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Die erste umfassende Studie zu den personellen und ideologischen NS-Kontinuitäten in der 1956 gegründeten FPÖ.
Nach Kriegsende blieben zahlreiche überzeugte Nationalsozialisten ihrer Gesinnung treu und bewegten sich in einem gemeinsamen sozialen und politischen Erinnerungsmilieu. Viele dieser "Ehemaligen" organisierten sich bald wieder politisch und vertraten selbstbewusst ihre Agenda. In Österreich formierten sie sich vor allem im Verband der Unabhängigen (VdU) und in der 1956 gegründeten Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ). Margit Reiter zeichnet in ihrem Buch erstmals diesen…mehr

Produktbeschreibung
Die erste umfassende Studie zu den personellen und ideologischen NS-Kontinuitäten in der 1956 gegründeten FPÖ.

Nach Kriegsende blieben zahlreiche überzeugte Nationalsozialisten ihrer Gesinnung treu und bewegten sich in einem gemeinsamen sozialen und politischen Erinnerungsmilieu. Viele dieser "Ehemaligen" organisierten sich bald wieder politisch und vertraten selbstbewusst ihre Agenda. In Österreich formierten sie sich vor allem im Verband der Unabhängigen (VdU) und in der 1956 gegründeten Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ).
Margit Reiter zeichnet in ihrem Buch erstmals diesen politischen Formierungsprozess der "Ehemaligen" nach. Die Autorin zeigt die personellen wie auch ideologischen Kontinuitäten zum Nationalsozialismus in der FPÖ anschaulich auf und unterzieht die politische Karriere des Parteigründers und vormaligen NS-Funktionärs Anton Reinthaller einer kritischen Analyse.
Die Studie von Margit Reiter gibt einen tiefen Einblick in das Binnenmilieu der "Ehemaligen" undihren vielfältigen Verflechtungen mit der freiheitlichen Partei. Die erste umfassende Geschichte zur (frühen) FPÖ und ihrem Verhältnis zum Nationalsozialismus füllt nicht nur eine eklatante Forschungslücke, sondern ist auch von hoher politischer Aktualität.
  • Produktdetails
  • Verlag: Wallstein
  • Seitenzahl: 392
  • Erscheinungstermin: 2. September 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 231mm x 144mm x 32mm
  • Gewicht: 681g
  • ISBN-13: 9783835335158
  • ISBN-10: 3835335154
  • Artikelnr.: 56526302
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 28.10.2019

