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Im Winter 1907/08 reiste Hedwig Pringsheim nach Argentinien und Chile, um ihren dorthin verbannten Sohn Erik zu besuchen. Was sie erlebte, hielt sie einem Tagebuch fest. Inge und Walter Jens schildern eine abenteuerliche Reise und porträtieren eine ganz besondere Frau.

Produktbeschreibung
Im Winter 1907/08 reiste Hedwig Pringsheim nach Argentinien und Chile, um ihren dorthin verbannten Sohn Erik zu besuchen. Was sie erlebte, hielt sie einem Tagebuch fest. Inge und Walter Jens schildern eine abenteuerliche Reise und porträtieren eine ganz besondere Frau.
  • Produktdetails
  • rororo Taschenbücher Nr.62345
  • Verlag: Rowohlt Tb.
  • Überarb. u. erw. Ausg.
  • Seitenzahl: 160
  • Erscheinungstermin: März 2008
  • Deutsch
  • Abmessung: 191mm x 126mm x 13mm
  • Gewicht: 198g
  • ISBN-13: 9783499623455
  • ISBN-10: 3499623455
  • Artikelnr.: 22815340
Autorenporträt
Jens, Inge
Inge Jens, geboren 1927 in Hamburg. Studium der Germanistik, Anglistik und Pädagogik, Promotion 1953. Herausgeberin der Tagebücher Thomas Manns, Mitarbeit an zahlreichen weiteren kulturhistorischen Projekten. Zusammen mit ihrem Mann Walter Jens schrieb sie die Bestseller «Frau Thomas Mann» (2003) und «Katias Mutter» (2005). 2009 erschienen ihre «Unvollständigen Erinnerungen» und wurden ebenfalls ein Bestseller. Sie lebt in Tübingen.

Jens, Walter
Walter Jens, geboren 1923 in Hamburg, Studium der Klassischen Philologie und Germanistik in Hamburg und Freiburg/Br. Promotion 1944 mit einer Arbeit zur Sophokleischen Tragödie; 1949 Habilitation, von 1962 bis 1989 Inhaber eines Lehrstuhls für Klassische Philologie und Allgemeine Rhetorik in Tübingen. Von 1989 bis 1997 Präsident der Akademie der Künste zu Berlin. Verfasser von zahlreichen belletristischen, wissenschaftlichen und essayistischen Büchern (darunter zuerst "Nein. Die Welt der Angeklagten" 1950, "Der Mann, der nichtalt werden wollte", 1955), Hör- und Fernsehspielen sowie Essays und Fernsehkritiken unter dem Pseudonym Momos; außerdem Übersetzer der Evangelien und des Römerbriefes. Walter Jens war seit 1951 verheiratet mit Inge Jens, geb. Puttfarcken. Als "Grenzgängern zwischen Macht und Geist" wurde beiden 1988 der Theodor-Heuss-Preis mit der Begründung verliehen: "Gemeinsam geben Inge und Walter Jens sowohl durch ihr schriftstellerisches Werk wie durch ihr persönliches Engagement immer wieder ermutigende Beispiele für Zivilcourage und persönliche Verantwortungsbereitschaft."Walter Jens starb am 9. Juni 2013 in Tübingen.
Rezensionen
Besprechung von 13.07.2007
Der arme, gute Dumme
Wie Hedwig Pringsheim einmal ihrem Sohn nachreiste

Vom 17. November 1907 bis zum 29. Februar 1908 unternahm Hedwig Pringsheim, die Schwiegermutter Thomas Manns, eine Reise nach Argentinien, um ihren seit zwei Jahren dorthin verbannten ältesten Sohn Erik zu besuchen. Das Tagebuch, das sie währenddessen führte, haben nun Inge und Walter Jens zugänglich gemacht. Anders als bei den von Inge Jens herausgegebenen Tagebüchern Thomas Manns verzichten die Autoren auf einen Stellenkommentar, stellen aber einen Essay voran ("Eine Spurensuche"), der auf die schwierige Recherchearbeit hindeutet.

