Vindings Spiel - Bjørnstad, Ketil
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Norwegen in den Sechzigern: Das Leben des fünfzehnjährigen Aksel Vinding gerät aus den Fugen, als seine Mutter bei einem Badeausflug vor seinen Augen ertrinkt. In Erinnerung an sie, die ihm die Liebe zur Musik vermittelte, beschließt er, die Schule abzubrechen und sich ganz dem Klavierspiel zu verschreiben. Er taucht in ein ehrgeiziges Milieu junger Künstler ein und verliebt sich in die sensible und hochbegabte Anja Skoog. Einfühlsam und mit wunderbar sinnlicher Sprache zeichnet Ketil Bjørnstad das Porträt eines jungen Pianisten, der einen Halt im Leben sucht, erzählt von seinen musikalischen…mehr

Produktbeschreibung
Norwegen in den Sechzigern: Das Leben des fünfzehnjährigen Aksel Vinding gerät aus den Fugen, als seine Mutter bei einem Badeausflug vor seinen Augen ertrinkt. In Erinnerung an sie, die ihm die Liebe zur Musik vermittelte, beschließt er, die Schule abzubrechen und sich ganz dem Klavierspiel zu verschreiben. Er taucht in ein ehrgeiziges Milieu junger Künstler ein und verliebt sich in die sensible und hochbegabte Anja Skoog. Einfühlsam und mit wunderbar sinnlicher Sprache zeichnet Ketil Bjørnstad das Porträt eines jungen Pianisten, der einen Halt im Leben sucht, erzählt von seinen musikalischen und erotischen Obsessionen. Ein Roman über die Schwierigkeiten, erwachsen zu werden - und eine Liebeserklärung an die Musik.
  • Produktdetails
  • suhrkamp taschenbuch 3891
  • Verlag: Suhrkamp
  • Originaltitel: Til musikken
  • 6. Aufl.
  • Seitenzahl: 346
  • Erscheinungstermin: Januar 2008
  • Deutsch
  • Abmessung: 193mm x 118mm x 26mm
  • Gewicht: 326g
  • ISBN-13: 9783518458914
  • ISBN-10: 3518458914
  • Artikelnr.: 20947866
Autorenporträt
Bjørnstad, Ketil
Ketil Bjørnstad, geboren 1952, studierte in Oslo, London und Paris klassisches Klavier. Sein musikalisches Debüt gab er im Alter von 16 Jahren mit dem Philharmonischen Orchester Oslo, wandte sich dann aber der Jazzmusik und dem Schreiben zu. Sein erster Gedichtband erschien 1972. Heute lebt Bjørnstad als Schriftsteller und Musiker mit seiner Familie in Oslo. Zu seinen erfolgreichsten Büchern zählen Villa Europa und Oda sowie die Trilogie um den jungen Pianisten Aksel Vinding: Vindings Spiel, Der Fluß und Die Frau im Tal.

Schneider, Lothar
Lothar Schneider, geboren 1946 in Prien am Chiemsee, studierte Skandinavistik, Geschichte und Philosophie in Regensburg, München, Kopenhagen (Dänemark) und Bergen (Norwegen). Er arbeitet als Verfasser, Herausgeber, Lehrer für Philosophie und Übersetzer norwegischer Texte.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 20.06.2006

Beethoven bis zum Erbrechen
Wer sind noch mal die Beatles? Ketil Bjørnstads Musikerroman

"Wo Musik ist", gab die Mutter Aksel Vinding mit auf den Weg, ehe sie betrunken im Fluß ertrank, "da gibt es das Leben, stärker als anderswo." Tatsächlich aber gibt es für die jungen Klavierschüler, die sich Ende der sechziger Jahre in Oslo auf eine Pianistenkarriere vorbereiten, nur ein Entweder-Oder: Musiker oder gar nichts sein, Kunst oder Leben. Wer die Konzertsäle erobern, das hungrige Tier Publikum füttern, weder den Ehrgeiz der Erwachsenen noch die göttliche Muse enttäuschen will, muß erst einmal seine Jugend opfern. Während die Mitschüler sich auf Partys oder beim Fußball vergnügen, schwänzt Aksel die Schule, um buchstäblich bis zum Erbrechen Beethoven, Ravel und Debussy zu üben. Nach dem Tod seiner Mutter findet der willensschwache, empfindsame Sechzehnjährige nur noch in der klassischen Musik Halt, Trost und Freunde; doch die Gruppe junger Pianisten ist auch nur eine Schlangengrube.

