalkolorit mit satt getränktem Pinsel auf: "Auch die Geschichten von Don Gaetano waren viele und steckten alle in einem einzigen Menschen. Er sagte, das hinge damit zusammen, dass er ganz unten gelebt habe, denn Geschichten sind wie Wasser, die in die Tiefe stürzen. Ein Mensch ist ein Sammelbecken für Geschichten, je weiter unten er lebt, desto mehr empfängt er."

Dramatisch wird der Roman, als das mysteriöse Mädchen von einst wieder erscheint: Anna ist zur Frau herangewachsen, die einem Mafioso versprochen ist. Der Held gerät erneut in ihren Bann, obwohl er um ihre Probleme weiß: Seine Liebe gilt einer autistisch Gestörten, die ihn in eine gefährliche Liebschaft zieht - im Keller, in dem sich einst der Jude verbarg, kommt es zu Treffen, in denen die Grenze von Lust und Qual verschwimmt.

Bald überstürzen sich die Ereignisse: Don Gaetano rückt mit seinem Wissen über die Vergangenheit der Waise heraus, der Junge muss seine Vergangenheit an- und die Zukunft auf sich nehmen. Eines Tages schließlich steht Annas Verlobter im Hof, und es kommt zum Showdown alla napolitana.

Erri De Luca hat dieses Jahr in Deutschland den Petrarca-Preis erhalten. Neben dem zweiten Gewinner, Pierre Michon, der 2009 mit "Les Onze" ein grandioses Geschichtsfresko vorlegte, kann "Der Tag vor dem Glück" jedoch nicht bestehen. Vor allem die Liebesgeschichte ist in ihrer sadomasochistischen Tendenz schwer erträglich; hier entgleitet De Luca auch die Sprache. Er: "Deine Augenlider, Anna, sind so geschwungen wie der Kiel eines Bootes." Sie: "Ich habe Lider, die nicht schlafen und nicht weinen." Die pathetischen Formeln mögen durch die Büchergläubigkeit der jungen Menschen begründet sein, sie wirken trotzdem wie Brocken zu dick aufgetragener Schminke.

Auch in Don Gaetanos Erzählungen tummeln sich die Klischees: "Später habe ich mich auch von ihm getrennt und bin Gast der Natur und ihrer überreichen Barmherzigkeit geworden." In der Tat, Mutter Natur hat einen großen Busen. Stil besteht jedoch oft darin, dass man es nicht sagt. All dies könnte man überlesen, ließe man sich vom ereignisreichen Plot und den lebensfrohen Figuren mitreißen. Zu solcher Lektüre brauchte man allerdings die Sommersonne mit ihrer angenehm betäubenden Wirkung. Auch ein wenig Sand zwischen den Zehen wäre hilfreich. So knirscht es aber leider nur im Text.

NIKLAS BENDER

Erri De Luca: "Der Tag vor dem Glück". Roman.

Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki. Graf Verlag, München 2010. 176 S., geb., 16,95 [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

So muss er wohl sein, der neapolitanische Mann, Kind seiner Stadt, der Frauen, gewitzt, urkommunistisch, mörderisch. Denkt sich Rezensent Gustav Seibt und vertraut dabei ganz auf Erri de Luca und dessen erzählerisches, motivisches Geschick, das hier durch artifizielle Archaik knapp am Kitsch vorbeischlittert, wie wir aufatmend erfahren. Die gewählte Form der Legende mit dem Ziel der Mannwerdung findet Seibt passend, so einfach wie wunderbar. Der kindliche Held erzählt (geschickt bis ingeniös übersetzt von Annette Kopetzki, findet Seibt) von der Überwältigung der deutschen Truppen durch die anlandenden Alliierten und die geknechtete Bevölkerung und gleich die ganze Geschichte der Stadt Neapel mit, bildhaft chronikalisch unter Verzicht auf Psychologie, die der Rezensent auch nicht zu vermissen scheint. Vergleichbares in der deutschen Literatur? Hermlins "Abendlicht", sagt Seibt. (Nur dass de Luca im Gegensatz zu Hermlin einen Roman und keine Autobiografie geschrieben hat, nicht mal eine erfundene.)

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