Erik war das Sorgenkind der Familie. 1879 als erstes der fünf Pringsheimschen Kinder geboren, galt ihm die volle, fast schon einseitige Zuneigung der Mutter. Charakterliche Schwächen des in besten Verhältnissen aufgewachsenen Sohnes konnte dies offensichtlich nicht kompensieren. Schon früh deutete sich eine gewisse Lebensuntüchtigkeit des Erstgeborenen an. Eine Wett- und Pferdeleidenschaft verbindet sich mit einem scheinbar chronischen Hang zum Schuldenmachen, und auch das bestandene Juraexamen scheint 1902 keine Solidität gebracht zu haben. Drei Jahre später müssen die Eltern, für die es auch um ihren Ruf ging, die Situation als untragbar beurteilt haben. "Erik mitgeteilt, dass er noch heute das Haus zu verlassen hat!", notiert seine Mutter.

Das aufstrebende Argentinien, in dem es ein reges deutsches Leben gab, wurde von der Familie als Verbannungsort ausgewählt. Erik sollte sich bewähren und womöglich sein Glück machen, um als Geläuterter zurück in Europa einen neuen Anlauf zu nehmen - für den halt-, ja hilflosen Großbürgersohn wohl eher eine Überforderung. Die spärlichen Botschaften aus Übersee verraten eine gedrückte Stimmungslage, Stellungen werden schnell aufgegeben, der Erwerb einer Farm realisiert sich zunächst nicht. 1907 hält es die Mutter nicht mehr aus. Sie schifft sich mit dem Luxusschiff "Cap Arcona" in Lissabon ein, um sich selbst ein Bild zu machen. Und sie beginnt, parallel zu den von ihr auch weiterhin geführten Tagebüchern mit Kurznotizen, ein ausführliches Reisejournal.

Die illusionslose Einschätzung des Lieblingssohnes, die Diskrepanz von Erwartung und Realität ist durchaus erschütternd zu lesen. Nichts ist besser geworden: "Heute bin ich betrübt und deprimirt. Wegen Erik, der genau der Gleiche geblieben, genau, genau!" In Buenos Aires angekommen, muss sie den Sohn aus seiner "abscheulichen", völlig überteuerten Absteige auslösen, in der er seit mehreren Monaten ohne Fenster und Frischluft vor sich hin vegetiert hat. Der Mitleidsgestus der Mutter rückt die Schwächen des Sohnes erst recht ins grellste Licht: "ein guter, lieber, gutmütiger Junge, dem sich unter den Händen alles, alles zum Unheil wendet, er mag anfangen, was er will. Charakterlos und schwach, one Verantwortlichkeitsgefühl (. . .) und in lichten Augenblicken sich dessen wol bewusst: ein armer lieber Kerl, der dem Leben in keiner Weise gewachsen ist, mit dem man zärtliches Mitleid empfinden und den man an einen für ihn geeigneten Platz stellen muß."

Letzteres versucht sie während ihres Aufenthalts nach Kräften, zunächst jedoch ohne Erfolg. Erik selbst scheint sich eher passiv verhalten zu haben, Einsicht in seine Lage spricht ihm die Mutter ohnehin ab. So endet sein Versuch, bei einem Landaufenthalt zu einer benachbarten Farm zu eilen, um den dort ausgebrochenen Brand zu löschen, mit einem nächtlichen Umherirren und Verbummeln des immerhin schon Achtundzwanzigjährigen, den die Einheimischen für Hedwig Pringsheims Ehemann halten.