Die Restfamilie, ein Gespinst von Lügen und dunklen Geheimnissen, bietet keine Geborgenheit: Der Vater ist ein gutmütiger, lebensuntüchtiger Projektemacher, die ältere Schwester geht eigene Wege. Von seinen Lehrern darf Aksel noch weniger erhoffen. Der alte Synnestvedt liebt ihn wie einen Sohn, versteht sich aber weder aufs Fördern noch aufs Fordern. Selma Lynge, die charismatische, energische Domina, liebt ihn wie eine alternde Diva den Knet in ihren Händen; wenn sie ihn Gefühle in sein Spiel einzubringen lehrt und Anzüglichkeiten ins Ohr flüstert, spielt sie selber mit dem Feuer. Drei junge Pianistinnen zerren an dem Muttersöhnchen: Rebecca, die privilegierte höhere Tochter, versteht die Seelennot des armen Schluckers am besten; aber für sie ist, spätestens nach ihrem mißglückten Debüt, die Musik bloß ein hübscher Zeitvertreib. Margrethe liebt Vinding; aber ihre derb zupackende, klebrige Sinnlichkeit ist für den pubertierenden Jüngling nur eine Quelle von Scham und Ekel. Aksel seinerseits verehrt die hochbegabte, sensible Anja, die sich, abgeschirmt von einem schrecklich fürsorglichen Vater mit großen Plänen, den linkischen Liebeserklärungen ihres Verehrers freundlich entzieht. Das zarte, engelhaft reine Debussy-Mädchen lebt nur für und in der Musik und bezahlt ihre absolute Hingabe mit Magersucht, Ohnmachten und einer Krankheit zum Tode.

"Wir sind ein bißchen merkwürdig, fast wie eine Sekte. Wir wissen kaum, wer die Beatles sind oder die Rolling Stones. Wir beschäftigen uns mit etwas ganz anderem", sagt Aksel anfangs stolz. "Die Musik denkt für uns. Sie spricht für uns. Wir sind die Finalisten. Noch macht das Spaß." Nervös, übertrainiert, ehrgeizig und weltfremd sind diese jungen Pianisten Außenseiter ihrer Generation. Ihre Obsessionen, ein Gebräu aus elitärem Hoch- und stiller Demut, verdrängter Erotik, Selbstzweifeln und verzweifelten Größenphantasien, machen sie eher zu Kindern von Chopin und Wagner als zu Zeitgenossen der 68er. Rebecca gelingt der Sprung ins Offene: Es gibt ein Leben jenseits der schwarzen und weißen Tasten - aber nicht für einen Emporkömmling wie Aksel. Am Ende wagt auch er, an Anjas tragisch-heroischem Schicksal gereift, sich aus dem Erlengebüsch am Fluß, wo er der Mutter nachtrauerte; aber nur, um sich Selmas harter, lebenskluger Hand zu unterwerfen. Es bleibt offen, ob sie ihn zu den Sternen führen oder zerbrechen, für die Musik oder für ihren Bettgebrauch wachküssen wird.