Wie die
alten Nazis sungen
Margit Reiter durchleuchtet die Frühzeit der FPÖ
Die rechte Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) lässt seit Februar 2018 eine Historikerkommission die eigene Geschichte aufarbeiten, auch die der Vorläufergruppierungen des „Dritten Lagers“. Den Anlass gab die Affäre um ein Liedbuch mit antisemitischen Passagen, das eine niederösterreichische Burschenschaft mit enger personeller Verbindung zur FPÖ herausgegeben hatte. Bislang gibt es nur eine dürre Zusammenfassung des Rohberichts der Kommission, in der ohnehin einige nah bei der FPÖ verortete Wissenschaftler sitzen. Nun ist ein Fachbuch einer Wiener Historikerin erschienen, in dem sie die Arbeit der FPÖ-Historikerkommission zu einem guten Teil erledigt hat. Auf mehr als 300 Seiten dokumentiert Margit Reiter die frühe Geschichte der FPÖ und des in ihr aufgegangenen Verbands der Unabhängigen (VdU). Fundiert zeichnet Reiter den Weg des „Dritten Lagers“ und seiner führenden Köpfe in den ersten Nachkriegsjahrzehnten nach. Personell und ideologisch gab es demnach starke und gewollte Kontinuitäten zwischen Hitlers NSDAP und der FPÖ. Die Partei diente als Sammelbecken für Altnazis. Obwohl die FPÖ der Wissenschaftlerin den Zugang zu ihrem Archiv verweigerte, birgt das Buch viel Neues. Reiter tat bislang unbeachtete Quellen auf, etwa den Nachlass von Anton Reinthaller, des ersten FPÖ-Chefs. Reinthaller und auch sein Nachfolger, der ehemalige SS-Mann Friedrich Peter, stehen beispielhaft für das Personal der FPÖ in den ersten Jahrzehnten. Diese Männer hatten in der NS-Diktatur Karriere gemacht, etwa als Gauredner, Bauernführer, Professoren. Sie hatten finanziell und gesellschaftlich profitiert, der Mai 1945 bedeutete für viele politisch wie persönlich eine Niederlage. Reiter zeigt ausführlich, wie sich ein harter Kern der NS-Belasteten in einem US-Gefangenenlager bei Salzburg fand und entsprechende Legenden strickte: Die vergleichsweise komfortablen Zustände in dem Lager, wo es Bildungs- und Kulturprogramme gab und Besuch gestattet war, wurden gleichgesetzt mit den Konzentrationslagern der Nazis. Angesichts der Nachteile und Strafen, die die Siegermächte über NSDAP-Mitglieder verhängt hatten, sprach VdU-Gründer Herbert Kraus davon, dass die „Schuld der Nationalsozialisten dadurch reichlich aufgewogen“ sei.
Kraus‘ Vita, der sich zum verkappten NS-Gegner stilisierte, zerpflückt Reiter: Kraus hatte als Journalist Karriere im NS-Staat gemacht, ohne Parteimitglied zu sein. Für den Militärgeheimdienst „Abwehr“ war er an der Ausbildung zur Partisanenbekämpfung beteiligt, der in den besetzten Ostgebieten Zigtausende unbeteiligte Zivilisten zum Opfer fielen. Nach dem Krieg gab sich Kraus als Liberaler, was er allenfalls ökonomisch war. Er träumte von einer Monarchie und betrieb eine perfide Schuldnivellierung: „Ob Jude oder Mitläufer Hitlers, ob KZ-ler oder Flüchtling“, so Kraus, „wir müssen uns versöhnen.“ Die angebliche Ungerechtigkeit der Entnazifizierung war das Hauptthema des VdU und blieb es auch dann noch, als durch Amnestien selbst schlimmste NS-Verbrecher freigelassen worden waren. Dieser Opfer-Mythos samt Täter-Opfer-Umkehr zieht sich als roter Faden durch die Geschichte des „Dritten Lagers“ bis in die Gegenwart. So bezeichnete der langjährige FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache 2012 die eng mit der Partei verwobenen deutschnationalen Burschenschaften als „neue Juden“.
Eine geradezu konstitutive Komponente der FPÖ-Frühgeschichte stellt der Antisemitismus dar, was Reiter mit mehreren Beispielen belegt. Die Rede war von „jüdischen Gaunern“ und von der „Verjudung Amerikas“, auch die Chiffren wie „Dekadenz“ und „Brunnenvergiftung“ wurden gerne verwendet. Ein FPÖ-Funktionär schmähte den aus dem Exil zurückgekehrte Journalisten Hans Habe in einem Brief als einen „jüdischen Halunken erster Güte“. Empfänger des Briefes war Parteichef Reinthaller, der vor dem Krieg eine braune Spitzenkraft war: Nazi-Minister nach dem „Anschluss“ Österreichs, Unterstaatssekretär in der Reichsregierung, hochdekorierter Parteigenosse. Reinthaller verortete sich in einem Brief wenige Wochen nach der Gründung der FPÖ 1956 ideologisch als „Nationalsozialist“.
In der jüngeren Vergangenheit wurden Antisemitismus, Rassismus und Neonazismus aus den Reihen der FPÖ gerne als „Einzelfall“ abgetan. Bleibt man bei dieser Formulierung, muss man nach der Lektüre von Reiters Buch feststellen, dass die Geschichte der Freiheitlichen eine Abfolge solcher „Einzelfälle“ ist. Spätere Versuche, die FPÖ politisch mittiger zu verankern, scheiterten spätestens mit der putschartigen Parteiübernahme Jörg Haiders 1986.
Reiters Buch ist ein beachtlicher Wurf, für die FPÖ dürfte es ziemlich unangenehm sein, aber nicht nur für sie. Denn Reiter beschreibt auch den schon bald nach Ende des Zweiten Weltkriegs erodierenden Antifaschismus bei SPÖ und ÖVP. Die Großparteien warben schon bald offensiv um die Stimmen von Hunderttausenden ehemaligen NSDAP-Mitgliedern – und später auch um die FPÖ.
Die Historikerin attestiert der heutigen FPÖ eine „Hartnäckigkeit antisemitischer Denkstrukturen und deren Wirksamkeit über Generationen hinweg“. Der „Ideologiehaushalt“ der Parteigründungsgeneration sei in der FPÖ zwar nicht mehr zentral, aber latent vorhanden und „jederzeit abrufbar“. Der wegen der Liedbuchaffäre zurückgetretene FPÖ-Kader ist inzwischen wieder in mächtige Funktionen zurückgekehrt.
OLIVER DAS GUPTA
Die „Hartnäckigkeit
antisemitischer Denkstrukturen“
wirkt über Generationen
Margit Reiter:
Die Ehemaligen.
Der Nationalsozialismus
und die Anfänge der FPÖ. Wallstein-Verlag,
Göttingen 2019.
392 Seiten, 28 Euro.
E-Book: 21,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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