Das Tagebuch ist aber weit mehr als das Dokument eines gescheiterten Rettungsversuchs. Hellwach registriert die als glänzende Briefeschreiberin bekannte ehemalige Schauspielerin ihre Umgebung und zeichnet ein äußerst subjektives Bild ihrer Schiffsreise, des fremden Landes und der Menschen, denen sie begegnet. Berichtet sie vom immer gleichen Treiben an Bord routiniert bis gelangweilt, so lässt sie an Buenos Aires kein gutes Haar. Auch das weitere Umland, das sie während eines Landaufenthalts bei einem befreundeten deutschen Siedler kennenlernt, sagt ihr nur teilweise zu. Zwar lobt sie die "Ruhe, Einsamkeit und gute Luft", doch macht das flache, dünnbesiedelte Land doch auch den Eindruck äußerster Monotonie auf sie: "Das Leben in Bahia Blanca muß entsetzlich sein, und man kann sich in Europa von dieser Trostlosigkeit wol schwer einen Begriff machen." Höhepunkt des Argentinien-Aufenthalts ist die gemeinsame Reise nach Chile quer über die Anden. Unter abenteuerlichen Umständen findet dieses frühe touristische Highlight statt, muss doch die fast 4000 Meter hohe Passhöhe mit Maultieren und Kutschen überquert werden, da die Bahnstrecke noch nicht fertiggestellt ist.

Zur landschaftlichen Schönheit stellen sich jetzt auch spezifisch pittoreske Reize ein: "Wenn in dem engen Felsental, in ödester Wildnis, der Zug auf der Strecke hält, die Reisenden herunterklettern und sich auf Steinen, am Geröllhang malerisch gruppiren, so sieht es recht aus wie auf einem unwarscheinlichen Kinematographenbild." Nur auf den gewohnten Komfort muss Hedwig Pringsheim teilweise verzichten, übernachtet sie doch einmal mit drei wildfremden Frauen in einem primitiven Zimmer, während sie auf ihrem Luxusschiff noch eine Inspektionstour durch die von den Reichen streng abgetrennte dritte Klasse unternehmen wollte. Ein englischer Dampfer bringt sie wenige Tage nach der Rückkehr aus Chile nach Europa zurück.

In der Bibel nimmt das Gleichnis vom verlorenen Sohn eine gute Wende, im Falle Eriks nicht. Zwar vermeldet dieser den Eltern kurz nach der Abreise der Mutter den Kauf einer Farm, den sie großzügig finanzieren, und wenig später seine überraschende Verheiratung; aber Hedwig Pringsheims Skepsis sollte sich als berechtigt erweisen: "Erik, der arme, gute Dumme, hat sich drüben verheiratet: ich fürchte, auch nicht wieder sehr klug." Bald treffen neue Geldforderungen und sorgenvolle Nachrichten ein, am 22. Januar 1909 schließlich ein Telegramm, das einen "lebensbedrohlichen Unfall" Eriks anzeigt. Zu diesem Zeitpunkt war dieser bereits zwei Tage tot.

Die Umstände dieses Vorfalls, die ein langes Nachspiel in München und Berlin auslösten, lassen sich nicht mehr klären. Walter und Inge Jens machen plausibel, dass es keinen Grund gibt, an der offiziellen Version - Tod durch Hitzschlag - zu zweifeln, auch wenn Eriks Frau ein dubioses Vorleben zu haben scheint. Für die Mutter indes stellte sich der Fall anders dar. Sie verdächtigte die Schwiegertochter, ihren Sohn in den Tod getrieben oder gar umgebracht zu haben, und schloss sie von der Trauerfeier aus. Welche Spuren Eriks Schicksal und die Südamerika-Reise seiner Mutter im Werk von Thomas, Klaus und Golo Mann hinterlassen haben, kann man abschließend in dem schönen Essay nachlesen.

THOMAS MEISSNER

Inge und Walter Jens: "Auf der Suche nach dem verlorenen Sohn". Die Südamerika-Reise der Hedwig Pringsheim 1907/08. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2006. 158 S., geb., 19,90 [Euro].