Auch der bekannte norwegische Pianist Ketil Bjørnstad hat als Sechzehnjähriger mit Bela Bártok debütiert und mit Achtzehn eine schwere Krise erlebt. Danach wandte er sich dem Jazz und dem Schreiben zu; inzwischen hat er mehr als dreißig CDs und fast ebenso viele Bücher - Künstlerromane und -biographien, Essays und Krimis - veröffentlicht. Trotz seiner Doppelbegabung ist "Vintings Spiel" nur halb gelungen. So virtuos und packend Bjørnstad die Seelen- und Konkurrenzkämpfe seiner "Stars der Zukunft" beschreibt: Die musikalischen Passagen klingen nicht so recht; dazu ist seine Sprache doch zu nüchtern, eintönig, unterkühlt. Um so differenzierter ist die psychische und soziale Partitur orchestriert. Lampenfieber und Versagensangst, die Qualen des Übens, die Gruppenkonflikte, Aufsteiger- und Familiendramen, der Rausch des Gelingens, die Abstürze nach jedem Konzentrationsfehler: Bjørnstad hat sich viel von seiner eigenen Biographie von der Seele geschrieben.

Entspanntes Improvisieren, die Heiterkeit und Leichtigkeit des jugendlichen Seins sind seine Sache freilich nicht; er bevorzugt schwere, traurige Molltöne. Das Debütkonzert findet traditionell in der Aula der Osloer Universität, unter Edvard Munchs "Sonne" statt, und diese düstere Stimmung drückt auch auf den Roman. Aksel und Anja sind nordische Grübler, schwermütige Sonderlinge, die unter einer sinnenfeindlichen protestantischen Ethik leiden, die Arbeit, Wettkampf und Selbstkontrolle "sündiger Lustlosigkeit" oder gar Lust vorzieht; über ihren Köpfen dräut eine schwere Natursymbolik, und unter der kargen Sprachoberfläche stauen sich verdrängte Begierden.

Bjørnstads Variation von Schuberts "Tod und das Mädchen" beschwört so noch einmal alle Elemente des romantischen Künstlermythos: Sehnsucht und Weltekel, die Abneigung gegen die vom Glück begünstigten Banausen, Virtuosen und Salonunterhalter, die Tragödien der Entsagung und des Todes um der Kunst willen; aber diese Apotheose der klassischen Musik als geistige Lebensform und Sterbesakrament wirkt doch einigermaßen anachronistisch. Wer der Musik alles opfert, verliert das Leben; und wer sich ihr nicht mit jeder Faser hingibt, wird nie ein Großer. "Vindings Spiel" ist ein melancholischer Abgesang, ein Trauermarsch für die Narren und Heiligen der E-Musik, jedenfalls kein leicht eingängiger Popsong.

MARTIN HALTER

Ketil Bjørnstad: "Vindings Spiel". Roman. Aus dem Norwegischen von Lothar Schneider. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2006. 347 S., geb., 22,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Ein wenig schwerhufig kommt Ketil Björnstads Roman über einen jugendlichen Pianisten für den Geschmack von Rezensent Martin Halter daher. Nordisch kühl und gemütsschwer, aber mit einem ansehnlichen Panorama an Seelenqualen und verstümmelten menschlichen Beziehungen auf der Habenseite. "Halb gelungen" meint der Rezensent und vermutet, dass Ketil Björnstad die Schrecken seiner eigenen Jugend und Jungpianistenkarriere beschreibt und gewissermaßen bewältigt. Sehr ernste Musik sei dabei herausgekommen, ohne jedes spielerische Element. Passenderweise, so der Rezensent, habe auch der 16jährige Aksal Vinding keine Ahnung von Unterhaltungs- und Jugendmusik. Seine früh verstorbenen Mutter habe ihm neben einer protestantischen Lebensverneinung als Vermächtnis mitgegeben, das Leben doch besser in der Musik zu suchen. Der Roman, schreibt der ernüchterte Rezensent, lasse offen, ob Aksels erfolgreicher Rückzug in die Musik vom erhofften gesellschaftlichen Erfolg kompensiert werde. Keinen Zweifel lasse er dagegen aufkommen, dass entweder nur die Kunst oder nur das Leben zu haben sei.

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