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Besprechung von 19.02.2007
Der Verschollene
Inge und Walter Jens über den Kriminalfall Erik Pringsheim
In seinem Tagebuch vermerkt Thomas Mann unter dem 16. April 1921 eine Unterhaltung mit Schwager Peter und seiner Frau Katia „über den Tod ihres Bruders und das zu mutmaßende Verbrechen”. Die Familie Pringsheim hatte dem Autor nicht nur die Anregung für die skandalöse Novelle „Wälsungenblut” geliefert. Sie bot auch den Stoff für eine veritable Kriminalgeschichte. Was Thomas Mann möglicherweise für den zweiten Teil seines Hochstaplerromans „Felix Krull” plante, haben jetzt Inge und Walter Jens ausgeführt: die Erzählung vom schwarzen Familienschaf Erik, von der Verbannung des sechsundzwanzigjährigen Schuldenmachers und Tunichtguts nach Argentinien im Sommer 1905 und seinem dreieinhalb Jahre später ebendort unter mysteriösen Umständen erfolgten Tod.
Die Mutter Hedwig Pringsheim, deren „außerordentliches Leben” Inge und Walter Jens in einer vorletztes Jahr erschienenen Monographie beschrieben haben, hat das traurige Ende ihres Ältesten nie verwunden. Sie hatte ihn wenige Monate zuvor in Südamerika besucht. An den Reitunfall, der als offizielle Todesursache fungierte, glaubte sie nicht, sondern sah in ihrer Schwiegertochter die Schuldige. Als Geliebte des Verwalters der von Erik bewirtschafteten (und heruntergewirtschafteten) Farm hatte sie ihren Mann in den Tod getrieben! Dem Zwielicht dieses Verdachts verdankte die Figur des Onkels Erik in der ohnehin zu Ausschweifungen neigenden Phantasie der Mann-Kinder Erika (die seinen Namen trug), Klaus und Golo ihre ebenso unheimliche wie faszinierende Präsenz. Dass Thomas Mann glänzendes erzählerisches Kapital aus der Familienlegende geschlagen hätte, unterliegt keinem Zweifel.
Was dem Epiker erlaubt ist, muss sich der Biograph versagen. Ihm geht es um das mühevolle „Wie es eigentlich gewesen ist”. Und dieses Eigentliche ist meist weniger aufregend. Auch in diesem Fall gelangt die Spurensuche zu einem nicht ganz so romanhaften Ergebnis: „Alle Fakten, soweit wir sie noch in Erfahrung bringen konnten, sprechen gegen die mütterlichen Unterstellungen.” Hier ist ein Hoch auf die Reichweite der Recherchierkünste der Autoren angebracht. Für die Einbuße an Kolportage wird der Leser reichlich entschädigt durch den hochkarätigen Wirklichkeitsgehalt des Berichts. Pures Gold in dieser Hinsicht bietet das in seinem Rahmen erstmals veröffentlichte Tagebuch, das Hedwig Pringsheim auf ihrer dreimonatigen Südamerika-Reise führte. Bisher konnte man sich von der ungewöhnlich originellen, überaus anschaulichen und witzigen Darstellungskunst der Diaristin nur anhand der zahlreichen Exzerpte überzeugen, die sich in den Materialien zum „Felix Krull” finden. ALBERT VON SCHIRNDING
INGE und WALTER JENS: Auf der Suche nach dem verlorenen Sohn. Die Südamerika-Reise der Hedwig Pringsheim 1907/08. Rowohlt Verlag, Reinbek 2006. 158 Seiten, 19,90 Euro.
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Äußerst wohlwollend nimmt sich Thomas Meissner dieses von Inge und Walter Jens herausgegebenen Bandes über Hedwig Pringsheims "Suche nach dem verlorenen Sohn" an. Das argentinische Reisejournal der Schwiegermutter Thomas Manns hat ihm insofern zugesetzt, als es an der Hoffnungslosigkeit, den haltlosen Sohn "zu retten", von Anbeginn keinen Zweifel lässt. Ein Grund vielleicht, warum sich Meissner bald mehr für Pringsheims "hellwache" Reise-Beobachtungen interessiert, als für die Mutter-Sohn-Geschichte. Schließlich liest man nicht alle Tage von einer Reise über die Anden per Kutsche, ein "frühes touristisches Highlight", garniert mit "pittoresken Reizen". Dem Ehepaar Jens verdankt Meissner einen beigefügten Essay, der nicht nur über die Rechercheleistung informiert, sondern den Rezensenten auf die Fährte setzt. Spuren dieses Schicksals in den Werken der Manns lassen sich durchaus finden.

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